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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Arbeiten an den Eekenkamper Fischteichen näherten sich ihrem Ende. Für die Fischzucht selbst 118 brauchte Brünne fachmännische Beratung. Sie wandte sich an Professor Wittenborn.

Der Verkehr zwischen den beiden Häusern war nicht sehr rege. Suses abenteuerndes Herz hatte einmal für die schöne Frau in der »Waberlohe ihrer Einsamkeit« geschwärmt, aber das Ruck- und Stoßweise in ihrer beider Wesen ging doch nicht richtig und tief ineinander auf.

Karsten als Berater überzeugte sich, ob bei den Anlagen auch die richtige Abstufung von Laich-, Streck-, Wachs- und Winterteichen wahrgenommen sei. Brünne zeigte den Plan, den sie mitgebracht hatte, er nickte zustimmend. Und war dann hingenommen von dem neuen Beobachtungsfeld, das sich ihm hier auftat. Von den tieferen Gründen dieser Teiche ahnte hier im Hause niemand etwas.

Arnulf Neuber fand sich ein. Erkundigte sich, ob die Arbeiter es ihr zu Dank machten. Bat um die Erlaubnis, sich nach der Jagdhütte im Moor umsehen zu dürfen, die sauber hergerichtet und neu mit Schilf gedeckt war.

Jetzt hörte Brünne von Helgas Verlobung mit ihm. Und sie hatte geglaubt, daß zwischen Helga und Marten sich etwas entspönne! Aber was änderte das an ihrer Feindschaft gegen ihn? Und wie ein Hohn fuhr es ihr durch den Sinn: Verlobung – was ist schließlich Verlobung? Das ließ sie sich nicht ausreden, daß zwischen Helga und Marten etwas klang. 119 Allerdings, eine Existenz konnte er ihr nicht bieten. So hatte bei dem Herzensbund mit dem Direktor doch wohl die praktische Erwägung den Ausschlag gegeben. Aber das Tiefere bleibt, und es wird wieder aufleben.

Freilich, mit Martens Existenz sah es übel aus. Aber immer noch nicht übel genug, so flammte ihr Zorn. Immer noch blieb er verkrochen in seinem hochmütigen Trotz. Aber sie würde ihn da herausholen!

Eins freilich war da, was nun wieder für Aufschub, für Schonung sprach. Mit seiner Hand sollte es nicht gut stehen. Wenn das Schicksal ihn so schwer getroffen hatte! Und war nicht sie selber mit ihrem Wutausbruch das Schicksal gewesen, das ihn schlug?

Am andern Morgen traf sie auf dem Felde mit Jörg zusammen, der aus der Mühle kam. Von ihm erfuhr sie, daß die entscheidende Besserung eingetreten, daß die Hand gerettet sei. Nun also! Lichterloh brannte in ihr das Feuer. Und ich mußte mit all diesen albernen Empfindsamkeiten mich herumquälen und mich erniedrigen! Auf, nun kann der Guß beginnen!

Seine Augen drangen in sie ein. Er sah, was in ihr vorging, was sie so trieb und zwang und warf. Aber nun erst recht verließ ihn seine Behutsamkeit nicht. »Nachdem nun das Unwetter vorüber ist, das so kräftig eingeschlagen hat – soll nun nicht wieder blauer Himmel sein?«

»Soll es! Und die letzten Wolken sollen fort.« 120

Das hatte er davon, daß er in Gleichnissen sprach. Er mußte schon das Kind beim rechten Namen nennen. »Wollen Sie die Teiche nun wirklich in Betrieb setzen?« Der Ton hielt sich von Vorwurf und Warnung nicht frei.

Die Antwort wurde gereizt. »Ja, glauben Sie, ich habe die kostspieligen Arbeiten zu meiner Belustigung vorgenommen? Hier ist ein Kapital angelegt, das sich verzinsen muß. Und Spielkram betreibe ich auch sonst nicht.«

Er hatte es wieder einmal versehen. Das Blut stieg ihm zu Kopf. Es zuckte ihm in allen Gliedern. Das Mittleramt, das meine Bravheit, mein Takt, meine Vornehmheit, was weiß ich, mir aufgeladen – zum Teufel mit ihm! So bist du nicht zu bändigen, Brünne. In den Arm dich nehmen, all das Wilde, unruhig Fordernde und Begehrende in dir totdrücken durch Manneswildheit! Das ist des Naturkundigen Erkenntnis, und des Mannes Wünsche sind darin . . . Aber bist du der Mann, der rechte Mann? Und wieder die Antwort, die alte: da du so fragst, bist du es nicht. Im übrigen bleib bei deinem Leisten, Landarzt Doktor Jörg Eberwien. Kümm're dich um deine Typhuskranken! Bring' es endlich zustande, daß der Seuchenherd hier erlischt. Seelische Agenturen hänge gefälligst an den Nagel!

Er verabschiedete sich schnell und trabte nach dem Fischerdorf. Rolfs Gangart gefiel ihm heute ganz 121 und gar nicht. Nun sieht sie dir nach, dachte er. Und achtet auf die Beine des Graditzers. Es bleibt dabei, daß er mit der Vorderhand nicht auf der Höhe ist. Das Bliestern hat offenbar nicht genützt, ich werde das Bein brennen lassen müssen. Sie weiß, daß sie dich angeführt hat. In ihrer Achtung bist du dadurch nicht gestiegen. Nun hätte der Ärger über den Pferdekauf humoristisch werden und ihn zerstreuen sollen. Aber nur tiefer und quälender verstrickten sich seine Gedanken an Brünne, die überlegene – ja, die ihm überlegene, an die er sich nicht hinantraut. Erst bei seinen Kranken fand er zu sich selbst zurück. –

Marten hat zum erstenmal wieder das Zimmer verlassen. Er schreitet durch sein Reich, langsam, von der körperlichen Schwäche wie beflügelt, durchleuchtet von dem stillen Glück der Genesung. All das Schwere und Dunkle bleibt unter ihm.

Landverbunden wandelt er und doch wieder weltenweit. Tiefer ist das Himmelsblau, reicher der Sonnensegen, so bunt wie nie der Wiesenrain von Primeln, Goldmilz, Knabenkraut und Dotterblumen. Hingegeben, willfährig trinkt er Licht und Farben und Duft in sich ein und funkelt selbst von Sonnenlust.

Er wirft sich ins Gras und wühlt sich hinein in die Narbe – so liebt er sein Land. Und läßt sich von den Bienen umsummen, den emsigen Pluderhöschen, und freut sich am drohenden Paukengedröhn seiner Freunde, der Hummeln, der taumligen Tolpatsche, 122 die von den Gräsern hinüberstreben zu den blühenden Sträuchern. Seine Augen wandern ihnen nach vom leuchtenden Wilddorn zu den Holunderbüschen, die ihre süßen weißen Schalen darbieten, und hinauf zu den strahlenden Wolkenburgen des Himmels. Ist in den Dingen und über den Dingen zumal und wandelt und schwebt und fliegt. Und fühlt sich so sicher. Hält die Hand, die gesundete, der Sonne entgegen und läßt die Finger spielen im Licht. Alles Geschehene ertrinkt in dem gelinden gütigen Weltenraum. Er selbst aber fließt hinein in eine schöne Traumwelt. Was ihn begleitet, ist das Plätschern seines Baches und das fernleise Rauschen des Rades. Alles Sinnhafte hat immer mehr ins Seelische sich aufgeklärt. Nichts Dumpfes und Schwüles mehr schleicht im Blut . . .

Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht. Nur daß seine letzten Träume unruhig und flügelschwer auf die harte Erde zurücksanken. Und sah die Welt nicht anders aus, als die Sinne wieder nach den Dingen griffen?

Das erste, was stutzte, war das Ohr. Anders der Takt, der Pulsschlag des Lebens. Ein Ton fehlt in dem Akkord, der wesentliche, die Dominante. Wo ist das Plätschern des Baches geblieben? Er kann das Wasser von hier aus nicht sehen, die Holunderbüsche stehen davor, und da zur Seite zieht sich die Hainbuchenhecke. Aber die Welt ist anders mit einmal. 123 Und da hinten vor der Mühle – was wirbelt da für eine Gestalt in die Stille? Wie bei einem Hampelmann fliegen Arme und Beine. Wer führt diesen ungefügen Kriegstanz auf? Tut das Ehrenfried mit seinen alten Knochen?

Ja, und schon kommt er den Bach heraufgelaufen. Keiner hat ihn je so gesehen. Und da Marten ihm jetzt entgegengeht, stammelt er heiser: »Wir haben – kein Wasser – der Bach – was ist mit unserm Bach?«

Nun sieht es auch Marten. Ein Rinnsal schleicht in dem Bett. Was ist geschehen? Ihm ist's, als könnte nur ein Erdbeben, ein Stück Weltuntergang so etwas verschulden.

Und schon keucht Ehrenfried: »Sie müssen da auf Eekenkamp was mit dem Bach angestellt haben!«

Brünne – wieder ist Marten in den Wirbel des Daseins gezogen. Sein ermüdetes Blut fängt an, Wellen zu schlagen. Soll es nun Kampf geben auf Leben und Tod? Die Mühle stillgelegt. Das Rad muß feiern. Und sie haben zu tun. Da er krank lag, hat die Arbeit sich gehäuft. Die Kundschaft der kleinen Besitzer rundum hat sich gemehrt, seit er als Müller auf seinem Eigen wirkt. Will Brünne ihm die Kehle zuschnüren? Oh, er kann sich wehren! Zu Fäusten ballen sich seine Hände, die kranke auch. Er triumphiert, daß sie es vermag. Und sein Kraftgefühl ist oben. »Das Wasser kommt wieder her,« sagt er 124 ruhig. Wie von Bronze ist sein Gesicht mit der mattgelben Haut und den schmerzgeschärften Zügen.

 

Heut abend kommt Suse auf Ferien nach Hause. Im Professorenhause ist Bewegung. Schon spannt Jöbbe die brave Thusnelda vor den Wagen, der sie vom Bahnhof holen soll. Der Vater will selbst kutschieren. Helga soll natürlich mitfahren. Aber eben jetzt kommt Arnulf vorbei, der nach den Bohrarbeiten auf dem neuen Gelände sich umtun will. Sie hat ihn die letzten Tage kaum gesehen, nun bleibt sie bei ihm und begleitet ihn. Kann noch einmal ihr Herz ausschütten und sich Mut von ihm holen für die schwere Begegnung. »Du, Arnulf, dürftest ja doch nicht mit, Suse in Empfang zu nehmen.«

»Warum eigentlich nicht?« Er schüttelt mit dem alten Lächeln den Kopf. »Du tust fast so, als ginge es mir ans Leben. Wer ist denn nun diese eure Suse eigentlich? Du hüllst sie fast geflissentlich in mystische Schleier.«

»Sie muß ganz allmählich, so etappenweise in deine Nähe gebracht werden. Wir müssen sie sozusagen an die Verlobung akklimatisieren. Die ist für sie ein Verrat. Ich hab' unsern Schwur gebrochen. Eine richtige Blutschwesternschaft haben wir getrunken. Immer untrennbar wollten wir beide zusammenbleiben.«

»Auf einen Haßangriff habe ich mich also gefaßt zu machen.« 125

»Sie hat vom Vater dies ganze leidenschaftlich phantastische Wollen mit all seinen Tiefen. Und dann – mit Suse und mir ist einmal etwas Besonderes geschehen. Sie hat mir beim Baden das Leben gerettet, oder noch mehr: sie hat das entflohene Leben zurückgeholt, in langen hingegebenen Wiederbelebungsversuchen. Dann, als ich wieder zu mir gekommen war – in einem Taumel war sie, in einer Verzückung. Du hast dein Leben von mir, mein Kind bist du! So mit den flammendsten Zärtlichkeiten überströmte sie mich. Oft wurde es mir angst und bange vor ihrer Glut.«

Nun sah Arnulf sie an mit fragenden Blicken eines leichten Unbehagens. In diesem Professorenhause schienen Mächte umzugehen – seiner hellen Natur, in der sich der Metallglanz der Maschinen spiegelte, wurde es nicht leicht, sich mit ihnen zärtlich zu befreunden.

»Lange war ich zu feig, von der Verlobung ihr zu schreiben,« fuhr Helga fort. »Als ich es dann getan hatte, bekam ich diesen Brief.« Sie trug ihn bei sich und las vor: »Du nicht mehr mein Liebstes – die ich nicht mehr dein Liebstes bin – geraubt bist du mir – du selbst hast dich mir geraubt – hast unsern Bund zerrissen – hast die Eide gebrochen – vor Trümmern stehe ich – die Welt liegt in Schutt –«

Solch Überschwang schuf ihm Pein. Aber dann blickte er immer mehr mit lächelndem Verstehen in 126 die kleinen großen Leiden der schmerzzerwühlten Pubertät. Er schlang den Arm um sein Lieb. »Wir werden also gemeinsam dem Ansturm begegnen. Du lieber Gott, wenn wir nichts Schlimmeres zu bestehen haben!«

»Ach,« sie schmiegte sich an ihn, »und doch werde ich meine schlotternde Angst nicht los.« –

Und nun stieg Suse aus dem Zug. Sie erschien nach den paar Wochen noch höher aufgeschossen, noch eckiger und schlaksiger waren die Bewegungen, noch tiefer und heißer die Augen. Wild warf sie sich dem Vater in die Arme. Danach schmerzlichste Umschau – Helga wurde vermißt. Wie sie dann aber, nach altem Recht, auf den Kutschbock sich setzte und die Leinen nahm zur Fahrt nach Hause, da glättete sich doch die Furche zwischen den Brauen.

Jetzt saß sie beim Vater in dessen Zimmer.

»Mädel, liebes! Daß du wieder da bist! Und jetzt laß dir mal richtig in die Augen sehen. Oh, das Sturmzeichen, das große sogar!«

»Ja, ich bin unglücklich, Vater.«

»Kind – Susi – Sausewind!«

»Daß Helga mir genommen ist! Wo bleibt sie? Warum versteckt sie sich vor mir?«

»Arnulf ist so lange nicht hier gewesen, nun ist sie ein Stück mit ihm gegangen.«

»Natürlich!« Totenblaß wurde ihr Gesicht. Dann durchflammte es der Zorn. »Sie traut sich nicht! 127 Feige ist sie auch geworden. So wird sie nun ganz zugrunde gehen.« Unsägliche Verachtung zuckte um die schnaubenden Nüstern. Dann packte sie des Vaters Arm. »Warum hast du diesen Eindringling in unser Haus gelassen? Warum hast du ihn nicht getötet?«

»Oh – oh – oh –«

»Daß du das überhaupt zuläßt mit Helga! Die Ehe ist ja so etwas Übles!«

Er strich ihr lächelnd über die vorspringende schmale trotzige Knabenstirn.

»Jede Gemeinschaft zwischen Mann und Weib, bei Todesstrafe müßte sie verboten werden.«

Nun kniff der Vater zärtlich diese himmelstürmende Nase über dem soviel Unsinn heraustrotzenden Mund. »Da würde die Welt allerdings zugrunde gehen.«

»Das soll sie auch! Was ist sie anders wert?«

»Sag' mal, mein Mädel,« Karstens Augen schmunzelten, »hast du eigentlich unterwegs gegessen?«

»Das soll wohl heißen, daß ich Blödsinn rede? Und daß das bei mir aus dem leeren Magen kommt?« Ihre Zähne knirschten zornig. »Aber ich habe schon meine Gedanken. Und ich lass' sie mir nicht wegfuttern. Ich ess' überhaupt längst nicht mehr soviel. Das meiste Unheil kommt aus dem vollen Wanst.«

»Will ich dir nicht bestreiten. Aber du siehst mir 128 ein wenig übertrainiert aus, mein Kind. Wird es nicht zuviel mit dem Sport?«

Nun leuchtete sie auf, und der lange knabenhafte Körper reckte sich. »Kann das zuviel werden? Das erste ist nachher, daß ich mich in die See werfe. Mich wieder einmal gründlich ausschwimmen im großen Wasser. Ja, ich bin immer noch die beste Schwimmerin im Verband. Und auf dem Lyzeum die beste Turnerin. Fühl' mal!« Sie läßt den Vater ihren Bizeps umspannen. »Ist noch mehr geworden.«

»Gnade! Du, mit dir möcht' ich mich nicht erzürnen.«

»Was glaubst du, wie gern ich einmal dazwischenführe, unter die Gesellschaft in unsrer Schule! So viele von ihnen – du weißt ja nicht, wie die sind. Die haben an dem Tun in Sonne und Luft keine Freude. Ihre Heimlichkeiten haben die. Und was die reden – die Ohren halt' ich mir zu. Oh, ich kann dir das nicht so sagen, Vater.« Nun wurde sie sehr still. »Es ist doch schlimm, daß uns die Mutter fehlt.«

Jetzt kam Gardrut, des Hauses alte Schaffnerin, ins Zimmer. »So, Kind. Nun ißt du erst mal. Mit dem Abendbrot dauert es doch noch eine Weile.«

»Nun willst du auch, daß ich mir den Leib vollschlage. So wollt ihr mich unschädlich machen. Alle seid ihr treulos und im Bunde gegen mich.«

»Kind,« beschwichtigte der Vater, »ich seh' das 129 Zucken in deiner linken Schläfe. Du bekommst wieder deine Kopfschmerzen. Du mußt jetzt endlich was essen nach der langen Fahrt.«

»Meinen bösen Kopf kann ich allerdings nicht brauchen – wo ich heute noch mit Helga abzurechnen habe.«

»Also komm!« Karsten zog das Kind an seine Schulter. Die Last ihrer sechzehn Jahre, man muß sie ihr tragen helfen. Und er ging mit ihr ins Eßzimmer.

 

Helga und Arnulf waren gekommen. Suse, bis ins Mark erfroren, wahrte bei der Vorstellung die Formen. Auf einen Wink Helgas, der hochatmenden, zog sich der Vater mit Arnulf zurück. Die beiden Schwestern waren allein.

Erst noch hielt Suse Distanz. Mit langen Blicken musterte sie die Angeklagte. Dann aber stieß sie zwischen den Zähnen hervor: »So sieht nun eine Meineidige aus! Was haben wir uns geschworen, du?« Jetzt trat sie ihr einen Schritt näher. »Was haben wir uns geschworen?«

Helga war nicht humorverlassen in ihrer Angst. Sie hob den Eidfinger: »Daß wir niemals heiraten würden.«

»Immer wollten wir beisammenbleiben. Nichts, nichts sollte uns trennen. Und hab' ich nicht ein Recht auf dich, du? Mehr als irgendein andrer auf der Welt?« 130

»Ja, ja – das soll dir auch bleiben.« Helga griff nach ihrem Arm.

»Du kannst ja gar nicht ohne mich fertig werden in der Welt. Du sitzt zart und ängstlich in deinem weichen Fleisch. Du brauchst mich. Sag', daß du mich brauchst!«

»Gewiß brauch' ich dich, Susel.«

»Wie oft hast du dich gegrault, im Dunkeln, in der Nacht, wenn Träume dich quälten! Mußt' ich mich da nicht zu dir setzen und deine Hand halten? Und dann warst du ruhig. So warst du ganz mein Kind –«

»Ja, du Liebes.«

»Ja, und deine Ungezogenheiten hast du auch – und was bist du unordentlich, ein richtiges Kind! Wie oft hab' ich dir aus der Patsche geholfen! Wenn du etwas verloren hattest. Etwas verbummelt, etwas verlegt. Wie oft! Und jetzt, jetzt werd' ich zur Seite geschoben! Ein Plunder bin ich, ein Strohwisch! Und warum? Weil nun plötzlich dieser fremde Mann sich an dich herangemacht hat! Was ist an ihm, was findest du an ihm?«

»Ich hab' ihn lieb, Kleines!«

»Lieb? Diesen Kerl!«

»Aber – aber!«

»Ich hasse seine Bügelfalten. Geschniegelt – glatt und blank – für mich ist er einfach Rizinus.«

»Armer Arnulf!« 131

»Oh, ich weiß. Er soll sehr geschäftstüchtig sein. Reich werdet ihr einmal werden. Verkauft hast du dich!«

»Was denn noch, du feuerspeiender Berg?«

»Du hast die ganze üble Ruhe deiner Schlechtigkeit. Bisher warst du bloß leichtsinnig. Das also hat dieser Kerl aus dir gemacht. Aber seht euch vor! Ich bin auch noch da.«

»Das bist du, und sehr bist du da.« Es gab einen Seufzer. »Aber nun, mein Liebling –«

Noch wehrte sich Suse gegen den zärtlichen Aufschwung. »Nein, nein! Dein Gezwitscher betört mich nicht. Ihr werdet von mir was erleben!« Aber plötzlich, wie erschreckt über solche Drohung, gerät sie ganz außer Fassung, wirbelt sich um sich selbst, und dann in jähem Sturz wirft sie sich der Schwester an den Hals. »Helle! Meine Helle!«

»Meine Suse! Mein Saus!«

Und mit tränenverstörten Augen rüttelt das gequälte Kind an dem Schwesterherzen: »Ist das so schön, einen Mann liebhaben? Daß man alles darüber vergißt?«

»Ja, Susel, so schön ist das.«

Suse kriecht zusammen und hüllt sich in sich selber ein. »Sich nun vorstellen, wie ihr euch küßt!« Dann aufstürmend: »Mich hat auch einmal einer beinahe geküßt. Gerd Hennings, der Neffe von unsrer Pensionsmutter. Sonst ein lieber Junge. Hier auf dem 132 Hals hat er schon die Lippen gehabt. Einen Augenblick war mir – oh – aber dann kann ich dir sagen« – mit entsprechender Boxerbewegung – »einen Haken hab' ich bei ihm gelandet – unter der Nase – Blut – Taschentuch – ab durch die Mitte.« Nun ward sie ein wenig versonnen. »Nachher tat er mir leid.« Aber dann schlägt wieder der Zorn über allem zusammen. »Und so küßt ihr nun immer aneinander herum. Ich will wissen, wie das ist. Sag' es mir!«

»Das läßt sich nicht sagen. Du wirst es auch erfahren, wenn deine Zeit kommt.«

»Was fällt dir ein! Sie kommt nie.«

Helga konnte sich mit einem Lächeln freimachen. Sie wandte sich zur Tür. »So, und jetzt sollst du Arnulf kennenlernen.« Sie rief in den Flur: »Arnulf!«

Nach ein paar Minuten trat er ein.

Sie stehen sich wie ein paar Kämpfer gegenüber, Suse und Arnulf. Ganz die Haltung des Ringers hat sie und sucht nach dem günstigsten Griff.

Arnulf geht darauf ein, halb scherzhaft, und doch erheblich gespannt, was aus diesem Gegner sich entwickeln würde. An ihm ist die Reihe, etwas zu sagen, und er spricht so oberflächlich hin: »Ich höre, Sie sind bitterböse auf mich –«

Sie antwortet nicht.

Nun greift Helga zu, mit verlegen gesteigerter 133 Munterkeit. »Sie? Dummes Zeug! Jetzt gebt euch mal den Verbrüderungskuß und seid lieb miteinander!«

Dermaßen reißt sie sich selbst in einen Übermut hinein. Als die beiden keine Miene machen, sich einander zu nähern, zieht, schiebt, stößt sie sie zusammen.

Und Arnulf ist beileibe kein Spielverderber, er umarmt Suse und küßt sie herzhaft.

Sie hat die Arme fest am Leib, so steht sie da, die Augen geschlossen, zitternd und verloren, aber nur ein paar Sekunden – und nur Arnulf hat sie so gesehen –, dann fliegt sie zurück und macht eine wilde Boxerbewegung.

Helga, mit leisem Schrei, wirft sich zwischen beide und schlingt die Arme um Arnulf. »Hilfe! Sie schlägt.«

Suse kommt jetzt wieder zur Besinnung. Sie blickt Helga an. Eine gewisse Mattigkeit ist in ihren Augen, in ihrem Ton. »Da du es so gewollt hast – warum soll ich ihn züchtigen?«

»Nicht wahr?« Helga bestätigt es fröhlich. »Und nun werdet ihr miteinander sprechen als nahe Verwandte, und fidel miteinander sein.« Damit überläßt sie die beiden sich selber und geht aus dem Zimmer.

Arnulf tritt auf Suse zu, ihr die Hand zu reichen. »Und so sei also Friede zwischen uns.«

»Bleiben Sie mir vom Leibe!«

»Sie? Wir haben uns doch einen Kuß gegeben.« 134

»Daß Sie mich daran erinnern!«

Er macht eine ausgelassen zärtliche Bewegung zu ihr hin. »Ja, dann müssen wir also diesen Kuß rückgängig machen.«

Sie hält sich in bedenklicher Wehrhaftigkeit. »Die Frechheit steht Ihnen auf der Stirn geschrieben. Wie konnte mein armes Hellekind Ihnen nur in die Finger geraten!«

Er lacht herzlich. »Schiefe Zähne haben Sie auch.«

»Aber sie sind gesund und halten fest.«

»Ein Raubtiergebiß!« Etwas daran fasziniert sie. Sie schüttelt sich mit einem »Ähgitt!« Dann steift sie sich mit großen Augen steil vor ihm auf. »Du hast die arme Helle betäubt und betört. Dein Opfer ist sie! Aber erst hast du es noch mit mir zu tun. Zeig' mal deinen Bizeps!« Sie umspannt seinen Oberarm. »Oh! Mehr als ich dachte. Kannst du boxen?«

»Nur so für den Hausgebrauch.«

»Kannst du schwimmen?«

»Das schon eher.«

»Gut, dann fordere ich dich zum Wettschwimmen heraus, Arnulf Neuber! Wir schwimmen nach der Insel hinüber, viereinviertel Kilometer sind's. Bist du vor mir da, geb' ich den Kampf um Helga auf. Siege ich, dann packst du dich und läßt Helga ungeschoren.«

»Ja, aber – wenn Helga nun durchaus von mir geschoren werden will?« 135

»So versteckst du dich also richtig hinter ihr. Ein Mann! Bisher hab' ich dich verabscheut, jetzt verachte ich dich. Und so einer hat Helga gewinnen können! Was ist an dir? Was bezwingt sie so?«

»Ja, dann müssen doch wohl besondere Kräfte in mir sein.« Voll hellichten Übermuts lachen seine Augen.

»Was ziehen Sie den Mund so ganz unmotiviert überheblich?« Aber dieser Mund muß es ihr doch angetan haben, so starrt sie auf ihn hin. »Worauf bildest du dir eigentlich etwas ein?«

»Vielleicht auf deinen Zorn, mein Kleines. Und auf deine durch mich entfesselten Stilübungen.« Er will ihr absichtlich eins auf den Deckel geben.

Sie zuckt zusammen wie unter einem Schlag, gereizt und gebändigt zugleich. »Glaubst du, daß du so mit mir fertig wirst?«

»So – und auch sonst.« Er nimmt sie fest in seine grellen Augen.

Sie hält weiß Gott sonst jedem Blicke stand. Aber was ist nur mit diesem fürchterlichen Menschen, der ihr ihr Hellekind geraubt hat? Was ist mit ihm, daß sie unsicher vor ihm wird? Daß so ein Zittern sie durchsprüht? Mit bebenden Nüstern wittert sie zu ihm hin. Und wieder ist eine Schwäche auf sie gefallen. »Was willst du eigentlich von mir?« fragt sie unter leisem Stöhnen. Plötzlich stürzt sie sich auf ihn und umschlingt ihn mit festem Druck. »Ich bin ja viel stärker als du! Auf den Boden sollst du!« Sie 136 keucht es ihm ins Ohr. »Und bist abgetan für immer!«

Aber er steht seinen Mann, hält sie umschlungen und flüstert ihr zu, gütig, zärtlich, warm: »Kleines, nun sag', was quälst du dich so an mir?«

Da durchrinnt es sie, ihre Glieder lösen sich, sie taumelt zurück, starrt ihn an mit umflorten Augen und stürzt aus dem Zimmer.

Arnulf blickt ihr verwirrt lächelnd nach. Welch ein Mädel! Wie es in ihr gärt! Und schäumt es nicht auch in seinem eignen Blut? Er schüttelt und reckt sich.

Helga kommt zurück. »Nun, habt ihr euch versöhnt?«

»Ja – und nein. So ganz einfach geht es nicht bei ihr, deiner Saus- und Brausschwester. Soll ich dir sagen, was mit ihr ist? Sie ist knospentoll.« Er blickt sinnend. Dann nimmt er sein Mädel in die Arme. »Wie lange haben wir's eigentlich noch bis zur Hochzeit?«

»Nur noch ein Vierteljahr.«

»Nur noch. Ich wollt', die Zeit wär' um.«

 

Und die Mühle stand still.

Ehrenfried war, als damals das Wasser ausblieb, den Bach entlang auf Eekenkamper Gebiet bis zu den Teichen vorgedrungen. Deutlich nahm er alles wahr, nachdem er sich den ersten Zorn aus den Augen 137 gewischt hatte. Der Bach war durch die Teiche hindurchgeleitet, und seinen Abfluß hatte er. Möglich, daß er, wenn die Teiche richtig gefüllt waren, der Mühle wieder Wasser zutrug. Diese Hoffnung brachte der Alte heim.

Aber die Hoffnung zerrann. Einmal eine halbe Stunde, dann wieder eine Viertelstunde und wiederum minutenweise hatte der Bach den betriebsfähigen Stand, aber an ein Mahlen war so nicht zu denken. Die Mühle stand still.

Wieder und wieder hob Marten sich zu einem Lächeln, bitter und überlegen zugleich. Aber dann nahm der ernste Kampf ihn hin. Denn auch hier ging es ganz gewiß nicht nur um Erwerb und Arbeit, nicht nur um die Materie ging es. Hier war die Idee, die Idee des Rechtes, des Eigentums, und die Empfindung war hier, die Liebe zum Land und zum Eignen. Meine Mühle, mein Bach – hier wird etwas totgeschlagen, was mir lebendig ans Herz gewachsen ist.

Dann plötzlich kochte es wieder in ihm über, schrie alles in ihm nach Selbsthilfe. Und er mußte sich darauf besinnen, daß er nicht in Peru oder Argentinien sich befand. Worauf er, als gesitteter Staatsbürger, einen eingeschriebenen Brief an Brünne vom Stapel ließ. Legte den Sachverhalt klar, machte die seiner Mühle zustehenden Rechte auf den vollfließenden Mühlbach geltend, verlangte von der Eekenkamper Besitzerin wenn nicht Einstellung der 138 Teichwirtschaft, so doch Vorkehrungen, die den Bach in ungeminderter Stärke das Mühlengelände erreichen ließen. Für alle infolge der Rechtsverletzung seinem Mühlenbetrieb entstehenden Schäden mache er den Gutshof haftbar.

Auf dieses Schreiben kam postwendend die Antwort von Brünne: sie lasse sich über ihre gutswirtschaftlichen Betriebe keinerlei Vorschriften machen. Den Vorwurf der Rechtsverletzung müsse sie zurückweisen. Sie dürfe den Bach nicht ableiten, und das sei nicht geschehen. Ihn durch Teichanlagen ohne weiteren Abfluß hindurchzuleiten, könne ihr niemand verbieten.

»Aber da is ja der weitere Abfluß,« erklärte Ehrenfried den Tatbestand. »Die Teiche halten ja nicht dicht! Das Wasser sickert nach den Wiesen durch. Da soll doch ein Donnerwetter dreinschlagen –« Er brach ab.

»Fluch' dich ruhig aus, Alter. Aber wenn nun das Donnerwetter nicht dreinschlägt? Und wenn wir selbst den Dämmen nicht mit unsern Spitzhacken zu Leibe gehen, was dann? Dann bleibt uns als gesitteten Mitteleuropäern in unsrer Hoffnung auf unser gutes Recht nur das amtliche Verfahren. Wer reitet doch den Amtsschimmel hier?«

»Herr Domänenpächter Schollenbruch in Thomashagen.«

»Dann also auf zur Polizei!« 139

Marten war noch nicht wieder ganz fest auf den Beinen. Den Weg zu Fuß konnte er nicht wagen. Anmelden mußte er sich auch vorher. Als Kulturmensch kann ich so ganz und gar nicht mitreden, lachte er sich aus. Wo ist das Auto, wo der Fernsprecher? Aber es ging auch so.

Ein Bauernfuhrwerk brachte ihn nach Thomashagen. Der Domänenpächter empfing ihn würdevoll freundlich, ein grauhaariger, rotbäckiger, wohlbeleibter Mann von Formen, mit gepflegt reaktionärem Vollbart, mit Brustton und blauäugiger Zuverlässigkeit.

»Das wäre noch besser!« trumpfte er auf. »Der Mühlenbach der Mühle!« Er bändigte seine Neugier. Zwischen Schwägerin und Schwager dieser Kampf! Forschte auch nicht in Martens Leben hinein, von dem ihm allerlei Sonderbares zugetragen war. »Die Rechtslage ist für mich ganz klar. Ja, da werde ich also die gnädige Frau zitieren müssen.« Die amtliche Kühle blieb gleichwohl über allem. Denn Marten, dessen Sache es gewesen wäre, gab keine Wärme dazu, und so stieg die Temperatur nicht an.

Aber als er ging, hatte er doch das Gefühl, daß er in einem Rechtsstaat lebe und daß für seine gute Sache was geschehen werde. Doch bald, sehr bald mußte das Entscheidende getan werden. Die Bauern wollten ihr Mehl.

Marten mit seinem Ehrenfried wirtschaftete aus der Hand in den Mund. Für das sorglose 140 Knabentum, das in dem schweren Manne immer noch abenteuerte, konnte das wohl seinen Reiz haben. Aber Ackerbau und Viehhaltung allein taten es nicht, die Mühlenerträge mußten die Butter zum Brot liefern. Noch konnte er sich helfen. Aber wie lange? Dann hieß es pumpen. Und wenn ihm selber das höchlichst widerstrebte, dem dazu sehr erforderlichen andern würde es noch weniger nach dem Herzen sein.

Immer und immer aber die tote Mühle! Und der mühselig um sein Dasein ringende Bach! Wie soll man das mit ansehen, wie kann man atmen bei dieser Verwüstung!

Der alte Ehrenfried ist schon kein Mensch mehr. Er möchte die Welt kurz und klein schlagen.

Marten, so voller Unvernunft der verschiedensten Art, muß der kühl Verständige bleiben. »Ja, Ehrenfritz, das hilft nun nichts. Belagerte sind wir. Aushungern wollen sie uns. Aber sie kriegen uns nicht. Und des zur Beglaubigung machen wir uns heut einen vergnügten Abend. Eisgetränke, alter Freund!«

»Ja.« Der Alte leckte sich den Mund. Vom Nachmittaghimmel brannte die Juliglut. »Wo aber Eis hernehmen?«

»Eiswasser liefert uns die Sonne.«

Nun sah er Marten verdonnert an und taxierte den auf Sonnenstich.

»Wenn du das nicht weißt, dann mußt du es lernen. Haben wir noch von dem alten Wacholder?« 141

»Zwei Flaschen müssen noch da sein.«

»Einen Cocktail sollst du heute haben, der sich gewaschen hat. Soll heißen, der gefroren ist! Und jetzt, da wir sonst nichts zu tun haben, jetzt hilf mir mal bei meiner Eismaschine.«

Aus Segeltuch stellten sie den tropischen Wasserkühlbeutel her. Den mit Wasser gefüllt, die Schnapsflaschen hinein – so wurde er in die pralle, sengende Sonne gehängt. Ein leiser Wind strich darüber. Die schönste Verdunstung war da, die Wärme wurde zu der schnellen Bindung gebracht.

Ehrenfried mußte die Kristallbildung sich ansehen und fiel fast auf den Rücken.

»Nun schnell in unsern kalten Keller damit!«

Am Abend hatten sie ihr kühles Getränk. Beflügelt flogen sie nach Peru. Marten konnte seinem großäugigen greisen Kumpan nicht genug der Wunder weisen. Von den Inkas, vom Urwald, von den tropischen Zaubernächten. Sie waren gelöst von Europa, der deutschen Not und der tödlichen Mühlenmühsal. Auf den Wolken des Rausches schwebte vor Marten ein fabelhaftes, sinnverwirrendes Bild: Brünne im Feuerzauber, die den Kampf verlor – Brünne, die besiegte, gedemütigte, die nun selbst in Demut sich neigte. –

Heißer brannte die Sonne von Tag zu Tag. Die Landleute jammerten nach Regen.

Der Herr Amtsvorsteher Schollenbruch hatte nun 142 Brünne doch nicht zitiert, wie er in erster Aufwallung seiner Würde verheißen. Der Kavalier in ihm entschied dahin, daß er selbst der Herrin von Eekenkamp seine Aufwartung machen müsse.

Brünne war der Situation gewachsen. Ruhig erklärte sie ihren Standpunkt. Belegte durch Schriftstücke aus der Kanzlei, daß Eekenkamp die seit lange bestehenden Fischteiche bisher nur deshalb nicht ausgenutzt habe, um durch Schwierigkeiten der zu ihm gehörigen Mühlenwirtschaft sich nicht selbst zu schädigen. Jetzt, wo zwischen Hof und Mühle offene Feindschaft herrsche, denke sie nicht daran, auf eine sachgemäße Verwendung des durch ihr Gelände fließenden Wasserlaufs, an dem auch sie volles Nutzungsrecht habe, zu verzichten.

Der Amtsvorsteher besah mit ihr die Anlagen, stellte fest, daß die Teiche den ungehinderten Abfluß in das Bett des Mühlenbaches hatten, und zog die würdige Stirn hoch. »Ja, ich muß sagen, daß ich durch die Darstellung des Mühlenbesitzers denn doch ein falsches Bild bekommen habe. Das wäre noch besser! Natürlich muß der Bach auf Ihrem Gebiet auch Ihnen zugute kommen!«

Brünne verstand sich auf die richtige Bekräftigung. Sie lud den Amtsgewaltigen zu einem Frühstück mit eisgekühltem Mosel ein. Und nun, die Sonnenglut über den Breiten und der Schrei nach Regen schweißte die beiden agrarischen Gemüter noch 143 inniger zusammen. Gemeinschaftliche Interessen wurden verhandelt. In der Schafzucht wollten sie durch Austausch ihrer Böcke neue Kreuzungsversuche machen.

Marten mußte seine cocktailbeschwingten Hoffnungen zu Grabe tragen. Er schickte, da er vom Amt nichts hörte, Ehrenfried mit einem Schreiben zu Herrn Schollenbruch. Darauf die Antwort: Er, der Amtsvorsteher, habe sich an Ort und Stelle von der Sachlage überzeugt und damit irrige eigne Annahmen richtiggestellt. Zu einem polizeilichen Einschreiten liege kein Grund vor. Der Antrag, von Amts wegen möge eine Wiederherstellung des alten Wasserlaufs auf Eekenkamper Gebiet anbefohlen werden, sei abgelehnt.

Die beiden Mühlenleute hakten grimmig die Augen ineinander. Dann schüttelte Marten sein Fell. »Sie haben längst nicht das letzte Wort, Verehrtester. Dann muß also der Landrat her!«

Aber rosig war es ihnen beiden nicht zumute. Der Zeitverlust! Würden nicht inzwischen alle Kunden sich verlaufen? Heute kam Bauer Pagel und holte sich sein Korn wieder ab, er brauchte das Mehl. Ein kleiner, sehniger Mann mit scharfer Nase und hellen Falkenaugen. »Ja, 't deet mi leed. Öwer ick kann nu nich länger töben.« Dann hob er die knöcherne Hand nach Eekenkamp zu. »Ehr würr ick dat öwer anstrieken!« 144

Sie wußten jetzt alle von dem Kampf zwischen Brünne und ihm. Das traf ihn, den Einsamen, nun doch wie der Schrei der Öffentlichkeit und quälte ihn nur noch mehr in sich hinein. Nicht die Ehre nach außen und vor den Zuschauern, der eigne innere Stolz war es, was ihn befeuerte. Wie die Liebe zu seiner Mühle ihn nicht lassen wollte, wenn plötzlich das Fernweh ihn wieder überfiel.

Warum zieht er nicht wieder in die Weite? Die so reich ihn beschenkt hat, mit dem höchsten Glück des Schauens und Schaffens wie mit der tiefsten Herzensnot, mit Schuld und Sühne, der qualvollsten Sehnsucht, dem fressenden Heimweh. Und wieder stürmt die Frage in ihm auf: Hat er sich nicht allmählich hier vollends eingekeilt in eine eigensinnige Idee? Einen stillen Diener am Volke nennt er sich, wenn er das Bedürfnis hat, sich selber gut zuzureden. Handwerken, scharwerken, anspruchslos und treu. Damit ist dem armen Lande am meisten geholfen. Nicht in die Großartigkeit hinaufsteigen, die reden muß und Politik treiben und mit Gedanken Gedanken totschlagen. Von der Sorte haben wir genug im Lande. Und auch die Kunst, die Kunst ist gefährlich für ihn. Kunst ist Leidenschaft und ist Geste. Sie will und muß sich zeigen, sie braucht Widerhall. Mein stilles, verborgenes Wirken will ich, mit der leisen und stetigen Kraft seiner Nützlichkeit. Dafür ist meine Mühle gut, die überdies meine Seele 145 erfüllt mit ihrem Wesen. Wenn ich für sie lebe und sterbe, bin ich ein guter Sohn meines Vaterlandes. Und so führe ich nun den Kampf um sie bis zum letzten. Und freue mich, daß ich nicht so ganz alt und müde bin, freue mich, daß ich im Kampfe frei mich ausatmen kann und neue Kraft gewinne. Siegen will ich! Und du, Brünne, sollst unterliegen! Und dir, eben dir als der Unterlegenen – wieviel neue frauliche Macht wird so dir zuströmen! Eine Macht, die mir zufallen, mir gehören, mich beglücken soll!

So war er wieder ganz in seinem Reich, ganz auf der Warte, ganz in Wehr und Waffen.

Und jetzt kam Besuch: Karsten Wittenborn mit Suse, seiner Tochter.

 

Marten fand das Bild, das er von Suse nach der ersten Begegnung trug – und es hatte sich ihm fest genug eingeprägt – nicht wenig verändert. Von dem Kindlichen war nicht mehr viel geblieben. Sein zugleich starker und feiner Sinn für das Weibliche spürte sofort das schmerzlich Gereifte heraus. Und in diesem Gereiften hatte der Ausdruck der Züge, die so wenig Ähnlichkeit mit Helga aufwiesen, doch einen Anklang an die viel schönere Schwester gewonnen. Der Rhythmus des Ganges aber war bei ihnen beiden ganz derselbe, und wieder war Marten von seiner Vision der Erinnerung durchschauert worden, als er sie hatte aufs Haus zuschreiten sehen. 146

Was aber war aus ihrer Lebhaftigkeit geworden, aus dem Zungenschlag ihres behenden Witzes? Ernst hörte sie dem Gespräch der Männer zu, der Ernst aber gab diesen heißen Augen eine ungewohnt weiche Vertiefung.

»Längst hätte ich mich schon mal nach Ihnen umgesehen,« sagte der Professor. »Aber das Bein kriegte dann wieder seine Mucken. Es stand eine Zeitlang schlimm mit Ihnen – nun, Doktor Eberwien brachte uns dann die vollends beruhigenden Nachrichten.«

Wie immer, gingen die Augen der Besucher fragend, forschend, leuchtend über die Wände des Zimmers hin. Und wieder mußte Marten von drüben erzählen. Er tat es stockend, dann aber geriet er in Fluß, und nun trug es ihn selber fort. »Was sitz' ich eigentlich hier und erschöpfte mich in krähwinkligen Rechtsstreitigkeiten?«

Das letzte war nur für ihn selbst gesprochen. Die andern, die von den Streitigkeiten mit Brünne noch nichts wußten, verstanden es auch nicht. Aber die Fernsehnsucht, die ihm aus den schweren Augen brach, begriffen sie wohl.

»Sie möchten wieder hinaus?« fragte Karsten.

»Ja, ich möchte!« Ehrlich hob Marten die Schwingen.

Da regte sich Suse. »Ist das nicht Verrat am Vaterlande?« fragte ihr harscher, heller Jungmädchensinn. 147

Marten sah in sie hinein mit ernstem Lächeln, und sein Blick nahm sie warm an sich heran. »Oh,« wehrte er sich, »glauben Sie denn, da draußen ist keine Front? Vielleicht da erst recht! Und vielleicht kommt von da uns das Heil. Deutsche Pioniere, jetzt sind sie nötiger als je – Kaufleute, Ingenieure, Chemiker, Forscher. Als Welteroberer müssen wir unser Land befreien. Das mit seiner zerrissenen Heimatfront dies niemals zustande bringt. Aber die da draußen sind einig! Und nur Einigkeit kann siegreich sein.«

Sie sah ihn lange an, und es war echt, wie nun die schnelle Jugend aus ihr sprach: »Dann nehmen Sie mich mit!«

Marten horchte auf. Was in diesem ehrlich entflammten Wunsch traf ihn mehr? Der vaterländische Sinn, der schmerzliche Unterton, die klagende Stimme einer Unrast, die in der Ferne Heilung suchte, oder dies Bekenntnis zu einer Kameradschaft?

Sie selbst, da ihr Wunsch nicht ausgelacht, da er einigermaßen ernst genommen wurde, kniete sich tiefer in den Gedanken hinein. »Ich hab' den spanischen Sprachkursus mitgenommen und kann mir allein schon weiterhelfen. Am meisten würden mich allerdings die Pampas in Argentinien locken. Kennen Sie die?«

»O ja.«

»Dann müssen Sie mir einmal recht viel von 148 ihnen erzählen. Können wir nicht gleich verabreden, wann? Warum kommen Sie nicht öfter zu uns, Herr Hillebrandt?«

Hier hatte sie eine Ableitung von ihrem Leid.

Nun sprach Karsten: »Der Gedanke, daß unsre Nachbarschaft aufhören sollte, ehe sie so recht begonnen hat, ist für mich unfaßbar freudlos. Dann stehe ich also allein auf verlorenem Posten. Nachdem den Argillawerken ein siegreicher Vorstoß sogar in meine Familie geglückt ist!« Der Grimm war durch beschaulichen Humor gemildert.

Suse aber zuckte schmerzversehrt zusammen.

Karsten blickte wieder auf die Plastiken an den Wänden. »Was würde ein Raubzug der Eroberer in diesem Hause alles einheimsen! Ich weiß durch Helga, wie sehr sie da drüben in den Werken auf künstlerische Motive aus sind. Es fehlt ihnen das Originalgenie. Arnulf, mein geliebtverhaßter Schwiegersohn, kauert immer wieder zum Sprunge nach Ihnen. Der Sie der gegebene Mann für ihn sind. Aber nicht wahr, Sie lassen ihn kauern!« Mit einer fröhlichen Boshaftigkeit rieb er sich die Hände.

Der Haß, der in Suses Augen aufflammen wollte, wich gleich wieder einer sehnsüchtigen Verstörtheit.

Marten aber schüttelte frei den Kopf und gab bündig seinen Entschluß kund: »Ich denke nicht an eine Mitarbeiterschaft bei den Werken. Gegen die 149 ich als Landbesitzer auf Tod und Leben mich wehren muß.«

Nun atmete Karsten auf. »Nicht wahr? Und was für ein Besitz ist Ihr Eigen! In ein Märchenland sind wir getreten. Was, Susekind?«

Sie nickte, ihre Augen waren ganz bei der Sache. »Sehr neugierig war ich, und wie weit ist meine Vorstellung noch übertroffen worden! Nur der Bach gefällt mir nicht. Ist der immer so traurig?«

Jetzt sprang Marten der Schmerz an die Kehle. »Ein Verbrechen ist an ihm begangen.« Nun ja, wie ein Mensch war ihm der Bach. Und sie fühlten gleich, wie Schweres ihm angetan worden, wenn ihre Blicke auch jetzt fragend schweiften.

Mußte er ihnen nicht antworten, da er sich so weit offenbart hatte? Die Sprache wollte ihm nicht fließen. Aber hier war Freundschaft, und durfte er Freundesnähe, Freundeshand verschmähen? Wurde seine Einsamkeit vor diesen offenen Herzen nicht zur eitlen Pose? Und würde das mit den Teichen und was sie angerichtet, nicht sowieso landeskundig werden? Darum erzählte er nun also frei und freier von der Leber, was man der Lebensader seines Mühlwerks angetan hatte.

Karsten fuhr in die Höhe. »Und ich hab' dabei geholfen! Von mir hat Frau Hillebrandt sich Rats erholt! Hätte ich eine Ahnung gehabt! Aber hier muß doch etwas geschehen! Man kann Ihnen doch nicht 150 Ihre Existenz abgraben!« Wie zu eignem Kampf reckte er die breite Brust. »Und um die handelt es sich doch?«

»Allerdings,« bestätigte ihm Marten. »Ich lebe von meiner Mühle.«

»Und nicht von ihrem Brot allein. Sie haben selbst von den seelischen Zusammenhängen gesprochen. Und man braucht ja nur herzukommen, um die mit Händen zu greifen! Lieber Herr Hillebrandt, Sie sagten vorhin, daß Sie fortmöchten. Jetzt können Sie, jetzt dürfen Sie gar nicht fort!«

»Solange bis ich dies hier durchgefochten habe, natürlich nicht. Fahnenflüchtig kann ich nicht gut sein.«

»Sehen Sie! Und ich habe an dieser Untat und diesem Unglück eine gewisse eigennützige Freude. Denn nun bleiben Sie hier. Und ich bleib' in unserm Erdenwinkel nicht so allein. Und daß ich mit allen Kräften zu Ihnen stehe, brauche ich Ihnen nicht zu sagen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Professor.« Er schüttelte Karsten die Hand. Dann wandte er sich an Suse. »Ja, Fräulein Wittenborn, aus unsern Pampasritten wird nun vorerst nichts werden. Darum sollen Sie Ihre spanischen Stunden aber doch fortsetzen.«

Sie fuhr aus einer Versonnenheit empor. Von einem Bild war sie hingenommen. Sie sah Brünne und Marten gegeneinander. Zwei Menschen von Kraft und Wuchs. Verwandt, benachbart, auf sich 151 angewiesen, und nun durch den Kampf gegeneinander geworfen. Feindlich ineinander verschlungen – oh, sie wußte, was aus so feindlicher Nähe erwuchs! Und während Marten von dem Rechtsstreit sprach, der in erster Instanz für ihn verloren war, und der Vater über den schwachhirnigen Amtsvorsteher sich ausschalt, rang sich in ihrem wehen Gemüt ein Entschluß durch, mit dem die Hast ihrer Jugend sich nicht aufhielt. »Ich wollte schon immer nach Eekenkamp. Ich hätte längst Frau Hillebrandt wieder mal besuchen müssen. Sie kann mich gut leiden, und was ich ihr jetzt zu sagen habe – das gute Wort findet seinen guten Ort.« Sie fühlte sich und wartete keine Gegenrede ab.

Die beiden Männer schmunzelten kopfschüttelnd hinter die Forteilende her. Kindlichkeiten haben ihre eigne Verantwortung. Suses siebzehnjähriges Herz war so unsagbar unglücklich – es konnte sich nur helfen dadurch, daß es andre glücklich machte.

 

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