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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wieder hatte Marten in dumpfem Glück, mit seiner trotzigen Zufriedenheit wie ein Knecht gearbeitet. Nun war Feierabend, er streifte durchs Gelände, gedankenstill. Was gegen Brünne in ihm brannte, beschwichtigte er durch Helgas Zauberkraft, in der wilde Vergangenheiten zum Milden, Gütigen, Holdseligen sich verklärten.

Langsam pirschte er sich an seinen Fuchsbau hinan. Das Skizzenbuch trug er im Kittel. Es war ein heißer Tag gewesen. Um die tiefe Sonne strichen leicht schattende Wolken, ein leiser Abendwind machte sich auf. Das rechte Spielwetter für Madame Fähe und ihre Welpen. Er wartete umsonst. Sie kamen und kamen nicht. Hatte sie etwas vergrämt?

Er nahm sein Skizzenbuch vor und sah die Zeichnungen durch. Der Jungtiere waren es rund ein halbes Dutzend. Das offenbar zuletzt Gekommene, Kleinste, ein wenig Zurückgebliebene und von der Mutter Verhätschelte war das kugeligste und drolligste, auch seiner Drolerie sich schelmisch bewußt und der Clown der Familie. Gern saßen die andern lachend um diesen lustigen Purzel herum. Eine unerschöpfliche Quelle von Motiven. Und nach Plastik schrie das alles.

In Marten regte sich das Schöpferische, und er 89 nahm wieder einmal »sein Dasein bei den Ohren«. War er nicht auf dem besten Wege, zum tätigen Müßiggänger zu werden? Daß er Schweiß vergoß im Mehlsackschleppen, daß die Schwarte von der schweren Schufterei ihm knackte und der Rücken ihm oft aus dem Leim gehen wollte – konnte das seines Lebens Erfüllung sein? Legte er nicht Kräfte brach, die berufen waren, mancherlei Frucht zu tragen, ganz andre jedenfalls, als seine Müllerarbeit? Hatte er sich nicht verrannt in den Gedanken an einen Posten, der mit seinem Eigentum ihm gegeben sei und den er nicht verlassen dürfe? Treue ist alles! Treue ist Sittlichkeit, in der Treue ist die Wiedergeburt. Von der Treue, in welchem Werke es auch sei, strömt das Licht in die Lande, an dem allein ihr Siechtum genesen kann.

Gut das alles und wahr. Aber ist wirklich jedwedes Werk gleich wertvoll? Kann man sich nicht selbst in eine Enge einsperren, darin nun wieder am kräftigsten nichts andres als der Zorn gedeiht? Und ist Zorn nicht des Schaffens Feind?

Wenn er so mit dem Professor zusammensaß und die Gegnerschaft nährte in ihm und in sich gegen das, was ringsherum ward und wuchs und sich nicht ausrotten ließ, weil es nun doch mal wurzelecht war – was wurde damit zustande gebracht, was wurde genützt, gefördert, geschaffen?

Er ist müde, nun ja. Und nennt sich alt. Aber 90 fühlte er es nicht in sich sprießen – und ist dies sein Alter nicht Vorwand, Feigheit und Flucht? Heute, wo es auf jeden ankommt, auf das Geringste an Macht und Stärke, darin noch immer Keime leben. Und ruft nicht, wie oft auch unterdrückt, eine Sehnsucht in ihm, die ins Weite will und höhenwärts strebt?

Er blickt nach Eekenkamp hin, über die Weizenfelder, die im prächtigsten Grün prangen. Sein Eekenkamp – darf der Schmerz ihn lähmen, daß er es nicht in eignen Händen hat? Ist es so unmöglich, so entwürdigend, daran zu denken, daß er nun doch noch einmal des Landes Herr würde?

Wie könnte das geschehen? Da müßte Brünne schon abgewirtschaftet haben. Und wenn er dann kalt lächelnd sie beiseite schöbe oder als rettender Engel die Niedergebrochene wieder aufrichtete – o welche Rührung! Aber sowohl zu dem Kaltlächelnden wie zu dem Rührenden gehörte erst mal die nötige Macht, will heißen das nötige Geld. Also gerade das, was er nicht hatte.

Brünne selbst, das wußte er wohl, ging es gar nicht gut. Ihr beizuspringen, wäre das Natürliche gewesen. Nur hätte sie eben nicht Brünne sein müssen. Etwas in die Suppe zu brocken hatte er immerhin. Das Mühlengrundstück war unverschuldet. Seine Hypothek könnte es im Notfall schon tragen. Herauswirtschaften ließ sich auch etwas, und dieses 91 Etwas würde erheblich mehr werden, wenn das Land zu dem Eekenkamper Besitz hinzugeschlagen würde.

Ja, wenn Brünne dort nicht säße! Die immer die Herrin, die Herrschende – und die Demütigende sein würde. Er war weiß Gott modern genug, um das »dienende Weib« abgeschmackt zu finden. Aber selber der Hörige sein, das war nun doch das Letzte. Der Hörige – ging nicht eine Furcht in diesem Worte um, die Angst vor ihrer Schönheit? Ja, nun ja – ein Betörendes war in ihr – und es hieß auf der Hut sein. Aber machte sie es einem nicht leicht, ihr zu widerstehen? Die immer mit der Knute herumfuchtelte.

Und wieder schon bannte er diesen Geist – mit dem Bild der Gnade. Ja, wenn Helga wäre an Brünnes Statt! Mit ihr zusammenstehen, ja, das würde die helle, reine Gemeinschaft sein, die gleich freudig nimmt und gibt, die nicht in Machtfragen, nicht in Habgier wühlt, die nur den Ehrgeiz ungetrübten Einklangs kennt.

Was träumt er sich da zusammen? Kindisch wird der alte Knabe. Wo bleiben nur seine kleinen Freunde, die Welpen?

Er fuhr auf. Hunde wurden laut, ganz in der Nähe. Nun war es vorbei.

Und da kam auch schon ein Airdale herangeschlieft, die Nase auf der Fährte – ein zweiter folgte ihm, ein Dackelpaar zuckelte hinterdrein. Jetzt wurde 92 die Herrin sichtbar, die Büchsflinte über der Schulter. Das konnte nur eins bedeuten. Eisig trat er Brünne entgegen.

»Guten Abend!« grüßte sie kurz. Wenn es schon Kampf gab, sollte er doch nicht formlos vor sich gehen. »Die Füchse haben sich bei mir wieder einmal zwei Hühner geholt. Auf Eekenkamper Gebiet gibt es keine mehr, dafür hab' ich gesorgt. Die Räuber sitzen in diesem Bau.«

»Das tut mir leid.«

»Damit ist mir wenig geholfen. Du tust nichts dafür, dein Revier sauber zu halten. So muß also die Nachbarschaft, die darunter leidet, ein Machtwort sprechen.«

»Und wie lautet dieses Machtwort?« Er war gereizt.

Sie wurde es noch mehr. »Mit den Füchsen wird aufgeräumt, so oder so. Ich stelle dir meine Hunde zur Verfügung. Auch mein Gewehr. Wenn du nicht schießen willst oder kannst, werd' ich das besorgen.«

Dies, was sie vorschlug, war immerhin eine gemeinschaftliche Aktion. Und die Empfindung hierfür regte sich wohl in ihm mit leichtem Beben. Aber ihre heftige Haltung stieß alles um. »Ich lass' meine Füchse nicht abknallen!« erklärte er schroff. Gerade auf diese Schroffheit aber setzte er bewußt eine ruhige Erklärung. »Ich hab' nun mal für die Tiere etwas übrig, und dann – sie sind mir nützlich, ich 93 brauche sie für besondere Zwecke. Wenn sie dir Schaden getan haben – mein Bedauern genügt dir nicht, ich bin also bereit, dir den Schaden zu ersetzen.«

War das Hohn? Wehrhafter noch und spitziger legte sie sich ins Zeug. »Das mag gut oder auch schlecht gemeint sein – jedenfalls trifft es nicht die Sache. Es handelt sich hier geradezu um einen Landschaden, und Landschäden werden beseitigt.«

»Wir wollen nicht weiter umeinander herumreden. Es bleibt dabei, daß hier auf meinem Revier keine Fuchsjagd abgehalten wird, zu der du ja offenbar mit deiner ganzen Meute ausgezogen bist. Und damit basta!«

Brünne stand in lichterlohen Flammen. »Wenn du nicht tust, was deine Pflicht ist, wenn du nicht selber Wandel schaffst, dann bleibt uns von der Nachbarschaft eben nur die Selbsthilfe. Du mußt mir schon erlauben.«

Und nun geschieht aus der Eigenmacht des Tatmenschen ein leidenschaftlich Folgenschweres. Brünne ruft ihre Teckel, geht auf den Fuchsbau zu, will die Hunde in die Röhren schicken.

»Halt!« befiehlt Marten. Er packt seinen Handstock. »Wenn du nicht willst, daß ich deinen Hunden die Knochen entzweischlage –!«

»Untersteh dich, du –!« Sie schäumt und ist wie von Sinnen. Da greift er nach ihrer Büchsflinte. Ein harter Ruck – das Gewehr ist in seinen Händen. 94

Brünne taumelt zurück. Wie ein Raubtier, so muß er denken, kauert sie zum Sprung. Raubtieraugen funkeln ihn an. Sie stürzt auf ihn los, sie will ihr Gewehr wiederhaben – wie ein Zischen kommt es über ihre Lippen – zornig klagt sie zu ihren Airdales: »Bob, Bella –!« Ein Hilferuf ist es.

Wie ein Blitz dies alles.

Ein geifernder Hunderachen beißt sich um Martens Handgelenk – er schleudert das Tier in wildem Bogen hoch in die Lüfte – der andre Terrier will ihm an den Hals – würgend packen seine Hände die Hundekehle – dann schleudern sie wie ein Bündel das Tier zu dem jaulenden ersten. Die Teckel, die ihm an die Hacken fahren, kriegen ihre Fußtritte in die Lefzen – die Meute ist abgeschlagen. Aber die Wut kocht ihm im Hirn. »Geh von meinem Grund und Boden!« donnert er, nicht mehr seiner Sinne mächtig.

Ein höhnisches Lachen – dann wendet sie ihm den Rücken und schreitet langsam davon, sorgt streichelnd um ihre Hunde, tröstet die hinkenden, übel zugerichteten, und zärtlich mit ihnen redend geht sie über die Grenze auf eignes Land.

Über Marten kommt jäh die Reue. Wie wüst, wie übel, wie widerwärtig dies alles! Ihm ist, als müßte er ihr nach und das einrenken, was so häßlich aus den Fugen gegangen ist.

O dieses Widerwärtige! Wie ein Ekel schüttelt es 95 ihn. Das Häßliche – es soll ihn nicht so umschlingen, soll ihn nicht verstricken, ihn nicht ersticken. Und schon kommt eine Befreiung – ein Licht – wie eine Schönheit strahlt es hindurch – ja, Schönheit ist dies, ein Bild unvergeßbar: Brünne, diese bildschöne Bestie – unsäglich schön, dieses wilde Tier, und die Sinne verwirrend. Tastet seine Hand nicht nach dem Skizzenbuch?

 

Helga hatte einen Anlauf nehmen müssen, den Vater von ihrem Verlöbnis mit Arnulf zu unterrichten.

Karsten war schon wieder zu seinem Mikroskop gehumpelt und leidlich guter Laune. Er arbeitete seit Jahren an einem Werk über Fischkrankheiten und machte seine Studien. »Komm einmal her, Kind!« rief er. Er brauchte Helga als Assistentin. »Was siehst du?«

»Fadenkörper mit Kopf- und Schwanzende.«

»Keine Spiralen?«

»Nein, nicht die Spur. Das Schwanzende macht schnellende Bewegungen, aber es rollt sich nicht auf.«

»Hm! Sollte bei mir der Wunsch der Vater des Bildes gewesen sein? Oder wollen die Augen nicht mehr?« Er fuhr sich müde über die Lider. »Für heute will ich's lassen.«

Die Stimmung für das, was Helga ihm brachte, war nicht mehr gut. Aber sie durfte und wollte nicht 96 hinter dem Berge halten. Nachdem sie dem Vater auf den Liegestuhl geholfen und ihn mit Kissen versorgt hatte, setzte sie sich zu ihm und nahm seine Hand. »Vater, ich hab' dir eine besondere Mitteilung zu machen.«

Die hellen Augen verdunkelten sich. Ahnte er, was geschehen war? Aber sein Stimmklang war ruhig und schlechthin ermunternd: »Das hört sich ja so feierlich an.«

Nun kam es ohne Umschweife. »Arnulf Neuber hat sich mir erklärt. Daß er mich liebhat. Und ich habe ihm gesagt, daß ich seine Neigung erwidere.«

Er ließ ihre Hand los in dem Zorn, in der Anklage des ersten Schmerzes. Sie fühlte, was sie ihm antat. Schon aber griff seine Hand, die so heftig von der ihren sich gelöst hatte, wie um ihren Schreck zu verbergen, ordnend nach den Kissen. Dann nahm er ihre Finger wieder. Es spannte sich seine zerfurchte Stirn. »Die Tyrannei des Alters – dieser lächerliche Frevel wird dein Glück nicht stören. Dein Leben für dich. Alles wird geschehen, wie es natürlich ist und sich gehört.« Er streichelte ihr Haar. »Das Tragische bleibt, daß gerade der, dem du die Hand reichst, meiner Arbeit den großen und freien Atemzug nimmt, der mich allein über die Trennung von dir trösten könnte. Aber auch damit werden wir fertig werden.«

»Trennung von dir, Vater, gibt es doch nicht für 97 mich. Und Arnulf wird alles tun, daß dir Licht und Luft und Freudigkeit bleibt.«

»Ich werde damit ein Almosenempfänger sein. Aber, Kind, was mach' ich dir das Herz schwer! Daß du glücklich wirst, darum geht es. Herrgott, ich – ich sitze auf dem Altenteil! Die bekannte greisenhafte Unverschämtheit – das immer wieder zu vergessen!« –

Am Abend kam Arnulf. Karsten empfing ihn mit polterndem Gruß, der die Bewegung übertönte. »Erst erdrosseln Sie mir mein Schaffen, und jetzt nehmen Sie mir auch noch mein Mädchen!« Und in dem Lachen der gemachten, abgebraucht rauhen Jovialität war der bittere Unterton, der nicht schwinden wollte.

Arnulf blickte ernst. Er verstand nicht nur den eifersüchtigen Schmerz des Vaters, auch die tragische Romantik dieses ergrauten Kämpen für seine Naturideen schlug gerade bei ihm, dem Forstmannssohn, dem Kind des Waldes, tief und wehmütig klingende Saiten an. Davon sprach er. Aus seinem Leben erzählte er: Wie der plötzliche Tod des Vaters die vielen Söhne in Berufe mit schnellen Erwerbsaussichten drängte. Die ersehnte Forstlaufbahn war ihm verschlossen, in die Kaufmannslehre wurde er gesteckt. Dann unter großen Entbehrungen erzwang er das Studium. Hart gegen alle schweifende Sehnsucht machte ihn die Arbeit. Aber ein 98 Wahlverwandtes im Innersten durfte der Vater ihm nun schon nicht bestreiten.

Was er sagte, klopfte nun doch an Karstens Herz. Und das, was um die beiden jungen Menschen leuchtete, die sich liebhatten, löste viel von seiner Bitternis.

Arnulf hatte den feinen Takt, ihn nicht trösten zu wollen, nicht mit Zusicherungen zu beschenken. Der alte Herr sollte es von selber fühlen, daß die Argillawerke ihm den denkbar größten Raum zum Luftholen geben würden. Auch als Karsten es dann nicht lassen konnte, sich über sich selber lustig zu machen, als er sich den Don Quijote nannte, der mit eingelegter Lanze gegen Schornsteine anritte, da beschwor er diese Selbstverspottung nicht mit ernstem Widerspruch. Er schloß vielmehr muntere Kameradschaft. »Glauben Sie, daß wir Leute vom Schornstein nicht auch Träumer und Phantasten sind? Und als Ritter von der fröhlich-traurigen Gestalt purzeln auch wir oft genug von unsern Rosinanten. Ist das nicht die menschliche Tragikomödie alles Geistigen? Oder wollen Sie uns von der Maschine als geistig nicht gelten lassen?«

Hier knurrte Karsten nun doch seinen Vorbehalt. Helga aber freute sich, wie ihr Liebster Boden gewann.

Und der nutzte weidlich die Gefechtslage aus. »Nun, dann stehen wir also auch im Bunde. Und es kommt nur darauf an, daß wir uns besser kennenlernen. Überhaupt,« er reckte sich ganz 99 lebensgefährlich philosophisch in die Höhe, »alle Feindschaft auf der Welt stammt aus Unkenntnis.«

»Donnerwetter!« So leicht ließ Karsten sich nun doch nicht umschmeißen. »Ihr Tiefsinn,« und dabei strich er seinen Yankeebart, »hat wie alle andern sein großes Loch. Soll heißen, daß das Gegenteil ebenso wahr ist. Sie können auch sagen, daß alle Feindschaft gerade aus Kenntnis, aus gründlicher Kenntnis sich ableitet.«

»Daraufhin will ich es wagen,« sagte Arnulf ebenso herzlich wie fröhlich. »Sie müssen sich die Werke einmal ansehen. Ich bitte Sie darum.«

Karsten wand sich grunzend, das hieß vorerst nicht ja, nicht nein. Dann aber meinte er: »Anschauen kann ich mir ja einmal, was Sie da treiben. Aber so ein alter Höhlenbär wie ich – daß ich meinen Bau jemals freiwillig aufgebe, bilden Sie sich nicht ein!«

Immerhin, ein Reifen von seiner Brust war gesprungen. Und wie von selbst rückten sie sich näher. Was half es auch? Sie saßen nun mal in demselben Boot.

Vater Karsten und Helga dachten plötzlich an die, die in diesem Kreise fehlte, an Suse. Und bekamen beide denselben Schreck und machten beide dieselben großen Augen. Was würde Suse zu Helgas Verlobung sagen? Von einer Art Schadenfreude flackerte es in Karstens Auge, wie es sich jetzt zu Arnulf wendete. Da war noch jemand, der Helga mit 100 Eifersucht hütete. In wilderer, jüngerer, rückhaltloserer Leidenschaft! Und dann stieg ernste Sorge in ihm auf. Wie ein Blitz würde diese Wendung das Kind treffen. »Wir wollen heute noch an Suse schreiben. Wir drei gemeinsam,« sagte er ziemlich ahnungslos.

Düster wurde Helgas Stirn. »Das geht nicht. Sie muß einen ausführlichen Brief von mir, von mir allein haben. Der ihr alles erklärt.«

Arnulf machte erstaunte Augen. Er kannte Suse nur von Ansehen, als das halbflügge Mädchen. »Was ist denn das für eine Gefährlichkeit mit dieser Suse?« fragte er überrascht.

»Du sprichst so von oben herab,« sagte Helga. »Oh, du hast keine Ahnung von ihr. Sie ist die viel Kräftigere, die Entschlossene, die Willensstarke, die Bedeutendere in allem. Sie bemuttert mich und hat ein Recht dazu.«

»Da hätte ich ja eigentlich erst bei ihr anfragen müssen!«

»Das hätten Sie auch!« erklärte jetzt Vater Karsten. Und wieder flackerte eine Art Rachsucht in ihm, wohl schelmisch, aber doch wieder schicksalhaft beschattet. »Sie werden was erleben, daß Sie ihr ihre Helga wegnehmen. In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.«

Aber Arnulf fürchtete sich nicht sehr. Nur neugierig wurde er auf seine junge Schwägerin. So 101 seltsam gespannt plötzlich, daß er, eingesenkt in Helgas verdunkelte Augen, über ein dunkles und verworrenes Ahnungsgefühl, wie es ihm sonst nicht lag und mit dem er nichts anzufangen wußte, den Kopf schüttelte.

 

Brünne erschien bei Arnulf auf den Argillawerken. Hier waren Teichanlagen, die für Fischzucht benutzt wurden. Sie wollte sich ein paar sachkundige Arbeiter ausbitten. Ihre Karpfenteiche sollten jetzt in Betrieb gesetzt werden. Von den Sachkundigen würde sie sich bestätigen lassen, daß damit die Mühle wirklich und wahrhaftig der tödliche Schlag träfe. Marten sollte ihr auf die Knie!

Arnulf sagte ihr freundlich die erbetene Hilfeleistung zu. Am Nachmittag kam sogar ein in solchen Arbeiten besonders bewanderter Schachtmeister nach Eekenkamp, Terrain und Bestand in Augenschein zu nehmen.

Die Anlagen selbst waren im wesentlichen von früher her vorhanden. Das Wasser, das in dem Bach vorbeifloß, brauchte nur hindurchgeleitet und auf diesem Umweg in das Bett zurückgeführt zu werden. Nun die fachmännische Erwägung: Werden die Teiche nicht zu viel von dem Wasser einschlucken, wird auch ein gehöriger Abfluß bleiben für die Mühle, die da unten liegt?

»Soviel ich oberflächlich feststellen kann, wird der 102 Grund nach dieser niederen Seite zu immer durchlässiger. Ob da im Unterlauf des Baches noch viel Wasser bleibt? Vermutlich hat man aus diesem Grunde auch den Teichbetrieb eingestellt.«

Das ist, was Brünne hören wollte. Der Sachkundige bestätigte durchaus das, was als alter Befund in den Gutsakten stand. Auf seine letzte Bemerkung ließ sie sich nicht ein: »Was aus dem Bach wird, geht uns nichts an!«

»Aber die Mühle,« hielt er sachgemäß entgegen.

»Die Mühle – ist ein bloßes Anhängsel von Eekenkamp.« Damit zog sie den Schlußstrich. Sie besprach mit ihm noch das Nähere über die Vornahme der Arbeiten. Am nächsten Morgen schon sollten sie beginnen. –

Marten hatte einen bösen Tag. Frühmorgens wie sonst hatte er in der Mühle geschafft. Gegen alle Gedankenstürme und Seelennöte erwies sich wieder einmal die Knochenarbeit als beste Medizin. Dann fing der rechte Arm ihm immer böser zu schmerzen an. Er achtete nicht darauf, bis er ihn nicht mehr rühren konnte. Die Wunden von dem Hundebiß am Handgelenk hatte er ausgewaschen, sauber verbunden und danach nicht mehr beachtet. Nun war doch wohl etwas von dem Geifer des wildgewordenen Tieres in die Blutbahn gekommen.

Mehr besinnlich als im Zorn schüttelte er den 103 benommenen Kopf. In den leichten Fieberschauern bebte der Unmut über das, was zwischen ihm und Brünne geschehen war. Niemand wußte davon, außer ihnen beiden. Auch Ehrenfried, der Vertraute, nicht.

Marten wollte sich vorm Haus in die Sonne setzen. Aber dann quälte die Wärme sein Hirn, durch das wechselnd mit den leisen Frostschauern immer wieder jähe Stichflammen schossen. Er setzte sich in sein Zimmer. Etwas bosseln und basteln, war sein Gedanke. Aber das ging ja nicht! Und nun schlug ihn die Sorge: Wenn seiner Hand etwas geschähe! Wenn der Bildner nicht mehr könnte wie er wollte!

Die Finger ließen sich nicht mehr recht bewegen. In den Spitzen stach es ihn wie von feurigen Nadeln. Und der Kopf so müde . . .

Lächerlich! Sich so unterkriegen zu lassen von diesen armseligen kleinen Verletzungen! Ich bin doch nicht krank! Ich, der ich kaum von der Malaria mich hab' schmeißen lassen! Eine Entzündung, die vorübergehen wird. Herrgott, was hab' ich in den Tropen alles durchgemacht und an andern gesehen! Und sind alle damit durchgekommen.

Er holte sich eine Decke. So ging es an. Das Hämmern im Schädel, das stärker und stärker geworden und die Wände zertrümmern wollte, beruhigte sich allgemach. Ihm war es, als könnte er schlafen – wenn nur das Zucken und Tucken in der Hand ihn nicht störte. 104

Durch die offenen Fenster hörte er Finkenschlag, die zwitschernden Schwalben und das Meisengezirp. Und dann in immer gleichem Takt das Brausen des Mühlrades. Das war die Melodie, die ihm am wohlsten tat. Das Wasserrauschen kühlte seine Stirn, er streckte die Hand aus, wie um ihr Fieber zu löschen.

Als dann Ehrenfried kam, nach ihm zu sehen, sagte er: »Wir wollen kalte Umschläge machen – aber von dem fließenden Wasser. Daß wir an das Nächste nicht denken!«

Das fließende Wasser seines Baches – er glaubte an die Heilwirkung. Und Linderung brachte es ihm. So fand er Ruhe und konnte eine Stunde vor sich hindrusen.

Als Ehrenfried ihm aber das Mittagessen bringen wollte, für das der Alte seine ganze bewährte Kochkunst eingesetzt hatte, lehnte er kopfschüttelnd ab. »Ich möchte nur Ruhe. Und frisches Wasser stell' mir noch hin.«

Aber die Ruhe blieb nun doch nicht bei ihm. Schmerzen kamen, im Arm, im Nacken, im Kopf, und wurden immer wilder.

»Ich will Doktor Eberwien holen,« sagte der Alte.

»Unsinn. Oder willst du meinen Totenschein? Wie heißt das alte chilenische Sprichwort? Wer den Arzt holt, den holt der Teufel. Haben wir nicht unser Heilmittel hier? Hat das Wasser auf die Dauer nicht geholfen – Erde ist dicker als Wasser. 105 Lehmumschläge machen wir. Das alte Volksmittel, bei uns so bekannt wie bei den Bakairis. Haben wir nicht hier die prachtvolle Tonerde? Nach der die Argillaleute sich die Beine ausreißen! Meine Tonerde – auch wenn sie nicht essigsauer ist – meine Tonerde sollte mir nicht helfen?« Die Worte hasteten im Fieber.

Sie packten den Arm in Ton, und wirklich hatte der Kranke gleich große Linderung, fand Ruhe und Schlaf. Ehrenfried, der sich bei ihm sein Lager zurechtmachte, hatte Hoffnung auf eine gute Nacht.

Aber als der Morgen dämmerte, kamen die Schmerzen wieder, und der Kopf war das Schlimmste. Marten hörte mit peinvoll klingenden Fiebern die Zeit rinnen, rieseln, tropfen. Ja, wie die Tropfen fielen die Sekunden ihm auf den Kopf – einer, und wieder einer und wieder einer – so ging es fort, immer fort – Tropfen auf Tropfen – und immer auf dieselbe Stelle fiel er – eine Qual, nicht zu ertragen – wie höllisches Feuer brannte diese Stelle – und floß von hier aus durch alle Nerven des Gehirns.

Als Ehrenfried an sein Bett tritt, bäumt er sich wild auf. Da wirft Ehrenfried sich in die Kleider, Doktor Eberwien zu holen.

 

Brünne beaufsichtigte die Arbeiten an den Fischteichen. Mit gierenden Augen sah sie das Werk des 106 Hasses wachsen. Des Hasses gegen den da nebenan, von dem sie nicht ahnte, daß er auf den Tod lag – durch den giftigen Biß des Hundes, den sie auf ihn gehetzt hatte.

Ein Reiter kam den Feldweg, der zur Mühle führte, heraufgetrabt. An der etwas spielerigen Aktion der Vorderhand erkannte sie schon von weitem ihren alten Graditzer. Doktor Eberwien war in Sicht. Mit ernsten Augen begrüßte er sie. »Sollen die Teiche nun doch gefüllt werden?«

»Ja, das sollen sie.«

»Trotz der Folgen?«

»Wegen ihrer,« höhnte sie kurz. Sie wandte sich mit einer Frage an den Vorarbeiter.

Als sie sich zu Jörg wieder umdrehte, war dessen Auge noch ernster geworden. »Ich komme eben von meinem zweiten Krankenbesuch bei Marten.«

»Ist der krank?« Noch klang es scharf wie zur Wehr, trotzig und unbewegt.

»Ja, es steht schlecht mit ihm.«

»Was ist ihm denn?« Das kam nun doch aus dem Innern.

»Blutvergiftung.«

»Und Sie haben Befürchtungen?«

»Die hab' ich.«

Sie zuckte zusammen. Eine Ahnung verdüsterte sie. »Kennt man die Ursache? Kommt so etwas nicht von Verletzungen?« 107

»Er hat Wunden am rechten Handgelenk, die schlimm geworden sind. Es ist alles verschwollen – ich würde sie für Bißwunden halten. Er behauptet, daß sie von einem Fall in Glasscherben herrühren.«

An seinem rechten Handgelenk hat Bob, der Airdale, gesessen – natürlich stammen die Verletzungen daher. Und er hat geschwiegen über ihrer beider böses Zusammentreffen, hat sie schonen, hat sie nicht bloßstellen wollen.

Aber braucht sie Schonung, will sie Schonung, läßt sie sich so erniedrigen von ihm? So begehrt es noch einmal in ihr auf. Dann, in einer trotzigen Demut, immer beschattet von Sorge und Reue, spricht sie zu Jörg, dem Freunde, sich aus. Erzählt ihm alles ohne Bemäntelung, den ganzen wüst ungestümen Zusammenstoß.

Und jetzt ging es davon um sein Leben! »Er darf nicht sterben! Sie dürfen ihn nicht sterben lassen.« Kein lautes Wort – es war wie ein dumpfes Raunen.

Und Jörg spürte in dem Schmerz dieses Reuegefühls die Sehnsucht des Weibes. Das traf ihn in die Seele. Aber er bezwang sich. »Ich habe mit dem Messer einen Eingriff gemacht. Er hat Linderung gebracht, ob auch Hilfe? Wenn es nicht schnell anders wird, bleibt uns nur die Amputation des Armes.«

»Um des Himmels willen!« 108

»Ob er darin einwilligt? Er hatte schon bei den Schnitten die Angst, es könnte für Arm und Hand etwas zurückbleiben.«

»Ach ja, der Bildner –« Und ihm sollte der rechte Arm abgenommen werden müssen! Ihr gerann das Blut.

»Ich hätte ihn ja am liebsten gleich mit dem Auto nach der Klinik geschafft. Aber er will nicht fort, um keinen Preis. Er muß das Brausen seines Baches hören und das Rauschen des Rades. Er bildet sich ein, daß er davon gesund wird.«

Und sie ist dabei, den Bach ihm abzuleiten und das Mühlrad stillzulegen!

Sie will die Teicharbeiter von ihrem Grundstück jagen. Dann strafft sie ihren Rücken. Nur bei Vernunft bleiben! Noch ist ja nichts geschehen. Und mit der Herstellung der Teiche ist ja ihr Betrieb noch längst nicht im Gange. Nur den Kopf nicht verlieren! Und es muß doch auch noch Hoffnung sein. »Doktor, Sie müssen mich auf dem laufenden halten. Ich bin doch hieran beteiligt.« Sie sagte es wie obenhin. Sie wollte sich nicht verraten. Und sah doch an seinen Augen, daß sie es längst getan hatte.

 

Marten rang weiter um sein Leben. Zeitweilig war er bei ganz klarer Besinnung und leidlich schmerzfrei. Die Gemeindeschwester, ein älteres karges und nüchternes, in Frömmigkeit vertrocknetes, geistig und 109 seelisch unbedeutendes Wesen, aber mit sehr linden und geschickten Händen, erfahren und umsichtig, versorgte ihn abwechselnd mit dem treuen Ehrenfried, den der Kranke nicht entbehren mochte.

Wenn der Alte bei ihm saß, kamen auch wohl Todesahnungen über ihn, nicht lastende, quälende, grausame, eher friedlich verklärte. »Wem soll die Mühle gehören, wenn ich nicht mehr bin? Zuerst natürlich dir, alter Ehrfritz.«

»Ach, Herr Hillebrandt, dat 's jo dummes Tüeg.«

»Aber du wirst ja auch nicht ewig leben. Und nach deinem Tode – ja, dann soll Fräulein Helga Wittenborn sie haben.«

Eine Verwunderung witterte um die alten Falten. Marten sah sie wohl. »Glaubst du nicht an ganz geheime seltsame Zusammenhänge in diesem Leben –?«

»Das tu' ich ganz gewiß.«

»Das ist so was wie Seelenwanderung. Da sind ganz eigentümliche Inkarnationen.« Den eignen Gedanken ergeben, sprach er über den Kopf des Alten hinweg. »Aber hier ist noch etwas andres. So was wie Verschwisterungen gibt es. Zwischen Menschen, die leiblich nichts miteinander zu tun haben. Und in dem einen lebt dann die Erinnerung an einen andern, an einen, der verstorben ist. Wie eine Wiederkunft des Toten kann sie einen überraschen und erschrecken. Und Sühne fordern. Aber auch 110 Entsühnung und Glück verheißen. Ines und Helga –« flüsterte er versunken vor sich hin.

Plötzlich wieder riß sich eine tiefere Furche durch Martens Stirn. Und ein Wirbel durchzog seine heißen Augen. »Wie schön sie war – grausam schön! All die Prunk- und Schreckfarben der Leidenschaft trug sie! Ist das Liebe? Penthesilea –«

Dann rafft er sich wieder empor, und sein Auge wird klar. »Ihr – ihr will ich die Mühle vermachen. Ja, das ist es – so soll es sein! An mich denken soll sie. Und sich verzehren in Reue und Sehnsucht. Ich will es schriftlich machen.«

Aber zum Schreiben kam es nicht, denn wieder sank er in Betäubung. –

Da er so von Brünne phantasierte, strich sie ums Mühlengelände, umgetrieben von ihren Gedanken, ihrem Gewissen, ihren Wünschen. Der letzte Bericht von Jörg hatte sie nicht beruhigen können. Sie wollte Neues erkunden, wollte wissen, wollte sehen, wie es um den Todkranken stand. Bis ans Haus drang sie vor. Aber sie fand nicht den Mut, einzutreten.

Und Tage zogen und Nächte, da der Kampf ums Leben weiterging. Einmal glaubte Jörg, nun haben wir gesiegt. Aber immer wieder blitzte die Sorge um seine Hand in Marten auf.

»Wenn du mir den Arm zunicht' geschnitten hast, wenn ich die Hand nicht mehr brauchen kann, dann 111 kannst du mich gleich totschlagen!« Jörg aber dachte: zuerst müssen wir sehen, dich überhaupt mal wieder im Diesseits zu verankern.

Dann plötzlich und unversehens kam die Wendung zum Bessern. Eines Morgens, unter Finkengeschmetter und dem hellen Ruf des Pirols, atmete der Kranke tief auf, als hätte eine Klammer von seiner Brust sich gelöst. Und er lauschte nach dem Rad. »Die Mühle steht ja still.«

Da ging Ehrenfried, das Rad wieder anzustellen, obwohl es heute nichts zu mahlen gab.

Langsam strahlte das Lebenslicht wieder auf aus all dem Dunst und Brodem, darin es oft am Ersticken gewesen war. Aufrecht saß Marten im Bett und lächelte leicht und licht.

Dann stellte die helle Freude sich ein, mit einem Besuch, so unerwartet wie herzbewegend. »Eine Dame möchte sich nach Ihnen umsehen,« meldete die Schwester.

Und Helga kam. »Wir haben erst gestern abend von Ihrer Erkrankung gehört. Nun bin ich so froh, daß es Ihnen besser geht. Vater wäre am liebsten mitgekommen, aber sein Knie macht ihm doch noch reichlich zu schaffen. Seine herzlichen Wünsche soll ich Ihnen bringen.«

Marten nahm ihre Hand. Mit zärtlicher Scheu umfingen sie seine Augen. Die Worte versagten sich 112 ihm. Sie erkannte, daß vieles Sprechen noch nicht am Platze war. Und etwas in der Haltung der Schwester, die wieder eintrat, mahnte sie ans Gehen. »Ich wollte mich doch selbst überzeugen, daß Sie wieder glücklich über den Berg sind, und Ihnen selber sagen, was wir auf dem Herzen haben. Und nun weiter alles Beste!«

Er hielt ihre Hand fest. Das hieß: bleiben Sie doch noch!

»Wenn Sie wollen, komme ich morgen wieder.«

»Ja, o ja.« Und seine Blicke strahlten um sie.

Am andern Tage war er schon viele gute Schritte weiter. Und wieder nahm er mit der Linken ihre Hand, aber der Druck war schon ganz anders als gestern. Tiefer war der Glanz der Augen. Und nun strömte es ihm über Herz und Lippen: »Wissen Sie, wie reich Sie mich machen durch Ihr Kommen, Fräulein Helga? Ich war doch schon so gut wie in der Unterwelt. Und nun sind Sie es, die für mich den neuen Tag heraufführt –«

Sie bebte leicht zusammen. Sie fühlte, was in ihm aufglühen wollte. Sie durfte dem keine Nahrung geben. Schwer war ihr selber ums Herz. Einmal wollten die Worte sich von ihr losringen: ich bringe Ihnen wieder viele schöne Grüße, auch von Arnulf, meinem Verlobten – aber sie drängte alles zurück, sie konnte ihm nicht weh tun.

Er aber mühte sich um sein Bekenntnis. Auf das 113 die Schicksalsfragen sich niedersenkten: was hab' ich ihr zu geben? und: wenn ich nun ein Krüppel bleibe?

Er zuckte mit den Fingern. Heute, so schien es ihm, waren sie schon eher zu bewegen. Und Jörg gab alle Hoffnung. Aber drohte nicht immer noch Gefahr?

Und nun zur unrecht rechten Zeit trat Jörg ins Zimmer. Er gewahrte gleich Martens Erregung. »Oh, so schöner Besuch! Aber auch der Freude kann es zuviel werden.«

Darin war eine Mahnung, und Helga verabschiedete sich. In Martens Blick klagten die Flammen schmerzlicher Innigkeit.

Als Helga das Mühlengrundstück verließ, stand auf der Berglehne eine Frau. Deren Augen starrten ihr nach. Aus einem verstörten Gesicht, das nach und nach eisig sich glättete, und ein Lächeln zersplitterte um den Mund.

Ich Närrin, die ich hier herumschleiche, schamlos und dumm. Derweil die andre! – Und hab' mich zerrissen in Angst und Qual um ihn! Aber diese Stunden sind nicht umsonst gewesen! Und der du jetzt lebst, sehr gesund und zukunftsfreudig lebst – du sollst sie mir bezahlen!

 

Helga las: »In jeder Freundschaft zwischen Mann und Weib kreist ein Funke höllischen Feuers.« Das ganze Buch taugte nicht viel, aber dieser Gedanke gab ihr zu denken. 114

Sie quälte sich mit einem Brief an Suse ab – zwischendurch griff sie zur Lektüre. Das Kind mußte jetzt endlich von ihrer Verlobung hören. Mit Grauen dachte sie an die Wirkung des Schreibens. Sie stand sonst leidlich sicher in ihren Schuhen, aber hier wankte ihr der Boden unter den Füßen.

Es ging auf Mitternacht, als sie mit dem Schriftstück fertig wurde. Zu der Zeit, da Marten von ihr träumte und sich sehnte nach ihrem Kommen, ihrem Bild, ihrer Gegenwart.

Aber am andern Tage ging es ihm so viel besser, stärker fühlte er, und auch die Worte würde er heute finden. Doch sie kam nicht. Er wartete, wartete schmerzlich. Daß es ihm schon wieder schlechter wurde.

Jörg fand sich ein und war zufrieden; die Schwester durfte ihren Dienst heute einstellen. Nun saßen die beiden Jugendfreunde zusammen, jetzt, wo die Not vorüber war, konnten sie miteinander plaudern. Das erstemal, daß Jörg, von den Pflichten gelöst, als Gast in der Mühle sich aufhielt.

Er blickte sich um, auch ihn nahm das pulsende, drängende Leben dieser plastischen Gebilde gefangen, in denen Blut kreiste von des Meisters Blut. Was für Marten seine Hand bedeutete, jetzt konnte er es ganz ermessen.

Aber er hatte nun mal seine Scheu davor, bei Marten an Seelisches zu rühren – es blieb wie ein 115 stilles Übereinkommen zwischen den beiden, das Innere voreinander nicht aufzudecken. Immer war diese Schamhaftigkeit in ihrer Freundschaft, die darum so oft an sich selber irre ward. Und in ihrer Zärtlichkeit dunkelte immer wieder eine seltsame Art Furcht, die Marten wie Schicksalsangst empfand. So daß die alte dumpfe Frage in ihm ertönen konnte: Bringt Jörg dir Gutes?

Und jetzt hatte der soviel Mühe mit ihm gehabt, vielleicht ihm auch geholfen oder ihn gar gerettet – obwohl er über die Medizin und die Medizinmänner seine eignen Gedanken hatte. Aber er brachte es zu keinem Worte des Dankes, so wenig wie Jörg seine Freude an Martens Künstlerschaft aussprach. Und doch zog es Jörg, die hellere und mitteilsamere Natur, viel kräftiger, den Freund als Freund zu packen, in sein Wesen sich zu stürzen, in seine Seele zu tauchen. Gerade jetzt, wo an der gebändigten Leidenschaft für Brünne die Nebenbuhlerschaft rüttelte und alle Fesseln brechen wollte.

So aber saßen sie und blickten, verlegen fast ob dem, was bewußt und halb bewußt in ihnen umging, aneinander vorbei, und was sie redeten, war nicht warm, nicht kalt. Sie atmeten auf, als Ehrenfried ihnen meldete, daß Frau Hackpoot da sei und sich nicht abweisen lasse.

»Der Kranich – ja, er soll kommen und trompeten!« 116

Und sie trompetete. Das hätte er nun davon! Wär' sie im Haus gewesen, wär' so was nun und nimmermehr geschehen. Und was hätten sie mit dem Arm gemacht? Alles falsch! In Kuhmist hätte er eingepackt werden müssen! Und das Schneiden – das Verkehrteste von allem. »Fang'n die Dokters an zu schnippeln, mach bereit dich abzunibbeln.«

»Ja, Mutter Hackpoot« – Jörg senkte vergnügt wehmütig das Haupt – »ich weiß ja, daß Sie mit uns Menschenschindern nichts im Sinne haben.«

»Ach ja, Herr Dokder, dat kann ick woll seggen! Was war das doch, als Sie mich vor zwei Jahren in der Mache hatten un ne ganz dolle lateinische Krankheit bei mir rausfanden? Sie sagten, ich hätt 'n Nervensüstehm! Na, nu ich leb' ümmer noch.«

»Und sollst noch lange leben, Sabinchen! So, und jetzt laß dir mal von Ehrenfried 'ne Tasse Kaffee machen.«

Sie spuckte leicht vor sich hin. »Nee. Den seinen Kaffee trink' ich nicht.«

»Dann mach' dir selbst welchen.«

»Das schon eher. Dank auch, Jungherr Marten. Daß Sie bei der Kocherei von dem Ehrenfried nicht schon lange am Leben verzagt sünd! Un überhaupt – das kann ich Ihnen sagen, wenn ich hier nich bei Ihnen im Hause bleib', werden noch döllere Sachen passieren!« Ihre Prophetenaugen stachen.

Der Kranich war mit Gleichmut nach der Küche 117 abgeschoben. Die beiden Freunde sahen sich an. So viel Ungesprochenes lastete auf ihnen. Dann, ehe ein befreiendes Wort fiel, verabschiedete sich Jörg. Er mußte noch zu Professor Wittenborn. Und ganz beiläufig bemerkte er: »Da gibt es ja was zu gratulieren.«

»Wieso?«

»Nun, Helga hat sich doch mit dem Direktor Neuber verlobt.«

Kein Nerv in Martens Gesicht zuckte, seine Augen waren in Gleichgültigkeit erstorben. Als Jörg aber das Zimmer verließ, glühten sie ihm nach aus dem Haß des Erschreckten und Gequälten. Ich wußte ja, wußte ja, daß du mir nichts Gutes bringen würdest, Jörg Eberwien! Und nun ist es dies, mit Helga Wittenborn – ein Traum ist eingestürzt.

Geschah ihm nicht recht damit? War es nicht nur ein Spiel mit einer Vision gewesen – ein betörend schönes allerdings? Und hätte es auf die Dauer dem Flammenbraus widerstanden, der von einer andern Frau über ihn herströmte? Hatte er nicht nur eine Art Schutz gesucht gegen diesen Feuerodem?

Er wälzte sich auf seinem Lager, Unruhe brauste in seinem Herzen, sein Arm wurde wieder vom Schmerz gepackt, Nadeln durchstachen seine Hand. Und wieder peinigte ihn eine schlimme Nacht.

 

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