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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Argillawerke fackelten nicht lange. Sie nutzten die Lage der Dinge aus und brachten die staatlichen Liegenschaften in ihren Besitz. Auf der Nordseite, nach dem Wasser zu, sollten Arbeiterhäuser gebaut werden. Schon wurden die Grundstücke abgesteckt.

Arnulf, dessen besondere Liebe hier am Werke war, stand mit Jörg und überschaute das Baugelände. Die beiden, klar und sicher in ihren Linien, verstanden sich gut. Und hier schafften sie Hand in Hand.

»Die Front natürlich nach Süden. Sonne, Sonne und wieder Sonne!« sagte Jörg.

Arnulf nickte wie zu Selbstverständlichem. »Einen Versuch möchte ich machen, mit dem Volksgeschmack, der Volksseele sozusagen.« Er war ganz gewiß nicht der Mann kalter Rechnung und der reinen praktischen Nützlichkeiten. »Ich habe mir von unserm sehr verständigen Architekten zwei Arten Baupläne ausarbeiten lassen, für zwei 58 grundverschiedene Häuser. Das eine ganz neuzeitlich: der weiße Würfel, die gefrorene moderne Musik. Das andre: mit Melodien, mit Giebel und Erker. Und nun sollen die Leute wählen dürfen.«

»Sie wollen beides hoffentlich nicht miteinander mischen.«

»Um des Himmels willen! Nein, zwei verschiedene Ansiedlungen. Auch die Anlagen, die Gärten ganz nach der einen oder andern Art.«

Jörg mit hygienischen Ratschlägen war voll dabei. »Ein Teil unsrer Fischerbevölkerung wird ja nun zu Ihnen abwandern – die Fangverhältnisse werden trauriger von Tag zu Tag. Ich hätte ja nichts dagegen, wenn Lanken allmählich ganz geräumt würde. Das wundervoll malerische Lanken – der Ort dahinten in der Bucht, der an unsrer ganzen Küste am meisten Poesie hat und am meisten Typhus.«

»Gerade aus Lanken habe ich so gut wie gar keinen Zuzug.«

»Glaub's. Eben da haben sie ihre zähe Art und das starke Gepräge ihres Heimatsinns. Eh' da jemand unter den niedrigen Strohdächern herauskriecht! Und wie der Urgroßvater gewirtschaftet, geackert, gefischt hat, so machen sie's auch heute. Ihre Hofbrunnen sind verseucht. Ich habe die Schwengel polizeilich festschließen lassen – sie holen sich das Wasser doch. Dabei haben sie diese prachtvoll eisenhaltige Quelle, die ich in einen fließenden Brunnen 59 inmitten des Dorfes habe ausströmen lassen. Dies Wasser benutzen sie nicht ums Verrecken. Und immer wieder holen sie sich den Typhus aus ihren Zisternen.«

»Was wir hier zustande bringen, wird auch auf die Leute gesundheitlich sich auswirken. Und ich hoffe immer mehr, damit auch die harten Herzen unsrer nachbarlichen Feinde zu erweichen. Der Professor wird doch schließlich die Typhusbazillen nicht in seinen Naturschutz einbeziehen wollen. Und dieser sonderliche, sehr sonderliche Herr Hillebrandt –«

»Sie haben ihn kennengelernt?«

»Ja. Und ich muß sagen, daß ich seitdem nicht aufhöre, mich mit ihm zu beschäftigen.«

»Das verstehe ich wohl.«

»Diese Mühlenromantik, über die man lächeln möchte – Kitsch, nicht wahr? – da er sich in sie begibt, in sie sich verbeißt und in ihr sich verschanzt, ist sie nun ganz und gar kein Kitsch. Sie sieht verdammt nach Inhalt aus – und nach Schicksal. Schicksal nicht bloß für ihn, sondern auch für die Umgebung.«

Jörg hielt alles zurück, was ihm auf die Zunge wollte. Er nickte nur still mit den Lidern. Tiefer und mächtiger schwoll der Widerhall von den Worten des Fernstehenden in ihm an. Und sie gingen mit ihm, als sie sich getrennt hatten.

Martens Umgebung. Seine nächste Nachbarschaft: Eekenkamp. Und Brünne, die ihm am 60 nächsten ist, am heftigsten sich an ihm reibt, daß die Funken hinüber und herüber springen. Was kann aus diesen Funken entstehen? Und vor ihm, dem bibelbewanderten Pastorensohn, lebt der Spruch auf aus dem fünften Buch Moses: »Wenn von Brüdern einer stirbt ohne Kinder, so soll des Verstorbenen Weib nicht einen fremden Mann draußen nehmen, sondern ihr Schwager soll sich zu ihr tun und sie zum Weibe nehmen und sie ehelichen.« O ja, die alten Juden verstanden sich aufs Leben!

Er war zu Fuß. Wie gern hätte er jetzt seinen Rolf unter sich gehabt – eine Pferdekraft bloß für die räumliche Fortbewegung, aber eine Herzens- und Freundschaftsmacht nicht zu ermessen, und darum ein Flügelroß, das über alle Lebensmühsal dahinträgt.

Zum Professorenhaus mußte er. Von da wollte er an die See, wo sein Boot auf ihn wartete. Karsten Wittenborn war beim Segeln ausgeglitten und schwer hingeschlagen und hatte einen Bluterguß im Knie.

Das Stilliegen konnte der Professor nicht vertragen. Und nun der Treubruch des Staates, der seine Pläne zuschanden machte! Sein Grimm lohte in zackigen Flammen. Hier hatte nun Jörg, der Tröster und Versöhner, zu beginnen. Daß er als Friedensstifter seine Tracht Prügel bekam, verstand sich von selbst.

»Natürlich«, schalt der Festgelegte, »sind Sie auf seiten dieser technischen Zeitgeister. Ihr Ärzte 61 überhaupt! Für euch war ja schon immer die Welt Mechanismus und l'homme machine, an der herumzuschlossern und herumzuputzen euren Lebensinhalt ausmacht.«

Jörg ließ sich nicht verblüffen. »Und Sie sind es doch ganz zufrieden, daß ich Ihnen Ihr Scharnier wieder in Ordnung bringe.«

»Ach was! Das wäre auch so geworden. Und was nicht wird – das ist eben wert, daß es zugrunde geht.«

Nun wurde auch Jörg zum Angreifer. »Also Naturschutz überall und um jeden Preis! Nichts geht über das Prinzip und die Verallgemeinerung! Dann kommen wir glücklich zu einem Über-Hindutum, das mit seiner Liebe noch über die Läuse und Flöhe hinausgeht und auch die Bazillen zärtlich hegt. Da hätten also hier bei uns, wie eben der Direktor andeutete, auch die Typhuserreger Anspruch auf liebevolle Fürsorge.«

Den Direktor hätte er, was ganz ahnungslos geschah, nun nicht als Zeugen anrufen sollen. Jetzt spuckte der Professor Dampf und Feuer. »Der als Eideshelfer hat uns gerade noch gefehlt! Und wenn Sie eine Ahnung hätten von seelischen Einwirkungen, die selbst für mein bedrängtes Kniegelenk wichtiger wären als diese oberflächlichen und trivialen Eisumschläge – dann zögen Sie lieber jemand anders für mich heran! Einen, der mir innerlich verwandt ist, der auch gequält und gedrängt wird von 62 eurer Maschinenwelt und sich zu wehren hat wie ich. Und der« – jetzt rieb Karsten sich die Hände – »der, wie ich höre, diesen Landfresser und Naturverwüster von seiner Scholle gründlich heruntergeschwenkt hat.« Karstens Stirn krauste sich. »Vielleicht habe ich das jetzt mit auszubaden. Aber seine Tat soll doch gelobet sein. Und ich brauche seine Gesellschaft. Wenn Sie es gut meinen mit mir und meinem Knie, Doktor, dann bringen Sie ihn mir.«

Helga war hereingekommen. Das Wettern gegen den »Naturverwüster« hatte sie mit vernommen. Nun, da Jörg gegangen war, saß sie getroffen von diesem neuen Zornausbruch still beim Vater. Er spürte hinein in ihre Versonnenheit und verstand, was sie beschattete.

Er liebte seine Helga. Hätte man ihm gesagt, daß er sie vor Suse bevorzugte, er würde es bestritten haben. Aber Suse hatte so viel von ihm selber, und Helga war das Bild der Mutter. Das Seltsamste und Zauberhafteste: ihre Stimme hat ganz denselben Klang, denselben Tonfall des Sprechens. Wenn er die Augen schließt, wenn sie im Dunkeln zusammensitzen, gibt es die Andacht seliger Mystifikation. Auch die Linien der Hände, der Finger sind von derselben erstaunlichen Gleichheit. Oft, wenn sie, was er so liebt, ihm in der Dämmerung Gesellschaft leistet, bittet er sie, ihm zu erzählen und immer zu erzählen, und dabei fährt er streichelnd über ihre Hand, und seine 63 Nerven zittern der Beseeltheit dieser vertrauten und geliebten Züge nach, die ihm nicht sterben können, die ihm geblieben sind.

Und ganz anders noch als bei Suse wacht bei ihm eine hellseherische Eifersucht über Helga. Er hat es längst heraus, wie der junge Direktor, dieser Pionier und Eroberer, auf ihren Frauensinn einwirkt. Und daß die Feindschaft der beiden Häuser die bekannte Macht eines neuen Reizes übt. Soll er durch sein Bekämpfen diese Macht verstärken? Wenn hier das Natürliche sich begibt und das Selbstverständliche sein Recht fordert, hat er, der Alte, nicht fein stille zu halten?

»Vater,« sagt Helga jetzt, »von deinem Wunsch, er möchte dir Herrn Hillebrandt schicken, war der Doktor nicht sehr begeistert. Vielleicht, daß er diesem Auftrag sich nicht unbedingt gewachsen fühlt. Ich kenne Herrn Hillebrandt nicht näher, aber einer Dame wird er eine solche Bitte gewiß nicht abschlagen. Wie wäre es, wenn ich jetzt auf meinem Nachmittagsspaziergang bei ihm vorspräche?«

Nun schüttelte Vater Karsten doch den Kopf. »Das kommt mir denn doch reichlich abenteuerlich vor. Wir verkehren nicht miteinander, er hat keinen Besuch bei uns gemacht –«

»Ach, Vater, soll uns das wesentlich sein? Mir hat es immer so gut gefallen, daß in England die Damen zuerst grüßen. So mache ich also auch hier 64 den Anfang und zeige ihm damit, daß er uns willkommen ist. Im übrigen, ich kann wohl sagen, daß ich auf ihn neugierig bin.«

Helga begab sich nach zärtlichem Abschiedskuß unverzagt und zielsicher auf ihren Weg.

Karsten sann hinter ihr her. Und ein Gedanke hellte ihn auf. Marten Hillebrandt – oh, er konnte sich schon denken, daß der auf Frauenherzen Eindruck machte! Gerade auf solche, die nicht Äußerlichkeiten entgegenflattern. Und sagte Helga nicht selbst, daß sie gespannt auf ihn sei? Jetzt, als den ehestiftenden Vater und Papa, lachte er sich aus. Und doch – der Wunsch lebte in seiner Brust, daß Marten als Widerpart den andern aus dem Felde schlüge. Daß sein Mädel ihm nicht unter die Maschinen geriete, daß sie verbliebe in seinem seelischen Bezirk.

 

Marten im Arbeitskittel streifte durch sein Gefilde, hinein in die sinkende Sonne. Den Eichenhag ließ er hinter sich, den Abhang säumte ein Strahlenkranz von erblühendem Ginster, vor ihm lag der Moorstreifen, durch den die strittige Grenze gegen Eekenkamp lief.

Aber ihn kümmerten nicht Grenze und Grenzstreitigkeiten. Versenkt war er und hingegeben in die Frühlingspracht seines Eigen. Da um ihn und vor ihm, in Sträuchern, auf Wiese und Rain, wie wob und wehte das blühende Gefieder! Ein 65 Flammenanbeter stand er vor den Ginsterbüschen. Planta genista, deinetwegen liebe ich die Plantagenets, die im Wappen dich führen – auch ich hätte als Helmzier dich erkoren!

Und nun da vor ihm das Moor! Kaum war ihm etwas von seinem Jugendland mehr ans Herz gewachsen als diese Gründe. Woher sonst hatte seine Kindheit so wonnesames Grauen und so herrliche Schauer sich geholt?

Wo gingen so viel Geister um wie hier, so viele Nebelfrauen und Spukgestalten, so viele irrende Lichter und tanzende Flammen? Und dann erst die Stimmen und Rufe des Moors! Das Kläffen und Gebelfer, das Grunzen und Blasen, das Kreischen und Trompeten, das Quarren und Schnurren und Plärren und Schnalzen und Quienen – wenn sich der kleine Naturforscher in der Tageshelle auch Rechenschaft darüber ablegte, was für Kehlen diese Geräusche lieferten, daß Füchse und Sauen, daß Eulen, Käuze, Kraniche, Nachtschwalben und Himmelsziegen hier herumwirtschafteten – am Abend kuschelte sich der Träumer doch wieder in die Gruselwelt der Kobolde und Unholde ein.

Fährten liefen hier über den feuchten Boden eines kleinen Rinnsals. Kein Zweifel, Freund Reineke hatte hier geschnürt. Ob der alte Röhrenbau unter der einsamen Föhre, die dort auf dem Sandhügel Wache hielt, noch immer oder wieder bewohnt war? 66

Den Füchsen verdankte Marten seinen ersten künstlerischen Erfolg. Wie oft hatte er als kleiner Kerl indianerhaft auf dem Bauch durch das hohe Gras kriechend die Höhle beschlichen und die Spiele der zärtlichen Mutter Fähe mit ihren tapsig rollenden Jungen belauscht! Das innig Gesehene hatte er dann in seinem Zeichenheft nach der Erinnerung hingeworfen, ja, ein paarmal war es seiner Vorsicht und List gelungen, dieses scheueste Naturleben unmittelbar mit dem Stift zu skizzieren. Hier war er zuerst, von einer Offenbarung durchzittert, seiner Kraft sich bewußt geworden, und darum verband ihn eine gewisse Seelenfreundschaft mit diesem am meisten angefeindeten und verfolgten unsrer Tiere.

Jetzt traf er auf Losung, seine Freunde waren also da. Wieder wollte er zu geeigneter Zeit als stiller Beobachter an ihren Traulichkeiten sich freuen. Er fühlte plötzlich das Verlangen, diesen Geheimnissen in plastischen Gruppen von Holz oder Ton Form zu geben.

Plötzlich durchzuckte es ihn messerscharf: hier will ja Brünne das Weidrecht üben! Oder hat sie gar schon unter seinen Schützlingen gewütet? Um den Frieden seiner Knabenseligkeit war es geschehen. Und er blickte hinüber nach Eekenkamp, das sein einst war, wie in feindliches Land.

Land – mein Land! Das waren die Augenblicke, wo man die Geschichte der Völker so gut begriff, ihre 67 blutigen Kriege, ihre Kämpfe bis zur Vernichtung. Und Blutleidenschaft brauste ihm im eignen Hirn.

Vor ihm brannte lichterloh Brünnes Gestalt. Der Wirbel eines Feuerzaubers, der ihn zugleich anzog und von sich stieß. Was willst du in meinem Dasein? Das von jetzt an Ruhe sein soll und heimselige Stille. Ich habe genug gesehen, erfahren, erlebt und mich geschunden. Meine Jahre sind so gedrängt voll, daß sie in das Kalendermaß sich nicht fügen. Ich bin ein alter Mann.

Weit geht der Blick über die Breiten. Dahinten sind sie beim Rübensäen. Und jetzt in der harten hellen Mailuft reißt eine Gestalt, schwarz gegen die Sonne, wie ein Scherenschnitt sich heraus: eine Reiterin, Brünne ist es, die nach der Feldarbeit sich umtut.

Tüchtig ist sie, fleißig, und er weiß, sie muß sich bitter quälen. Ihre Tapferkeit will wieder in seinem Herzen Raum gewinnen. Aber wieder schrillen die Töne ihrer Herrschgier und einer schier triebmäßigen Unterjochungslust ihm in Ohr und Hirn. Er spürt ihren Fuß, wie er nach seinem Nacken sich hintastet. Da ist es um ihn geschehen. Jäh wendet er sich von der Silhouette da über dem Rübenfeld und geht still den Weg an den Ginsterhängen entlang.

Hier kommt eine Frau ihm entgegengeschritten. Die sinkende Sonne strahlt voll auf ihre Gestalt. Und wieder erschrickt er wie vor einer Erscheinung. Wieder ist es die Figur, die Musik dieses weichen 68 schmiegsamen Ganges, die ihn hineinbannt in seine schmerzensreichste Vergangenheit.

Aufatmend erkennt und begrüßt er Helga, ein wenig verlegen nicht bloß ob seiner schäbigen Erscheinung – auch mit einem gewissen Erstaunen hat er fertig zu werden.

An seiner Unsicherheit aber wächst in ihr selbst eine Scheu empor, und leicht errötend sucht sie nach Worten. Daß sein Auge an ihr sich entzückt, macht sie nicht zungenfertiger. Aber allmählich kommt ihre Rede doch in Fluß. Von dem Unfall ihres Vaters erzählt sie, daß er, zum Liegen verurteilt, nach Gesellschaft sich sehne, daß er gerade gern mit ihm, Marten, einmal über die örtlichen Verhältnisse sich aussprechen möchte.

Eine Auszeichnung, ganz gewiß, die durch die Überbringerin noch höheren Wert bekam. Leichter und lichter wurde die Wucht seines Gesichts und seines Auges unter dem warmen Ton ihrer Einladung. Die Einsiedlerschale fiel von ihm ab, er war der gesellige Kulturmensch. Und jugendliche Schnellkraft federte in ihm. »Wenn ich heute gleich mit Ihnen gehen darf, gnädiges Fräulein! Natürlich hätte ich in Ihrem Hause schon meine Aufwartung machen müssen. Aber ich habe nun mal die Anmaßung meiner Formlosigkeit. Und da Gezwungenes auch Ihnen nicht liegt – ich freue mich, daß jetzt eine so schöne Gelegenheit mir die Hand reicht.« 69

Sie näherten sich dem Mühlenhaus. »Wenn ich Sie bitten darf einzutreten. Daß ich erst meiner Kluft mich entledige.«

»Soll ich wirklich in das Heiligtum? Ehrenfried, so gut wir uns kennen, hat immer so getan, als dürfe niemand hinein.«

Sie nahm in der Wohnstube Platz und vertiefte sich mit derselben Hingabe wie Arnulf jüngst in die Modelle und Skulpturen.

Marten war schnell umgezogen. Er sah ihre Andächtigkeit. Sie wollte etwas sagen über die Bildwerke und hatte Fragen auf dem Herzen. Da gewahrte sie in seinem Auge wieder diese düstere Scheu. Sie fürchtete sich, an etwas zu rühren, das vielleicht eine geheime Schatzkammer war.

Als sie zusammen in den Frühlingsabend hinausschritten, beschwingte er sich leichter und ward zum unterhaltsamen Gesellschafter. Die Wirkung jung-schöner Weiblichkeit, die sich ihm freundlich erwies – er kannte sie wohl und leugnete nicht ihre Macht. Und nun dieses Mädchen gar, das aus den Schrecken einer Erinnerung als Lichtgestalt sich herausgehoben hatte.

Sie traute sich nun auch zu fragen. Nach seinem Leben, nach seinem Aufenthalt in den Tropen. Und er sprach davon, freier und unbefangener als sonst. Bezog sich auch mitteilsam auf die plastischen Entwürfe, die sie in seinem Zimmer sich besehen hatte. 70 Erzählte von den großen Töpfereien und der Porzellanfabrik des deutschen Landsmannes in Peru, wie der in den künstlerischen Motiven für seine Schalen, Henkelkrüge, Vasen mit den uralten Überlieferungen der Inkakultur Fühlung genommen hatte.

Dann, auf Helgas Frage nach den Inkas, gab er ihr ein Bild von dem Reiche der Sonnenkinder, von ihren gewaltigen zyklopischen Bauten, der Architektur ihrer mit Goldplatten gedeckten Tempel, ihren großartigen Bewässerungsanlagen, ihren unerhört kühnen gepflasterten Straßen, die vor keinen Felsenhöhen und Talschluchten zurückschraken. Anderswo, in Ägypten, in China hat die Despotie mit tyrannischer Ausnutzung der Menschenkräfte ähnlich Gewaltiges geschaffen – hier im Sonnenreich, wo eine sanfte Religion die Gemeinschaft alles Eigentums predigte, war freudige Freiwilligkeit die Schöpferin. Und dabei standen Herrscher mit größter Machtfülle an der Spitze des Staates. Der in der Geschichte wohl einzige und beispiellose Fall einer kommunistischen Monarchie.

Gefesselt hörte sie ihm zu. Von der Genugtuung durchströmt, daß dieser »Schweiger« vor ihr so sprechen konnte. Wie lebte und blühte der verschlossene Mann an ihrer Seite auf!

Und so brachte sie ihn in leuchtender Umgänglichkeit zum Vater, der heute kaum auf sein Kommen gerechnet hatte und dem er, nach den Eindrücken des 71 ersten Beisammenseins, in dieser Verfassung keine geringe Überraschung war.

Das Gespräch riß nicht ab. Marten war und blieb der Gebende. Hier beim Professor kamen nun Fauna und Flora an die Reihe. Die Urwälder, die unermeßlichen, von keiner Erwerbssucht, von keiner Industrie beengten und gestörten Naturschutzgebiete – wie ging Karsten Wittenborn das Herz auf, um dann schmerzlich sich zusammenzukrampfen.

Versagte Martens Schilderungskraft vor dem Zauber des Urwaldlebens – wer könnte ihn auch in Worte fassen? – so hatte er doch mit allerlei Daten aufzuwarten, aus denen der Professor seinen Teil sich entnahm. Von der wunderbaren Abstufung der Pflanzenwelt sprachen sie: wie die alpinen Formationen des Andengebietes in der Punaregion von den Gräsern, Tolasträuchern, Steinbrechgewächsen, zwischen die verschiedene Kakteen eingestreut sind, abgelöst werden. Bis dann die Tropengewächse herrschen: die Farnbäume, die Pisangs und Palmen, die Ananasbromelien, die üppig und farbentrunken schmarotzenden Orchideen.

Helga hätte kein Weib sein müssen, hätte sie nicht die Gefahren des Urwaldes heraufbeschworen und sich erkundigt, welche der Gast bestanden.

»Mit Jagdgeschichten kann ich ganz und gar nicht aufwarten,« sagte Marten schlicht und mit leichtem Lächeln dabei. »Soviel ich weiß, passieren immer nur 72 Jägern von Geblüt diese grauslichen Begebenheiten. Da ich nun ganz und gar nicht Jäger bin, habe ich Dispens von solchen Erlebnissen. Einmal ist mir ein Jaguarweibchen sehr mißtrauisch und bösartig auf den Fersen gewesen, aber da ich ihm und seinen Jungen nichts tun wollte und nichts tat, tat es mir auch nichts.«

Treuherzig dachte er: ich muß nun schon bei der Wahrheit bleiben – wenn ich auch die Anwartschaft, geliebt zu werden, weil ich Gefahr bestand, mir so verscherze. Dann ging er dem Sachverhalt weiter nach. »Ob hier nicht zwischen Mensch und Tier ganz eigne Gefühlszusammenhänge walten, in deren Geheimnisse wir noch tiefer eindringen müssen?«

Damit streifte er ein Gebiet tierpsychischer Vorgänge, für das Professor Wittenborn besonders viel übrig hatte. Sie blieben zusammen, Marten mußte bei ihnen zu Nacht essen.

Es wurde eine stille Freundschaft geschlossen. Ein paarmal neigte sie noch der Bundes- und Kampfgenossenschaft zu. Aber Helga sorgte fein dafür, daß die Argillawerke nicht herangezogen wurden und daß das rote Tuch im Kasten blieb.

Karsten aber sah mit innerstem Behagen, wie gut Marten und Helga sich verstanden und sich vertrugen. Mehr als einmal kam es zwischen ihnen vor, daß sie, wenn er nach einem Ausdruck suchte, ihm einhalf und er dankbar dazu nickte: So gut hätt' ich 73 selber es nicht sagen können. Und der Vater sann, ob hier nicht wirklich des gefährlichen Direktors Macht über Helga so etwas wie ein Gegengewicht fand.

 

Brünnes Ungeduld hatte wieder umsonst nach Marten ausgeblickt, der die grundbuchamtlichen Feststellungen für die Grenzregulierung machen wollte. Unritterlich schalt sie diese Gegnerschaft. Wie anders verhielt sich der Direktor der Argillawerke zu ihr, mit dem sie doch regelrecht auf dem Kriegsfuß stand, weil sie sich der Landeroberung widersetzte. Trotzdem hatte ihr Neuber freundwilligst zwei Monteure zur Ausbesserung ihrer sehr fürsorgebedürftigen Maschinen überlassen.

Marten – er war ihr wie eine Hoffnung gewesen. Nun war er ihr eine Qual, ein Grimm, ein Groll und ein Haß. Dann weidete sie sich an dem Gedanken, daß sie die Hand zum Todesstreich gegen ihn und seine Mühle heben konnte. Sie lechzte nach der Stunde, wo sie ihm den Untergang androhen würde – und genoß wieder all die Reize der Galgenfrist, die sie ihm noch vergönnte. Oh, er sollte ihr auf die Knie! Säße ihr selber nur nicht das Messer an der Kehle! Aber an der eignen Not wuchs nur ihr Zorn.

Eine Hypothek war ihr gekündigt worden. Sie wußte sich keinen Rat. Peter Kawel, der Administrator, mit dem sie alles lang und breit überlegte, schlich alt und verzagt umher. Dies Unglück war 74 nicht allein gekommen. Der Rotlauf wütete unter dem Schweinebestand von Eekenkamp. Es war eine Cornwall-Kreuzung. Für schweres Geld hatten sie vor zwei Jahren die neuen Zuchteber angeschafft. Die angestrebte größere Seuchefestigkeit war ausgeblieben.

Brünne hatte zu Jörg geschickt, dem Freund, nach dem sie in all ihren Nöten rief. »Sie sollen mir nicht die Schweine kurieren. Mir selbst in meiner Bedrängnis sollen Sie raten.«

Gleichwohl nahm er auch der kranken Tiere sich an. Das Ressort des Landarztes ist nicht so eng begrenzt. »Hat Roller nicht geimpft?«

»Nein. Er war sich über die Behandlung nicht klar. Der Mann hatte wieder einmal stark gefrühstückt.«

Das war Theobald Roller, dem sonst vortrefflichen Kreistierarzt, zum Verhängnis geworden. Im Gegensatz zu Peter Kawel hatte er mit dem Blauen Kreuz weniger im Sinn als mit dem »blauen Zwirn«, dem landesüblichen und über die Landesgrenzen berühmten Kornbranntwein. Und seine amtliche Stellung war längst erschüttert.

Jörg wollte selber Schutzimpfungen vornehmen und schickte sofort einen berittenen Boten zur Apotheke.

Brünne drückte ihm dankbar die Hand. Und nun sprach sie ihm von ihrer Geldnot. »Wo hol' ich die siebzigtausend Mark her? Mein Latein ist zu Ende. 75

Warum haben Sie kein neues Serum erfunden, Doktor? Und es gehörig industrialisiert!«

Jörgs kluge Stirn legte sich in Furchen. Seinem Nachsinnen bot sich nur ein Ausblick. »Die einzigen, die hier Geld haben, sind die Argillawerke.«

Groß taten Brünnes Augen sich auf. »Ja, meinen Sie ernstlich, daß ich mit denen mich einlassen soll?«

Nun überlegte Jörg scharf und klar. »Es kam mir so oberflächlich in den Sinn. Aber jetzt meine ich, es wäre zu überlegen.«

»Nein, nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Davor schreck' ich denn doch zurück. Qui mange du pape, en meurt. Wenn man denen den kleinen Finger reicht, nehmen sie die ganze Hand. Die haben nun mal ihre Absichten auf Eekenkamp – nein, nein!«

In Jörg ging noch mehr um. Hier waren so mancherlei Wolken, und sein heller Sinn wollte Licht. Geradeaus sagte er: »Und wenn die Mühle hier ein Wort mitzusprechen hätte –?«

»Wie?« Sie fuhr zurück. »Die Mühle –?«

»Sie wissen immer noch nichts Näheres über die Vermögensverhältnisse Ihres Schwagers?«

»Nein!« In dem Ton lag: die gehen mich auch ganz und gar nichts an.

»Mir schießt soeben durch den Kopf, was Mutter Hackpoot mir erzählte, als ich gestern da im Dorf meine Krankenbesuche machte.« 76

»Nun?« Aufmerksam war sie doch.

»Die Alte behauptet steif und fest, ihr Marten, wie sie sich ausdrückt, hätte große Schätze von drüben mitgebracht. Möglich, daß ihr Hausgenosse, der alte Fahrensmann Dörrschlag, ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt hat – in dessen Seemannsgehirn spukt Peru immer noch als das Goldland herum. Möglich aber, daß ein Körnchen Wahrheit in ihren Vertellens ist.«

»Und was kümmert mich das?« Jetzt sprach Brünne es aus. »Ehe ich zu meinem Schwager gehe – glauben Sie, daß der nicht auch auf Eekenkamp seine geheimen Absichten hat? Aber«, und nun glomm wieder der grünliche Funke in ihrem Auge, »zwingen könnt' ich ihn vielleicht. Die Pistole könnt' ich ihm auf die Brust setzen.« Doch es mußte wohl etwas in diesem Gedanken sein, womit sie selbst nicht fertig wurde. Plötzlich bog sie um und sprach in anderm Ton: »Ehe ich den Weg zu ihm machte, tausendmal eher würde ich mich an die Werke wenden.«

Jörg, bei aller Erregung, schmunzelte in sich hinein. Da ich Marten halb unbewußt ausspielte, scheine ich einen glücklichen Schachzug getan zu haben. In der Tat, eine Hilfe der Argillawerke wollte ihm immer annehmbarer erscheinen. Und er zauderte nicht, seine Auffassung auseinanderzusetzen.

»Hypothek ist Hypothek – nicht mehr und nicht 77 weniger, was riskieren Sie also? Solange Sie Ihre Zinsen bezahlen, kann der Gläubiger Ihnen nichts tun. Freilich, wenn Ihnen für den äußersten Fall der Gedanke, daß der Besitz an die Werke fallen könnte, unerträglich ist –«

Sie stutzte auf. »Warum eigentlich? Ich glaube, daß ich da denken würde: nach mir die Sintflut.«

»Nun, dann! Dann halte ich es doch für sehr geraten, nach dieser Seite hin Fühlung zu nehmen. Wenn ich einmal auf den Busch klopfen soll –«

Sie ging darauf ein, mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn beglückte, um dann wieder in der Freundschaftspflicht und der Freundschaftsforderung ihn einzuengen, seinen Zartsinn zu bedrücken und ihn zu erkälten.

Aber sein Verantwortungsgefühl hob sich. Was sagte sie da vorhin wieder von Gewaltmitteln, die sie gegen Marten an der Hand habe? Das war unbehaglich, bedrohlich, unheimlich bei ihrem Temperament. Auch hier mußte er Klarheit schaffen. Und er fragte ohne Umschweife.

Sie flammte auf. »Ja, es ist so. Ich hab' ihn in der Hand. Ich kann ihm morgen seinen Mühlenbetrieb stillegen.«

Jörg fuhr zurück und schüttelte kräftig den Kopf. »Warum spielen mit solchen Dingen?«

»Spielen? Erlauben Sie! Es handelt sich hier im Grunde um eine sehr ernste Erwerbsfrage. Und da 78 ich nicht die geringste Veranlassung habe, ihm ein Opfer zu bringen –«

Jörg sah sie groß und fragend an.

»Warum sind die Eekenkamper Fischteiche nicht im Betrieb?« hielt sie ihm vor. »Die Karpfenzucht hat hier einmal schöne Erträge abgeworfen. Und ich muß doch weiß Gott jeden Pfennig zu Rate halten.«

Jörg war gleich im Bilde. »Die Teiche würden von dem Bach gespeist werden, und für die Mühle bliebe dann nicht genug Wasser übrig.«

»So ist es. Wie Kawel mir auseinandersetzte, besteht der Boden der Teiche an der einen Seite aus Quarzsand und Kiesgeröll, wir haben hier den reinen Kiesfilter. Das Wasser sickert so einfach nach den tiefer gelegenen Wiesen durch.«

»Die Mühle hat aber doch ihre Rechte auf den Bach.«

»Ich darf ihn nicht ableiten. Wo aber steht geschrieben, daß ich ihn aus meinem Gebiet nicht zur Füllung von Teichen verwenden kann? Wenn er nur seinen Abfluß behält.«

»Den würde er aber doch nicht behalten.«

»Gewiß würd' er das.«

»Aber nicht in dem ausreichenden Maße.«

»Dies ist nicht meine Sorge.«

»Gnädige Frau, Sie denken nicht im Ernst an so etwas.«

»Warum nicht? Ich kämpfe um meine Existenz.« 79

»Und ginge es für Marten nicht, materiell oder ideell, um ganz dasselbe?«

»Nun gut! Wo so hart im Raume die Existenzen zusammenstoßen, da heißt es eben: der eine oder der andre!« Sie schrak nun doch wohl vor dem Letzten zurück. »Warum hält er nicht Frieden!« Und es klang etwas von einer schmerzlichen Klage hindurch. »Es hätte ein so gutes Einvernehmen sein können.«

Für Jörgs Ohr bebte es darin wie ein sehnsüchtiges Verlangen.

Dann warf sie wieder alle Weichheit von sich. »Was daraus werden wird, liegt an ihm!« stieß sie rauh hervor.

Jörg aber fühlte, daß für heute wenigstens jede Einmischung von Übel war. Er hatte hier auch genug mit den eignen Empfindungen zu tun. Die Frage Marten wurde mit schneller Hand ausgeschaltet. Jörg wandte den klaren Blick zu der Forderung des Nächsten. »Wenn Sie also wollen, spreche ich vorbereitend mit Direktor Neuber über die Hypothek.« Und wieder konnte er von ihrem Händedruck sich durchrieseln lassen. Wenn aber von daher die Hilfe kam, wenn Brünne wieder frei aufatmen konnte, dann würde diese verhängnisvolle Mühlenbachangelegenheit hoffentlich begraben sein.

 

Am selben Abend noch sprach Jörg mit Direktor Neuber. 80

Arnulf besann sich nicht lange. Er sagte zu, das heißt, er griff zu. »Natürlich beschaffe ich das Geld. Die Werke müssen das Vorkaufsrecht auf alles Gelände ringsum haben. Ein Recht, das natürlich platonisch bleibt, wenn nichts Positives dahintersteckt.«

Und Jörg dachte: Hab' ich nun nicht doch geholfen, ein Einfallstor für die Eroberung herzustellen? Dann aber kam wieder die Beruhigung. Entweder Brünne hält sich oder sie hält sich nicht. Und wie hatte sie selbst gesagt? »Nach uns die Sintflut.«

Am nächsten Tage machte Direktor Neuber Brünne seine Aufwartung. Das Geschäftliche wurde erörtert, klargestellt, erledigt.

»Meine gnädige Frau, wenn ich dann noch einen persönlichen Wunsch aussprechen darf. Es ist selbstverständlich, daß dies Persönliche mit unsern sachlichen Abmachungen nichts zu tun hat, daß weder Ihr Ja noch Ihr Nein sie irgendwie berührt.«

Er ist nun mal ein anständiger Kerl, dachte sie. Ein andrer hätte vielleicht die umgekehrte Reihenfolge walten lassen. Oder ist diese Vornehmheit eine besondere List? Will er mich so erkenntlich und dankbar stimmen? »Um was handelt es sich?« Sie zeigte sich entgegenkommend, wenn auch gehalten.

»Ich bin Jäger, Forstmeistersohn, aus alter Forstmannfamilie, auf Wasserjagd bin ich besonders aus. Die könnte ich nun auf unserm dem Staate abgekauften Gelände haben. Aber ich möchte nicht gern 81 dem Professor, der sich hier ein Naturschutzgebiet zurechtgeträumt hat, zu viel um die Ohren knallen. Sie haben Moorland, einen kleinen See darin. Auch eine Jagdhütte steht da, allerdings ist sie einigermaßen verfallen. Wollen Sie mir die Jagd auf Ihrem Gut verpachten?«

Gleich sah er die Funken des Widerstandes sprühen. »Die möcht' ich nicht aus der Hand geben.« Das war ehrlich gesprochen, und er schätzte die Offenheit. »Aber ich will Ihnen gern erlauben, bei mir auf Wasserwild zu schießen. Daran liegt mir selber am wenigsten.«

»Das ist sehr liebenswürdig, meine gnädige Frau, und ich mache dankbar davon Gebrauch. Das erlegte Wild gehört selbstverständlich Ihnen. Und dann würde ich die Hütte wieder instand setzen lassen.«

»Das kann mir nur recht sein.«

»So werd' ich also morgen Leute dazu herüberschicken.«

»Ein Wort noch über das Jagdrevier.« Unmut zog ihre Stirnhaut. »Dort im Moor sind die Grenzverhältnisse nicht klargestellt. Die Mühle macht Ansprüche geltend, wenn sie für die bisher auch keine Berechtigung nachgewiesen hat.« Und da Arnulf im Gehen war: »Ich muß jetzt eben nach den Torfarbeiten auf meiner Seite mich umsehen. Wenn Sie mich begleiten wollen, zeige ich Ihnen den strittigen Streifen. Sie könnten sonst leicht auf dem 82 Pirschgang Ungelegenheiten haben. Mit dem Mühlenbesitzer ist nicht zu spaßen.« Durch diese letzten, leicht gesprochenen Worte schwirrte es wie Hohn.

Arnulf wies seinen Chauffeur an, ihn dort unten am Moorrand zu erwarten. So schritten sie beide in den sonnigen Spätnachmittag.

Wie ein Knistern von Lichtfunken ging es durch Brünnes Haar. Ihre sonderliche Schönheit wirkte stark auf ihn ein. Und doch wurde er im Innersten nicht warm. Es war dies Heftige, dies Fordernde, dies Stakkato ihrer Art, vor dem er zurückscheute und sich selbst verschloß. Er mußte an Helga denken, an das weiche Blühen ihrer Augen, die den samtenen Schmelz der Blumenblätter haben, an ihres ganzen Wesens warmquellende und innig leuchtende Fülle, an die süße Reife ihres fraulichen Werdens . . . Aber Respekt hatte er vor Brünne! Wie sie mit den Leuten sprach, die Anordnungen, die sie gab – alles hatte Hand und Fuß. Und man folgte ihr willig, der beste Beweis, daß sie den rechten Ton traf, daß sie ihren Kram verstand, daß sie die Führerin war.

»Bis hier ist unzweifelhaft Eekenkamper Land. Darüber hinaus ist Vorsicht nach der andern Seite geboten.«

Wieder schrillte der Ton, da sie von der andern Seite sprach. Arnulf horchte auf. Hier waren besondere Empfindungen und Vorgänge am Werk. Er dachte an Marten und rief sein Bild. Es leuchtete 83 ihm ein, daß gerade das Schwere und Dunkle seines Wesens stark auf leidenschaftliche Frauen einwirkte. Und warf hier ein Kampf nicht seine Flammen?

Auf der Hügellehne gegen den östlichen Horizont hoben zwei Gestalten sich ab. Er zuckte leicht zusammen – erkennen konnte er sie nicht, aber sein Gefühl schlug an. Nun nahm er sein Glas, und jetzt sah er: Marten war es mit Helga Wittenborn.

Brünnes schärfere Augen, in dieselbe Richtung gelenkt, hatten die beiden sofort erfaßt. Auch über sie ging eine leichte Bewegung. Und die mündete zusammen mit dem, was durch Arnulf hinbebte. Dieser Gleichklang aber stärkte die Empfindung in beiden. Zu einer Art richtiger schmerzlicher Eifersucht schwoll sie an, in ihr wie in ihm.

Die zwei blickten forschend an sich hernieder, verbargen sich dasselbe – und durchschauten ihr gleiches Versteckspiel. Dann stürzten sie sich beide in die Sachlichkeit.

»Ich bin also unterrichtet, gnädige Frau. Und werde mich vor Wilddiebereien hüten. Wenn man hierfür auch nie gutsagen kann. Und das Schriftliche schicke ich Ihnen durch Boten.«

In dem Händedruck war nun doch etwas von dem gleichen seelischen Erlebnis und fast eine Art Bundesgenossenschaft. 84

 

Arnulf stieg in sein Auto. Er wurde in den Werken gebraucht und war jetzt ganz der Pflichtmensch. Nach dem Paar, seinem Wege und seinem Ziel blickte er sich nicht weiter: um. Er wollte, wollte nicht auskundschaften. Aber zu restloser Klärung, zu eigner Entscheidung drängte ihn dieses Begegnis.

Da, von einer Wegkreuzung aus sah er Helga allein, offenbar auf dem Heimweg begriffen. Er ließ halten, stieg aus und schritt ihr entgegen.

»Wie denken Sie über meinen Wagen, gnädiges Fräulein?«

»Wenn Sie mich ein Stück mitnehmen wollen –« Ihr Blick, ihre frohe Zusage stimmten ihn glücklich. »Vater wird sich freuen, wenn ich bald wieder zu Hause bin.«

»Ich hörte von dem Unfall Ihres Vaters. Wie geht es ihm?«

»Viel besser.«

Sie stieg in den Wagen, er setzte sich neben sie. Langsam fuhren sie den Feldweg, sie konnten sprechen.

»Den Mut, mich nach Ihrem Herrn Vater umzusehen, brachte ich nicht auf,« erklärte Arnulf.

»Das zeugt stark für schlechtes Gewissen.« Er machte ein gescholtenes Gesicht. »Kommen Sie ans Eekenkamp?«

»Ja. Sie kriegen so einen taktischen Blick,« scherzte er. 85

»Wieso?«

»Als glaubten Sie, ich wäre auf einen Beutezug ausgewesen. Oder wollte eine neue Kampffront zustande bringen.«

»Das kann man bei Ihnen nie wissen.«

»Ohne eine ausgesprochene Mächtegruppierung wird es natürlich nicht abgehen.«

»Über so etwas sprach ich eben gerade mit Herrn Hillebrandt, der Vater besucht hatte. Sie können sich nicht wundern, daß die beiden Stellung gegen Sie nehmen und sich gegenseitig den Rücken stärken.«

»Das wundert mich auch nicht.« Ihre Offenheit machte ihn froh. Und klang dies nicht fast danach, als ob sie selbst an diesem Bunde nicht teilnahm, als ob sie zum mindesten sich neutral verhalte?

Freilich, was sie jetzt sagte, machte ihn nun wieder stutzig. »Um Herrn Hillebrandt tut es mir besonders leid. Er hat das Gefühl, daß er planmäßig zwischen zwei Feuer genommen werden soll.«

»Hm! Und nun glauben Sie, mit solchem Feldzugsplan hängt mein Besuch in Eekenkamp zusammen.«

»Das liegt doch sehr nahe.«

Es durfte nichts Trübes bleiben zwischen ihnen. Schon kamen sie an den Fußweg, der zum Hause des Professors abzweigte. Helga machte Miene, auszusteigen.

Arnulf ließ halten. »Ich darf Sie noch das Stück begleiten. Im Gehen spricht es sich besser.« 86

Und nun ließ er sich über Marten aus, ehrlich und licht. »Für meine Sache bedaure ich nichts mehr als diesen Gegensatz zu Herrn Hillebrandt. Wer seine Skulpturen gesehen hat, weiß, daß er der Mann für die Argillawerke ist. Der Mann, sie auf Weltenhöhe zu heben. Und wenn es nicht im Grunde eine Marotte wär', daß er als Müller hier herumscharwerkt –«

»So dürfen Sie es nicht nennen.«

»Gleichviel. Der Künstler in ihm ist das Starke. Und das Starke kommt von selbst obenauf. Wir müssen zueinander finden. Nur sehe ich nicht klar den Weg. Gnädiges Fräulein –«

Ja, wollte er sie als Fürsprecherin haben? Es wirrte sich unter der reinen, festen Stirn, wie Wolken zog es ihm vor die Augen. Werd' ich sie so nicht vollends mit ihm zusammenführen und sie an ihn verlieren? Die vielleicht heute noch zu gewinnen ist. Die meine Liebeskraft sich heute noch erobern kann. Ich muß wissen, gleich wissen, was und wieviel das Mitgefühl für den andern bedeutet. Er holte aus: »Ich sagte, für meine Sache wäre diese Gegnerschaft des Herrn Hillebrandt das Bedauerlichste von der Welt. Für meine Person ist das Schlimmste der Gegensatz zu Ihrem Vater, zu Ihrem Hause. Und« – er nahm sie fest ins Auge –»von Ihnen muß ich hören, ob an diesem Gegensatz meine eignen Wünsche für mich, die besten, die ich habe, scheitern müssen.« 87 Er hielt eine Weile inne, sie blieb unbeweglich, ihre Augen waren nach innen gewandt, sie half ihm nicht. Schwer wurden ihm so die Worte. »Alles hängt davon ab, welchen Widerhall diese Wünsche finden – bei Ihnen, Fräulein Helga Wittenborn. Sie sind immer in meinen Gedanken – nur Sie können mein Leben, das fast nichts als Arbeit war und Arbeit ist, reich und leuchtend machen. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Daß Sie mich kaum kennen. Aber Sie kennen mich, denn viel zu kennen ist nicht an mir. Wer freilich so was wie große und besondere Tiefen braucht, der ist bei mir betrogen, denn mit dem kann ich nicht aufwarten. Und damit habe ich die innere Berechtigung, nicht auf die berühmte Überlegung vertröstet zu werden, sondern gleich um das Ja oder Nein bitten zu dürfen.«

Sie legte Auge in Auge. Aus ihrem Blick wichen die letzten Dämmer einer Versonnenheit, Klänge, die von dem Zusammensein mit Marten in ihr umgingen. Hier war eine Helle, eine sichere Kraft, die in sie einstrahlte und sie immer mehr bezwang.

Au dem Wandel ihres Auges sah er, daß er siegreich war.

Sie gab ihm die Hand. Heiß zog er sie an die Lippen. Dann sagte sie, und eine wachsende Zärtlichkeit wogte über ihn hin: »Vater soll es von mir hören, daß wir uns gefunden haben. Ich will nicht, daß Sie an Widerstand und Härte sich weh tun.« 88

»O du –!« Und wieder preßte er ihre Finger an seinen Mund, und seine ganze Liebe war um sie her.

 

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