Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Um sechs machten sie Feierabend. Marten war todmüde, er war nicht schlecht mit den schweren 29 Säcken umgesprungen, aber es hatte ihm Freude gemacht, so herumzuwirken.

Er hätte sich nun eigentlich umziehen und nach Eekenkamp hinübergehen müssen. Aber es reckte und räkelte sich so gut in der Ecke des alten Ledersofas.

Und nun kam ein Fuhrwerk auf den Hof. Der Speditionskutscher brachte sein Gepäck. Hatte aber noch eine andre Fracht geladen. Umständlich erhob sich vom zweiten Platz des Kutschbockes ein stakig langes weibliches Wesen, den Kopf in ein schwarzes Tuch gehüllt. Flügelhaft schlug sie die spitzen Ellbogen, die Glieder beweglich zu machen, dann stelzte sie, ohne vom Fuhrmann sich groß helfen zu lassen, mit einem langen Schritt vom Wagen herunter. Zielbewußt, ganz mit den Bewegungen eines alten Kranichs, knickebeinte sie auf die Haustür zu und stand dann gleich in der Stube vor Marten.

»Gu'n Tag auch! Ich wußt', Jungherr, daß Sie wieder hier sünd.« Mit knackenden Gelenken setzte sie sich unverzagt auf den ersten Stuhl. Sabine Hackpoot machte auch in Hellseherei, bedeutsam ließ sie die Augen rollen.

Marten war wie je zu ihr der Gemütliche. »Alte, ahnungsvoller Engel! Ist recht, daß du dich gleich nach mir umtust.«

Sie steckte den spitzen Kranichschnabel vor. »Seh'n schlecht aus. Alt. Und sünd doch erst achtunddreißig. 30 Neununddreißig werden Sie am siebzehnten Oktober. Hab' ich all in Kopp.«

,.Ich wollt', Sabine, ich könnt' dich ebenso beschimpfen. Aber du siehst ja aus wie's blühende Leben!«

»Das kommt davon, daß ich Dodenfrau bin. Das konseviert.« Sie machte jetzt gleich höchst unverdrossen ihren Vorstoß. »Und das eine kann ich Ihnen man sagen, wenn Sie mich jetzt immer um sich haben, denn kommen Sie auch noch wieder in Schick. Und überhaupt gehört hier jetzt in die Mühl' ein glückbringendes Wesen.«

»Und das bist du?«

»Bün ich. Hier muß erst mal mit all die bösen Geister aufgeräumt werden. Hören Sie –?« Die Dämmerung zog durch den Raum. Groß starrten ihre stechenden blanken kleinen Vogelaugen. »Hören Sie?«

»Nee.«

»Wenn Sie nipp zuhören, müssen Sie das hören! Da – jetzt wieder – das Ticken in dem Holz –«

»Ach, das!«

»Ach das? Das ist der Totenwurm! Der Totenwurm sitzt in dem Mühlenhaus.«

»Nun ja. Der sitzt in uns allen.«

Unmutig zuckten ihre Ellbogenflügel. Da kam Ehrenfried ins Zimmer. »Du stüerst uns, Ihrenfried!« fauchte sie ihn an. Er berichtete gleichmütig über das Gepäck. 31

»Laß nur alles in meine Schlafstube bringen,« sagte Marten.

»Denn helf' ich beim Auspacken,« erklärte Madame Kranich. »Du, Ihrenfried, makst dat doch vekihrt!«

Der Alte ging unerschüttert seines Wegs. Marten erkannte, daß hier jetzt ein klares Wort vonnöten war. »Lieb- und lobenswerteste Sabine, dein Besuch ist mir jederzeit willkommen. Wenn du Rat brauchst, bin ich immer für dich da. Aber wirtschaften tu' ich mit Ehrenfried allein.«

Der Schnabel pickte ein paarmal böse zu. »Na, denn man to. Ihr sollt sehen, was das mit der Mühl' und euch beiden für ein Ende nimmt.« Noch ein paar krächzende Laute. Dann glättete sich das Gefieder.

Marten fragte nach ihrem Ergehen. »Du hast ein kleines Haus im Dorf? Und Not leidest du nicht?«

»Nee, das nich.«

»Du bist nun wieder Witwe geworden. Woran ist dein Mann gestorben?«

»Jä – woran ist er gestorben –?«

»An dem, was sie hier alle kriegen – Arterienverkalkung.«

Sie sah ihn an, schwer, vielwissend und tief. »Ja, aber mit ihm hat es doch seine besondere Bewandtnis.« Sie fuhr auf und reckte den Arm wie zum Fluch. »Haben Sie die gottverdammten Schornsteine da drüben gesehen?« 32

Marten schlug ihr auf die Schulter. »Ob! Und wenn wir uns in etwas einig sind, Sabine, so sind wir es in diesem Zorn.«

Sie rückte ihm näher, wie in enger geschlossenem Seelenbund. »Da is er auf Arbeit gegangen. Da hat er für einen Sündenlohn in den Kalkbergen die Sprengungen mitbesorgen müssen. Un so is er denn richtig an Artillerieverkalkung zugrunde gegangen.« Sie hob den Kopf, oh, sie kannte die tieferen Zusammenhänge der Dinge!

Draußen setzte der Wagen sich wieder in Bewegung. »Jungherr Marten – Sie werden sich das mit mir noch überlegen. Für heute fahr' ich also zurück. Aberst ich komm' wieder.«

Höchstens als Totenfrau, dachte er. Da er aber nichts sagte, nahm sie das als Entlassung, doch mit ungestörtem Zukunftsglauben. Verabschiedete sich, stieg wie auf Stelzen zu dem vertrauten Kutschsitz wieder empor und fuhr von dannen.

Marten sah sich nach seinen Sachen um. Die Mappen mit den Zeichnungen und Skizzen lagen ihm am Herzen. Sie waren vollzählig und wohlbehalten da. Er ordnete an ihnen herum. Der Besuch in Eekenkamp war ganz aus seiner Gedankenwelt geschwunden.

 

Professor Wittenborn hatte sich vor vielen Jahren schon ein altes Fischerhaus hinter den Dünen als 33 eignen Besitz ausgebaut. Nicht nur zu Wohn-, auch zu Studienzwecken, und so hatte es sich nach und nach zu einer kleinen naturwissenschaftlichen Forschungsanstalt ausgewachsen.

Die kleine, dem Staat gehörige, hier der Küste vorgelagerte Insel, der »Holm«, war von ihm gepachtet. Er hatte dann erreicht, daß der Staat das ganze umliegende Heide- und Wiesengelände erwarb, als der Großgrundbesitz, zu dem es gehörte, zusammenbrach. Sein Ehrgeiz war, hier eine Art Naturschutzgebiet zu schaffen und eine große staatliche biologische Anstalt ins Leben zu rufen. Vorläufig wirkte er, da der Staat für eine größere Gründung kein Geld hatte, auf diesem Gelände sozusagen als Pionier, nachdem er, ein achtundsechzigjähriger Jüngling, ganz gegen Sinn und Verstand als Hochschullehrer abgebaut war.

Heute war schon früh Leben im Hause. Suse mußte nach der Stadt zurück, die außerordentlichen Grippeferien des Lyzeums waren zu Ende.

Sie räsonierte und revolutionierte nicht schlecht. »Warum behältst du mich nicht hier, Vater? Wo ich so nötig bin! Helga und den Haushalt führen – daß ich nicht lache! Unser Kleinchen ist doch ganz auf mich angewiesen! Sag' selbst – ohne mich bist du doch einfach verweht!« Und sie schüttelte mit ihren langen, sehnigen Armen die soviel ältere Schwester, die in lachender Angst sich ihrer erwehrte. »Dann 34 sorgt ihr mir auch nicht richtig für Thusnelda! Wie sah die Stute im Haar aus, als ich kam! Was ist in den vierzehn Tagen aus ihr geworden! Jöbbe hat eben bloß Sinn für das Boot.« Jöbbe, eine ehrliche alte Fischerschwarte, war der Knecht und Anstaltsdiener.

Aber all ihre Redegewalt nützte ihr nichts, der Break, in dem Thusnelda sie nach der Küstenstation zum Dampfer bringen sollte, hielt schon vor der Tür. Es war höchste Zeit.

So nahm Suse denn ihren aus Zorn und Liebe gemischten stürmischen Abschied vom Vater, verwies Jöbbe auf den Rücksitz und nahm selbst die Zügel. Helga, die sie begleitete – Suse wäre gestorben, hätte sie das nicht getan – setzte sich neben sie.

An dem Bollwerk des kleinen Hafenplatzes hält ein Auto. Der Dampfer ist schon in Sicht. Als er angelegt hat, verläßt ihn ein Herr, jung, schlank, schnittig, mit einer Aktenmappe, und nimmt den Weg nach dem Benzwagen.

Die ein wenig kurzsichtigen Augen erkennen jetzt Helga, er zieht den Hut und tritt näher. »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, find' ich Ihren Herrn Vater zu Hause?«

»Ja.«

»Und wenn ich Sie bitten darf, für die schnellere Heimfahrt über mein Auto zu verfügen! Oder wollen Sie verreisen?« 35

»Ich nicht, meine Schwester fährt ab. Sie hat aber noch so mancherlei auf dem Herzen –«

Das ist, wenn auch gehalten, doch ganz und gar nicht unfreundlich. Er aber zieht sich gleich mit einer Verbeugung zurück. Helga weiß, hätte an dem Abschied ein störender Dritter teilgenommen, Suse wäre in Raserei gefallen, wäre nicht abgefahren oder ins Wasser gesprungen.

Die ist, mit ihrem Gepäck beschäftigt, immer aber die brennenden Augen bei den zweien, im Hintergrund geblieben. Jetzt, wie eine Erinnye stürzt sie sich auf die Schwester. »Wer ist das? Was wollte der Kerl? Auto solltest du mit ihm fahren? Sein Glück, daß er sich rechtzeitig verzog. Wer ist das bloß?«

»Der neue Direktor von den Argillawerken.«

»Auch das noch! Ist es ihm nicht genug, daß er uns die Gegend hier verpestet? Was hat er mit uns zu schaffen? Eine Frechheit! Weiß er nicht, daß wir ihn samt seinen Werken zu allen Teufeln wünschen? Nun, von dem droht ja keine Gefahr. Oder doch?«

»Kind –«

»Ach, Helga – mein Kleines – der Gedanke, daß ich dich verlieren könnte!« Sie hängt sich mit Schluchzen an den Hals der Schwester.

»Du bist ja dumm! Können wir uns verlieren?«

»Nichts will ich von dir abgeben – ich will dich ganz für mich selbst behalten!« Sie preßt ihre 36 Helga, daß die am Ersticken ist. Vom jähen Pfiff des Dampfers wird die Blauangelaufene gerettet.

»Du mußt einsteigen, Kind. Also bloß noch drei Monate – dann in den großen Ferien sind wir ja wieder beisammen.«

»Bloß noch drei Monate,« keucht Suse. »Ja, dir wird die Zeit nicht lang –«

»Nun geh, geh, mein Liebes!«

Jetzt winkt Suse vom Deck. Die Tränen sind so heiß, daß sie gleich verdampfen. Lange noch weht ihr Tuch. Helga steht treu bei dem Fuhrwerk.

Nun hab' ich ganz vergessen, Thusnelda nochmal den Hals zu klopfen, denkt das Kind. Da, weit hinten, in Staubwolken, jagt das Auto. Fahr zu, Hölle! wünscht sie ihm nach. Und dann klettert sie zu ihrem Freund, dem Kapitän, auf die Kommandobrücke.

 

Der Direktor der Argillawerke, Dr. Ing. Arnulf Neuber, ließ sich bei Professor Wittenborn melden. Der Professor empfing den Besucher höflich, aber kühl.

Was konnte von der Industrie ihm, seiner Arbeit, seinem Forschungsfeld Gutes kommen?

Auch Arnulf drapierte nach solcher Begrüßung den Ernst seiner Mission nicht mit liebenswürdig leerem Behang. »Ich wünsche nicht, Herr Professor, daß Sie über das, was die Argillawerke im Auge haben, von andrer Seite zuerst unterrichtet werden. Sie 37 haben bei unsrer ersten Begegnung von ehrlicher Feindschaft zwischen uns gesprochen. An – der Ehrlichkeit wenigstens möchte auch ich festhalten.«

Karsten sah ihn prüfend an. »Das soll ein Wort sein, für uns beide.«

»Die Tonlager, die wir bearbeiten, sind auf dem Gebiet, das uns gehört, nicht zu Ende. Sie breiten sich nach Westen nur immer mächtiger aus. Hier das Gelände, das der Staat angekauft hat, ist für unsre weitere Entwicklung das Gegebene und – das, was wir haben müssen.«

»Ja, sind Sie denn unersättlich, Verehrtester?«

Arnulf zuckte die schmalen Schultern. »Da Stillstand nun einmal Rückschritt ist –! Ich komme vom Herrn Oberpräsidenten. Der Staat hat ein Interesse an dem Wachsen unsrer Werke, und der Staat braucht Geld. Auf die biologische Anstalt blickt die Provinzialverwaltung mit Sorgen. Ob so was wie ein Naturschutzpark hier überhaupt bestehen kann, ist ihr mehr als zweifelhaft. Der Kaufpreis, den wir für das Land bieten, sticht ihr sehr in die Augen. Ich glaube, der weitere Gang der Dinge ist nicht schwer zu überblicken.«

»Nein, wahrhaftig nicht. Und da die Zinsen, die Wissenschaft und Forschung tragen, in der Rechnungswelt der – beteiligten Herrschaften keine Rolle spielen, werde ich hier also mit all meinen Plänen als lästig des Landes verwiesen werden. 38 Herausgeräuchert, um in der Sphäre des Schornsteins zu bleiben.«

»Es tut mir persönlich leid, Herr Professor, daß wir Ihnen so feindlich naherücken. Aber wir haben nun mal unsre gebundene Marschroute, und ich muß sie gehen. Im übrigen würde Ihnen der Holm doch immer als ungestörtes Forschungsreich bleiben. Und dann – ich weiß, Sie sind hier Grundeigentümer. Um Ihren Besitz verspreche ich Ihnen den denkbar größten Bogen zu ziehen. Der vielleicht so groß wird, daß Sie unsre Nachbarschaft kaum als Störung empfinden. Wenn wir nämlich das Mühlengrundstück mit seinen Feldern erwerben.«

»Wenn – der Besitzer ist an Ort und Stelle. Seine Gesinnung kenne ich nicht, nach Gesinnungslosigkeit sieht er mir nicht aus. Aber wie dem auch sei – wir, Sie und ich, kämen auch so nicht aus der Kompromißlerei heraus, die das Elendeste ist von der Welt!« Karsten schlug auf den Tisch. Nun kam doch der ganze Zorn über ihn. Der freistirnige, festgemeißelte Kopf unter dem vollen, graugesprenkelten Blondhaar glühte, in Feuer standen die stahlblauen Augen.

Arnulf blieb ruhig, aber eine leichte Röte stieg in die kluge Stirn. Dann legte sich ein Lächeln um die schmalen Lippen, das leise um die feinen Nüstern versprühte. »Wohl dem, der in solcher ideellen Erhabenheit leben und sterben kann. Die niederträchtige 39 Praxis aber kommt da leider nicht mit. Sie ist nun mal auf Zugeständnisse angewiesen, wenn die nicht geradezu ihr Inbegriff sind. Aber ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Ich bin gekommen, Ihnen reinen Wein einzuschenken und Ihnen gerade ins Gesicht zu sehen.« Er verbeugte sich.

Karsten reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Direktor. Und bei unsrer Feindschaft braucht ja kein persönlicher Groll zu sein.« Es war nun doch etwas, was ihm an Arnulf gefiel. Aber seine Augen blieben voll schwerer Wolken.

Arnulf hatte die ihm gebotene Hand ehrlich und fest gedrückt. Dies letzte Wort war ganz nach seinem Sinn. Draußen begegnete er Helga, die eben vom Wagen stieg. Sie trat freundlich auf ihn zu.

»Nun – sind Sie bei Vater gewesen?«

»Ja. Aber es war kein sehr erfreulicher Gedankenaustausch.«

»Sind Sie aneinandergeraten?«

»Die alten Gegensätze – ja, die führen jetzt zum offenen Kampf.«

»Ach! Ich kann es mir denken. Sie wollen noch weiter um sich fressen und uns jetzt hier ans Leben.«

»Ich könnte mich mit der bekannten Ausflucht retten, daß ich hier ein Amt und keine Meinung habe. Wahrheitsgemäß muß ich sagen, daß sich Amt und Meinung bei mir decken.«

Sie sah ihn voll an mit ihren großen, weichen 40 Augen. Seine Klarheit nahm sie gefangen. Aber dann schoß es doch wie eine spitze Stichflamme aus ihren warmen Blicken, und ihre Worte sprühten ihn an. »Warum müssen Sie uns hier nun das Dasein unmöglich machen? Wir sind vor Ihnen hier gewesen. Und Vater hängt mit ganzer Seele an Haus und Besitz und an seinen großen Plänen. Ist denn nicht Platz genug auf der weiten Welt?«

»Platz allerdings, mein gnädiges Fräulein. Aber nicht genug Ton, auf den wir nun einmal angewiesen sind. Und nun« – in seine Stimme kam ein tieferer Klang – »wenn ich hier nicht den Kampf für die Werke führte, wenn ein andrer an meinem Platz stände – ganz gewiß würde dieser Kampf anders geführt werden. Niemand, der auf Ihren Herrn Vater so viel Rücksicht nehmen würde, wie ich es tue.«

»Rücksicht?« Sie lehnte sich auf.

»Das Wort will Sie kränken. Aber wir dürfen doch vor der glatten Machtfrage nicht die Augen zudrücken. Die Argillawerke sind nun mal die stärkeren, und sie dürfen mit ihrer Kraft nicht zurückhalten, wenn sie leben wollen. Nennen Sie es brutal, aber für die Industrie gibt es nun mal keine Empfindsamkeiten.«

»Deshalb darf ein Industrieller doch auch seine geistige Weltanschauung haben. Deshalb darf es doch Werte für ihn geben, die über den Zahlen sind. Und solche Werte schafft mein Vater.« 41

»Das eben glaube auch ich zu erkennen und – auf meine Art anzuerkennen. Und gerade deshalb werde ich, soviel an mir liegt, dafür sorgen, daß Ihrem Herrn Vater die größten Zugeständnisse gemacht werden. Wenn er selbst auch für dergleichen nichts als Verachtung hat.« Eine Bitterkeit, die aufquellen wollte, verlor sich gleich wieder in den warmen Ton. »Nichts wäre mir schmerzlicher, als wenn Ihr Haus das Amt von den Beamteten nicht trennen wollte und – wenn ich dafür büßen müßte, daß ich meine Pflicht tue.«

Sie erbebte leise. Dann sprach sie sachlicher, als sie wollte, indem sie ihre Person ganz zurückdrängte. »Eine solche Gefahr besteht nun wohl kaum. Denn niemand kann für den Pflichtbegriff ein feineres Verständnis haben als gerade Vater.«

»Daran habe ich im Grunde nie gezweifelt. Und für die Äußerung einer Besorgnis hätte ich also um Entschuldigung zu bitten.« Er bannte seine Empfindung nun doch auch in eine gewisse Förmlichkeit hinein.

Aber zum Abschied gaben sie sich ungezwungen frei und kräftig die Hand.

 

Arnulf war im Zug. Er befahl dem Chauffeur: »Nach der Eekmühle!« Auch hier wollte er das Terrain sondieren.

Marten empfing ihn in Hemdsärmeln, von Mehl 42 bestaubt. Aber er konnte Ehrenfried die Arbeit überlassen und nötigte den Besuch in die Stube.

Der Direktor fragte nach kurzer aufklärender Einleitung geradeswegs, ob das Besitztum verkäuflich sei.

»Nein.« Das war nun nicht weniger unumwunden. Und in der Abwehr war der Zorn. »Eine Frage,« fügte Marten hinzu. »Woher wissen Sie, daß hier im Boden sich die von Ihnen gewünschten Tonlager befinden? Ich will nicht hoffen, daß in meiner Abwesenheit –«

»Sie meinen, wir könnten gegen Ihren Willen Bohrungen vorgenommen haben. Darüber kann ich Sie beruhigen. Wir haben hier keine Heimlichkeiten verbrochen und Ihrem Land nicht wehe getan. Die geologischen Verhältnisse dieser Gegend sind unlängst, noch zu Lebzeiten Ihres Herrn Vaters, wissenschaftlich erforscht worden. Die Veröffentlichungen darüber sind jedermann zugänglich. Gerade Ihr Mühlengebiet aber verrät auch sonst dem Kundigen die Geheimnisse seines Schoßes. Da, südwärts der Hügellehne mit dem Hünengrab, haben schon die Alten eine Töpferei gehabt, und die wußten Bescheid. Die gefundenen Scherben, im Brand gebleicht, deuten auf den schönsten bituminösen Ton.«

Etwas Traumstarkes leuchtete in Martens verdunkelten Augen. »So wollen wir es also mit den Alten bewenden lassen. Und Sie dürfen annehmen, daß mein Besitztum so mit seinen historischen und – 43 in gleicher Weise für die Neuzeit ergiebigen Bodenschätzen mir nur noch wertvoller ist – als mein unantastbares Eigen.«

Arnulf verstand ihn wohl und schätzte seine Bodenkraft. Er sah sich um in den getäfelten Wänden, die das Alter schwarz gebeizt hatte. »Ihre ganze Mühle ist wie eine Sage,« sagte er still. Versonnenheiten indes behielten ihn nicht. »Aber steht unser Volk nicht vor der Frage, ob es sich den Luxus von Märchen noch leisten darf?«

»Märchen sind kein Luxus,« erklärte Marten beinahe heftig. »Wehe dem Volk, das keine Märchen hat! Ja, ich behaupte, es müßte daran sterben. Keine Märchen haben, heißt ohne Kunst sein und ohne Phantasie leben schlechthin.«

Arnulf wandte ein: »Geraten wir so nicht in die gefährlichen Verallgemeinerungen?« Aber er hatte schon erkannt, daß die Gefechtslage für ihn keinen Erfolg versprach. Und inzwischen entdeckten seine Augen ein paar Plastiken an den Wänden, die ihn immer lebhafter beschäftigten. Er nahm sein Glas. »Verzeihung, Herr Hillebrandt, darf ich mir das einmal ansehen?«

Die Erlaubnis wurde mit halbem Herzen erteilt. Dies hier war kein Museum, und Marten behielt seine Arbeiten am liebsten für sich.

Arnulf aber war aufs stärkste gefesselt. Daß sich neben den Holzschnitzereien auch Bildwerke aus gebranntem Ton befanden, brachte ihn in lebhafte 44 Erregung. »Oh, darf ich dieses Stück mal in die Hand nehmen?«

»Bitte!«

Arnulf beschaute, beklopfte, belauschte es und mußte es liebkosen ob seiner auserlesenen Schönheit. »Das ist kein europäisches Fabrikat.«

»Nein.« Marten gab deshalb schon Auskunft, um nicht langem Gefrage ausgesetzt zu sein. »Es stammt aus Peru. Da hat ein Deutscher große Werke eingerichtet. Ich war bei ihm eine Zeitlang tätig.« Fehlte nur noch, daß er dem Mann nun auch noch erzählte, weshalb er da fortging – welche Not der Leidenschaft ihn forttrieb und dann lange unstet machte.

»Da sind wir ja sozusagen Berufsgenossen!« strahlte Arnulf verwundert auf. »Nicht wahr, ich irre mich nicht – von Ihnen stammen alle diese Entwürfe.«

Marten nickte stumm.

»Berufsgenossen – das heißt im Künstlerischen kann ich persönlich nur mit dem großen Mund des Beurteilers mitreden.« Geradezu andächtig betrachtete Arnulf die Skulpturen, die Modelle und Zeichnungen. »Seltsam. Darin ist nun ganz und gar nichts märchenhaft Versponnenes. Das ist ja alles die erregte Kraft des Lebens, das stürmt nur so ins Dasein und in die Wirklichkeit. Und hat das heiße soziale Herz! Und wenn ich Ihnen nun das eine sage: daß unsre Argillawerke hier immerhin auch etwas 45 Menschenfreundliches tun. Daß sie der darbenden, der verhungernden Fischerbevölkerung Brot geben – ist darin nicht etwas, was Sie günstiger für uns stimmt?«

»Nein!« Es war die ganze unzugängliche, unbelehrbare und eigensinnige Hillebrandtsche Schroffheit.

Arnulf hatte für ein Anreißertum so wenig Hang wie Begabung. Aber sein Herz war zu voll, hier waren Erlebnisse, die sich auswirken mußten, und es lief über. »Was gäb' ich darum, wenn Sie, gerade Sie unserm Schaffen freundlich gesinnt wären!«

Marten hatte nur ein Achselzucken, hart war sein Mund.

»Statt dessen wünschen Sie den Argillawerken den Bankerott.«

»Aus ganzer Seele.«

In der Frische dieser Feindschaft war etwas, was Arnulf bis zur Fröhlichkeit stärkte. »Und doch ist es mir, als kämen wir noch einmal zusammen.«

»Jetzt, Herr Direktor, sind Sie der Märchenmann.«

 

Marten hatte Brünne immer noch nicht aufgesucht. Der Zorn sammelte sich in ihr an zum Zerspringen. Mehr als einmal war sie im Begriff gewesen, sich ihn zu holen, diesen »Burschen ohne Anstand und Takt.«

Gut, daß die Frühjahrsbestellung sie so in Anspruch nahm. Aber so oft sie sich an der Grenzscheide befand, 46 zuckte es in ihr, und sie wollte die ganze Mühlenheimlichkeit aufheben, wollte aufräumen mit diesem unverschämten und feindseligen Sichverkriechen.

Da, eines Abends stellte Marten auf Eekenkamp sich ein. Die Ähnlichkeit mit Wulf, das Hillebrandtsche, fiel ihr gleich ins Auge, nur war alles an ihm schroffer und herber, eckiger und härter. Gleichwohl, die Erinnerung an den Verstorbenen stimmte Brünne weich.

Und als Marten, ganz Mann von Welt, in besten Formen seine Entschuldigung vorbrachte, daß er so spät seinen Besuch abstattete, weil die Mühlengeschäfte ihn bis zur Ermüdung in Anspruch genommen hätten, da fanden sie denn bald von dem ersten gezwungenen »Sie« den Weg zum Du und zur Verwandtschaft.

Der Raum, in dem sie saßen, war Marten nur zu bekannt, aber das Vertraute war geschwunden. Ein andrer Sinn waltete hier. Geschmack hatte die neue Herrin, und das Zimmer hatte seine Seele. Aber er spürte ein Unruhiges in diesem Geist, ein Gesteigertes, fast Überhitztes. Und schmerzlicher rührte an ihn das, was er in dem Vaterhaus und mit dem Vaterhaus verloren hatte. Hart und heftig sprang jetzt der ganze Gegensatz ihn an. Er kam aus dem Gleichgewicht. Und mit fast feindlichem Argwohn blickte er auf Brünne. Er fühlte wohl eine Macht, die von ihr ausging, das Suggestive ihres fordernden 47 Willens, das in ungewöhnlichen Reizen seine Form gefunden hatte.

Ihre dunkelgraugrünen Augen hatten eigentümlichen Bronzeglanz, das goldbraune Haar flammte, alles an ihr war Leben. Auch die Sommersprossen ihrer zarten Haut lebten, und ganz nach ihrer inneren Bewegung nahmen sie hellere und tiefere Farbe an. Sein Widerstand, den sie gleich aufs feinste empfand, weckte immer mehr von ihrer eignen Gegnerschaft. Die wenn auch gehaltene Freundlichkeit der ersten Begegnung war im Verflattern. Brünne betonte jetzt gleich die Herrin und Eigentümerin und war damit in ihrem Element. Sie verlangte die schnelle Regelung verschiedener Grenzfragen, die in Martens Abwesenheit sich nicht glatt hatten erledigen lassen. Dann nahm sie die Jagdgerechtigkeit über das Mühlengelände für sich in Anspruch, deren Ausübung Ehrenfried, der »Tiernarr«, sich in geradezu bedrohlicher Weise widersetzte.

Darauf Marten sehr gemessen: »Ein Tiernarr bin auch ich, wie ich dir nicht verhehlen darf. Wäre ich es nicht, würde ich dich als Jäger auf meinem Grund und Boden ohne weiteres gewähren lassen. So aber muß ich mit Hilfe des Gesetzes deine Jagdberechtigung entschieden bekämpfen. Die dem Besitzer von Eekenkamp nur zustand, als er eben zu gleicher Zeit auch Besitzer der Eekmühle war.«

Damit war nun nichts andres als eine glatte 48 Kampfansage erfolgt, und ein wenig verdutzt blickten sich die beiden nach dieser Kriegserklärung an.

Brünne fand zuerst das Wort: »Es ist gut, daß wir keine Flausen machen, daß wir uns keine zärtliche Verwandtschaft vormimen. Nun wissen wir doch, woran wir miteinander sind.«

Sind wir das? wollte er fragen. In ihrer jachen, stoßenden, entschiedenen Art war etwas, was auf ihn wirkte. Und er mußte sich vorhalten, daß er doch wohl hier den Ton angegeben und diesen rauhen Widerhall gerufen hatte. Aber ein leises Reuegefühl darob verbitterte seine Empfindungen nur noch mehr. Gleichwohl trieb es ihn, dem Feindseligen durch weitere Aussprache wenigstens den Stachel zu nehmen. »Du wirst verstehen, daß man gerade über kleinen Besitz mit um so größerer Empfindlichkeit wacht. Namentlich wenn es sich um heimatliche Erde handelt.« Das konnte wie ein Hieb aussehen, da sie, die Zugewanderte, hier nicht verwurzelt war. Aber eine Kränkung lag eben jetzt nicht in seinem Sinn, und er ging nun mitteilsam noch mehr aus sich heraus. »Wenn man außerdem sich bis heute unstet in der Welt herumgejagt hat –! Und dieser Tage trat vor mich als Besitzer eine ernste Drohung hin: den Argillawerken jucken die Finger nach meinem Land.«

Brünne horchte auf. Sie hatte längst so was läuten hören. Mußte er nun nicht Rückendeckung bei ihr suchen? »Der Landhunger der Argillawerke ist 49 bekannt,« antwortete sie. »Die staatlichen Liegenschaften hier sollen jetzt, wie es heißt, daran glauben. Daß die Leute noch mehr wollen, sieht ihnen ähnlich. So muß der Privatbesitz in geschlossener Front ihnen einen Damm entgegenstellen.« Darin war ein Anerbieten – mußte er nicht darauf eingehen? Sie erwartete so etwas.

Er aber überhörte die Aufforderung. Unachtsam oder geflissentlich? »Wenn ich hier mehr in die Suppe zu brocken hätte,« fuhr er auf, »mein Ehrgeiz wäre es, die ganzen Argillawerke, wie sie da stehen, ins Haff zu drängen und mit Haut und Haar zu ersäufen.«

»Das ist zu spät. Bis vor kurzem standen sie noch sehr wacklig. Die Unternehmer kamen von den Gerichten nicht fort, dieser und jener mußte auch ins Kittchen – Doktor Eberwien nannte das Unternehmen eine Gesellschaft mit beschränkter Haft. Jetzt sind die Werke in andre Hände übergegangen, sind sicher finanziert, und an ihrer Spitze steht ein überaus tüchtiger junger Direktor.«

»Nichts gegen ihn! Und seine Sache versteht er wohl. Aber seine Sache ist eben das, was ich auf Tod und Leben bekämpfe.«

Sie sah ihn etwas geringschätzig an, ob der Knabenhaftigkeit, die in ihm so laut wurde. Und doch war in dieser, der echt Hillebrandtschen, für sie ein herzgewinnender Klang. »Ich fürchte, das wird ganz und gar theoretisch bleiben.« 50

Er fühlte nur das Absprechende heraus, und in den Schläfen pochte es ihm. »Allerdings gehört Weltanschauung dazu und Heimatgefühl.«

Hier war nun wieder der Pfeil, und diesmal verwundete er. Sie straffte sich. »Mit Sentimentalitäten gebe ich mich nicht ab. Und sentimental finde ich es, wenn man der Industrie mit poetischer und ästhetischer Verdammnis auf den Leib rückt, die darüber lachend zur Tagesordnung übergeht. Das heißt zur Arbeit. Ich lass' ihr gern ihre Arbeit, wenn sie mir die meine nicht stört. Und dafür pass' ich schon auf. Wenn du in diesem Sinne dabei bist –« Wieder hieß das die Hand ihm bieten.

»Mein Sinn ist nun allerdings anders gerichtet –«

Er nahm die Hand nicht – nun gut! »Du sprachst von Weltanschauung,« hielt sie ihm entgegen. »Weltanschauung ist auch, daß alle Kräfte, die wir im Lande haben, sich nicht hindern dürfen, sondern sich helfen müssen. Träume sind für den Sonntag. Unsre Zeit aber fordert, wie der Doktor sehr richtig sagt, sieben Werktage in der Woche.«

Warum hatte sie nicht glatt unrecht mit alledem, was sie sprach! Und was mußte sie immer auf Jörg sich berufen! Ihm fiel ein, wie der ihm neulich auf der Fahrt in's Heimland Brünnes Lob gesungen hatte. Nun wieder sah er die beiden Arm in Arm, sah sie jetzt klar und scharf gegen ihn sich stellen – ja 51 und ja, gegen ihn! Und gerade so, mit diesem Herzensfreund im Bunde, forderte sie ihn zum Kampf. Er behielt sich in der Gewalt. »Hier sind Glaubenssachen,« sagte er ruhig hart, »über die es nutzlos ist zu streiten. Die aber zuletzt über die Zusammenhänge entscheiden.«

»Also auch über unsre Zusammenhänge.«

Er verbeugte sich bestätigend. »Und es bleibt bei deinem guten Wort,« gab er die Schlußerklärung, »daß wir uns keine Flausen vormachen. Nirgendwo. Auch alle geschäftlichen Differenzen zwischen uns müssen aufs reinlichste beglichen werden. Ich werde mich heute noch in die Akten vom Grundbuchamt hineinknien. Nicht ganz sicher scheinen mir vor allem die Grenzverhältnisse im Moor zu sein, wo die Grenzsteine verschwunden sind. Die Scheide läuft ja wohl mitten durch –«

»Nicht mitten!« warf sie lebhaft ein. »Der bei weitem größere Teil gehört zu Eekenkamp.«

»Nun gut. Wir werden sehen. Und auch die Jagdfrage muß klipp und klar geregelt werden.«

 

Jörg Eberwien hatte den nächsten Nachmittag als Arzt auf dem Gutshof zu tun. Nun machte er Brünne seine Aufwartung.

Er war zu Pferde gekommen. Sein Bezirk war übergroß. An der Küste selbst benutzte er gern sein Segelboot. Hier, mehr im Binnenland, machte er 52 ganz wie die alten Landärzte, die zu Roß ihre Praxis abklapperten, im Sattel seine Besuche. Nur klapperte er eben nicht, er war ein guter Reiter, und sein Gaul, ein kleiner, aber drahtiger schwarzer Halbblutwallach, war mit seinen zehn Jahren immer noch tapfer zuwege.

Brünne hatte ihm das Pferd verkauft. Bald nach dem Besitzwechsel hatte es vorne links nachgegeben, gebliestert hielt jetzt das Bein, und Jörgs erste Verstimmung hatte sich bald scherzhaft zerstreut. Zarte Andeutungen von ihm wurden unbefangen fröhlich pariert. Schließlich setzte er unter alle Neckereien den Schlußstrich mit der Erklärung, die ihm selbst im Innersten wohltat: »Wie echt muß doch unsre Freundschaft sein, gnädige Frau, daß sie selbst aus den geheimnisvollen Tiefen eines Pferdegeschäfts nur neue Kraft gewinnt.« Wozu sie bereitwillig nickte – ob mit dem guten Gewissen erlaubter Gewissenlosigkeit?

Er fand sie heute in geschäftlicher Besprechung mit Peter Kawel, ihrem alten Administrator. Das war eine brave Haut. Temperenzler von Jugend auf, trug er das Blaukreuz über Nase und Backen als Wappen im Gesicht, was ihn schwerstem Verdacht aussetzte. Darüber war er erhaben, und Jörgs sehr unbedachtes Urteil: »Temperenzlertum und Landwirtschaft mit Korn- und Kartoffelbrennerei vertragen sich nicht!« strafte er gründlich Lügen. 53

Die beiden saßen in tiefen Sorgen. Aber den Besuch ließ Brünne nichts davon merken. Jörg wurde gebeten, zu einer Tasse Kaffee zu bleiben.

Dankend nahm er an. Nun saßen die zwei zusammen und sprachen über Marten.

»Sagen Sie, Doktor, wissen Sie was über seine Vermögensverhältnisse?«

»Nichts. Ich habe ihn seit unsrer Studentenzeit ganz aus den Augen verloren. Er ging hinaus, nach drüben. Zum Schätzesammeln hatte er nie Talent. Ob er aus seiner letzten Irrfahrt nach dem Kriegsschauplatz und aus der englischen Gefangenschaft was heimgebracht hat, ist mir mehr als zweifelhaft.«

»Was denkt er sich denn nun eigentlich? Von der Mühle kann er doch nicht leben.«

»Warum nicht? So gut wie sie den alten Ehrenfried ernährt hat! Er ist hart und anspruchslos. Vielleicht wirft auch das Künstlerische etwas ab, das wirklich seine starke Seite ist.«

Dazu machte sie große Augen. »Von dem weiß ich so gut wie nichts.«

»Er hat sie, die gesegnete Hand. Welchen Gebrauch er von ihr macht, weiß ich nicht. Was er mit ihr arbeitet, ob er an ihr arbeitet und an sich selber, ist mir unbekannt. Er ist stets voller Geheimnisse gewesen. Und mehr als alles hütet er natürlich sein Künstlertum.«

Immer tiefer blickt sie in sich hinein. Dem Bild, 54 das sie von Marten trägt, gibt sie stärkere Farben, den Farben einen wärmeren Ton. Wesenhafter wird er ihr und wesentlicher.

Jörg spürt, was sie beschäftigt. Er schrickt zusammen, ihr Gesicht ängstigt ihn. Ich Narr! schilt er sich aus. Muß ich ihr den, der so auf sie wirkt, noch inniger verbinden! Genug schon, übergenug, daß die Gegensätze zwischen den beiden in der Spannung, die sie umlagert, nicht aufhören werden, Funken zu sprühen. Werden hier nicht Kräfte entfesselt werden, die in das Leben der zwei einbrechen müssen – und die an mein eignes Schicksal rühren, so wahr diese Frau das Licht ist meines Daseins! Seine Leidenschaft brennt.

Und wieder schon ist ihr Gesicht anders. Ein Unwille, der es überschattet – ein Unbehagen, ein fast grämlicher Verdruß. Und dann wiederum verschärfen sich die Züge in Zorn, werden heller und heiß. Eine Heftigkeit sprüht auf.

»Ich glaube nicht, daß jemals Friede sein wird zwischen ihm und mir. Biegen oder brechen heißt es. Und da das Gebogenwerden für mich nichts ist – und für ihn auch nicht – so wird also einer von uns in Stücke gehen.«

Jörg aber, der Arzt, der hier schärfer sieht als irgendwo sonst, fühlt, daß sie leidet. Nicht schlechthin an dieser neuen Begegnung, an diesem neuen Gegenüber, nicht an dem Kampf, den das Neue bringt. 55 Das Unerfüllte – wird es ihr jetzt verheißen? Stürmt hier die Schicksalsfrage auf sie ein?

Weib ist Brünne, wie kaum eine andre. Und zu ihr gehört der Mann, der die Kraft hat, sie zu gewinnen und zu halten. Ist Marten dieser Mann? Und treibt es den, sie zu besitzen, mit allen brausenden Stimmen der Seele und des Blutes? So wie sie in ihm selber, in seinem Herzen brausen?

Warum aber, warum bleibt es für ihn bei dieser Herzensmusik? Warum gibt es keine Tat? Warum hat er es nie gewagt, Brünne sich zu erobern? Empfindet ein Mann Scheu vor einer Frau, dann ist er ihr nicht gewachsen! Diese Erkenntnis – fast wie eine höhnende Warnungstafel richtet sie sich vor ihm auf.

Ist Marten der ihr Ebenbürtige? Fühlt sie hier das schmerzliche Glück ihrer Bestimmung? Zwischen zornigem Widerstand und frohlockendem Sichergeben?

Nun flammt nichts weiter als wilde Eifersucht durch sein Forschen und Fragen. Nun mache ich dich, Freund Marten, ganz eigenmächtig zu einem höchst heftigen Nebenbuhler. Was weiß ich von dir, deinen Neigungen, deinen Wünschen, deinen Leidenschaften? Nichts weiß ich, wie ein Junge stürme ich ins Blaue. Aber gut ist, daß an deinen unbekannten Wünschen meine mir bewußten Wünsche wachsen – mein Wille, mein Lebensgefühl – 56

Die helle, hohe Gestalt federt empor, der seine Kopf hebt sich, die Augen haben den Führerblick und spiegeln das Ziel, so fern es ist.

Brünne hatte die Rechte breit und fest vor sich auf den Tisch gelegt. Keine schöne Hand – und daß sie so unvorteilhaft sich zeigte, wie sprach es für Brünne! Die Kuppen der Finger standen nach oben, das war von ehrlichem Trotz. Aber das Gegenteil von einer Kralle war diese Hand. Und wie bereit waren sie alle, Brünne etwas Bestienhaftes anzuhängen.

Aber er wehrte der Zärtlichkeit, die überströmen wollte. Er war jetzt ganz auf eine Heilwirkung aus. Und so drängte es ihn in das Mittleramt, das gefährliche, allen inneren Warnungen zum Trotz.

»Ich muß mich in Ihren Dienst stellen und darf es, nicht wahr, gnädige Frau? Marten hat etwas Unbehagliches, um nicht zu sagen Unheimliches für Sie – wie für mich schließlich auch. Alles kommt darauf an, daß wir ihn kennen. Mir kommen dabei die nötigen Voraussetzungen zu Hilfe – ich bin der Geeignete, hier die Aufklärungsarbeit zu verrichten.«

Sie blickte ihm voll ins Auge. Wie ein Dank formte es sich in ihren Blicken. Dann wieder verriegelte sie sich mit ihren Gefühlen. »Ich glaube an den ersten Eindruck. Der mir nun mal nichts Gutes sagt.« Sie sprach es hart und wehrhaft, wie ein Schlußwort. »Ein Hausen mit ihm Wand an Wand ist nicht möglich.« Plötzlich wie eine Flamme blutig 57 und grausam schoß es in ihrem Auge empor. »Ich habe ihn ja in der Hand!« Es war ein Wildes, vor dem Jörg erschrak. »Als Müller will er hier leben – seine Mühle steht still, sobald es mir gefällt!«

Und Jörg sah mit Beben, wie dieser Gedanke sich in sie einbrannte. Sah das Phosphoreszieren in der Iris, in den Flecken ihrer Haut. Und er blickte nach ihrer Hand, ob sie nicht doch Krallen hätte.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.