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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das richtige Stammhaus der Hillebrandts war eine Mühle. Keine von diesen windigen Emporkömmlingen, mit denen vor ein paar lumpigen Jahrhunderten Holland die Welt überschwemmte, keine, wie man sie auf jeden Hügel hinsetzen und ebensogut wieder wegreißen kann, ohne daß der Grund und Boden darum eine Miene verzieht. Sie war eine erdverwachsene Aristokratin, deren ebenholzschwarzes Schwungrad sich drehte, solange die Eichenbeek durch das eichendunkle Tal vom Küstenhang freudig strömend der See zustrebte.

Eine Mühle im Tal, mit dem ganzen Pflichtgefühl für romantische Schauer, nicht weniger für lyrisches Traumweben als für unheimliche Mären und blutige Balladen.

Die Familiengeschichte der Hillebrandts war farbig und bewegt genug. Und wer diese herbschweren und langsamen Menschen für Träumer nehmen wollte, erkannte bald, daß sie aus ihren Träumen sehr heftig auffahren konnten und ganz gewiß eher alles andre als Schlafmützen waren. 6

Eine ältere Fassung des Namens lautete Hellebrandt. Mit einer gewissen Genugtuung betonte ein Akademiker des Geschlechts, der zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts nach wilden Studienjahren an Weib, Wein und Würfel zugrunde ging, daß Helle nichts als Hölle und Hellebrandt Höllenbrand sei – in trotzigem Fatalismus trug er das Stigma seines Namens. Und es schien fast, als wären ein paar Höllenfeuerfunken jedem Hillebrandt ins Blut gespritzt.

Von den Anfängen her hatte ein Bauerngehöft zu der Mühle gehört. Durch alle Stürme der Zeiten war das Anwesen glücklich hindurchgesteuert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte der Müller Andrees Hillebrandt – mit Hilfe eines gefundenen Schatzes, wie man sagte – so viel Land dazu erworben, daß die Hillebrandts von jetzt an als Gutsherren auf Eekenkamp residierten. Und ihr Landbesitz mehrte sich. Bald gehörte ihnen der ganze Küstenstrich, bis dann ein großer Rückschlag sie traf. Daß sie von dem Neuerworbenen alles wieder aus der Hand geben mußten und nur das Stammgut Eekenkamp ihnen blieb.

Sein letzter Herr, Manfred Hillebrandt, aber war ein schlechter Wirtschafter. Das Jähe, Springende, Ungleichmäßige der Geschlechtsart war besonders stark in ihm. Tagelang, nächtelang, auch während der Erntezeit konnte er in seiner Bücherei sitzen, begraben in kunstgeschichtliche Studien, er selbst ein Stück 7 Künstler, der malte und Holzplastiken schuf. Plötzlich aber wie eine Feuersbrunst warf er sich in den landwirtschaftlichen Betrieb, mit zügellosem und tyrannischem Übereifer, daß die Leute ihm fluchten und ihm davonliefen.

Dann kam der Weltkrieg. Als Sechziger zog er noch mit hinaus. In den Ardennen traf ihn die Kugel.

Erbe von Eekenkamp war Wulf, der ältere seiner Söhne. Als aktiver Rittmeister war er gleich ins Feld gegangen. Wurde später kriegsgetraut mit Brünne, einer geborenen Körbronn, fiel in der Champagne und hinterließ seiner jungen Frau das Gut.

Aber das Mühlengrundstück hatte in Wulfs jüngerem Bruder Marten nach des Vaters noch kurz vor dem Tode aufgesetztem Willen seinen besonderen Erben.

Wulf war von glatterem Holz gewesen, Marten glich mehr dem Vater mit seinen Knubben und Knorren. Er, der zweite Sohn des Gutshofs, der land- und wurzellose, den es in der Heimat nicht litt.

Als der Krieg ausbrach, war er in den Urwäldern der Anden Bolivias verstrickt. Um dann nach Deutschland zu kommen, hatte er Abenteuer über Abenteuer bestanden. Der Streich mißlang kurz vorm Ziel. Die Engländer griffen ihn auf. In der Gefangenschaft wurde er schwer krank, lag lange auf den Tod und kam nach dem Friedensschluß erst mit den Letzten in die Heimat. 8

Der deutsche Brudermord warf sich ihm vollends auf das verdüsterte Gemüt. Mit dem, was er an Kraft noch hatte, suchte er, wo immer er war, zu helfen, zu versöhnen. Dann kam das große Verzagen über ihn, und ratlos irrte er umher.

Er wußte von keinem Zuhause, er glaubte an kein Zuhause mehr. Erst langsam dämmerte die Mühle in ihm auf, die Habe seiner Kindheit, die Stätte all seiner jungseligen Phantasien und sein angestammter Besitz.

Immer wieder wie eine schmerzliche Erinnerung quälte sie ihn, und er kämpfte mit ihr und wehrte sich gegen sie bis aufs Blut. Aber sie ließ ihn nicht, wie ein Lebendiges hängte sie sich an ihn und flüsterte und sprach zu ihm und erwies ihm Liebes.

Da setzte er sich hin – nach München hatte es zuletzt ihn verschlagen – und schrieb an Ehrenfried, den alten Müllergesellen, das Faktotum, das seit vielen Jahren die Mühle betreute. Ob er noch lebe und ob das Mühlrad sich noch drehe – er, Marten Hillebrandt, wolle nun endlich doch auf die Heimkehr sich begeben.

 

Durch die frostig blaßvioletten Abenddämmer fegte eine Reiterin über die klingherbe Frühlingsheide. Die beiden irischen Terrier hatten Mühe, dem drahtigen Schweißfuchs an der Seite zu bleiben.

Die Mühle war das Ziel. Vor dem kleinen 9 Eichengehölz, hinter dem sie sich barg, machte Brünne, die Herrin von Eekenkamp, halt. Sprang vom Pferd, nahm ihm die Trense aus dem Maul, gab ihm einen Klaps und ließ es frei an der Halde grasen. Mit den ausgepumpten, über die langen Zungen jachernden Hunden ging sie dann neben dem Bach her auf das Gebäude zu.

Aus dem Hause glomm ein kümmerliches Licht. In dem Stübchen am Eingang saß Ehrenfried bei einer Erdölfunzel und schmökerte tief. Der Zeigefinger las mit und grub sich in jede Zeile.

Brünne – nichts war ihr unleidlicher als Petroleumgestank – klopfte an die Scheiben. Verstört, mit einem Atemzug des Schrecks fuhr der Alte aus seiner verlorenen Lesewelt in die knöchelharte Wirklichkeit.

Er trat vor die Tür. »Moors de ma vie!« fluchte er vor sich hin in seinem plattdeutschen Französisch. »Und ich dachte schon, Herr Hillebrandt wäre gekommen.«

»Er ist also immer noch nicht da. Das ist, was ich wissen wollte. Wann erwarten Sie ihn nun eigentlich?«

»Erwarten tu' ich ihn jeden Tag, jede Stunde. Aber wie das so ist – was der alte Herr Hillebrandt einmal von seinem Jüngsten sagte: auf Marten darf man nicht warten – das gilt ümmer noch. Denn kein Mensch auf der Welt ändert sich, un das, was kraus 10 und verquer in einem steckt, das wird mit 'n Jahren ümmer schlimmer, un Sie sollen sehen, grad wenn wir nich auf ihn lauern, denn is er plötzlich da.«

»So wollen wir das Lauern um Gottes willen lassen. Denn mir ist an dieser Plötzlichkeit sehr viel gelegen. Schon damit endlich die richtige nachbarliche Fühlung mit dem Mühlengrundstück zustande kommt.«

Damit kriegte der Alte, des Anwesens Hüter, kräftig eins über die Nase gewischt. Aber diese Nase, kantig, wie aus Holz geschnitzt, trug ungestört sich stur in den Wind. Und in den lebensklugen Augen unter den mehlbeladenen wulstigen Brauen blieb die schmunzelnde Unanfechtbarkeit obenauf.

Brünne legte auf weitere Unterhaltung keinen Wert, nickte kurz zum Abschied und ging zu ihrem Reittier. Ehrenfried war Kavalier genug, ihr das Geleit zu geben.

Der eben aufgegangene Mond zeigte ihm durch die Bäume hindurch da zu Ende des Weges die Stute, wie sie an dem Gras auf dem Mühlengelände sich gütlich tat. Da konnte der Alte sich das Wort nicht versagen: »Na, das Tier hat ja bereits die richtige nachbarliche Fühlung.«

Brünnes harte bronzegrüne Augen drohten ihn an. Aber sie schwieg. Ließ ihn eiligen Schrittes hinter sich, zäumte den Gaul auf, stieg in den Sattel und preschte davon. 11

Ehrenfried und der Vollmond blickten hinter sie drein. Zwei Weltweise, die sich verstanden.

Was die sich einbildet, Oller, nich? So meinte Ehrenfried zu dem Alten da oben hinauf und trottete heim, voll Sehnsucht nach seinem zerlesenen Brehmschen Tierleben. Wer Marten Hillebrandt kennt – glaubst du, daß mit dem besser Kirschen essen ist als mit mir? Der Mond schüttelte sichtbar die fröhlich strotzenden Backen.

»Na also. Passen Sie auf, Madamming. Wenn Ihnen das mit dem sehnlich Herbeigewünschten man nich gründlich begriesmulen wird.«

 

Der Herbeigewünschte aber war gar nicht so weit und brachte damit den Spruch vom Warten, den man ihm angehängt hatte, vollends in Verwirrung.

Marten Hillebrandt war am Nachmittag in der Hafenstadt angekommen. Der Dampfer aber, der ihn an das heimatliche Gestade bringen sollte, fuhr heute nicht, denn es war Maifeier. Zwischen den Häusern krochen noch die Staubwolken herum von den großen Demonstrationszügen.

Sie haben ja allen Grund zu feiern, die lieben Deutschen, so grollte Marten vor sich hin. Aber wenn sie schon feiern, was müssen sie demonstrieren!

Diese Luft voll Haß, sie war es, die ihm den Atem verschlug.

Die Stadt seiner Schülerzeit. Da hinten vor den 12 Wallanlagen das alte Gymnasium. So nüchtern, so kalt, so grausam lieblos und so feindselig gegen das jungsprossende Grün ringsum. Ist das noch heute sein Geist?

War denn einer unter den Zuchtmeistern allen, mit denen ein freundschaftliches oder nur ein menschliches Fühlen ihn zusammengeführt?

Eine Ausnahme vielleicht der Zeichenlehrer Herr Würschnitz aus Mittweida. Um den war nicht dieser Eiseshauch, er konnte sogar Freude zeigen an Martens kunstfertiger Hand. »In Ihnen steckt ein Bildner, Hillebrandt. Wenn Sie nur in der Berschbektive mehr Vernunft annehmen wollten.« Und nun kam leider der tödliche Theoretiker, der alles Gefühl wieder erdrosselte und nur Trotz und Widerstand rief. Er hatte einen neuen Fluchtpunktschienenapparat erfunden; da Marten sich zu diesem Perspektographen nicht bekennen konnte, war und blieb er für den Meister eine verlorene Seele.

Wie oft hatte der Junge von der Schule Reißaus nehmen wollen! Aber sein famoser alter Herr machte ihn dann immer wieder fest. »Du kannst später werden, was du willst, Cowboy, Pferdehändler, Gesundbeter, Scharfrichter oder Bauchredner – ich bin sogar bereit, dir einen Flohzirkus zu finanzieren –, aber erst machst du dein Abiturientenexamen.«

Haß, wenn auch ein lachender, hatte durch 13 Martens ganze Schülerzeit getönt. Trotz und Zorn hatte als Grundakkord diese Jugendtage durchwühlt.

Und was er nun als Mann hier erlebte, die Atmosphäre, die heute um ihn wirbelte, das, was in der großen Menschenmasse kochte und gärte – wie gut stimmte das im Grunde zu dem Geist seiner eignen in diesen Mauern verlebten Kindheit, der eigentlich nur Auflehnung und Aufruhr gewesen war.

Einzelne Trupps, bei denen ein kräftiger Trunk der politischen Schwungkraft nachgeholfen haben mochte, zogen aufs neue, ungestümer noch und lärmender durch die Straßen. In einer Quergasse stießen feindliche Brüder, Kommunisten und Sozialisten, zusammen. Ein wildes Handgemenge entbrannte.

Zu Marten war als Zuschauer ein behäbiger Bürger der Stadt getreten. Rieb sich jetzt die Hände und schmunzelte laut und breit: »Das ist recht, sollen sich gegenseitig die Schädel einschlagen! Daß keiner von der Bande übrigbleibt!«

Da fuhr Marten denn doch in die Höhe, seine schweren Augen waren nicht zu bändigen, und er wetterte los: »Was Übleres und Dümmeres konnten Sie nun nicht gut sagen! Wissen Sie, daß Deutschland aus diesen Wunden blutet?«

Der andre, der sich auf ein Gesinnungskonzert gefreut hatte, setzte auf den groben Klotz einen groben Keil. Doch wandte er rechtzeitig den Rücken. Und 14 Marten grimmte lachend hinter ihm drein: Schade! Wir hätten uns auch noch unsre bürgerlichen Köpfe blutig schlagen müssen, um das deutsche Weltenbild zu vollenden.

In der Gasse war inzwischen eine böse Gewalttat geschehen. Unter Messerstichen war ein junger Mensch zusammengebrochen. Nun gellten Hilferufe auf. Marten stürmte hinzu. Schon kniete jemand bei dem Schwergetroffenen, half sachgemäß, gab Anweisungen. Ein Arzt offenbar. Marten ging ihm an die Hand. Und erkannte ihn, ein Jugendgenosse war es. Aber sich groß zu begrüßen, hatten sie jetzt keine Zeit.

Erst als man den Verletzten in einem Hause gebettet, die Wunden den richtigen Verband bekommen hatten und die nötige Krankenpflege besorgt war, konnten die beiden sich voll in die Augen sehen.

Jörg Eberwien! So bei vergossenem Bruderblut fanden die Schwärmer von einst sich wieder.

Ein ortsangesessener Arzt kam hinzu, Jörg war auch nur zu Gast hier. Dem Kollegen überließ er den Kranken und schritt nun mit Marten durch den Abend.

Sie hatten dasselbe Ziel. Jörg wirkte als Landarzt in dem heimatlichen Küstenstrich, wo er als Sohn des Pfarrhauses zur Welt gekommen war. Die Hillebrandtschen Liegenschaften gehörten zu diesem Sprengel. Die beiden kannten sich von Kind an.

Jörg, der Lebhaftere, Behendere, Regsamere, war 15 am Fragen. An das deutsche Leid rührten sie nicht, wie an eigne schwere Wunde.

Kurz, karg und spröde gab Marten Antwort über sein Leben im Ausland, über die mißglückte Heimflucht. Jörg spürte, daß auch hier eine Not Schonung wollte, und forschte nicht weiter.

Sprach dann ungefragt sehr freundschaftlich offen von sich selbst, daß er als Marinearzt die Skagerrakschlacht mitgemacht und nun in der alten Heimat als Medizinmann sich vor Anker gelegt habe.

»Und du willst jetzt auch zu deiner Mühle? Ehrenfried, den ich meinen alten Freund nennen darf, liegt schon seit Wochen auf der Lauer. Die Freude wird groß sein.«

Sie sprachen dann über die Fahrgelegenheit. Marten erzählte, daß der Dampfer ihn im Stich lasse.

»Ich bin zu einem Termin mit meinem Segelboot hergekommen,« sagte Jörg. »Wenn ich dich mitnehmen darf . . .«

Nichts hätte Marten willkommener sein können. Er nickte dankbar – und war doch nicht mit vollem Herzen dabei.

 

Jetzt saßen sie wieder im Boot zusammen, wie früher als Jungen so manches Mal, da sie auf phantastische Entdeckungsfahrten ausgezogen waren, neue Welten gefunden hatten und unerhörte Robinsonaden erlebten. Hatten sich dann später als die jugendlichen 16 Räsoneure über Tod und Leben die zügellosesten Philosophien um die Ohren geschlagen, waren mit den Fäusten aufeinander losgegangen, hätten am liebsten einer den andern über Bord geschmissen und ersäuft. Waren für dieselben Mädel entflammt gewesen, hatten aneinander gelitten, sich gehaßt und verflucht und gerade in so tödlicher Nebenbuhlerschaft nur noch schwarmgeistig freundschaftlicher sich umschlungen.

Und doch – zu dem rechten starken und reinen Seelenbund war ihr Verhältnis niemals gediehen. Sie schätzten sich, achteten sich, waren sich interessant, es zog sie stark zueinander hin – und vor dem Letzten wichen sie doch immer wieder spröde aus, bald scharf und hart, bald scheu und fast verschämt.

Bei Jörg freilich, dem Helleren, Sorgloseren, Strebfroheren war es mehr der Widerhall. Den Ton gab Marten an aus einem Dunklen und Vergrabenen, einem Vereinsamten und Asketischen seiner Wesenheit, die die Geheimnisse ihrer Ahnungen und Warnungen hatte.

Heut, wo sie als Männer sich wiedergefunden hatten, kam dieselbe Empfindung über Marten, mit der alten Unruhe, den alten Widersprüchen, der alten Zerrissenheit.

Wie er Jörg so am Ruder sich gegenübersitzen sah mit den hellen, kurssicheren Augen, in der festen hohen und geradlinigen Haltung des Führenden – 17 diese alte Mischung von Neid und Verliebtheit brodelte in ihm auf. Und da hinein flüsterte die dunkle Frage: Wohin steuert er dich?

Boot und Wind waren im Einvernehmen, Jörgens Maat, ein alter, halbtauber Fischer, kroch unter dem Klüver in sich zusammen, die Jugendfreunde durften plaudern.

Jörg sah, wie Marten die Haffufer musterte. Hier hatte sich in den Jahren seiner Abwesenheit vieles verändert. Aus kleinen Anfängen waren große Zementwerke emporgewachsen.

Schmerzlich zog es durch die schwarzblauen Augen des Schauenden. »Bis hierher ging noch unser Märchenland,« sagte Marten still. »Jetzt werden hier andre Träume geträumt.«

Das war wohl schmerzhaft, aber nicht eben weichmütig. Dennoch schnellte in Jörg etwas auf. Seinen gepflegten Schönheitskult hatte man gefälligst nun doch zurückzuschrauben! »Ja – Deutschland muß sich nun schon in der staubigen Arbeitsjacke zurechtfinden.« Es klang härter, als es gemeint war, nahezu wie ein Verweis. Um Martens breite und tiefgemeißelte Nasenflügel zuckte es.

Gleichviel – es galt auch sonst den Heimkehrenden vorzubereiten. Auch da, wo er zu Hause war. würde manches in seine Knabenwelt sich nicht fügen. Auch da sprang die wachsende Industrie der träumenden Ästhetik unbekümmert ins Gesicht. 18

»Wie lange bist du eigentlich weggewesen?« fragte Jörg.

»Bald an die zwanzig Jahre.«

»Da wirst du dich an mancherlei gewöhnen müssen. Das einzige eigentlich, was das Alte geblieben ist: deine Mühle.«

»Nun gut!« sagte er kurz und schroff. Was wollte er mehr? Und schon empfand er die neue unbekannte Umgebung seines altgeheiligten Anwesens als feindlich und freute sich bitter auf den Kampf nach allen Seiten.

Er sah, daß Jörg ihn scharf beobachtete. Nahm der Blick des Mediziners sich nicht geradezu diagnostisch aus? Sprach Jörg aus Rücksicht nicht weiter? Hatte er nicht schon als Junge diese Art gehabt, ein gewisses vornehmes, überlegenes und bewußtes Zartgefühl hervorzukehren, das nur kränkend und aufreizend wirken konnte?

Und nun warf er, Marten, sich selber brüsk in allerlei Fragen, zuerst gerade in die, die ihn selbst am wenigsten schonten. Nach dem väterlichen Gut erkundigte er sich. »Wie sieht es auf Eekenkamp aus?« Den Schmerz, daß es ihm verloren war, konnte er Jörgs feinen Sinnen nicht verbergen.

Der war nun ganz auf Martens Behandlung eingestellt, er wußte, daß Zurückhaltung nur Mißtrauen erregen würde, und sprach sich deshalb unverhohlen aus. »Ich darf mich wohl einen Freund 19 deiner Schwägerin nennen – sie hat schwer zu kämpfen. Nicht nur mit den Verhältnissen. Ich möchte sagen, auch mit sich selber. Denn sie ist ein ganz besonderer Mensch. Die haben es nie leicht in der Welt gehabt, heut aber wird es ihnen weniger leicht als je.«

Darin war ein Herzensklang, der Marten aufhorchen ließ. Er selbst wußte so gut wie nichts von Brünne, hatte nie ein Bild von ihr gesehen, nie Näheres über sie gehört, und so tappte seine Vorstellung im Leeren. Jörg gab ihr mit dem »ganz besonderen Menschen« ein hohes Lob. In seinen Augen leuchtete der Glanz dieser Freundschaft, die natürlich mehr als Freundschaft war. Martens verbittertes und verdüstertes Gemüt empfand den Bund der beiden wie gegen ihn geschlossen. Ich wußte es, Jörg, daß du mir nichts Gutes bringst. –

Sie fuhren durch die Flußmündung in die offene See. Dann mußten sie gegen den Westwind kreuzen, um heimzukommen. Als Jörg zum erstenmal gehalst und wieder angeluvt hatte, sah er ein Fahrzeug, das von hoch oben mit seinen acht Strich Wind auf die Küste zuspritzte. Dasselbe Ziel – und nun erkannte Jörg das Boot auch an den Segeln.

»Wir kriegen Gesellschaft,« sagte er. »Das heißt, wenn wir sie kriegen.«

»Wer –?«

»Professor Wittenborn, der da bei uns eine biologische Anstalt einrichtet. Wird wohl seine Töchter 20 an Bord haben. Nun lernst du gleich Nachbarschaft kennen.«

Der Wind war steifer geworden. Was indes den andern ebenso oder noch mehr zugute kam als ihnen. Gleichwohl versuchte Jörg, sie abzufangen. Aber es gelang ihm nicht. Die »infame Professorenkutsche« kam eher an Land. Da in der kleinen Bucht hinter dem Vorsprung, der den Westwind abhielt. Wohin sie selber auch mußten.

Sie sahen, wie der baumlange Professor mit seinen hohen Fischerstiefeln über Bord kletterte, seine beiden Mädel eins nach dem andern auf dem Arm durch die Brandung trug und dann mit Hilfe des wartenden alten Seebären von Anstaltsdiener das leichte Boot auf den Sand zog.

Eins von den Mädeln hielt angelegentlich nach ihnen Ausschau. Wie sie nun selber aufliefen, kam sie den Strand entlang ihnen entgegengebraust. »Was bildetest du dir ein, Onkel Jörg?« rief sie keuchend schon von weitem. »Wolltest du uns holen? 'ne Zeitlang warst du ja höllisch dick. Aber dann hät dor 'ne Uhl seten!« lachte sie hell. »Denn bei uns saß ich am Ruder!«

Und nun legte sie kräftig die eckigen, schlaksigen sechzehnjährigen Glieder mit an, daß auch dieses Boot auf dem Sande geborgen werde.

Bisher hatte sie nur Blicke für Jörg gehabt. Jetzt erst gewahrte sie Marten, starrte ihn an und flüsterte: 21

»Wen bringst du denn da mit? Was hat der bloß für Augen?«

Marten aber, getroffen von diesem Starren, drang hindurch durch das Äußere ihres jungenhaft forschen und hastigen Gehabes, und mit dem Spürsinn eigner Lebensnot lauschte er wie auf ein Gleichklingendes, wenn auch aus andern Sphären, auf das Bitterschmerzliche ihrer jungknospenden Mädchenschaft.

Und nun kommen die beiden andern zu ihnen hergeschritten, der lange Professor und – die Frauengestalt an seiner Seite – wer ist sie? Der Abendschein strahlt voll über sie hin. Marten erschauert wie vor einer Vision.

Die Figur, die Musik dieses weichen, schmiegsamen Ganges – was willst du von mir? Wie kommst du hierher, du, um die ich in den Gluten der äquatorialen Nächte Unsägliches litt, an der mein Leben zerbrach, daß es kaum wieder heilte?

Aber schon löst ihn aus den Ängsten tödlicher Erinnerungen die Näherkommende selbst, ganz andre Züge leuchten ihm entgegen. –

Jetzt gab es dann die allgemeine Begrüßung. Der Professor, der in seinem grauen Yankeebart ganz wie ein Seemann aussah, packte Martens etwas förmlich zaghafte Hand mit großer treuer haariger Pranke. Helga, die ältere Tochter, brachte ihm unbefangen und unumwunden ihre zarte, weiche Liebenswürdigkeit entgegen. Suse, der Mädchenjunge, nährte 22 weiter die wohlige Angst vor seinen Augen, über denen die Brauen so schwer zusammengewachsen waren.

Wie er aber mit Helga nun ins Gespräch geriet, umschlang sie die kleinwüchsigere, wenn auch ältere Schwester mit einer angstvoll leidenschaftlichen Zärtlichkeit, als müsse sie, die Starke und Große, die berufene Beschützerin, ihr Kleines vor einem drohend Unheimlichen wahren.

Das gab auch für Marten ein Lächeln und legte sich ihm nicht weiter auf die Seele, so daß der erste Gruß des heimatlichen Landes wie ein Sonnenstrahl in ihn einfiel. Dies waren nun schon Menschen, mit denen es sich leben ließ!

Jörg sowohl wie der Professor luden ihn ein, bei ihnen Abendbrot zu essen, da der alte Ehrenfried ja auf sein Kommen nicht wohl vorbereitet sei. Aber er lehnte es dankend ab, es zog ihn nach Hause.

So wanderte er denn mühlenwärts, vom Mondlicht geleitet, das im Osten am Himmelssaum aufglutete. Die Dünen hinan, und auf der höchsten blieb er stehen, erst einmal Umschau zu halten.

Das Land, das ihm gehörte und dem er gehörte –

Und jetzt traf es ihn wie ein Schlag. Da im Osten, wo der Mond sich hob – zwischen Schornsteine mußte sein Schein hindurch sich wühlen. Was drohte nun alles von da über die Schönheit und den Frieden dieses Weltenwinkels her? 23

Himmel! Die Schlote mit dem mordshäßlichen Gestänge ihrer Linien und dem Schmutz ihres Rauches – gerade da im Osten hatten sie sie ihm hinbauen müssen, vor die Sonnenaufgänge, die immer seine ganze Seligkeit gewesen waren!

Es blieb ihm nicht mehr viel von jenem Licht der ersten Begrüßung auf heimatlicher Erde. Und nun quälte ihn das, was irdisch schwerer wog als Mond- und Sonnenaufgänge: was alles würde die Industrie, die gierige, sich weiterfressende, heraufbeschwören über diesen stillen Strand?

Ein eisig Fremdes wehte ihn an, sein Blut fror, und aller Heimkehrzauber verflog. So getrübten Herzens, mit abgeblendeten Augen wanderte er weiter.

Unwirsch, freudlos und ungläubig trat er auf sein Mühlengrundstück. Wie zum Ansprung bereit drang er in Ehrenfrieds Stube, die Frage auf den Lippen: nun, womit wirst du mich jetzt überraschen?

Als er aber den Alten vor sich hatte und seine zitternde Freude sah, griff er ihn an beiden Händen. »Ja, alter Ehrfritz! Da bin ich nun wieder! Und jetzt wollen wir mal sehen, ob es sich auch zu zweien hier hausen läßt.«

 

In aller Herrgottsfrühe war Marten auf den Beinen. Still und hart und gläsern die Luft. Ein paar Zirruswolken brannten, die Sonne kam. Aber er ging nicht auf den Eichberg, sie zu grüßen. 24 Sonnenaufgang mit Schornsteinrauchbegleitung – er schüttelte sich. Und er wollte sich seine Morgenandacht für Haus und Hof bewahren.

Sein Haus – er stand versunken vor ihm, seine Augen liebkosten die Wände. Es war das weitaus älteste im Lande und gab kaum noch auf der Welt seinesgleichen.

Auf einem Fundament von mächtigen Findlingsblöcken stand es zweistöckig und breit und war ganz aus Holz. Das hatte der kleine uralte Eichwald geliefert, der an dem Osthang treue Wacht hielt. Die Balken und Bohlen, von fabelhaften Schnitzereien belebt, hatte die Zeit tiefschwarz gefärbt. Ein Kunstwerk an alter Holzplastik war die Haustür, die ebenso wie die Fenster von Spitzbogen überragt war. Altertumsforscher und Kunstgelehrte hatten sie immer wieder photographisch für ihre Veröffentlichungen einfangen wollen. Aber immer hatten die Hillebrandts sich dem widersetzt, sie wollten ihre Heiligtümer für sich allein haben. So war die ganze Mühle, über die Ehrenfried wie ein Kettenhund wachte, Rührmichnichtan geblieben.

Eine einzelne gewaltige Eiche beherrschte den Platz vor dem Hause, noch waren die Äste kahl, wenn auch in den Knospenspitzen schon bräunlichgrün das junge Leben drängte. Aber lichtes Laub schmückte schon die Buchen und Birken, die nach dem Bache zu und an ihm entlang sich zogen und das Mühlengebäude 25 umrahmten. Wuchtig geduckt, aus Eichenholz gefügt wie das Wohnhaus, hielt es schwer das mächtige Rad in seinen Armen.

Um Marten war das ganze Singen und Klingen der Frühlingsfrühe. Kaum eine deutsche Vogelkehle, die sich hier nicht hören ließ. In allen Bäumen nisteten sie, in dem Ufergebüsch des Baches. Dazu hatte Ehrenfried, der große Tierfreund, überall, wo es nur Platz gab, Kästen angebracht: an den Baumstämmen, unter dem Dachfirst, an den Hauswänden.

Und jetzt war der Alte selbst zur Stelle.

»Morgen, Ehrenfried! Und die Mühle hat Arbeit?«

»Ja,« sagte des Hauses Hüter nicht ohne Stolz, »da sind gestern noch zwanzig Zentner Weizen vom Bauer Pagel gekommen.«

»Aber Seide hast du die ganze Zeit nicht zu spinnen gehabt . . .«

»Nee, Herr Hillebrandt. Höchstens Baumwolle.«

Sie sprachen über die Geschäftslage. Die Wirtschaft hatte sich so schlecht und recht durchgeschlagen. Die Pferde waren längst abgeschafft. Die beiden Kühe besorgte der Alte selbst. Das Feld bestellte ihm der Büdnerbauer aus dem nahen Fischerdorf. Daher bekäme er auch Hilfe für die Korn- und Heuernte oder wenn ihm sonst die Arbeit über den Kopf wachsen wollte. Die Fischer hätten heute am allerwenigsten zu lachen und wären jederzeit für 26 Tagelohndienst zu haben. Viele von ihnen gingen in die neuen Kalk-, Ton- und Ziegelwerke.

»Die der Teufel holen soll!« fuhr Marten auf.

»Ja« – Ehrenfried hieb kräftig in dieselbe Kerbe –, »dazu hätt' der Deubel auch meinen Segen. Die fressen hier so nach und nach das ganze Land. Der neue Direktor sagt, uns kriegen sie auch.«

Jähe Furchen rissen sich in Martens eckige Stirn. »Der Mann soll mir kommen!« Und die Fäuste zuckten. Wie Feuer brannte in dem zurückgekehrten Weltenfahrer, dessen Seele immer seßhaft geblieben war, das Gefühl heimatlicher Habe.

»So, Ehrfritz, und jetzt müssen wir also das Doppelte herauswirtschaften. Denn ich muß auch leben.«

»Hm –«

»Was heißt das?« Marten sah das große Fragezeichen, zu dem der faltige Mund des Alten sich krauste.

»Ich weiß nicht, ob Ihnen das paßt, als Müller hier herumzuschuften.«

»Schuften, erlaube mal! Natürlich paßt mir das. Denn was bin ich sonst als Müller? Und kann ich nicht meinem Schöpfer danken, daß mir dies hier gehört?« Die Augen brannten fieberloh. »Und daß es hier redlich was zu tun gibt? Bisher bin ich doch eigentlich über Spielkram nicht weit hinausgekommen. Jetzt wird endlich Ernst gemacht. Höchste Zeit, wenn man bald seine Vierzig auf dem Nacken hat. 27 Und Ernst ist, weiß Gott, bitter Not in deutschem Lande.«

So ganz traute der Alte dem Frieden noch nicht. »Werden Sie denn hier mit mir ganz allein zustande kommen?«

»Ja, glaubst du, ich brauch' Koch und Kammerdiener? Und kann sie mir leisten? Hier, drei Mark fünfundsiebzig. Mein letzter Reisegroschen. Gespart, weil der Doktor mich mitgenommen hat. Also, das neue Leben beginnt.« Und nun brach doch so etwas wie junger Übermut in ihm durch.

In Ehrenfried aber schwang jetzt die muntere Saite mit. »Ich dachte ja auch eigentlich an weibliche Bedienung. Und dafür hätten wir ja wen.«

»Wen?«

»Nu, Mudder Hackpoot –«

»Unsre alte Sabine! Lebt die immer noch?«

»Die lebt immer mehr. Jetzt hat sie den dritten Mann begraben.«

»Ach was! Die muß doch so nächstens auf die Achtzig lossteuern.«

»Das tut sie dreist.«

»Gott ja. So ein altes Inventarstück unsrer Familie. Meinen Vater hat sie als halbwüchsiges Mädchen im Kinderwagen kutschiert.«

»Darauf lebt und stirbt sie auch. Sie sagt, daß sie zum Hause gehört. Und weil man in Eekenkamp nichts von ihr wissen will, hält sie sich nun an die Mühle.« 28

Zum erstenmal war zwischen ihnen beiden von Eekenkamp die Rede gewesen. »Also meine Frau Schwägerin hat mit der alten Sabine nichts im Sinn?«

»O nee. Da is sie nun mit ihrem Auftrumpfen an die Unrechte gekommen.«

Aus diesen Worten und aus ihrem Klang hob sich für Marten so deutlich wie nie zuvor Brünnes Bild heraus.

Ich muß ihr meinen Besuch machen, war in rein gesellschaftlicher Erwägung sein Gedanke. Aber dieser Gedanke schreckte ihn, denn es war ihm eine Qual, daß auf Eekenkamp eine fremde Hand schaltete. Und war Brünne ihm nicht eine Fremde?

Aber heute erst mal die Arbeit! Die Mühle wurde in Gang gesetzt. Der Bach schäumte und schwoll über von Frühlingskraft, es war wie ein schmunzelndes Stöhnen in dem alten Rad, als es dieser jauchzenden Stärke sich ergab.

Marten wußte mit dem Werk genau Bescheid. Wie oft hatte er als Junge hier geholfen! Verstand sich auf die Kopperei so gut wie auf den Mahlgang und seine Regulierung, war mit dem Sichter vertraut, mit dem Mischen und Trocknen. Mit freudigen Händen ging er ans Schaffen.

 

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