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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Marten schaffte den Hungernden Brot ins Haus. Sabine mußte ihm die Bedürftigsten nennen. Sie schwebte als Geist über dem Ganzen, unsagbar wichtig kam sie sich vor. Die Beschenkten dankten ihm nicht, und taten sie's, war der Dank unwillig und fast feindlich. Aber Marten ließ sich das nicht schrecken und verdrießen. Wahrhafte Dankbarkeit vermag nur zu empfinden, wer selbst geben kann.

Mit Jörg schloß er sich enger zusammen. Heute gab es neue Erörterungen. »Wir haben hier diese Quelle im Ort. Du sagst, sie sei eisenhaltig.«

»Ja, es ist ein erdig-salinischer Eisensäuerling.«

»Mit Heilwirkung natürlich.«

»Ja. Das Wasser ist ähnlich dem der Pyrmonter Stahlquellen.«

»Und das machen wir uns nicht zunutze? Wir haben die See, wir haben die Heilquelle, wir haben die prachtvolle Natur. Eine doppelte und dreifache Verpflichtung für uns, daß wir hier etwas zustande bringen!«

Jörg staunt aufs neue die Kraft an, die schmerzgeboren und schmerzgestählt aus all dem Zerstörten emporgewachsen und jetzt aller Selbstbetäubung Herr geworden ist. 273

Marten ist unermüdlich, und weit ist sein Horizont. Die oberste Leitung der Argillawerke ist von seinen großen Ausgestaltungsplänen lebhaft gewonnen, da er den vertieften und bahnbrechenden künstlerischen Geist hineinträgt. Im Winter ist in der Reichshauptstadt eine Ausstellung für Keramik. Die wollen die Werke mit den neuen Hillebrandtschen Mustern beschicken. Sie wissen, daß damit eine neue Epoche für sie beginnt. Doch immer noch ist Marten hier nur zu Gast. Noch hat er nicht den festen Ankergrund gefunden.

Im Dorfe hauste er nicht mehr. Er brauchte für sein künstlerisches Arbeiten ganze Ellbogenfreiheit. Die Argillawerke hatten ihm auf seinem Mühlengelände in aller Eile ein nordisches Holzhaus mit Atelier errichten lassen. Hier wohnte er nun mit seinem Ehrenfried. Aber die Dorfgemeinschaft blieb in seinen Gedanken und in seinem Herzen.

Marten saß bei Karsten Wittenborn. »Ich weiß, daß die Wehmut der Theorie von jetzt ab mein Teil ist,« sagte der Professor. »Aber auch von der Philosophie kann ich mir Trost holen. Das Große wird aus dem Kleinen, also ist das Kleine mehr als das Große. Wie stehe ich nun da vor Ihnen, dem Herrn dieser Welten?«

»Das bin ich nicht, ich diene.«

»Das bekannte Wort: Ich diene, da ich herrsche – und da ich diene, herrsche ich. So sind Sie auch. 274 Und ich sage Gott sei Dank dazu.« In dem Klang lebte etwas auf. Aber dann legte eigne Mattigkeit sich wieder auf ihn wie eine Last, wie eine Qual.

Suse kam. Marten sah, daß neue, gesunde Kraft in ihr schwang. Das rote Mal auf ihrer Stirn leuchtete – Feuer hat Feuer geheilt, mußte er denken. Sie trug ihr Zeichen freudig, in Stolz und Ergebenheit zugleich, und das galt ihm. Blickte sie nicht wie ihm vereint auf das gleiche Mal, das die Notgemeinschaft ihm aufgeprägt hatte?

Hell und stark tönte in Marten das Mannesempfinden. Wie jung ist sie! Wie beglückend dieses eben Erwachte! Hier hegen und walten! Das hüten, was er, er selbst doch gerettet hat! Soll es ihm nicht gehören, ihm nicht voll sich erschließen, ihn blühend umschlingen, ihn heimfest und heimselig machen und aus der Unrast ihn zwingen?

Nichts Verstecktes ist mehr in ihr. Die Sicherheit einer klaren Kameradschaft trägt sie. »Es ist gut, Herr Hillebrandt, daß ich Sie bei Vater treffe. Wenn ich nicht allein mit ihm fertig werde, stehen Sie mir bei!« Und jetzt wendet sie sich mutig an den Vater. »Ich habe einen heftigen Angriff auf dich vor.«

Die schweren Lider heben sich in Karstens alt gewordenem Gesicht, die Augen beschreiben ein Fragezeichen in der Luft.

»Du sollst erlauben, daß ich nicht mehr zur Schule gehe.« 275

»Wie?« Nun hebt er sich in die Höhe. So leicht ist die gefestigte Masse seiner Lebensanschauung nun doch nicht zu bewegen. »Was heißt das nun wieder?« Mißtrauen und ehrlicher Unwille regen sich. »Du hast dein Teil zu lernen, und damit basta!« Durch die Professorenstirn ziehen sich Falten. »Außerdem habe ich den Eindruck, als wärest du hier in der Ferienzeit doch stark aus den Fugen gegangen. Und die Schulbank hätte das wieder einzurenken.«

»Vater, sei mir nicht böse« – sie sprach es bescheiden, doch mit festem Klang –, »ich glaube nicht, daß daraus etwas wird. Und wenn das nicht an der Schulbank liegt, so liegt es an mir.«

Ihre Haltung, ihr ganzes Wesen machten ihn nun doch stutzig. »Ja, wo soll denn das hinaus? Faulenzerei und Drückebergerei ist doch sonst nicht deine Art gewesen.«

Sie durfte ihres guten Gewissens sich getrösten. »Ich will auch meine Arbeit tun. Aber anders jetzt –«

»Herrgott! Du hast doch noch nichts Rechtes vor dich gebracht! Und was wird aus all den Anfängen? Ich hatte solche Freude an deinen sprachlichen Neigungen. Und daß du mit solchem Eifer Spanisch für dich triebst.«

Sie zuckte leicht zusammen. In Marten sang eine Saite auf. Und wie vertiefte sich der Ton, da sie ruhig bekannte: »Mein Spanisch geb' ich auch nicht auf!« Verbunden die beiden, von ihr zu ihm ging die 276 Welle des Verstehens, mit der schalkhaften Freude stillgeheimer Gemeinschaft. In diesem Verbundensein aber fand sie fröhlichere Gewißheit. »Mir ist etwas aufgegangen, Vater – davon komm' ich nicht los. Und ich bitte dich herzlich, mir dabei zu helfen. Es schlägt ja auch in dein Fach, es ist auch eine Art Naturschutz. Aber es muß gleich zugegriffen werden, Zeitverlust ist nicht wieder einzubringen. Und dafür – dafür will ich nun eben hierbleiben.« Karsten Wittenborn spitzte die Ohren.

»Es geht um die Fischerkinder von Lanken, Vater. Die am Verkommen sind. Dafür, daß sie nicht verhungern, sorgt ja Herr Hillebrandt.« Stirnrunzelnd wehrte Marten ab. »Aber mit dem Nichthungerssterben allein ist es nicht getan. Sie müssen aus dem Schmutz heraus, aus ihrer Kruste. Ins Wasser sollen sie, und dann in die Sonne zum Trocknen. Aber dazu gehört einer, der sie ins Wasser kriegt, das sie vor der Tür haben und das ihnen das feindliche Element ist. Und dieser eine bin ich! Die alte Krankenschwester Berta bringt das nicht fertig, es liegt ihr auch nichts daran. Dazu gehört Jungsein und Kopfstehenkönnen. Und ihr sollt sehen, mit dem Dreck krieg' ich auch all das Scheue weg, das Argwöhnische, das Lauernde und Verkrochene. Es wird ein Bad des Leibes und der Seele. Und nun sag' selbst, Vater, ist das nicht der Naturschutz, der hier am nötigsten gebraucht wird und auf der Stelle?« 277

»Bravo, Kamerad!« rief Marten, und er streckte den Arm zu ihr hin.

Der halbe Karsten Wittenborn richtete sich empor. Die andre Hälfte aber knurrte etwas wie: »Schwemme für Dorfkinder – und das als Lebensberuf!«

Doch jetzt sprang Marten kräftig ein. »Herr Professor, nun aber Brust heraus! Ist dies nicht etwas zum Hosiannaschreien? Singt Ihre Philosophie jetzt nicht auch aus anderm Ton? Hier in meinem jungen Kameraden, was haben wir hier Junges und Neues und Blühendes! Wir selbst werden jung und neu davon. Sie auch. Sehen Sie nicht auch für sich ein ganz neues Feld? Sie sollen gar nicht mit an den Kindern herumwaschen. Aber an der Wohlfahrt Lankens sollen Sie mitschaffen. Dem Fischereibetrieb bei uns fehlt der wissenschaftliche Rat. Auch für ihn brauchen wir die intensivere Wirtschaft. Bassins müssen wir haben. Zum Aufbewahren der besseren Fänge für die günstigste Konjunktur und zum Füttern, zum Aufmästen der edleren Fische. Ich denke an Steinbutt und Lachs. Und was gibt's da sonst noch alles! Aber dafür muß die Naturkunde uns beraten. Karsten Wittenborn muß an Bord!« So beflügelte Marten wieder seine Ideen, die alles fortrissen und vorwärtstrugen.

Karsten hatte seinen besonderen kräftigen Rippenstoß dabei abgekriegt. Erst empfand er ihn als anmaßlichen und schmerzhaften Eingriff, dann aber ließ 278 er sich willig von ihm aufrütteln, denn hinter diesen Rippen schlug noch ein junges Herz. Das Stirnrunzeln, das er vor Suses selbstherrlichen Entschlüssen sich noch schuldig war, spielte zuletzt über den aufstrahlenden Augen eine kümmerliche Rolle.

Und Suse setzte froh und stark den Fuß auf ihren neuen Weg. Ihre Blicke legten sich leuchtend um den Freund.

Und wieder durchschauerte es ihn. Wie beglückend jung ist sie! Warum zog er sie nicht in die Arme? War dies Verlangen in ihm nicht rein und stark? Was trübte, was schwächte, was hemmte ihn so?

Er forschte in sich hinein und traf ein Dunkles und Schweres. Er lauschte auf sein Blut und hörte, schmerzlich fast, daß es nach Brünne rief.

 

Nach der Hitzeperiode hatten die Niederschläge eingesetzt. Nun regnete der Regen jeglichen Tag. Die Landleute verzagten. Brünne und ihr Peter Kawel saßen da mit dicken Köpfen. Die Weizenernte faulte in den Hocken, und sie war ihre letzte Hoffnung gewesen.

Brünne war eine müde Frau. Dies alles war nun doch zu viel geworden für ihre Schultern. Sooft Jörg kam – und er kam oft – konnte er erleben, daß das Harte, Harsche, Herrische und Heftige ihrer Art in einen milden Schein sich löste. Aber Freude hatte er nicht daran. Und ein Beunruhigendes war 279 für den Arzt dabei. Ihr Aussehen gefiel ihm schon lange nicht. Aber zu einer Untersuchung wollte sie sich nicht herbeilassen. Er hatte den Verdacht, bei ihrer leidenschaftlich übersteigerten Natur sei das Herz nicht in Ordnung.

Heute, da er sie begrüßte, gelang es ihm, ihren Puls zu erhaschen. Wieder wollte sie ihm entschlüpfen, aber er hielt fest, und die starke Innigkeit seiner Augen zwang sie, sich zu fügen. »Ich muß Ihr Herz einmal abhorchen,« erklärte er mit eiserner Ruhe. Da der Arzt jetzt voll am Werke war, half dessen Energie, unverrückbar und suggestiv, der Sorge des Freundes, des Liebenden.

Und Brünne unterwarf sich seinem Willen.

»Eine Herzerweiterung, wie ich es mir dachte,« gab Jörg ihr mit ernster Miene zu wissen. »Sie müssen unbedingt ausspannen. Und nach Nauheim oder Altheide.«

Sie lächelte herb. »Wovon?«

»Dafür wird Rat werden.«

»Ich kann hier jetzt meinen Posten nicht verlassen. Es geht um meine Existenz.«

»Ihre Gesundheit ist Ihre Existenz. Wenn Sie sehr verständig sind, kommen wir vielleicht mit Ruhe aus. Am liebsten würd' ich Sie jetzt gleich ins Bett stecken.«

»Davon kann keine Rede sein. Auf den Beinen 280 will und muß ich bleiben.« Ihre alte Heftigkeit sprang auf.

Jörg wußte, er würde seine Not mit ihr haben. Nie aber würde er ermüden, mit ihr um ihre Wohlfahrt zu ringen. Noch war keine besondere Gefahr, noch war, bei vernünftigem Leben, der Ausgleich durch die Herzmuskelsubstanz denkbar. Und er wollte, wollte sie heilen. »Ich verspreche Ihnen,« sagte er fest, »Sie wieder ganz gesund zu machen, wenn Sie nach meinen Anordnungen leben. Wollen Sie denn als Krüppel durchs Dasein schleichen?«

Sie wurde nun doch nachdenklich. »Was wäre also zu tun – außer Bett und außer Nauheim?«

»Sie müssen unbedingt Ruhe halten. Die Wirtschaft muß eine Zeitlang ohne Sie gehen.«

Mit schweren Augen blickte sie in den Regen da draußen. »Es wird bald nichts mehr zu wirtschaften sein.« –

Eine wachsende Müdigkeit, eine quälende Schwäche kam Jörg entscheidend zur Hilfe. So brachte sie viele Stunden des Tages auf dem Ruhebett zu.

Jörg kam täglich, meistens zweimal. Er besorgte Bücher für sie, er saß bei ihr, solange er konnte. Dem alten Peter Kawel redete er kräftig ins Gewissen. »Mit Ihren Befürchtungen müssen Sie die gnädige Frau jetzt verschonen. Daß Ihre Rüben soviel Saatschießer haben und daß die Kropfkrankheit um sich greift, das behalten Sie gefälligst für sich.« 281

Er setzte es dann durch, daß die Vorträge des Administrators überhaupt aufhörten, daß Brünne, wie sie selber sagte, dem »wirtschaftlichen Dämmerzustand« verfiel. Sie fühlte jetzt selber, daß sie erschöpft und niedergebrochen, daß sie wirklich krank war, und ihr selbst war es das Wichtigste, sobald wie möglich wieder gesund zu werden. In einer Art Dämmerung lagen für sie auch all die Kämpfe, die Stürme, die Geschehnisse der letzten Zeit. Und sie hütete sich, diese Traumschleier zu zerreißen. Hinter ihnen toste die Unruhe, und sie sehnte sich nach Frieden.

Jörg aber mit der stillen Stetigkeit und Zielklarheit seines Wesens, die Marten dem Mitschüler so oft als Streberei verübelt hatte, wachte über sein Glück. Dabei war er ehrlich und bescheiden genug, sich zu gestehen: daß ich sie so in meiner Macht habe, ich dank' es der Krankheit, die sie bändigt.

Es geschah, daß er sich über dem Wunsch ertappte, sie möchte noch lange seiner bedürfen. Soll das heißen, sie soll noch lange die Leidende sein? Nun regte sich doch sein helles Selbstgefühl. Bin ich als Mann nicht so viel wert, hab' ich nicht Kraft genug, ein aufrecht gesundes und starkes Weib mir an die Brust zu ziehen?

Und ist mir nicht hier durch Schicksalsfügung das Weib meiner Sehnsucht anvertraut? Daß sie matt ist vom Leben und ihre Wunden trägt, daß es mir gegeben ist, diese Wunden zu heilen – wäre ich nicht 282 ein grasgrüner Narr, wollte ich diesen Glücksfall nicht nützen für meine Werbung? –

Marten hatte er seit Tagen nicht gesehen. Heute trafen sie sich im Dorf. Der Arzt blickte forschend in das Gesicht des Freundes. Würde er auch bei ihm zu tun bekommen? »Mutest du dir nicht zuviel zu?«

»I wo! Ich komme jetzt erst so recht in Schwung. Da ich nun mal die Sache für die Keramik-Ausstellung übernommen habe, muß ich auch was Gehöriges leisten.«

»Und die Vorarbeiten für das Hafenprojekt machst du auch.«

»Das ist eine Zerstreuung. Übrigens, du wolltest die chemische Untersuchung der Mineralquelle beschleunigen. Und die medizinischen Gutachten als Unterlage für eine Propaganda beschaffen. Wie weit sind wir damit?«

»Was bist du für ein Mensch! Ich dachte, der Künstler und der Hafenbaumeister wären derart beschäftigt – da hab' ich es sacht angehen lassen.«

»Ich weiß nicht, wie lange ich hierbleibe. Du verstehst, daß ich nicht gern als Nebelstreif zerfließen möchte. Wenigstens die Vorarbeiten möchte ich erledigt zurücklassen.«

»Hm! Ich werde auf alle Fälle hinter meine Sache mehr Dampf machen. Übrigens war ich in letzter Zeit beruflich ganz besonders in Anspruch genommen.« Mit vollem Bedacht brachte er auf Brünne 283 die Rede. »Der Zustand von Frau Hillebrandt verlangt die allersorglichste Behandlung.«

»Wie? Brünne ist krank?« Martens Augen tasteten wie im Dunkel umher.

»Ja, sie ist herzleidend und braucht die denkbar größte Schonung.«

»Brünne krank – das will einem nicht in den Sinn.« Tonlos waren die Worte, unergründlich blieb Martens Gesicht. »Ist das Leiden erst jetzt aufgetreten? Hatte sie es früher schon?«

»Eine gewisse Anlage mag schon vorhanden gewesen sein. Die eigentliche Erkrankung ist neuesten Datums.«

»Und sie ist – besorgniserregend?«

»Es ist jedenfalls nicht mit ihr zu spaßen.«

»Mir tut das aufrichtig leid. Willst du gefälligst meine Besserungswünsche ausrichten.« Wieder war in seinen Zügen nichts zu lesen.

Sie trennten sich bald, Marten hatte es eilig. Aber keine Arbeit rief ihn jetzt. Er wollte nur allein sein. Brünne krank – wie soll man das in Einklang bringen? Krank – und wer weiß, wie lange ihr das schon im Blut gesteckt haben mag! War die Naturgewalt, gegen die er keuchend angerungen hatte, nichts als nervöse Überreiztheit gewesen? Und die Elementarmacht, die ihn überwältigt hatte, war Neurasthenie? Welch lächerliche Figur, die er da selber machte! Oder war es erst der Kampf, was sie so 284 niedergeworfen hatte? War sie seinen Streichen erlegen? War es die Besiegte, die Bezwungene, die den Gang zu ihm nicht antreten wollte? War diese tödlich höhnende Absage an die brennende Mühle ihr letzter, ersterbender Kampfruf gewesen?

Aber wie dem sei, sie liegt am Boden. Und der Endkampf mit der Walküre – er spricht es selbst, das getragene Wort, in voller Bitterkeit – dieser Endkampf, in dem es um den Sieg gehen sollte, er bleibt ihm versagt. Ist es nicht recht eigentlich dieser Sieg gewesen, der seinem Leben vorangeleuchtet und der ihn hier festgebannt hat? . . .

Marten warf sich Hals über Kopf in seine Arbeit. Für die Ausstellung mußte das Letzte vorbereitet werden. Aber etwas Ungestümes war in seinem Tun. Ist es nicht ohne Sinn und Verstand? so bestürmte er sich aufs neue. Und nur mühselig gewann er seinem Schaffen die Harmonie zurück.

 

Im Dorf flackert die Seuche noch einmal heftig auf. Und nun ergreift sie die, die von allen hier die unanfechtbarste ist, die über den Dingen schwebt, die Totenfrau, die eine Meisterin des Lebens ist und in vollem Unsterblichkeitsgefühl gefeit sich dünkt: Mutter Hackpoot.

Suse hat sich der alten Gemeindeschwester Berta, diesem treuen und harten Arbeitstier, das wie von Holz ist und an dem man sich Splitter einreißen 285 kann, zur Verfügung gestellt. Läßt sich von ihr schlecht behandeln und leistet doch mutig und unverdrossen ihren Pflegedienst bei den Typhuskranken.

Nun sitzt sie bei Mutter Hackpoot. Es geht ihr schlecht, und Jörg gibt wenig Hoffnung. Doch Todesgedanken läßt sie noch nicht an sich heran. »Ick stah mit 'n Dod up du un du. Mi dheet he nicks.«

Allmählich aber fangen doch die Schatten an zu ziehen, und heute in der Nacht, voll Angst und Not, ruft sie einmal nach ihrem »Jungherr Marten«. Suse läßt zu ihm schicken, aber er ist daheim nicht zu finden – bis zum Morgengrauen hat er in den Argillawerken gearbeitet.

Nun tasten die gequälten, verwelkenden Finger nach der blühenden Hand der jungen Pflegerin. Die ganze dem Dasein zugekehrte Zärtlichkeit des stockenden Herzens wallt über, alles, was an Liebe ist in der verharschten Brust, bricht hervor. »Mien lütte Diern – du büst de Best.«

Jetzt wird doch der Ruf vom andern Ufer her mächtig über sie. Ihr Hausgenosse, Jakob Dörrschlag, muß herbei, traurig hängt der grauzottlige Fresenbart. »Giw mi mal Fedder un Papier.« Sie sieht ihn an mit großen, schon halb fernen Augen. »Man kann nich weeten, Jöbbe.«

Nie hat sie sonst an so etwas wie einen letzten Willen gedacht. Jetzt schreibt sie, von den beiden gehalten, mit flackernden Fingern. »Mein Haus soll 286 Fräulein Suse Wittenborn gehören. Für das, was sie mit den Dorfkindern vorhat. Was ich sonst hab', kriegt Jakob Dörrschlag. Und er soll wohnenbleiben bis an sein Lebensende. Sabine Hackpoot.«

Danach lehnt sie sich zurück, erschöpft und beruhigt. Sie gähnt laut und tief und sehr ergiebig. Dann dreht sie sich um und stammelt vor sich hin: »Narrsch – to narrsch! Na, denn man to!« Und streckt sich lang und starr. Und aus diesem Leben und seinen Geheimnissen fliegt ihre Seele neuen Geheimnissen entgegen. –

Ein sonnenheller, sonnenstarker Herbst. Suse als Besitzerin eines eignen kleinen Anwesens hatte nun selbständig eine feste Unterlage für ihr Werk, auf der sie zu immer größerer Selbstgewißheit aufwuchs.

Ihr kleines Haus lag von allen der See am nächsten. Ein Stück Land gehörte dazu, das an die Dünen stieß. Hier war das Sonnenland für die Luftbäder, für die Spiele und Turnübungen.

Jörg war ihr begeisterter Berater und Helfer. Es dauerte seine Zeit, ehe sie das kleine Volk zusammenbekam. Die alte Volksanschauung, daß man beileibe keine frische Luft an den Körper kommen lassen darf, daß man gegen Kälte dick und gegen die Sonne noch dicker sich anzieht, mußte erst gründlich ausgekehrt werden.

Schon aber traten an die Leiterin dieser Lichtanstalt geschäftliche Aufgaben heran. Sie brauchte Geld. 287 Ein Schuppen war dringend nötig. Auch Turn- und Spielgerät mußten sie haben. Geld – wer hatte hier Geld? Nur die Argillawerke. Und waren nicht auch Arbeiterkinder von ihnen dabei? Sie mußten überhaupt für das Unternehmen und seinen Ausbau gewonnen werden. Marten mußte auch hier beispringen. Der war nun freilich ganz in seine künstlerischen Arbeiten vergraben. Und das rein Geschäftliche ging ihn auch eigentlich nichts an. Dafür ist Arnulf da. Also mit Arnulf sprechen – ja, warum nicht? Warum nicht?

Und Suse ging zu Arnulf. Ging hellen Auges und trug den Kopf hoch und frei. Das Bewußtsein, daß sie ganz unbefangen ihm entgegentreten konnte, daß sie imstande war, ihn um etwas zu bitten, ja, nicht weniger als Geld von ihm zu verlangen – es gab ihr die volle Sicherheit des Schreitens.

Sie mußte sich bei ihm melden lassen und hatte ein wenig zu warten. Aber das störte sie nicht, sie wußte, wie beschäftigt er war.

Dann, als er sie empfing, freudig, mit offenen Armen, spürte sie es gleichwohl wie eine Frage in seinen Blicken, wie ein leises, nicht ganz geschwundenes Mißtrauen. Und jetzt schwirrte doch etwas von dem Ton in ihr auf, der durch ihr junges Leben gebraust war – können Lebensklänge sterben? Sie beide konnten es nicht hindern, daß die geheimen Kräfte gemeinsamen Erlebens zwischen ihnen hin und her 288 gingen. Eine ferne Melodie war es geworden, doch eine Melodie mit dem Zauber der Ferne. Eine Zartheit und Scheu des Erinnerns blieb über ihnen und befreit von dem Rauch und der Lohe. Gerade so aber konnten sie in dem Sachlichen ganz sich zusammenfinden. »Du bist ein Mordsmädel, Suse! Natürlich helf' ich dir, die Sache auf die Beine bringen. Deine Lichtanstalt – ein Licht soll hier der Welt aufgesteckt werden!«

Sie zeigte den weiten Horizont des Unternehmersinns. »Lanken hat ja seine große Zukunft – mir ist nicht bange um unsre Sache. Da ist die eisenhaltige Quelle. Dann der schöne Badestrand und die herrliche Natur. Und wenn ihr den Seehafen baut –«

»Oh, du wandelst auf Marten Hillebrandts Bahnen.«

Da errötete sie leicht und antwortete ungestört mit kräftigem »Ja!«

Noch immer segnete die Herbstsonne die Breiten mit ihrer stillen weichen Wärme. Wohlig zitternd, sonst unbewegt kauerte die See unter dem streichelnden Flimmer.

Suse mit ihren Kindern plätscherte im Wasser, gab Schwimmunterricht, zeigte ihre Künste, wurde bewundert und geliebt.

Ein paar von den ganz Kleinen trauten sich nicht in die unheimliche Flut, sie mochten gern und konnten nicht, verzweifelt sogen sie an ihren Daumen und 289 traten mit krummen Knien von einem Bein aufs andre. Suse aber übte keinen Zwang, nicht einmal besonderes Zureden. Sie wußte, sie würden ihr kommen.

Marten erschien auf der Düne. Er mußte zu den Werken und hatte es sehr eilig. Aber hier anzukehren, konnte er sich nun doch nicht versagen. »Guten Tag, Entenmutter!« grüßte er schon von weitem. »Hier,« – er deutete auf die ängstlichen – »das sind wohl die Küchlein. Geht ihr nicht ins Wasser?« fragte er sie. Da nahmen sie Reißaus und hockten im Dünengras wie die Hasen. Er lachte hellauf. Am liebsten hätte er mitgemacht, wie ein Junge. Aber die Konferenz wartete auf ihn. Er verfluchte innerlich alle Geschäfte. Plötzlich aber kam es ihm: ist sie mir nicht auch davongeschwommen? War es nicht das Schöne, daß sie an mich sich lehnte, auf mich sich stützte, daß sie mich brauchte? Aber jetzt hat sie ihr eignes Wirken. Ein Prachtkerl ist sie – aber was nützt mir das! Und für ihre Sorgen hat sie Arnulf Neuber, ihre erste Leidenschaft und Liebe.

Im Handumdrehen, wie er aufgetaucht, verschwand er wieder. Suse suchte nach ihm mit großen schmerzlichen Augen. Und sie war heute keine so gute Entenmutter wie sonst.

 

Marten ist im Sturz, ohne Abschied zu nehmen, nach Berlin gefahren. Arnulf folgt ihm, sie haben 290 jetzt die Ausstellung einzurichten. Zu Ende Oktober ist Arnulfs Hochzeit angesetzt. Marten ist natürlich geladen. Suse soll seine Tischdame sein. Aber er hat gebeten, auf ihn zu verzichten. Feste waren nie sein Fall, heute liegen sie ihm weniger als je. So bleibt er in der Stadt bei seiner Aufgabe. Suse aber hat an der Hochzeit nicht ihre Freude gehabt.

Ein großer Erfolg ist die Ausstellung für die Argillawerke. Man spürt den Herzschlag in dieses Bildners Hand, stutzt über viel Eigenmächtiges, viel grotesk Narrendes und Verblüffendes, widerstrebt manch einer barocken Laune und staunt dann wieder dem großen Zug humorigen Weltenfluges nach. In dem Lob, dem Tadel der Zeitungen kündigt aufleuchtend ein lebendig Neues sich an.

Einsam blieb Marten in der großen Stadt, er wurde gesucht und ließ sich nicht finden. Da gab man ihn auf und mühte sich nicht weiter um ihn.

Das Heimweh nach seinem Küstenland packte ihn. Er fuhr nach Hause, aber er blieb verborgen in seinem Schaffen.

Zum Ausklang des Oktobers gab es noch ein paar farbentrunkene Sonnentage. Dann setzten die Stürme ein, die gründlich mit allem Blätterprunk aufräumten. Der November verkroch sich grau in Nebeldunst. Marten arbeitete Tag und Nacht und wußte und wollte nichts andres.

Eines Morgens aber hatte ein zarter Schnee die 291 Welt zur Schönheit aufgeweckt. Eine jubelnde Sonnenfeier war ihr beschieden. Festtäglich ward es auch Marten zumute, wie nach besonderem Geschehen. Da begab es sich, daß Jörg sich einstellte, als Bote von niemand anders als von Brünne selbst. und ihn in ihrem Namen um seinen Besuch bat.

Wie im Traum schritt Marten durch das Lichtmeer hin, da er nach Eekenkamp auf den Weg sich machte. Es war eine Art Schweben durch den Glanz, ohne Sinne, ohne Denken, ohne rechten Wunsch auch und ohne eigentlichen Willen. Wie er bis hierher, in Brünnes Zimmer, gekommen war, er hätte es kaum zu sagen gewußt. Jetzt tritt Brünne ihm entgegen, licht, durchsichtig und geistig – wo ist all das düster Lohende geblieben? Und er selbst von Schmerz und Mühen, von der harten, unermüdlichen, fanatischen Arbeit, wie entsinnlicht, entweibt und entkörpert.

Für ihr Zusammensein bedarf es keiner Erklärungen. Die Äußerlichkeiten der Begrüßung verwehen.

Brünne gibt ihm auf seine Frage zu wissen, daß sie wieder lebens- und vernehmungsfähig sei. Und dann bringt sie gleich die Sprache auf Eekenkamp. Alles bleibt gedeckt und leise, und Marten weckt keinen härteren Schall. »Das Gut ist für mich nicht zu halten. Ich kann die Zinsen nicht zahlen. So wird es an die Argillawerke fallen.«

Das geht ihm nun doch durch und durch. Gerade 292 die stille Trauer dieser Worte bewegt ihn. Gleich springt er in die Bresche. »In den Werken hört man ein wenig auf mich. Ich sorge schon dafür, daß sie nicht rücksichtslos gegen dich vorgehen.«

Darin ist Großherzigkeit. Aber das ist ihr im Grunde selbstverständlich – so selbstverständlich, daß sie nicht von ihr sich beschämen läßt. Hätte sie auch sonst, wäre er anders gewesen, so gegen ihn, so für ihn in Flammen stehen, hätte sie sonst so an ihm leiden können? Sie nickte ihm zu, ihr Blick spricht mehr als Worte. Dann sagt sie: »Das Ende, das doch kommen muß, würde damit nur hinausgezögert. Das Land – nun ja, es wird jetzt über kurz oder lang in andrer Weise ausgenutzt werden. Aber das Haus wird bleiben, dein Vaterhaus. Und der Park, der es schützt gegen außen. Es ist das Gegebene, bei deiner Stellung in den Werken, daß du es beziehst und bewohnst. So hast du deine Heimatfeste. Und das ist, was du haben mußt.«

»Und du –?« Heißer sprüht es über seine Lippen.

»Ich hab' Jörg Eberwien liebgewonnen und will mit ihm das Leben teilen.«

Natürlich – hat darauf nicht alles langsam und stetig sich hingezogen, unabwendbar, die ganze Zeit? Und doch ist er zusammengebebt und starrt nun wie in leeren Raum.

Brünne sieht es in einer schmerzlichen Freude. Durch ihr Blut klopft es, sie muß tief atmen, daß sie 293 sich wieder hebt in die stille Höhe. Und nun muß das Wort ihr helfen, das freie, klare, helle Wort, das ohne Scheu in alles hineinleuchtet und nichts Dunkles und Dämmerndes mehr leidet. »Mir ist es fast so, jetzt mit dir, als blickten wir zusammen von einem andern Stern auf unser früheres Leben herab. Was war es nur, was immer am wildesten uns auseinanderriß, wenn es am mächtigsten uns zueinander hinzwang? War hier nicht eine Warnung der Natur, eine Warnung des Schicksals? Was wäre geschehen, hätte ich deine Mühle gerettet? Wir beide wären aneinander verbrannt.«

»Und wären wir es!« keuchte er hervor.

»Und ich hätte sie gerettet. Wäre nicht in jenem Augenblick, an dem unser Leben hing, dieses junge Mädchen dazwischengetreten.« Rückhaltlos sprach sie, kein trüber Rest sollte bleiben. »Hier war der Schicksalsruf, und hier ist nun die Zukunft.«

Eine gläserne Starrheit legte sich über Martens Blick.

»Du bist jung, Marten. Und Jungsein brauchst du, Jugend gehört zu dir. Willst du dir nicht einmal erfreulich klarmachen, was es heißt, unser armes Vaterland lieben?« Herzhaft wurden die Augen, und robust leuchtete es auf im Klang der Stimme. »Das heißt, ein junges Weib nehmen, je jünger, desto besser, und Buben und Mädel zeugen.«

Eine neue Lebensmelodie spielte sie ihm auf – sie, 294 Brünne, als seine Beraterin, Helferin, Freundin. Freundschaft – was soll ihm das! Freundschaft, das Grab der Liebe. Das bekannte, abgebrauchte, das allgemeine. Ein Massengrab also. So höhnte und wehrte er sich. Und doch hielt etwas ihn ganz in ihrer Nähe, ein Geistiges, das ihn nun selbst von einer Höhe das Durchwanderte, das Durchträumte und Durchstürmte überschauen ließ. »Die übelste Romantik war es, mit all ihren Eigensüchten und Eigentrieben,« sagte er brüchig und herb. »Die Mühle ihr Sinnbild. Es war Zeit, daß sie verschwand. Denn die Zeit der Romantik ist um.« Nun aber mit halber Stimme tönte es nach: »Das verklungene Lied von Avalun.«

Da sagte sie leise und versunken: »Und ist doch ein Lied. Und – Avalun bleibt Avalun.«

Ein Abschied war es, und doch auch wieder ein Empfang, ein Sichbegrüßen für ein Beisammensein von neuer und andrer Art. Wird er in dies Beieinander sich fügen? Immer noch ist das Gewesene zu stark für das, was werden will – –

Lange ist Marten gewandert, bis in den hohen, hellen Winterabend hinein. Da ist nun doch eine Stelle in ihm und bleibt in ihm, die ist leer geworden, und die Leere tut weh. Aber schlimmer noch: die Asche ist nicht ausgebrannt, immer noch zuckt es unter ihr von Feuer.

Trauernde Nebel schleiern von der Schneedecke 295 auf. Hart sind die Sterne. Das Mondlicht zersplittert in silberne Scherben. Da, es stürzt ein Stern und reißt trotzig vergehend seine Funkenbahn über den mondblauen Himmel. Vorbei und gewesen . . .

 

Arbeit – Marten kannte nur die Pflichten, die er auf sich genommen hatte, nur noch den Beruf. Im Technischen fehlte ihm noch so mancherlei. Er machte Studienreisen, die ihn Weihnachten nicht nach Hause kommen ließen.

Und dann zog der Frühling ein. Er schuf grünes Obdach und luftig leuchtende Wohnungen für seine Lieblinge, die es mit Singen ihm dankten. Die Sonnenstrahlen selbst, sie betranken sich an dem Blütenstaub der blumentollen Erde, in all den Blütenbäumen – wie jubelte die hohe Zeit der Erfüllung! Fühlte das Mannesherz durch die Fernen die junge Sehnsucht, die nach ihm schwang?

Eines Tags war Marten wieder da. Noch immer spukte von der Unrast ihm was im Blut, immer noch schmeckte er den Rauch der Trümmer. Und doch, wie ein neuer Odem war es, was dieser Frühling in ihn einströmte.

Er fand Suse vor ihrem Hause. Sie verhandelte mit dem alten Zimmermann Brodersen. Der ihr den Schuppen bauen sollte, oder die offene Halle vielmehr, denn es durfte keine Baracke werden. Sie 296 wollte, so gut es ging, ein künstlerisch Belebtes und hatte selbst eine Zeichnung entworfen.

Gerade hielt sie den Plan dem griesen Bauhandwerker vor, der, sehr geängstigt vor solcher Ideenhaftigkeit, den Kopf schüttelte, da trat Marten hinzu und fiel beinahe hinein in ihre großen Augen. Das Nächste war, daß sie die Zeichnung zusammenrollte und ihm entgegentrat, als hätte sie etwas vor ihm zu schützen.

»Hat mein Kamerad Geheimnisse vor mir?« fragte er, nun doch ein wenig unmutig. »Und die Rolle halten Sie wie einen Gummiknüppel. Wollen wir uns nicht guten Tag sagen?« Er reichte ihr die Hand.

Sie schlug ein und fand sich wieder. Aber etwas Wehrsames blieb auf der Wacht.

»Ist hier etwas Architektonisches am Werk? Und hätte es nicht nahegelegen, mich dafür heranzuziehen? Bin ich so überflüssig geworden?« fragte Marten und griff herrisch nach der Zeichnung. Sie entzog sie ihm. Da bat er: »Ich möchte sie sehen.«

Nun ließ sie ihm den Entwurf, wenn auch mit Widerstreben. Denn sie wußte, wie stümperhaft er war.

Er aber sah gar nicht das unzulänglich Schülerhafte, ja Kindliche des Ganzen. Da war etwas, was ihn bewegte, was ihn ins Herz traf. In den Frieszeichnungen dieser Sonnenhalle waren Motive der Inkas, der ältesten Sonnenkinder, ihm vertraut. Er 297 hatte sie mitgebracht, in seiner Mühle hatten sie gehangen und waren wie ein Teil von ihm. Sie hatte sie einmal gesehen, flüchtig nur, und doch waren sie in ihr lebendig geblieben. War so nicht sein Leben in ihrem?

Von diesen Linien des Frieses aus beseelte sich für ihn der ganze Bau. Er zog ein paar Verbesserungen, ließ hier und da ein paar Linien anders laufen, dann gab er ihr das Blatt zurück und leuchtete ihr entgegen. »So und nicht anders hätte ich es mir auch gedacht. Ja, Meister Brodersen, ganz so werden wir die Sache machen. Ich bespreche morgen alles Nähere mit Ihnen, und dann fangen wir gleich an.«

In ihrem Glück war ein Widerstand, ein Widerstreben eignen Willens und eigner Kraft.

Er sah es ihr an. Was an Mannestum mit dem überkommenen Herrengefühl in ihm stak, war gar nicht damit zufrieden. »Wir haben so lange nicht miteinander gesprochen,« sagte er.

»Ja, Sie hatten so viel zu tun. Und ich schließlich auch.«

Seine Blicke drangen in sie ein. »Wer hat es doch gesagt, daß Arbeit nicht eine Hantierung, daß sie ein Seelenzustand ist? Gut, daß wir auch dies gemeinsam haben! Aber jetzt gehen Sie einmal mit mir an die See.«

So schritten sie selbander über die Düne. Auf der Höhe blieben sie stehen. 298

Der Wilddorn schimmerte blühend auf, dort drüben in der Heide. Weiterhin am Moorrand voll scheuer Zärtlichkeit zitterten die weißen Birkenmädchen. Im Haar der jüngsten dieser traumversponnenen Frauen saß eine Amsel versteckt – ganz unbekümmert um das stille Weben, ganz unsinnig, mit den höchsten Kehllauten kollerte sie ihr Liebessehnen in die Welt. Vor ihnen aber leuchteten des Meeres raumlose Fernen, das Ewige mit seiner angstvoll tiefen Schwermut und seinem hell erlösenden Trost. Am Weltensaum, gemischt aus Licht und Dämmer, zogen die Rätsel der Zukunft.

Da nahm Marten seines Mädchenkameraden kleine, feste Hand. »Willst du mit mir gehen?« fragte er, kantig beinahe und kurz. »Und bei mir bleiben?«

Sie stieß ihr »Ja!« hervor, nicht weniger schroff und eckig, wie geschlagen von dem Schmerz des Glücks.

Er stellte sie vor sich hin, packte ihre Schultern und schüttelte sie. »So ganz leicht werden wir es nicht miteinander haben.«

Da sagte sie klug und still: »Ist das nicht gut?« Dann dachte sie seinen Worten nach. Oder ist da noch etwas – noch jemand zwischen uns? Und Brünne?! schrie es in ihr auf. Sie bekam etwas Hartes und Unwirsches, wieder dieses knabenhaft Trotzige und Traurige zugleich.

Das Traurige aber traf ihn, und er verstand es. Das Sichverstehen aber sollte vom ersten Schritt an 299 ihrer beider Weggenosse sein. »Du denkst jetzt an das, was war. Was wären wir für Menschen, gehörte nicht auch das Geschehene zu uns. Auch in dir ist, was du erlebt hast. Und nur so mit allem können wir uns ganz gehören.« Doch schon schlugen aus seiner Zärtlichkeit die lichterlohen Flammen. Er nahm ihr Kinn in die Hand, und dann sprach sein Mannessinn, halb ernsthaft und halb im Scherz. »Aber dies macht mir Kummer. Muß immer mehr dieser Unterkiefer sich vorbauen? So tatenkräftig, so eigenwillig – wo soll das hin? Wo bleibt der weiche, blühende Mund?«

Sie sah ihn an von oben bis unten. »Du hast mich Entenmutter genannt – wolltest du ein Gänslein haben?« Sie lachte ihm zu und lachte ihn aus. Nie hat es für ihn ein gleich betörendes Lachen gegeben. Und nie auf der ganzen Welt, da er die Arme öffnete, hat ein Mädchenmund mehr geglüht und geblüht . . .

 


 

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