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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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Erstes Buch
Buch der Kindheit

I.

Das Gesicht des Doktors, das für gewöhnlich einen rötlich-kupferartigen Ton hatte, war blaurot geworden.

Der starke, breitschulterige Mann mit den aufgedunsenen Zügen und dem militärisch zugestutzten Schnurrbart fuhr einen Moment beinahe verlegen durch sein kurzgeschorenes Haupthaar. Dann erhob er sich und packte den Knaben, der mit finsterem, trotzigem Blick vor ihm stand, an den Schultern.

»Du willst es nicht tun?« fragte er und dämpfte seine Stimme zu jener Heiserkeit herab, die häufig gewaltsamen Zornesausbrüchen vorangeht.

Durch die Gestalt des Jungen, dessen schlanke, feine Glieder sich seltsam von dem wuchtigen, schweren Mann abhoben, ging einen flüchtigen Augenblick ein Zittern. Aber auf dem edel geschnittenen Gesicht mit der kühnen, ein wenig gebogenen Nase, dem traurigen Mund und den dunklen, schier verwegenen Augen lag keine Furcht, weit eher der Ausdruck eines unbeugsamen und entschlossenen Widerstandes.

»Ich kann nicht und ich will nicht«, sagte er, während er die Hände zusammenpreßte, und seine Pupillen sich zu erweitern schienen.

Die breiten Hände des Doktors trafen den Knaben.

Der zuckte wie vor den Schuß gestelltes Edelwild zusammen; kein Laut entrang sich ihm. Nur ein schmerzensreicher Zug trat um den festgeschlossenen Mund.

»Du wirst abbitten, wirst deinem Ordinarius abbitten«, keuchte der Mann.

Der Junge schüttelte nur den Kopf.

»Wirst du?«

»Ich kann nicht! Ich habe nichts getan.«

Einen Augenblick sah sich der Doktor suchend im Zimmer um, bis sein Auge auf die Hundepeitsche fiel, die auf dem Schreibtisch lag. Mit einem raschen Griff nahm er sie auf. Er sah sein Opfer wutverzerrt an und fühlte, daß alle ruhige Überlegung mit ihm durchging.

Der Junge richtete den Kopf auf. Seine Gesichtszüge waren straff gespannt und drückten beängstigende Entschlossenheit und unheilvolle Warnung aus. Sie schienen zu sagen: Mißhandle mich nicht, ich spüre es kaum, aber du zerbrichst etwas in mir, daß nie mehr heilen wird.

Dieser Blick war wie ein Stachel, der sich dem Manne einbohrte und ihm den Rest seiner Besinnung nahm.

»Wollen sehen, wer stärker ist, ich oder du!« – und weit ausholend ließ er die Peitsche über den Körper des Knaben sausen.

Der Junge bäumte sich auf; aber plötzlich die Zähne fest aufeinander beißend, schien er gleichsam zu wachsen. Er stand gerade aufgerichtet da und beugte sich unter keinem der Schläge.

Eine Sekunde hielt der Doktor inne. Er empfand es auf einmal, daß diese Stunde einen Kampf zwischen ihm und dem Sohne brachte, dessen Folgen in ihr Leben schneiden mußten. Alles kam darauf an, wer der Stärkere blieb, und von neuem wollte er sich auf ihn stürzen, als die Tür sich öffnete und mit einem verzweifelten, leisen Aufschrei eine zarte, junge Frau in Todesängsten den Knaben deckte. Die Reitpeitsche traf ihr Gesicht und schuf eine blutunterlaufene Strieme.

Der Doktor prallte verdutzt einen Schritt zurück.

»Geh hinaus«, sagte die Frau zu dem Jungen in einem Ton, durch den unterdrücktes Schluchzen klang.

Der Knabe zauderte, dann beugte er sich vor den flehenden Augen der Mutter. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, war die Erstarrung des Doktors vorüber.

»Bist du toll geworden?« brachte er mühsam hervor. »Willst du mir die Brut vollends verpfuschen?«

Er wollte sie beiseite schieben und dem Flüchtling nachstürzen.

»Nicht jetzt, um Gottes willen nicht jetzt«, sagte sie und hob ein wenig die weißen, gefalteten Hände empor.

Er blickte das schlanke Persönchen mitleidig und ein wenig furchtsam von der Seite an. Sie sah so zerbrechlich aus, und ein so weher Leidenszug lag auf ihrem Gesicht, aus dem zwei graue Augen sehnsüchtig, weit geöffnet und unendlich bange auf ihm ruhten. Als er sie vor vielen Jahren kennengelernt, hatte er ihr gesagt, sie hätte den Heilandsblick, der ihm Angst und Demut einflößte. Mit ihren Augen würde sie ihn lenken, reinbaden und von allen Schlacken läutern. Ungläubig hatte sie ihn mit einem schmerzensreichen Lächeln angesehen, das im Laufe der Jahre immer mehr etwas Weltflüchtiges, Irres und Blutendes bekommen hatte. Ein Freund des Hauses hatte einmal gesagt: Die schreit aus tausend Wunden, wenn sie lächelt.

Als der Doktor sie jetzt mit einer gewaltsamen Bewegung zur Seite drängen wollte, da trat dies Lächeln auf ihre Züge und bezwang ihn, da es ihm Furcht und Grauen einflößte. Er ließ sich schwer auf seinen Stuhl nieder, der unter dem Gewicht des Mannes stöhnte, und ohne sie anzublicken, sagte er: »Das sind die Folgen deiner Erziehung. Aufsässig und trotzig ist der Bursche; weder in der Schule noch im Hause zu zügeln. Vom Gymnasium will man ihn weisen, weil er den Geist der Zuchtlosigkeit auch auf die anderen überträgt, weil sein Beispiel gefährlich wirkt; und wenn ich nicht mit den Herren bekannt wäre, wenn man nicht auf mich und meine Stellung Rücksicht nähme, so hätten wir ihn ganz im Hause, und der Tagedieb wäre fertig.«

Sie hatte die Arme herabsinken lassen, und an die Stelle gespannter Furcht war Müdigkeit getreten. Kaum daß sie ihm zuhörte.

»Leistet er nicht in aller Form Abbitte, so kann er sehen, wo er bleibt«, fuhr der Doktor in dem gleichen Tone fort. »Vor mir soll er sich nicht blicken lassen, oder ich schlage ihm die Knochen im Leibe entzwei. Ich –«

Seine Stirn hatte sich gerötet, und er schien willens, von neuem seinen Zorn zu entfachen. Er war ärgerlich über sich selbst. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er in solchen Momenten klein vor ihr wurde und sich lenken ließ. Nachträglich wurmte es ihn, und mit einer raschen Kopfbewegung drehte er sich nach ihr um. Aber der Platz war leer.

Er machte zuerst ein verblüfftes Gesicht, dann lachte er derb auf: »Weibsbild – verflixtes, heiliges Weibsbild!«

Schwerfällig erhob er sich und riegelte die Tür zu. Dann warf er sich auf das dunkelfarbige, lederne Sofa und zündete sich eine Zigarre an. Er blies den Rauch in großen blauen Wolken vor sich hin, die in die Höhe stiegen und den Operationstisch, den Instrumentenschrank und den großen, schwarzen Schreibtisch, auf dem sich geradlinig bis zur Decke das Büchergestell erhob, einhüllten. Er wurde müde, zog die Decke über sich und noch einen halben Fluch auf den Lippen schlief er ein.

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