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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 81
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Korrespondenz zwischen mir und meinen Vetter
die Bibelübersetzungen betreffend.

Hochgeehrter
    Hochgelahrter Herr Vetter!

Marschierte neulich mit ein'm Kamraden durch 'n Dorf neben der Kirch' hin; die Tür zum Gottesacker stand offen, und wir gingen h'nein. 's ist mit dem menschlichen Herzen wie mit 'm Meer. Da gibt's von Zeit zu Zeit Windstillen, und denn müssen die Schiffleute zu Anker liegen. Ich hasse nun aber das zu Ankerliegen, und nehme bei solchen Umständen alle Gelegenheit wahr, wieder flott zu werden und einen frischen Kühlwind in meine Segel zu treiben, und so pfleg' ich denn h'neinzugehn wenn so 'ne Gottesackertür offensteht; da sind Grabhügel, und Kreuze mit Grabschriften und schönen Sprüchen dran, und so gibt ein Gedank den andern; und 's Herz fängt ein'm wieder an zu pulsieren, und zu sich selbst zu kommen.

Was ich meinem Hochgeehrten Herrn Vetter eigentlich erzählen wollt', ist noch nicht gewesen, sondern kommt nun erst, und betrifft die Sprüch' an den Kreuzen. Ich kannte sie nämlich alle lange schon, und wußte sie auswendig, aber hier an 'n Kreuzen leuchteten sie mir ganz anders ein, noch eins so kräftig, und als wenn sie mit feurigen Buchstaben geschrieben wären. Weiß nicht, mir wackelte eine Trän' im Aug', obs darum so schien, oder wie's war. Soviel hab' ich aber draus gemerkt, daß man nicht immer und von jeher aufgelegt ist, einen Spruch zu verstehen, und auch wohl nicht zu übersetzen.

Ersuche den Herrn Vetter um seine Gedanken, und verbleibe allstets etc.

Mundart

Mein Hochgeehrter Herr Asmus,
Wertester Herr Gönner und Vetter,

Freilich hat er's seiner Wackelträne zu danken, Vetter! daß ihm der Sinn über die schönen Sprüche geöffnet worden ist. und freilich ist man nicht immer aufgelegt zu verstehen, und zu übersetzen, sonderlich wenn ein warmer hoher Geist in das Sprachstückchen gelegt ist. Denn der läßt sich ohne sympathetische Kunststücke nicht herausbannen, sieht Er, und wenn einer die nicht hat und doch bannt; so kommt der Geist nicht selbst, sondern schickt einen kurzen bucklichten Purzelalp mit hoher Frisur und Puder, die Leute zu äffen. Dieser Kasus ereignet sich am häufigsten bei den neuen Bibelübersetzungen, sieht Er. Denn, weil die Nase wenigen Menschen auf die Art Empfindungen und Lehren geschliffen ist, so sind hier die sympathetischen Kunststücke am schwersten, und die Purzelalpe sehr bei der Hand.

Kommt bald einmal zu mir, närrischer Kerl, so sollt Ihrs selbst sehen. Lassen sie doch die heiligen Männer Gottes wie Belletristen, und wie Professores Eloquentiae sprechen, und die guten Männer hätten kein Arg aus Ästhetik. Luther war fürerst ein großer Mann; halt' Er sich an ihm, Vetter, und geht keine offne Gottesackertür vorbei. Sein Diener etc.

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