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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 73
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Buch Abhandlung über den Ursprung der Sprache,

welche den von der Königl. Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1770 gesetzten Preis erhalten hat, von Herrn Herder. Berlin, bei Chr. Fr. Voß, 1772, 14 Bogen in 8

Es ist ungemein bequem über Abhandlungen zu urteilen, die von einer Akademie der Wissenschaften den Preis erhalten haben. Man weiß gleich, woran man ist und was man zu tun und zu lassen hat, und ist sicher, daß jemand, dem die Götter mehr Einsicht oder mehr Kredit gegeben haben, einen nicht von ohngefähr durch ein grade die Quere gestelltes Urteil um sein bißchen Ehre und guten Namen bringe, weil man sich nun im Fall der Not gegen ein solches die Quere gestelltes Urteil wenigstens mit Anstand sträuben, und es unter dem Flügel der Akademie, als wäre es eine Luftblase, vor sich hertreiben kann, wie Rousseau seine Réflexion en puissance vor sich hertreibt, bis sie ihm auf seinem Wege zerspringt, sagt Herder.

Zwar bei Schriftstellern wie der, von dem hier die Rede ist, brauchts keiner Sicherheit unter dem Flügel. Man darf sich nur fest an ihm halten, und er trägt einen auf dem Flügel seines Genies aus aller Gefahr, per Fas & Nefas, hoch mit dem Mond über Klotz und Stein, über Widersprüch' und Stoppeln hin, daß einem die Haare auf der Schädel sausen. Man darf sich nur festhalten, wenn er etwa zuweilen, vom Überfluß des Lebenssafts der in ihm ist, den Flügel etwas mutwilliger schlüge.

Die Menschenkinder haben Sprache, wissen aber nicht, wie und woher? ob ein Engel vom Himmel sie gebracht habe? oder ob sie auf Erden ausgebrütet worden? aus der Bärmutter der warmen Empfindung und Leidenschaft? oder der kalten Verabredung? In Ermanglung eines bessern bestieg ein jeder eine Hypothese die ihm die besten Knöchel zu haben schien, und schwang seinen Speer. Da forderte nun die Akademie der Wissenschaften in Berlin die Gelehrten weit und breit auf, diese Ritter zu erlegen und auf einer neuen Rosinante ins Feld zu kommen, oder auch einen von ihnen neu auszustaffieren und sein Sancho Pansa zu werden. Herr Herder kam, sammlete Halme aus der Natur der Seele des Menschen und seiner Organisation, aus dem Bau der alten Sprachen und dem Fortgange derselben, aus der ganzen menschlichen Ökonomie etc., band seine Garbe und stellte sie hin –: Schrei der Empfindung ist nicht Sprache, nicht ihr Blatt noch ihre Wurzel, sondern der Tautropfen der sich an Blätter und Blüten anhängt und sie belebt; das Tier ist immer auf einen Punkt dicht an den sinnlichen Gegenstand geheftet; der Mensch kann seinen Blick losreißen, wendet ihn von einem Bilde zum andern, weilet auf einem, sondert sich Merkmale ab, und hat nun schon ein Wort zur Sprache in sich, das er von sich gibt, nach dem Ton der sein Ohr dabei trifft, und nach dem Resultat der Gärung unter den Bebungen der übrigen Seelensaiten – und so bildet sich nach und nach eine Sprache analogisch, mit der übrigen Bildung des Menschengeschlechts etc.

Es steht übrigens dahin, ob Herr Herder im Ernst meine, daß alle Sprache diesen Weg Rechtens entstanden sei, oder ob er eine Sprache ausnimmt, der Moses erwähnt die den Weg der Güte kommt, und eine warme Übersetzung ist aus der Originalsprache, darin ein milder unerschöpflicher Schriftsteller den großen Codex Himmels und der Erden en Bas Relief und ronde Bosse für seine Freunde geschrieben hat. Dem sei nun wie ihm wolle, Herder hat seinen Weg Rechtens beweisen wollen, und die Akademie hat ihm den Preis zuerkannt.

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