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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 70
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen

            So schlafe nun du Kleine!
    Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine,
    Und süß die Ruh.

Auch kommt der Schlaf geschwinder,
    Und sonder Müh;
Der Mond freut sich der Kinder,
    Und liebet sie.

Er liebt zwar auch die Knaben,
    Doch Mädchen mehr,
Gießt freundlich schöne Gaben
    Von oben her

Auf sie aus, wenn sie saugen,
    Recht wunderbar;
Schenkt ihnen blaue Augen
    Und blondes Haar.

Alt ist er wie ein Rabe,
    Sieht manches Land;
Mein Vater hat als Knabe
    Ihn schon gekannt.

Und bald nach ihren Wochen
    Hat Mutter mal
Mit ihm von mir gesprochen:
    Sie saß im Tal

In einer Abendstunde,
    Den Busen bloß,
Ich lag mit offnem Munde
    In ihrem Schoß.

Sie sah mich an, für Freude
    Ein Tränchen lief,
Der Mond beschien uns beide,
    Ich lag und schlief;

Da sprach sie! »Mond, o! scheine,
    Ich hab sie lieb,
Schein Glück für meine Kleine!«
    Ihr Auge blieb

Noch lang am Monde kleben,
    Und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben,
    Als hörte er.

Und denkt nun immer wieder
    An diesen Blick,
Und scheint von hoch hernieder
    Mir lauter Glück.

Er schien mir unterm Kranze
    Ins Brautgesicht,
Und bei dem Ehrentanze;
    Du warst noch nicht.

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