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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 59
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Eine Disputation

zwischen den Herren W. und X. und einem Fremden über Hrn. Pastor Alberti »Anleitung zum Gespräch über die Religion« und über Hrn. Pastor Goeze »Text am 5ten Sonntage nach Epiphanias« unter Vorsitz des Hrn. Lars Hochedeln. Dem hochlöblichen Collegio der Herren Sechziger zugeeignet. Mit einem saubern Kupfer. 1772, im Hornung.


Meine Herren,

Diese Schrift ist, wie Sie sehen, sehr zum Lachen eingerichtet. Wenn sie aber vielleicht noch sonst ein und andre gute Wirkung haben sollte, so war es nicht wider die Absicht ihres Verfassers. Es gibt einige Schriftsteller, die, bei der freien Miene die sie annehmen, beßre Gesinnungen haben, als man ihnen zutrauen sollte. Der Verfasser verbittet sich, daß man seine Schrift nicht zu den elenden Spöttereien rechne, dergleichen ihm einige, diesen Zank betreffend, zu Gesicht gekommen sind. Übrigens bewirbt er sich in dieser Zueignungsschrift weder um Beifall noch um Schutz, er wollte bloß bei dieser Gelegenheit eine Probe von der Achtung geben, die er unbekannterweise für ein hochlöbliches Kollegium der Herren Sechziger hat.

Der Verfasser
 

W.: – Und das werden sie Ihnen alle sagen. Fragen Sie nur unparteiische Leute.

X.: Ei was? Es gibt keine unparteiische Leute, hämische gibts wohl.

W.: Hämisch, sagen Sie? bedenken Sie, das Buch ist zum Unterricht der christlichen Jugend geschrieben und hat solch wesentliche Mängel und offenbare Verfälschungen. Ein gewissenhafter Lehrer der Rechtgläubigkeit mußte dagegen aufstehen.

Der Präses:

Jawohl! mußte dagegen aufstehen, und das wesen man stumme Hunde, die dazu schweigen täten. Sutorem si furca expellas, tamen absque recori.

X.: Es ist eine Schande, seinen Kollegen vor der Gemeine verhaßt und stinkend machen wollen, aber was soll man sagen, hat – –

Der Präses:

Jawohl! es ist eine Schande, aber freilich, was soll man sagen?

W.: Daß dem Buch recht geschehen, und daß es noch Männer gibt, die Mut genug haben, sich gefährlichen Irrtümern entgegenzustellen und wenn es auch mit ihrem eignen Schaden geschehen sollte, das sollen Sie sagen.

X: Und ich sage Ihnen, daß der Text ein Schandfleck in der lutherischen Klerisei, und daß der Mann, der ihn gemacht hat, ein feindseliger Mann sei, der seinen Kollegen neidet, und ihm Unglück zubereiten wollte, das sage ich Ihnen, und sagen Sie wem Sie wollen, daß ichs gesagt habe, und daß –

W.: Und ich sage Ihnen, daß das Buch ein gefährliches, verdammliches Buch sei, und sein Verfasser ein Ketzer und Antichrist – –

Der Präses:

Heda, Gewalt.... quod – si – illabatur – oleum – un Pavian – ferient – Ruinae – Oh er da, Buten-Minsch, mellir er sich doch ein bißchen mit hinein, daß er die Leute auseinander bringe. Er wird ja doch so heel dumm nicht sein, daß Er nicht ein bißgen mit her machen kann, ich will Ihm denn schon forthelfen, wann Er stecken bleibt.

Der Fremde: Ich weiß nicht, wovon die Herren reden.

Der Präses:

Wovon? das wird er ja wohl gehört haben. Herr W., sagen Sie dem fremden Herrn doch, wovon wir reden.

W.: Die Rede ist hier von des Herrn Pastor Alberti Anleitung zum Gespräch über die Religion, und da behaupte ich gegen Herrn X., daß das Buch ein gefährliches Buch sei, und darüber disputieren wir.

Der Präses:

Und ich bin Präsident dabei, sieht Er, der nu so das Regiment beim Streit führt, und vörn Riß treten muß, wenn einer der Wahrheit zu neg kommt. Sieht Er davon reden wir, und das Buch ist ein gefährliches Buch.

Der Fremde: Haben Sie das Buch gelesen, Herr Präsident?

Der Präses:

Nein, gelesen heb ich's nicht, aber darüm kann ich doch wohl weissen, daß es ein gefährliches Buch sei.

Der Fremde: Sie, meine Herren, haben das Buch ohne Zweifel gelesen?

X.: Aber ich wollte, daß ichs nicht gelesen hätte.

W.: Freilich ist nicht viel Freude dabei, dergleichen zu lesen; sonst wüßt ich auch nicht, warum Sie's nicht wollten gelesen haben.

X.: Mir den Verdruß und den Unwillen über den Mutwillen und das Unrecht der Verleumdung zu ersparen; darum, und weil ich mich ärgere, gegen Sie ein Wort darüber verloren zu haben.

Der Fremde: Sie sprechen mit der Wärme eines Freundes, Herr X., und verdienen in dem Betracht Achtung, gesetzt auch, Sie ließen sich diese Wärme zuweilen ein wenig über die Grenze der Disputation leiten. Ich möchte sie gerne sanfter sehen. Man muß die Menschen mit Sanftmut und Geduld tragen, wenn es anders nicht Kurzweil, sondern Ernst ist, daß man das Ihre und nicht das Seine sucht.

X.: Herr, Sie sollten auch dies Geschlecht kennen – – auf der Stirne die Ehre Gottes, und unterm Mantel den Dolch – –

W.: Und was würde er denn, wenn er das Geschlecht nun kennte? Lügen würde er Sie strafen, und Sie verachten wie ich Sie verachte, daß Sie sich solcher frechen unverschämten Eingriffe in unsre allerheiligste Religion wider die Wächter Zions auch nur mit einem Worte annehmen mögen, er würde – –

Der Fremde: Brechen Sie ab, meine Herren, die Art zu streiten schafft nichts Gutes. Sie sind vermutlich beide zu gute Leute, als daß Sie sich sollten erbittern wollen.

Die Wahrheit ist die Tochter des friedlichen Himmels, sie flieht vorm Geräusch der Leidenschaften und vor Zank. Wer sie aber von ganzem Herzen lieb hat, und sich selbst verleugnen kann, bei dem kehrt sie ein, den übereilt sie des Nachts im Schlaf und macht sein Gebein und sein Angesicht fröhlich. Es scheint als wenn die Wahrheit Ihnen beiden am Herzen läge, mir liegt sie auch am Herzen. Lassen sie uns den alten zanksüchtigen Adam wegtun, ob wir sie finden möchten.

Der Präses:

Mir ligt sie auck am Herzen, und ich will sie mit söcken helfen. Aber in Albertis Buch finden wir sie nicht. Da ist nix als die klare Ketzerei darin zu finden.

Der Fremde: Ein Schriftsteller ist zuweilen nachlässig im Ausdruck; oft macht die verschiedene Art sich eine Sache vorzustellen, daß einer den andern nicht recht versteht, manchmal will auch einer den andern nicht verstehen.

Der Präses:

Was wöll er damit sagen?

Der Fremde: Ich will so viel sagen, daß man in einem jeden Buch Ketzereien finden kann, wenn man sie darin suchen wollte.

Der Präses:

Nu, so find' Er mir 'mal eine Ketzerei in dem Text am 5ten Sonntage nach Epiphonias. Er nimmt sich viel heraus, Butenminsch.

Der Fremde: Was ich sage, das sage ich nicht wider Sie allein, Hr. Präsident, ich sage es auch wider mich und wider uns alle. Glauben Sie aber nicht, ich rede unbedachtsam, daß man in jedem Buch eine Ketzerei finden könne. Sie mögen mir auch noch sagen, welche Ketzerei ich in dem Text finden soll.

Der Präses:

Herr W.! Was gibt's denn für Ketzer?

W.: Es gibt deren leider genug, Sozinianer, Valentinianer, Manichäer.

Der Präses:

Ganz recht, Manuchäer! Nu so find Er mir 'mal die Manuchäer-Ketzerei darin.

Der Fremde: Sie wissen doch, was die Manichäer behauptet haben?

Der Präses:

Freilich, wie sollt ich das nicht weissen?

Der Fremde: Sie haben nämlich behauptet, daß zwei Prinzipia oder Grundwesen wären, ein böses und ein gutes. Eigentlich hat Manes diese Lehre nicht erfunden, sondern aus der Tiefe der persischen Philosophie geschöpft.

Der Präses:

Was woll er erfunden haben? der Prinz Heraklius hat sie lang vör ihm gehabt, und Tubal Cain auch.

Der Fremde: Nun steht im Text, »daß es ohne die Lehre vom Satan und seinen Wirkungen schlechterdings unmöglich sei, den Ursprung des Sündenübels zu erklären«. Nach der christlichen Lehre hat Gott den Satan als einen guten Engel erschaffen, der Satan hat aber gesündigt und ist gefallen. Wenn nun das Sündenübel ohne die Lehre vom Satan unmöglich erklärt werden kann, so bedürfen wir eines neuen Satans, den Fall des itzigen zu erklären, und so fort immer eines neuen Satans; und muß also wer dies behauptet zuletzt ein böses Grundwesen annehmen. Das ist aber die Lehre der Manichäer.

Der Präses:

Dat ist wahr, wahrhaftig. Her W. wat sagen Sie darzu. Der Text ist bei meiner armen Seel ein Manuchäer.

Der Fremde: Verstehen Sie mich nicht unrecht. Der Herr Pastor Goeze hat in der gelehrten Welt den Ruhm eines orthodoxen Theologen, und er ist gewiß kein Manichäer. Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es leicht sei, selbst in den Schriften eines Priesters der so gewissenhaft auf sein System hält und aller Ketzerei so feind ist, etwas zu finden, das man übel auslegen könnte, wenn man das will. Ich sage Ihnen aber in allem Ernst, daß ich das nicht will, und Sie wollen es gewiß auch nicht. – – Und nun Herr W., sagen Sie doch, warum Sie die Anleitung zum Gespräch über die Religion so gefährlich halten?

W.: Es sind darin wichtige Lehren ausgelassen.

Der Fremde: Und was sind denn das für Lehren?

W.: Die Lehre vom Satan und seinen Wirkungen.

Der Präses:

Ja, dat ists man eben, die Lehre vom Satan. Sieht Er, den schwarzen Diobolus, den glaubt Alberti nicht.

Der Fremde: Dies schließen Sie nun schon, Herr Präsident. Herr W. sagt doch nur, daß die Lehre ausgelassen sei.

Der Präses:

Ei, das ist ein Duhn. Wenn er den Diobolus glaubte, so würde er wohl ihm Meldung tun. Aber he will uns darum bringen, sieht Er, und wir wöllen uns den Diobolus nicht nehmen lassen. O Zion pluvinar Dioboli.

Der Fremde: Ich weiß nicht, was der Verfasser glaubt. Er kann aber Ursachen gehabt haben, diese Lehre wegzulassen.

Der Präses:

Ja, dat kann he freilich, aber seg Er doch einige, daß ich höre, ob Er auf 'm rechten Loch pfeift.

Der Fremde: Ich will Ihnen nur eine anführen. Sie wissen, daß es besser ist jemand mit Guten zu ziehen als mit Bösen.

Der Präses:

Das versteit sich, viel besser. Bono vino non opus est suspenso hirco, soweit hat Er noch groß Recht.

Der Fremde: Das Buch ist dem Titel zufolge besonders zur Unterweisung der Jugend geschrieben. Wenn nun der Verfasser die jungen Herzen der Kinder durch Vorstellung der Liebe Gottes und seiner Wohltaten zu einer innigen Gegenliebe und kindlichen Furcht für Gott hätte vorbereiten und gewöhnen wollen, wenn er die Strafgeräte draußen gelassen hätte, um gar nicht einmal die Idee einer knechtischen Furcht in ihre Herzen kommen zu lassen?

Der Präses:

Da hätt he heel Recht, aber der Diobolus gehört doch mit zur Religion, und also hätt er auch im Gespräch darüber vorkommen müssen.

Der Fremde: In einem ausführlichen, ja! Wenn aber der Verfasser kein ausführliches Gespräch hätte liefern wollen?

Der Präses:

So hätt he das sagen müssen. Ja, wenn he das gesagt hätte da wärs ein ganz anders; da würd er mich auch anders sprechen hören, qui bovem bis ungit bovem docet.

Der Fremde: Wo ich mich recht besinne, sagt der Verfasser das in der Vorrede.

W.: Ja, es steht Seite 44 und 45, nahe vor dem überflüssigen Ausfall –

Der Fremde: Haben Sie noch sonst etwas wider das Buch, Herr W.?

W.: Daß der Verfasser die Sprache der Theologen nicht spricht, in der doch so viele große und verdiente Männer gesprochen haben und noch sprechen.

X.: Und sollen denn etwa die Kinder Disputiergeister werden? Die Theologen machten sich ihre Systeme, den Feinden der Religion, die Systeme hatten, desto besser zu begegnen.

Der Fremde: Aber der Geist der Religion wohnt nicht in den Schalen der Dogmatik, hat sein Wesen nicht in den Kindern des Unglaubens, noch in den ungeratenen Söhnen und übertünchten Gräbern des Glaubens, läßt sich wenig durch üppige glänzende Vernunftsprünge erzwingen, noch durch steife Orthodoxie und Mönchswesen. Und, für Kinder, deren Herz durch die Religion gebessert werden soll, ist freilich der simpelste und kräftigste Ausdruck der beste. Wenn ich bei der Quelle stehe, warum soll ich nicht aus der Quelle trinken; so bin ich doch sicher vor dem Unrat am Eimer. Es ist Ehre für einen Mann, und für ein Volk, wenn es strenge und eifrig für seine Religion ist, aber es ist doch auch Billigkeit, zu untersuchen ehe man eifert.

Der Präses:

Ich legge meine Presidentschaft nieder; Butenminsch. will Er President werden?

Der Fremde: Nicht doch, Herr Lars, Sie müssen Präsident bleiben.

X.: Und wenn er noch auf sein Buch trotzte! so nennt ers aber selbst unvollkommen, und bittet um Belehrung und um guten Rat.

W.: Der ist ihm ja auch geworden.

X.: Das mögen Sie noch guten Rat nennen, da es offenbar keinen andren Zweck haben konnte als – – aber was stehen Sie denn, und sehen so starr?

Der Fremde: Ich denke daran, wenn wir nun in jener Welt sind, neben den schönen Jünglingen des Himmels, und da nun alle eines Sinnes und Freunde sind: wie das so gut sein wird, und wie es uns dann leid tun werde, daß wir hier so viel gezankt, und vielleicht jemand Unrecht getan haben – ich dächte Sie gäben sich die Hände. Nicht wahr, Herr Präsident, wenn sich zwei Menschen versöhnen, ist wie eine schöne große Narbe fürs Vaterland? Aber viele sind ihrer Schöne kaum wert.

Der Präsident:

Wahr und wahrhaftig, der Butenminsch hat in vielen Stücken heel groß recht, ich will das Buch selbst lesen, und wollen uns vertragen.

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