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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 50
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Buch Bekehrungsgeschichte des – – – –

Der Mensch ist freilich mehr als Tier, aber er ist auch Tier und hat tierische Zufälle. Das heißt, er hängt mehr oder weniger von seinem jedesmaligen Zustand ab, und von den sinnlichen Eindrücken, die ihm gegenwärtig sind, und urteilt also, wenn der Zustand verändert wird und er andre Eindrücke erhält, von den vorigen anders, als er zuvor, wegen der Nähe, der Gewohnheit, und dem Tumult seiner Sinne und Leidenschaften urteilen konnte; oder: seine Denkart kann von einem Punkt der Peripherie zu dem entgegengesetzten übergehen und wieder zurück zu dem vorigen Punkt, wenn die Umstände ihm den Bogen dahin vorzeichnen. Und diese Veränderungen sind nicht eben etwas Großes und Interessantes beim Menschen; aber jene merkwürdige katholische transzendentale Veränderung, wo der ganze Zirkel unwiederbringlich zerrissen wird und alle Gesetze der Psychologie eitel und leer werden, wo der Rock von Fellen ausgezogen wenigstens umgewandt wird und es dem Menschen wie Schuppen von den Augen fällt, ist so etwas, daß ein jeder, der sich des Odems in seiner Nase einigermaßen bewußt ist, Vater und Mutter verläßt, wenn er darüber etwas Sichres hören und erfahren kann.

Fast alle Systeme, die Menschen sich von Gut und Böse machen, sind Ephemera, Kinder des gegenwärtigen Zustandes, mit dem sie auch wieder dahinsterben; und der Fall ist äußerst selten, daß einer dem System, das er sich gemacht hat, unter entgegengesetzten Umständen treu bleibe. Man kann daher allemal sicher zehn gegen eins wetten, daß ein Delinquent, der auf den Tod sitzt, im Gefängnis andre Gesinnungen über Gut und Böse äußern werde, als er geäußert hat, eh' er hineinkam und als er noch in offnem Meer schiffte; und es wäre also ein mißliches Ding mit den Bekehrungsgeschichten, und ein recht gutes, daß die Religion zum Beweis ihrer Wahrheit der Delinquenten und ihrer Geschichten allenfalls entbehren kann. Überhaupt ist nicht zu begreifen, wozu man sich mit den Freigeistern und Zweiflern so weitläufig in Demonstrations abgibt, und von ihrer Freigeisterei und Zweifelsucht soviel Aufhebens macht. Christus sagt ganz kurz: »Wer mein Wort hält, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott sei.« Wer diesen Versuch nicht machen kann oder nicht machen will, der sollte eigentlich, wenn er ein vernünftiger und billiger Mann wäre oder nur heißen wollte, kein Wort, weder wider noch für das Christentum sagen; und ist er doch so schwach und eitel, daß er, wie Voltaire und Hume etc., sein bißchen Galanterieware zu Markt bringen muß, da könnte man ihn ungestört machen lassen und sich nach ihm nicht umsehen.

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