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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 45
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Buch Oden.

Hamburg, bei J. J. C. Bode

Nein, Verse sind das nicht; Verse müssen sich reimen, das hat uns Herr Ahrens in der Schule gesagt. Er stellte mich vor sich hin, als er's uns sagte, und zupfte mich an 'n Ohren und sprach: Hier 'n Ohr, und hier 'n Ohr, das reimt sich; und Verse müssen sich auch reimen. Ich kann auch wohl zweihundert Vers' in einer Stund lesen, und 's ficht mich sehr oft nicht mehr an, als wenn ich durch Wasser wate, auch spielen ein'm die Reime wie Wellen an 'n Hüften; hier aber kann ich nicht aus der Stell', und 's ist mir, als ob sich immer Gestalten vor mir in 'n Weg stellten, die ich ehedem im Traum gesehn habe. Zwar ist's gedruckt, wie Verse, und 's ist viel Klang und Wohllaut drin, aber 's können doch keine Verse sein. Ich will 'nmal meinen Vetter fragen. – –

's sind doch Verse, sagt mein Vetter, und fast 'n jeder Vers ist ein kühnes Roß mit freiem Nacken, das den warmgründigen Leser von fern reucht und zur Begeisterung wiehert. Ich hatte von Herrn Ahrens gehört, Verse wären so 'n brausendes Schaumwesen, das sich reimen müßte; aber Herr Ahrens, Herr Ahrens! da hat Er mir was weisgemacht. Mein Vetter sagt, 's muß gar nicht schäumen, 's muß klar sein, wie 'n Tautropfen, und durchdringend, wie 'n Seufzer der Liebe, zumal in dieser Tautropfenklarheit und in dem warmen Odem des Affekts das ganze Verdienst der heutigen Dichtkunst bestehe. Er nahen mirs Buch aus der Hand und las S. 41 aus dem Stück, der Erbarmer:

– – O Worte des ewigen Lebens!
    So redet Jehova:

Kann die Mutter vergessen ihres Säuglings,
    Daß sie sich nicht über den Sohn ihres Leibes erbarme?
Vergäße sie sein:
    Ich will dein nicht vergessen!

Preis, Anbetung, und Freudentränen und ewiger Dank,
    Für die Unsterblichkeit!
Heißer inniger herzlicher Dank,
    Für die Unsterblichkeit!

Halleluja in dem Heiligtume!
    Und jenseits des Vorhangs
In dem Allerheiligsten Halleluja!
    Denn so hat Jehova geredet!

»Schäumt das, Vetter? und wie wird Euch dabei?« – Wie mir wird? 's rührt sich auch ein Halleluja in mir, aber ich darf's nicht aussprechen, weil ich nur so 'n gemeiner schlechter Kerl bin; ich möchte die Sterne vorn Himmel reißen und sie zu 'n Füßen des Erbarmers hinstreuen und in die Erd' sinken. So wird mir! »Bravo! Vetter. Das sind eben Verse, die Euch so das Sternreißen eingeben. Lest 's Buch ganz, 's wird Euch schmecken, und übrigens schämt Euch des Halleluja nicht, das sich in Euch rührt. Was gemein? bei Oden gilt kein Ansehn der Person; du oder ein König, einer wie der andre! Und, Vetter, der schönste Seraph in der feierlichen schrecklichen Pracht seiner sechs Flügel ist nur ein gemeiner schlechter Kerl, wenn er vor Gott steht! Aber, wie gesagt, lest 's Buch ganz.« Hab's getan, und will erzählen, wie's mir gangen ist. Wenn man 'n Stück zum erstenmal liest, kömmt man aus dem hellen Tag in eine dämmernde Kammer voll Schildereien; anfangs kann man wenig oder nichts sehen, wenn man aber drin weilt, fangen die Schildereien nach und nach an, sichtbar zu werden und affizieren einen recht, und denn macht man die Kammer zu und beschließt sich darin, und geht auf und ab und erquickt sich an den Schildereien und den Rosenwolken und schönen Regenbogen und leichten Grazien mit sanfter Rührung im Gesicht u.s.w. Hie und da bin ich auch auf Stellen gestoßen, bei denen 's mir ganz schwindlicht worden ist, und 's ist mir gewesen, als wenn 'n Adler nach 'm Himmel fliegen will, und nun so hoch aufsteigt, daß man nur noch Bewegung sieht, nicht aber, ob der Adler sie mach', oder ob's nur 'n Spiel der Luft sei. Da pfleg ich denn 's Buch hinzulegen, und mit Onkel Toby 'n Pfiff zu tun.

Auch über die Wortfügung in diesen Oden hab' ich oft meine eigne Gedanken, und übers Metrum, und ich wollte drauf wetten, daß besondre Kniffe drin stecken, wer sie nur recht verstünde. 's Metrum ist nicht in allen Oden einerlei; ja nicht; in einigen ist's wie 'n Sturm, der durch 'n großen Wald braust, in andern sanft wie der Mond wallt, und das scheint nicht von ohngefähr so gekommen zu sein. S. 204:

Die frühen Gräber                

        Willkommen, o silberner Mond,
    Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
    Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

Des Maies Erwachen ist nur
    Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
    Und zu dem Hügel herauf rötlich er kömmt.

Ihr Edleren, ach es bewächst
    Eure Male schon ernstes Moos.
O, wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
    Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.

Das wollt' ich wohl gemacht haben, oder auch bei den andern, unter ein'm Mal mit ernstem Moos bewachsen, schlafen, und da so 'n Seufzer eines guten Jungen hören, den ich im Leben lieb hatt. Mein bißchen Asche würde sich im Grab umkehren und mein Schatten durchs Moos zu dem guten Jungen heraufsteigen, ihm eine Patschhand geben und 'n Weilchen im Mondschein an seinem Halse zappeln.

Und die Rubra über die Stücke! ja die sind immer so kurz und wohl gegeben, und 'n gut Rubrum über 'n Stück ist wie 'n Mensch, der 'n gut Gesicht hat. Auch die Dedikation ist brav, »an Bernstorf« und nichts mehr. Wozu auch so 'n langes Geleire von Mäcenas und Gnad' und gnädig? 's schmeckt dem großen Mann nicht, und den kleinen verdirbt's den Magen.

Überhaupt ist mir aus diesem Buch recht 'n Licht über Herrn Ahrens und übers Versemachen aufgangen. Ich stelle mir den Dichter vor, als 'n schönen weichherzigen Jüngling, der zu gewissen Stunden plethorisch wird so desperat als wenn unsereinen der Nachtmoor reitet, und denn tritt 'n Fieber ein, das den schönen weichherzigen Jüngling heiß und krank macht, bis sich die Materia peccans in eine Ode, Elegie oder des etwas sezerniert; und wer ihm zu nah kommt, wird angesteckt.

Braga steigt herab durchs Laub der Eiche, zu schwängern die Seele des vaterländischen Dichters, daß sie zu seiner Zeit ans Licht bringe eine reife kräftige Frucht; wer aber leichtfertig ist und mit 'n Ausländern buhlt, der legt Windeier, und wird oft 'n Spiel der Franzosen.

Der Verfasser der Oden soll Klopstock heißen, möcht 'n doch wohl 'nmal sehen.

Mundart

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