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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 43
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Über die Musik

Der Mann, der zuerst beim Gottesdienst Musik hören ließ, hatte wohl nicht die Absicht, sich dem Publico als Komponisten zu empfehlen; so wenig der Prophet Nathan durch seine Fiktion von dem einzigen Schaf des armen Mannes den Namen eines guten Fabeldichters verdienen, und Abraham ein Wundarzt sein wollte, als er nahm seinen Sohn Ismael, und alle Knechte, die daheim geboren waren, und alle, die er erkauft, und alles, das Mannes Namen waren in seinem Hause, und beschnitte die Vorhaut an ihrem Fleische. Er war ohne Zweifel ein Mann von hoher Einsicht und Gesinnung, und ein Freund und Vater seines Volks.

Die ersten Dichter jeder Nation sollen ihre Priester gewesen sein; vielleicht gerieten diese auch zuerst auf die Erfindung, ihren Gesängen durch Saitenspiel mehr Eingang und Kraft zu geben. Die Musik mag indes am Altar entsprungen, oder in die Tempel eingeführt worden sein; so muß man hier den Zeitpunkt annehmen, darin sie ohne alle eigne Gerechtigkeit war, und in Knechtsgestalt Wunder tat.

Am Hofe zu Jerusalem ward nicht allein des Herrn Gnade des Morgens und des Nachts seine Wahrheit verkündigt auf den zehen Saiten und mit Spielen auf der Harfe; es ward nicht allein nach einem Sieg wider die Philister ein Te Deum aufgeführt mit der Githit, und Gott hoch gepriesen mit Posaunen, Psalter und Harfen, mit Pauken und Reigen, mit Pfeifen und Saiten, mit hellen Zimbeln und mit wohlklingenden Zimbeln; sondern der König David ließ auch sein Angstgebet in sehr traurigen und kritischen Situationen, und auch die Bußsoliloquia seiner sehr erschrockenen Seele, die er glaubte, auf acht Saiten vorsingen. Wie solche Nachrichten uns über die Endzwecke der Musik überhaupt klug machen können, so lassen sie uns zugleich auf ihre Gestalt in den Morgenländern und auf die Idee schließen, die man von ihr hatte.

Der Anekdote zufolge, daß die Musik anfänglich in Griechenland allein beim Lobe der Götter und Helden und bei Erziehung der Jugend gebraucht worden, ist sie vermutlich in dieser göttlichen Einfalt und unerkannten Schönheit aus Orient zu den Griechen gekommen, die auch in diesem Stück αεὶ παι̃δες waren, und so lange daran feinerten und feilten, bis sie eine schöne Kunst daraus gemacht hatten.

In dem Lande, wo die Dichter in Nachahmer und Schmeichler der herrschenden Neigungen, und Weise in Professores der Dialektik ausarteten, ward die Musik, aus einer heiligen Nonne, eine verzärtelte liederliche Dirne, welche die Vermahnungen Platos und anderer verständigen Männer in den Wind schlug, sich bei aller Gelegenheit sehen ließ, und um öffentliche Preise und den Beifall des wollüstigen griechischen Ohrs buhlte. Sie war nun gar nicht mehr, was sie gewesen war, der schlechte Zauberstab in der Hand des Götterboten:

– – hac animas ille evocat Orco
Pallentes, alias sub tristia Tartara mittit,
Dat somnos adimitque et lumina morte resignat.

Die Musik eines griechischen Virtuosen, der in den pythischen und andern Spielen mehr als einmal den Preis erhalten hatte, verhält sich zu einem Psalm Davids ohngefähr wie ein Solo eines leichtfüßigen Gecken, der aber ein großer Tänzer ist, zu dem Tanz des Mann Gottes vor der Bundeslade her, deswegen er von der Michal allerhand bittre Kritiken anhören mußte. Plutarch sagt, daß man sich zu seiner Zeit gar nicht einmal einer Begriff mehr von der alten Musik machen konnte, die Jünglinge zu guten Bürgern bildete, und schiebt die Schuld aufs Theater. Zwar gab es auch Musiker, die zu Delphis nicht zur Wette mitspielen wollten, weil sie bessere Absichten hatten; und gemeiniglich waren diese Dichter und Musikus zugleich. In Lykurgs Leben wird von einem Thales, nicht der aus dem Siebengestirn der Weisen, sondern ein lyrischer Dichter und Musikus aus Kreta, erzählt, wie folget: »Seine Gesänge waren durch ihren sanftgeordneten wohlklingenden Gang sehr einnehmend, und munterten auf zum herzlichen Gehorsam und zur Eintracht. Wer sie hörte, ward wider sein Wissen und Willen gerührt und sanfter gemacht; sein Herz ward ihm warm für die Tugend und vergaß des Neides schier, der es bisher besessen hatte; daß man auf gewisse Weise sagen kann, dieser Thales habe dem Lykurg vorgearbeitet, und die Bahn gebrochen, die Spartaner auf bessern Weg zu bringen.«

Die Römer sind in Absicht auf die Musik weniger anzuklagen als die Griechen; zu ihnen kam sie aus Griechenland, und die Griechen hatten sie aus Orient.

Bei den übrigen Abendländern und nordischen Völkern ging die Musik noch lange nach Christi Geburt, unter Aufsicht der Priester, mit in den Krieg und gewann Schlachten fürs Vaterland. Man hatte schon in Griechenland mit gutem Erfolg Versuche gemacht, ihrer unsichtbaren Gewalt diese Richtung zu geben, jedoch ohne den Deutschen, die sich um Griechenland und seine Kultur wenig bekümmerten, ein Muster, das sie nachahmten, hierin gegeben zu haben. Die Priester der Deutschen bedurften auch eines solchen Musters nicht, um von der Musik nach den Umständen und Bedürfnissen der Nation verschiedene Anwendungen zu machen. Es mögen übrigens den Römern, die an die molliores und delicatiores in cantu flexiones, wie Cicero sich ausdrückt, gewöhnt waren, die rauhen Allegros der Deutschen sonderbar vorgekommen sein, und sie werden, als sie die Wirkungen der deutscher Musik unter Varus erfahren hatten, ihren Regiments- und Kompaniefeldschers über Herrmanns Hofkapelle und über die wilde Chromatik seiner Hoboisten sicherlich allerhand spöttische Anmerkungen gemacht haben.

In den folgenden Jahrhunderten nach Christi Geburt muß die Musik, auch als Tonkunst, verfallen sein. Man spricht um die Zeiten von Wiederherstellern und Verbesserern der Musik und führt zum Beweis Dinge an, die ehedem jedem Pfuscher bekannt waren, ohne ihm Verdienst zu geben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß in den unruhigen Zeiten die Musik, wie die Gelehrsamkeit, in die Klöster geflüchtet sei, wo sie auch itzo noch vielleicht die besten Dienste tut, wenn sie da einen unzufriedenen traurigen Mönch, der lange mit seinem Gram heimlich kämpfte und auf dem Wege war, seinen Vater und den Tag seiner Geburt zu verfluchen, wenn sie den besänftigen, und seine Seele zu dem großen Entschluß: sich selbst zu überwinden, emporstreben hilft, oder wenn sie einer jungen Nonne, die wider die Theorie von Verleugnung der Welt unüberwindliche Zweifel fühlt, über eine Neigung, die in einem Nonnenkloster von rechtswegen nicht befriedigt werden kann, den Sieg erleichtert.

Beim Gottesdienst in Rom versuchte die Musik von Zeit zu Zeit naseweis und mutwillig zu werden, daß auch verschiedene Päpste sich gemüßigt fanden, ihrem Mutwillen in Triolen und Trillern etc. Schranken zu setzen. Papst Marcellus II. wollte sie aus der Ursache gar vom Altar verbannen, aber Palestrina versöhnte ihn noch durch eine Messe wieder, die ohn allen Mutwillen langsam und andächtig einhergeht, ihr Auge unbeweglich gen Himmel richtet, und in jedem Schritt das Herz trifft.

Heut zu tage empfehlen sich besonders die deutsche und italienische Musik durch hervorragende Eigenschaften. In beiden haben wir treffliche Meisterstücke, und große Meister, die den Ruhm verdienen, daß sie durch ihre Harmonie und Melodie den Vogel auf der Spitze des Zepters in der hohen Hand Jupiters einschläfern können. Wem es aber von den Göttern aufbehalten ist, die Musik in Einfalt und Kraft wieder einzuführen, der bedarf eines solchen Ruhmes nicht; ihn wird Apollo seinen Freund nennen und sein unerkanntes Verdienst durch zwei lange Gliedmaßen unter Midas Locken rechtfertigen.

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