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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 37
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Wandsbeck

Eine Art von Romanze

von

Asmus pro tempore Bote
daselbst.

Mit einer Zuschrift
an den

Kaiser von Japan

Sire,

Sie werden verzeihen, daß ich Ihnen eine Schrift zueigne, die Ew. Mt. auf keine Art und Weise interessieren kann. Ich ahme hierin einen Gebrauch meines Landes nach, und erwarte in tiefster Untertänigkeit, daß Ew. Mt. meine Kühnheit allergnädigst vermerken, meine Schrift aber nicht ansehen noch lesen werden. Selbst bin ich niemals in Ew. Mt. Reichen und Landen gewesen, dürfte auch, da Ew. Mt. so merklich weit weg von hier zu sein geruhen, schwerlich jemals anders als in dieser Zueignungsschrift mich zu Höchstdero Füßen zu legen die Gelegenheit haben. Sollte Ew. Mt., etwa durch Ihren Hofmarschall oder sonst einen Gelehrten Ihren Hofes, die Anmerkung zu Ohren kommen, daß mein Verse ziemlich nachlässig hingeworfen sind; so bitte ich in Gnaden zu bedenken, daß sie so nachlässig hingeworfen sein sollen, und daß ich dabei auf den Hofmarschall nicht gerechnet, mich auch in dieser Zueignungsschrift aller mir sonst üblichen Elisions enthalten habe.

Der ich übrigens nicht ermangeln werde, mit aller der Achtung zu verharren, die man einem Regenten schuldig ist, der über ein so kluges und glückliches Volk regiert, als ich von Ew. Mt. in Büchern gelesen habe,

Ew. Mt.
etc.
 

        Gesetzt du wärst, dich zu erfreun
    Und ob des Leibes Stärke,
In Hamburg (Fleisch und Fisch und Wein
    Sind hier sehr gut, das merke!)

Und hättest Wandsbek Lust zu sehn,
    Und bist nicht etwa Reiter;
So mußt du aus dem Tore gehn,
    Und so allmählich weiter.

Zu Wagen kannst du freilich auch,
    Das kann dir Niemand wehren;
Doch mußt du erst nach altem Brauch
    Des Fuhrmanns Meinung hören;

Und wenn der nichts dagegen hat,
    So hab' ich nichts zu sagen.
Reit oder geh, doch in der Tat
    Am besten ist's zu Wagen.

Nur siehe fleißig vor dich hin,
    So wirst du schaun und sehen
Da einen Wald, wo mitten drin
    Lang Turm und Häuser stehen.

Ad vocem Turm fällt mir gleich ein,
    Daß einst im Pisa-Lande
Mit dreien Kindern, jung und fein!
    Ein Mann von hohem Stande

Verriegelt worden jämmerlich,
    's ist schrecklich zu erzählen,
Wie da der Alte mußte sich,
    Wie sich die Kinder quälen.

Wer nicht versteht Reim und Gedicht,
    Kann ihre Qual nicht sprechen:
Sie saßen da, und hatten nicht
    Zu beißen, noch zu brechen,

Und hatten Hunger – ach, der Tod
    War hier Geschenk und Gabe.
Drei Tage lang bat Gaddo Brot,
    Dann starb der arme Knabe.

Um seine kleine Leiche her
    Wankt Vater, wanken Brüder,
Und starben alle so wie er
    Nur später – – Aber wieder

Zu kommen auf den Turm im Wald,
    Den du tust schaun und sehen;
So merke nun auch, was gestalt
    Mit dem die Sachen stehen.

Erst, ist in ihm kein Hungerwurm,
    Denn ist da, zweitens, Lehre,
Und kurz und gut, es ist der Turm
    Von unsrer Kirche, höre,

Wo unser Pastor Predigt hält,
    Und unser Küster singet,
Und uns ein Wunsch nach jener Welt
    Durch Mark und Beine dringet.

Ja, Kirche und Religion – –
    Sie haben's groß Gezänke,
Viel haben's Schein, viel ihren Hohn
    und lachen drob, man denke!

Und ist doch je gewißlich wahr,
    Daß sie es nicht verstehen;
Und daß sie alle ganz und gar,
    Was drinnen ist, nicht sehen.

Der Augenschein lehrts jedermann:
    »Wer soviel schöne Gaben
Für Ohr und Auge geben kann,
    Muß auch was Bessers haben –

Der Mann mit Mondstrahl im Gesicht
    Wird's suchen, und wird's finden,
Doch jedem Narren muß man's nicht
    Gleich auf die Nase binden.«

Schön ist die Welt, schön unsre Flur,
    Und unser Wald vor allen
Ist schön, ein Liebling der Natur,
    Voll Freud' und Nachtigallen.

Und wer uns widersprechen will,
    Der komm' und hör' und sehe,
Und seh' und hör' und schweige still,
    Und schäme sich, und gehe!

Viel große Kunst ist zwar nicht hier,
    Wie in Rom und Ägypten;
Doch haben wir Natur dafür,
    Die auch die Alten liebten,

Und der läßt man hier ihren Lauf,
    Und folget ihren Winken,
Und stutzet sie ein wenig auf
    Zur Rechten und zur Linken.

Und so ward endlich unser Wald,
    Wo man bald Saatfeld siehet,
Bald wilder Waldwuchs ist, und bald
    Ein Musa-Pisang blühet,

Und bald durch Öffnungen, mit List
    Im Walde ausgehauen,
Die große Stadt zu sehen ist,
    Voll Männer und voll Frauen,

Und bald, und bald – – ein Dichtermann
    Der würd' es recht beschreiben;
Weil ich nun aber das nicht kann,
    So muß ich's lassen bleiben.

Genug, ein jeder drängt heraus,
    Zu leben hier und sterben,
Und baut sich hier ein kleines Haus
    Für sich und seine Erben.

Die Mode, welche Städter zwängt,
    Ist hier gehaßt, wie Schlangen,
Und hoch an unsern Eichen hängt
    Bocks-Beutel aufgehangen,

Und wer hier kömmt, sei wer er sei,
    Nur habe er Dukaten,
Ist ganz sein eigner Herr, und frei,
    Und mag sich selber raten,

Und singen, springen kreuz und quer,
    Ohn allen Zwang und Wächter.
Auch sieht man hier von ohngefähr
    Hammonas schöne Töchter,

Wenn sie in Negligee und Pracht,
    Darin sie Herzen nehmen,
Vom Morgen an bis in die Nacht
    Durch unsre Gänge strömen.

Und Tycho Brah, – – bald hätt ich gar
    Herrn Tycho Brah vergessen, – –
Der hier vor mehr als hundert Jahr
    Den Himmel hat gemessen.

Er selber zwar ist hier nicht mehr,
    Er hat längst ausgemessen,
Doch sieht man noch zu seiner Ehr
    Den Turm, wo er gesessen.

Der Turm ist uns ein Heiligtum,
    Vor dem uns abends grauet.
Er war von vielem Alter krumm,
    Ist aber neu gebauet,

Daß er nicht täte einen Fall,
    Nun will er auch wohl stehen.
Wir aber wollen den Kanal
    Samt Wendemut besehen.

Doch Freundin Luna kommt daher;
    Empfangt mich, Büsch' und Bäume! –
Ihr stilles Zauberwort ist mehr
    Als hundert tausend Reime.

Mundart

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