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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 28
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Über das Genie

Mein Vetter hat S. 35 eine sehr gelehrte Abhandlung übers Genie angefangen. Er fängt oft an, und kommt ihm denn eine andre Grille, da läßt er's gut sein und denkt nicht weiter dran. Ich pfleg' ihm denn wohl jezuweilen unter vier Augen seine Narrheit zu verweisen, aber er schämt und grämt sich nicht, und oft gibt er mir noch allerhand spitzfindige Redensarten zum Lohn. Neulich gab ich ihm zu verstehen, daß er, was er angefangen hätte, auch – »wohl wahr, Vetter«, fiel er mir in die Rede, »doch setzt Ihr's fort!« Ich gab natürlicherweise zur Antwort, daß ich nichts von der Materie verstehe. »Desto besser werdet Ihr davon schreiben, Vetter, es ist vieles in der Natur verborgen.« Was soll ich tun; will ich's fortgesetzt haben, muß ich wohl dran, 's mag denn auch gehn wie's geht.

Will nur zuvor den letzten Perioden nachlesen: »und nun herunter zum modernen Genius oder zum Genie« – herunter denn, und gleich im Fallen angefangen.

Empfange mich, du lieblicher Hain am Helikonberg! Ich komme gefallen, zu hören deinen Silbersturm und dein sanfteres Geräusche, und ihr im leichten Rosengewand, mit dem blassen Munde, der so holdselig sprechen kann, Gesellen des Hains! seid mir gegrüßt – Ha! der Schwindel ist über, und ich habe wieder festen Grund unter'n Füßen.

Wenn einer 'n Buch geschrieben hat, und man liest in dem Buch und 's wirkt so sonderbar als ob man in Doktor Fausts Mantel davon sollte, daß man aufsteht und sich reisefertig macht, und, wenn man wieder zu sich selbst kommt, dankbar zum Buche zurückkehrt; dann, sollt' ich glauben, habe der Autor mit Genie geschrieben. Aber, mein Vetter wird sagen, daß das nichts gesagt sei; daß man nicht wissen will, wer Genie habe, sondern was das Genie sei, das einer hat.

Das Genie also ist – ist – weiß nicht – ist 'n Walfisch! So recht, das Genie ist 'n Walfisch, der eine Idee drei Tage und drei Nächte in seinem Bauch halten kann und sie denn lebendig ans Land speit; ist 'n Walfisch, der bald durch die Tiefe in stiller Größe daher fährt, daß den Völkern der Wasserwelt 'n kaltes Fieber ankommt, bald herauffährt in die Höhe und mit Dreimastern spielt, auch wohl mit Ungestüm aus dem Meer plötzlich hervorbricht und große Erscheinungen macht. Das Nicht-Genie aber ist 'n Walfischgerippe, ohne Fett und Bein, das auf 'm Wasser vom Winde hin und her getrieben wird, eine Witterung für die schwarzen und weißen Bären (Journalisten und Zeitungsschreiber) die über die Eisschollen herkommen und dran nagen. Ich will's nur beizeiten sagen, daß ich über meines Vetters Papiere gewesen bin; der geneigte Leser würd's doch bald merken; hab's gemacht wie die andern: fremd Kraut, und meine Brühe drüber.

Der menschliche Körper voll Nerven und Adern, in deren Centro die menschliche Seele sitzt, wie eine Spinne im Centro ihres Gewebes, ist einer Harfe zu vergleichen, und die Dinge in der Welt um ihn den Fingern, die auf der Harfe spielen. Alle Harfensaiten beben und geben einen Ton, wenn sie berührt werden. Einige Harfen aber sind von einem so glücklichen Bau, daß sie gleich unter'm Finger des Künstlers sprechen, und ihre Saiten sind so innig zum Beben aufgelegt, daß sich der Ton von der Saite losreißt und ein leichtes ätherisches Wesen für sich ausmacht, das in der Luft umherwallt und die Herzen mit süßer Schwermut anfüllt. Und dies leichte ätherische Wesen, das so frei für sich in der Luft umherwallt, wenn die Saite schon aufgehört hat zu beben, und das die Herzen mit süßer Schwermut anfüllt, kann nicht anders als mit dem Namen Genie getauft werden, und der Mann, dem es sich auf 'n Kopf setzt, wie die Eule auf 'n Helm der Minerva, ist ein Mann, der Genie hat; und der geneigte Leser wird nun hoffentlich besser als ich wissen, was Genie ist. Dies Genie, fahren die oberwähnten Papiere fort, das bis so weit eine bloße Gabe der Natur ist, erhält nun eine verschiedne Richtung, nach dem der ganze individuelle Zustand, in dem der Mensch sich befindet und befunden hat, verschieden ist. Da tun Wiege und Amme und Fibel und Wohnung und Sprache und Schlafmütze und Religion und Gelehrsamkeit etc. das Ihrige, es zu erdrücken oder in Gang zu helfen. Ein ganz besonders Verdienst im Erdrücken hat die Philosophie, wie sie auf den Schulen gang und gäbe ist: Vita Caroli, mors Conradini! Die Herren Philosophen, die von Allgemeinheiten gehört haben, die tief in der Natur verborgen liegen sollen und durch Hebammenkünste zur Welt gebracht werden müssen, abstrahieren der Natur das Fell über die Ohren, und geben ihre nackte Gespenster für jene Allgemeinheiten aus; und ihre Zuhörer, die an diese Gespenster gewöhnt werden, verlieren nach und nach die Gabe, Eindrücke von einer Welt zu empfangen, in der sie sind. Alle Haken ihrer Seele, die an die Eindrücke der wirklichen Natur anpacken sollen, werden abgeschliffen, und alle Bilder fallen ihnen nun perspektivisch und dioptrisch in Aug und Herz, u.s.w.

 

Aber das kostet Kopfbrechen, von einer Suche zu schreiben, von der man nichts versteht; und da pflegen wir Gelehrte denn wohl zur Abwechslung und Erholung eine Spielstunde zu machen. Der selige Isaac Newton schrieb in seinen Spielstunden eine Chronologie, und ich pflege wohl an meinen alten Freund und Schulkameraden Andres zu schreiben.


Mein lieber Andres,

Ich habe das Leichdornpflaster erhalten, die Würzpillen aber nicht, arbeite auch itzo an einem Buch, das ich dem Druck übergeben will. Er glaubt nicht, Andres, wie einem so wohl ist, wenn man was schreibt, das gedruckt werden soll, und ich wollt Ihm die Freude auch 'nmal gönnen. Er könnte etwa das Rezept zu dem Pflaster herausgeben, etwas vom Ursprung der Leichdörner herräsonieren und am Ende einige Errata hinzutun. Sieht Er, 's kommt bei einer Schrift auf den Inhalt eben nicht groß an, wenn nur Schwarz auf Weiß ist; einige loben's doch, und am Ende läßt sich von Leichdörnern und Pflaster schon was schreiben. Ich besinne mich, daß es Ihm in der Schule immer so schwer ward, die Commata und Puncta recht zu setzen. Sieht Er, Andres, wo der Verstand halb aus ist, setzt Er ein Comma; wo er ganz aus ist, ein Punctum, und wo gar keiner ist, kann Er setzen, was Er will, wie Er auch in vielen Schriften findet, die herauskommen. Was Er Seinem Buch für einen Titel geben will, das muß Er wissen; meins heißt: Secum portans, und ich kann Ihm nichts weiter davon sagen, als daß es Anfang und Ende hat.

Sein Diener
Mundart

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