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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 177
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Zweiter Brief

Also ich soll Dir zum Anfang die Geschichte vom Zinsgroschen erklären! – Daß ich Dir etwas erklären soll, dünkt mich ebenso, als wenn ich abends vom Lehnstuhl vor meinem seligen Vater predigen mußte. Indes ich bin zu Deinem Dienst.

Aber Andres, Du machst es mit Deinen Texten wie auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa, wo zuerst der geringere Wein gegeben ward. Die Pharisäer fahren hier freilich sehr übel; was ist aber da eben für große Freude dran? – Im Grunde müssen sie einen doch dauern. Und Christus und die Weltweisheit sind nicht Partie egal; man weiß vorher daß sie immer den Kürzern ziehen muß. Die Art freilich, wie unser Herr Christus sie den Kürzern ziehen läßt, die ist überköstlich und macht alles gut; und so will ich nur gleich anfangen, und weil Du die Geschichte doch so lieb hast, etwas weitläufiger sein als sonst wohl nötig wäre.

»Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat wie sie ihn fingen in seiner Rede.«

In diesem Rat ward ein Projekt beliebt: ihn sagen zu machen, daß dem Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der Wahrheit war ihnen noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit und machten Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen: es sei nicht recht daß man dem Kaiser Zins gebe, und denn war er verloren meinten sie, und scheinen sie auf die prompte Justiz in Kameralsachen gerechnet zu haben.

Aber wie macht man ihn das sagen? – Die schlauen Füchse kannten sich und wußten daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt wenn sie in Bewegung gesetzt ist. Deswegen beschlossen sie weiter: ihm durch verstelltes Lob und Anerkennung seiner Kompetenz das Herz vorher groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen graden Sinn und sein Nichtachten der Person, vor dem Volk zu loben, damit er geneigt würde, gleich davon eine Probe gegen den Kaiser zu geben.

Das alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger und sprachen:

»Meister, wir wissen daß du wahrhaftig bist und lehrest den Weg Gottes recht und du fragest nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Person. Darum sage uns was dünket dich? Ists recht, daß man dem Kaiser Zins gebe oder nicht?« Und Herodis Diener mußten gleich mitgehen damit es bei dem Zeugenverhör desto weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde die den Sieg mit ansehen, und ausbreiten helfen sollten. Ja! oder Nein! – und in beiden Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen, und also dem Hauptprojekt ausweichen; so verdarb ers beim Volk, das den Zins ungern bezahlte und von seinem Messias Befreiung von allem fremden Joch erwartete.

Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre ceteris paribus gewiß zehn- gegen einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gings nicht.

»Da nun Jesus merkete ihre Schalkheit, sprach er: ihr Heuchler, was versuchst ihr mich?«

Das war der freimütige grade Sinn etc., den sie aus Schalkheit gelobt hatten, wahrhaftig; aber anders als sie erwarteten.

Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausgangs nicht, denn sonst wären sie selbst gekommen und hätten nicht ihre Jünger geschickt; indes hatten sie doch ohne Zweifel gute Erwartungen, und sie haben ohne Zweifel den deputierten Jüngern in einem nicht geringen Ton von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten gewiß ihre heimliche Freude: daß Christus von dem allen nichts wisse, und ihrem ehrbaren Gesicht nicht ansehen werde was hinter ihrer Frage stecke. Und Du kannst denken, wie sie erschrocken sind als unser Herr Christus anfing zu sprechen, und, seiner Gewohnheit nach, nicht dem Gesicht sondern dem Herzen antwortete.

»Da nun Jesus merkete ihre Schalkheit, sprach er: ihr Heuchler, was versuchst ihr mich?

Weiset mir die Zinsmünze. Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er sprach zu ihnen, wes ist das Bild und die Überschrift? Sie sprachen zu ihm; des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.«

Andres, was ist doch für Sinn in allem das aus seinem Munde kömmt! Es vermahnt mich damit so, wie mit den Schachteln, wo immer in der andern steht. Seine Antwort kann wohl so ausgelegt werden: ihr habt die Hoheit und den Schutz des Kaisers anerkannt, und sein Geld in euren Taschen; so müßt ihr auch tun, was das mit sich bringt! Und ich wußte nicht, was der größte Staatsmann anders hätte sagen können. Aber Christus war mehr als Staatsmann.

»Wes ist das Bild und die Überschrift?«

Er sprach hier zu den Pharisäern, die auf Moses' Stuhl saßen, die zwar weder für sich noch für andere aufschließen konnten aber doch die Schlüssel der Erkenntnis an einem großen Haken an der Seite trugen und sich mit dem Buchstaben des Gesetzes, als die einzigen wahren Ausleger desselben, brüsteten. Christus verwies ihnen bei einer anderen Gelegenheit diesen ihren blinden Stolz: daß sie meinten das ewige Leben in der Schrift zu haben und nicht wüßten wo sie es suchen sollten. Hier was ähnliches. So große Ausleger des Moses mußten ja die Lehre von dem Ebenbilde verstehen und wo das hingehört, denn es war seine Hauptlehre. Wie konnten sie denn fragen, ob der Zinsgroschen dem Kaiser gehöre, da sein Bild darauf stand? – Gott hatte den Menschen gemacht, ein Bild das ihm gleich sei; der Kaiser hatte auch sein Bild machen lassen, und das war von Silber und stand auf der Zinsmünze. – Moses und die Propheten hatten Israel den Weg gelehret, sich vor fremdem Joch und Zinsmünze zu bewahren, nämlich wenn sie an Gott, ihrem Urbilde, von ganzem Herzen hingen und keine andre Götter hätten neben ihm, etc. –

»Wes ist das Bild und die Überschrift?«

Fühlst Du nicht den feinen Sinn? – Es war 'n Zipfel ihnen vom Rock abgeschnitten! 'n Pfeil aus ihrem eignen Zeughause ihnen gewiesen! aber auch nur gewiesen.

Über das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des Kaisers. – Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre Glückseligkeit nichts entschied. – Überhaupt war die ganze Frage über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und grade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte: ob es recht sei, die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen. – Du siehst wie die Pharisäer eigentlich standen, und was von allen Seiten für Anlaß und Raum zu bitterer Antwort war, und Gott weiß, daß sie hier nicht unverdient gegeben wäre. Aber er war zu gut bitter zu sein. Auch war er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten und über die Künste der Pharisäer und Weltweisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig zu machen; und das treiben alle seine Handlungen und Reden.

Er sagte:

»So gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wie unser Herr Christus, so waren auch seine Handlungen und Reden. In sich: Gnade und Wahrheit und ewigs Gut, und auswendig: armes Fleisch und Blut und Knechtsgestalt.

Wenn er des Jairi gestorbnes Töchterlein vom Tode auferwecken will, spricht er: Das Mägdlein schläft, und nimmt sie als ob sie wirklich nur schliefe, bei der Hand und ruft: »Mägdlein stehe auf«; und ihr Geist kam wieder, etc.

Wenn er von der über alle Maße hohen Seligkeit seiner wahren Nachfolger sprechen will, sagt er: »Wer mein Wort hält der wird inne werden ob meine Lehre von Gott sei.« So auch hier:

»Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.«

Wie klein von außen! Und doch enthalten die Worte nichts Geringeres für sie als einen und den einzigen Rat: aus aller ihrer Not zu kommen; denn außer der Herstellung des Ebenbildes Gottes in ihnen war alles übrige löcherichte Brunnen.

Aber nun noch inniger, und Mann an Mann.

So wenig die Pharisäer es auch glaubten und wußten; so waren sie doch blind und elend, und brauchten Hülfe. Darum hofften sie auch, wiewohl mit Unverstand, auf einen Messias, und lehrten das Volk auf ihn hoffen. Der vor ihnen stand und mit ihnen redete war der große Heiland, der diese Hülfe brachte und sie, und alle verirrte Schafe vom Hause Israel in seine Arme sammeln wollte! Ihn verkennen sie und wollen ihn mit Fragen über das Ebenbild des Kaisers überlisten und in Unglück bringen. Und er... vergibt ihnen denn sie wissen nicht was sie tun; und er weist sie hin auf Hilfe, die ihnen so nahe war, und öffnet die Arme.

»Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.«

Das heißt antworten! – Selig ist der Leib der dich getragen hat, und die Brüste die du gesogen hast!

Und wir haben noch unsre verkehrten Begriffe vom Gelde, vom Menschen und dem Reiche Gottes. Was meinst Du, wenn wir das alles mit andern Augen ansehen könnten? Da würden wir erst seine Antwort verstehen, und die Fülle von Gnade und Wahrheit die in ihr ist.

Sieh Andres, so geht er mit den Pharisäern um. Willst Du aber sehen, wie sie selbst mit sich umgehen; so lies unter andern die Geschichte von dem Blindgebornen, Johannis 9 vom 10. bis 34. V. inklusive. Ich weiß wohl, die Bibel liegt immer nicht weit von Dir; sie könnte doch aber grade einmal in der andern Kammer liegen; und so will herschreiben:

»Da sprachen sie zu ihm: Wie sind deine Augen aufgetan?

Er antwortete und sprach: Der Mensch, der Jesus heißt, machte einen Kot, und schmierte meine Augen, und sprach: Gehe hin zu dem Teiche Siloha, und wasche dich. Ich ging hin und wusch mich, und ward sehend.

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist derselbige? Er sprach: Ich weiß nicht.

Da führeten sie ihn zu den Pharisäern, der weiland blind war.

Es war aber Sabbat, da Jesus den Kot machte, und seine Augen öffnete.

Da fragten sie ihn abermals auch die Pharisäer, wie er wäre sehend geworden? Er aber sprach zu ihnen: Kot legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich, und bin nun sehend.

Da sprachen etliche der Pharisäer: Der Mensch ist nicht von Gott, dieweil er den Sabbat nicht hält. Die andern aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es ward eine Zwietracht unter ihnen.

Sie sprachen wieder zu dem Blinden: Was sagest du von ihm, daß er hat deine Augen aufgetan? Er aber sprach: Er ist ein Prophet.

Die Jüden glaubten nicht von ihm, daß er blind gewesen, und sehend worden wäre, bis daß sie riefen die Eltern des, der sehen war worden.

Fragten sie, und sprachen: Ist das euer Sohn, welchen ihr saget, er sei blind geboren? Wie ist er denn nun sehend?

Seine Eltern antworteten ihnen, und sprachen: Wir wissen, daß dieser Sohn unser ist, und daß er blind geboren ist.

Wie er aber nun sehend ist, wissen wir nicht; oder wer ihm hat seine Augen aufgetan, wissen wir auch nicht. Er ist alt genug, fraget ihn; lasset ihn selbst für sich reden.

Solches sagten seine Eltern, denn sie furchten sich vor den Jüden: Denn die Jüden hatten sich schon vereiniget, so jemand ihn für Christum bekennete, daß derselbige in den Bann getan würde.

Darum sprachen seine Eltern: Er ist alt genug, fraget ihn.

Da riefen sie zum andernmal dem Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre: Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist.

Er antwortete und sprach: Ist er ein Sünder, das weiß ich nicht; eines weiß ich wohl, daß ich blind war, und bin nun sehend.

Da sprachen sie wieder zu ihm: Was tat er dir? Wie tät er deine Augen auf?

Er antwortete ihnen: Ich habs euch jetzt gesaget; habt ihrs nicht gehöret? Was wollet ihrs abermal hören? Wollet ihr auch seine Jünger werden?

Da fluchten sie ihm, und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind Mosis Jünger.

Wir wissen, daß Gott mit Mose geredet hat; diesen aber wissen wir nicht, von wannen er ist.

Der Mensch antwortete, und sprach zu ihnen: Das ist ein wunderlich Ding, daß ihr nicht wisset, von wannen er sei; und er hat meine Augen aufgetan.

Wir wissen aber, daß Gott die Sünder nicht höret; sondern so jemand gottesfürchtig ist, und tut seinen Willen, den höret er.

Von der Welt an ist's nicht erhöret, daß jemand einem gebornen Blinden die Augen aufgetan habe.

Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun.

Sie antworteten, und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren, und lehrest uns? Und stießen ihn hinaus.«

Nicht wahr, ärger konnten sie doch sich nicht prostituieren? Und es fehlt nur noch, daß sie eine Kommission von Naturkündigern und Ärzten niedergesetzt hätten: das Faktum zu untersuchen und darüber ihr Bedenken einzugeben.

Ich setze kein Wort zum Text hinzu; und, die Wahrheit zu sagen, es dünkt mir als die beste Methode, wenn man nichts hinzusetzt, denn man verdirbt doch nur daran.

Dein etc.

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