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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 176
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Briefe an Andres

Erster Brief

Du möchtest gern mehr von unserm Herrn Christus wissen. – – Andres! wer möchte das nicht?

Aber bei mir kömmst Du unrecht. Ich bin kein Freund von neuen Meinungen und halte fest am Wort. Sogar hasse ich das Kopfbrechen an Religionsgeheimnissen; denn ich denke, sie sind eben darum Geheimnisse daß wir sie nicht wissen sollen bis es Zeit ist.

Wenn wir ihn nicht selbst sehen können, Andres; so müssen wir denen glauben die ihn gesehen haben. Mir bleibt anders nichts übrig.

Was in der Bibel von ihm steht, alle die herrlichen Sagen und herrlichen Geschichten sind freilich nicht er, sondern nur Zeugnisse von ihm, nur Glöcklein am Leibrock; aber doch das Beste was wir auf Erden haben, und so etwas das einen wahrhaftig freuet und tröstet, wenn man da hört und sieht, daß der Mensch noch was anders und bessers werden kann, als er sich selbst gelassen ist.

Und was in der Bibel von ihm steht, das hab ich gelesen mehr als einmal, und nehme es, so wie es da steht, ohne zu noch ab zu tun. Willst Du also davon mit mir schreiben und sprechen, so gut ichs kann und salvo meliori judicio; von Herzen gern! Ich weiß für mich nichts Liebers und Erfreulichers als von Hilfe und Errettung, und wem's anders ist, der muß nie in Not gewesen sein, noch andre darin gesehen haben. Rufet doch ein Weib, das ihren verlornen Groschen wieder funden hat, ihren Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: »Freuet euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen funden, den ich verloren hatte.« Und was ist das für eine Not, daraus man mit Geld errettet werden kann!

Besinnest Du Dich noch unsrer ersten Schiffahrt, als wir den neuen Kahn probierten und ich mitten auf dem Wasser herausfiel? – Ich hatte schon alles aufgegeben, und dachte nur daran, wie mir der Tod schmecken und was meine arme Mutter sagen würde; da sah ich Deinen ausgestreckten Arm herkommen und hakte an! und ich seh ihn noch immer, Andres, wenn ich nur von ungefähr Deinen Namen lese oder oft nur auf ein großes A stoße. Im Grunde war Deine Hilfe nur ein Palliativ; denn was damals ohne Dich das Wasser würde getan haben, das werden nun die andern Elemente noch tun, und Du wirst mich nicht retten. Aber ich kann doch den Arm nicht wieder vergessen! und ich glaube, daß er bei unsrer innigen Freundschaft die Hand viel mit im Spiel habe. Das ist hier einmal mit uns nicht anders: Not lehrt beten, und Hülfe und Errettung erfreut!

Und nun ein Erretter aus aller Not, von allem Übel! Ein Erlöser vom Bösen! Und nun ein Helfer, wie die Bibel den Herrn Christus darstellt, der umherging und wohl tat, und selbst nicht hatte wo er sein Haupt hinlege; um den die Lahmen gehen, die Aussätzigen rein werden, die Tauben hören, die Toten aufstehen und den Armen das Evangelium geprediget wird; dem Wind und Meer gehorsam sind, und der die Kindlein zu sich kommen ließ und sie herzete und segnete; der bei Gott und Gott war und wohl hätte mögen Freude haben, der aber an die Elenden im Gefängnis dachte und verkleidet in die Uniform des Elendes zu ihnen kam, um sie mit seinem Blut frei zu machen; der keine Mühe und keine Schmach achtete und geduldig war bis zum Tode am Kreuz, daß er sein Werk vollende; – der in die Welt kam die Welt selig zu machen, und der darin geschlagen und gemartert ward und mit einer Dornenkrone wieder hinausging! –

Andres, hast Du je was Ähnliches gehört, und fallen Dir nicht die Hände am Leibe nieder? Es ist freilich ein Geheimnis, und wir begreifen es nicht; aber die Sache kömmt von Gott und aus dem Himmel, denn sie trägt das Siegel des Himmels und trieft von Barmherzigkeit Gottes...

Man könnte sich für die bloße Idee wohl brandmarken und rädern lassen, und wem es einfallen kann zu spotten und zu lachen, der muß verrückt sein. Wer das Herz auf der rechten Stelle hat, der liegt im Staube und jubelt und betet all.

Sprich und schreibe also davon mit mir Du mein herzlieber Andres, wie und was Du willst, und ich will Dir keine Antwort schuldig bleiben.

Dein etc.

Postskript

Es gibt einige Leute, Andres, die alles bekehren wollen, und mit der Bibel in der Hand hinter jeden hochfahrenden Geist und Taugenichts herlaufen. Das soll aber nicht sein, und ist ärgerlich anzusehen; wo auch der Fehler stecke. Die Lehre Christi, die nicht einer wert ist zu hören, mag allerdings allen Menschen gepredigt werden; aber sie soll nicht weggeworfen werden, und wers nicht besser haben will, der mags bleiben lassen.

Unser Herr Christus spricht auch gar anders über die Jüngerschaft. »Wer ist unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzet nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob ers habe hinauszuführen? auf daß nicht, wo er nur den Grund gelegt hat, und kanns nicht hinausführen, alle die es sehen, fahen an seiner zu spotten, und sagen: dieser Mensch hub an zu bauen und kanns nicht hinausführen. – Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absaget allem das er hat, kann nicht mein Jünger sein.« Und in seiner Instruktion an seine ausgehenden Apostel: »Wo ihr aber in eine Stadt oder Markt gehet: da erkundigt euch, ob jemand drinnen sei, der es wert ist; und bei demselben bleibet, bis ihr von dannen ziehet – und wo euch jemand nicht annehmen wird, noch eure Rede hören: so gehet heraus von demselbigen Hause oder Stadt, und schüttelt den Staub von euren Füßen.«

Und nun erwarte ich Deine weiteren Befehle.

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