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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 173
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Passe-Tems.
Zwischen mir und meinem Vetter in der Schneiderstunde
(Twilight)

»Ich wollte, daß der Herr Vetter bei Kasse wäre; ich brauch 'n Gulden Geld.«

»Etwa eine neue Kanone? Oder irgendeine schöne Erzstufe fürs Kabinett?«

»Nein! Ich wollte mir den Kulmus kaufen. Das von der Weisheit geht mir so im Kopf herum und von der Selbsterkenntnis die dazu führen soll. Vetter, ich will und muß den Menschen, will und muß mich selbst erkennen lernen.«

»Und das denkst du mit dem Kulmus zu zwingen?«

»Ja, der solls beschrieben und gekonterfeit haben, wie der Mensch innerlich gestaltet ist.«

»Nun denn, da ist 'n Gulden. Nur sei fleißig, und merke wohl! wie der Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc. aussehen; denn du sollst uns diesen Winter, wenn die langen Abende kommen, ein Collegium anatomicum lesen, und unser Praesector und Kulmus werden.

Aber höre, weil du's bist, muß ich dir eins sagen: nämlich daß der obgedachte Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc., ob sie gleich tief im Abdomine und Cerebro stecken, doch ebenso äußerlich sind als deine Nase.«

»Denn gehen der Darm und die Glans mich auch nichts an.«

»Warum nicht? – Es ist doch nützlich und angenehm das zu wissen, und wenn du gleich kein Doktor werden willst.«

»So glaubt der Herr Vetter im Ernst nicht, daß ich beim Kulmus das Innerliche sehen werde?«

»Du mußt's versuchen. Nur wenn du etwa der Art nichts sehen solltest, daß du mir nicht kommst und sagest: es sei auch nichts Innerliches! Denn dazu sind mir mein Vetter und mein Gulden zu lieb.

Um dich indessen vorläufig einigermaßen zu orientieren, so merke wie folget: Was du mit deinen zwei Augen sehen willst, das muß auch mit deinen zwei Augen können gesehen werden; was aber mit deinen zwei Augen gesehen werden kann, das ist äußerlich; und was äußerlich ist das ist nicht innerlich.«

»So bin ich unrecht berichtet. Da hat der Herr Vetter den Gulden wieder.«

»Nicht doch, Vetter. Seht's an! Dazu habt Ihr ja Eure zwei Augen, daß Ihr damit ansehet was Ihr damit sehen könnt. Auch möget Ihr aus dem Äußerlichen des Innerlichen wohl wahrnehmen und vielleicht kluge Vermutungen machen. Ich sage nur davon, daß das Innerliche selbst nicht mit Euren zwei Augen gesehen werden kann, und daß Ihr sie was das anlangt sicher zumachen könnet ohne etwas zu verlieren.«

»Ist der Herr Vetter 'n Freund von Schwärmerei?«

»Bist du toll?«

»Aber, wo die zwei Augen aufhören, geht da nicht die Schwärmerei an?«

»Da sei Gott für! Das wäre der Wahrheit das Terrain sehr klein zuschneiden, oder vielmehr ihr gar keins geben; denn Ihr wißt, daß es Leute gibt, die da sagen: in dem was vor Augen ist sei keine Wahrheit!

Nein Vetter, die Schwärmerei fängt da weder an, noch hört sie da auf; denn wenn Löwenhoeck oder Linneus Wunder-Tierchen und –würmer sehen, die nicht da sind; so sind sie auch Schwärmer. Nur auf dem andern Gebiet ist die Entscheidung nicht so leicht, weil es da mit dem Augenzeugnis und den Augenzeugen, in deren Mund bekanntlich die Wahrheit besteht, mehr Schwierigkeiten hat. Auch will ich dir zugeben, daß auf diesem Gebiet kein Mangel an Schwärmerei sei, und daß da vieles für Wahrheit ausgegeben werde, was Schwärmerei ist; und das taugt nicht Vetter, und soll nicht sein. Aber du kannst auch glauben, daß vieles da für Schwärmerei gehalten wird das Wahrheit ist; und das taugt noch weniger, und ist großer Verlust nämlich für die so es für Schwärmerei halten, denn die andern verlieren nichts dabei.«

»Wie weiß ich denn aber, was Wahrheit und was Schwärmerei ist?«

»Hör! Wer dir darüber was Gescheutes sagen soll, der muß klüger sein als ich bin. Sprechen und schreiben läßt sich viel von Schwärmerei; aber du weißt, wie das denn so mit dem Sprechen und Schreiben ist.

Das Allgemeine der Sache ist nicht so schwer; und das hab ich dir schon gesagt, und will's dir der Deutlichkeit wegen noch einmal an einem Exempel vorhalten.

Du liesest Zeitungen, weiß ich, ohne eben ein großer Politikus zu sein. Da wirst du denn unter andern auch von deiner Lieblingsfestung Gibraltar gelesen haben, daß sie den vorigen Herbst sehr warm gehalten ward; und daß sie anfing, Mut und Tapferkeit ausgenommen, an allem Mangel zu leiden; endlich daß Lord Howe den 11. September mit einer mächtigen Flotte von England absegelte, um dem klugen Gouverneur zu bringen was er nicht hatte.

Du kannst denken, daß die Soldaten zu Gibraltar, als sie die letzte Tonne Pulver und Zwieback angebrochen hatten, fleißig werden nach Westen gekuckt haben, und daß ein jeder von ihnen sehr geneigt gewesen ist, eine in der Ferne kreuzende französische oder spanische Fregatte für das erste Schiff von Barringtons Division zu halten.

Wenn nun das der Fall gewesen wäre, oder wenn den 7. oder 8. Oktober als Howe noch auf der Höhe von Lissabon mit den Stürmen kämpfte, ein Soldat zu Gibraltar sich von den Wällen die Augen blind gekuckt, und sich endlich eingebildet hätte, die hülfreiche Flotte zu sehen?«

»Der wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn dieser Soldat seinen Kameraden alles genau und haarklein beschrieben hätte, Vorder- und Hinter-Treffen, Flaggschiffe und Transportschiffe, Kutters und Fregatten etc. etc. und darauf geschworen hätte, daß er das alles wirklich sehe?«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn er so lange hinaus ins Meer gezeigt und gefingert hätte, daß er sich einen Anhang gemacht, und die nun, wie er, das alles auch gesehen hätten?«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn er vor Überzeugung seine Rations und Portions auf drei Tage, flugs auf einmal verzehrt und seiner Partei das nämliche geraten hätte, weil Howe vor der Tür sei und mehr bringe? etc.«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Gut das! Umgekehrt: Howe ist wirklich im Anzuge, und eine Schildwache hat Augen die eine halbe Meile weiter tragen als die Augen der übrigen Garnison, wie das ja mit den Augen verschieden ist. Und nun soll diese Schildwache die englische Flotte in der halben Meile weiter würklich daher kommen sehen?«

»Der wäre kein Schwärmer.«

»Und wenn die ganze Garnison, und alle berühmte Seher unter ihnen, und alle Ingenieurs und Konstabels, und die Magazin- und Proviantmeister, und der Regimentsfeldscher und der Bibliothekar von Gibraltar, und selbst der alte menschlich gesinnte Elliot nichts sahen?«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Die Garnison bestand etwa aus vier- bis sechstausend Mann; wenn ihrer hunderttausend gewesen wären die alle nichts sahen?«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Und wenn sie alle über die Schildwache gelacht und demonstriert hätten, daß sie toll und wahnsinnig sei? etc.«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Also: nicht der mehr sieht als die andern, sondern der sich mehr einbildet zu sehen als er wirklich sieht, der ist ein Schwärmer. Und merke noch an diesem Exempel, daß der Ingenieur und Feldscher und Bibliothekar und alle die hunderttausend Lacher auf gewisse Weise bona fide agieren und recht haben können; denn sie sahen wirklich nichts, und soweit ihr Auge reichte war keine Flotte. Der Fehler ist nur der, daß sie auch über die halbe Meile weiter richten wollten, wo ihre Augen nicht mehr judices competentes waren.

Und nun Vetter, ich für meine Person bin nur ein simpler Konstabel, und nicht die Schildwache quaestionis; aber ich glaube solche Schildwachen und solche Augen, die weiter und mehr sehen als ich, von ganzem Herzen. Und wer das nicht tut, der muß, dünkt mich, ein ziemliches Pretium Affectionis auf sich und seine Augen setzen, und man kann ihm nicht mit Recht zur Last legen daß er die schöne Tugend der Demut und Bescheidenheit übertreibe.«

»Alles gut, und sehr wahr; aber ich bin doch damit nicht klüger über Weisheit und Selbsterkenntnis.«

»Du hast recht. Aber, was willst du eigentlich von der Weisheit haben? – Hör Vetter, schütte mir dein Herz einmal recht aus.«

»Alle Menschen wollen gerne glücklich sein, sie mögen in Häusern oder in Hütten wohnen, mögen nacket oder bekleidet einhergehn, vom Raube leben oder das Feld bauen, Baal oder Bel opfern. Nun aber liegt für uns das Land des Friedens und der Glückseligkeit im Verborgenen. Wir ahnden nur, und suchen, 'n jeder auf seinem Wege, und gehen irre. Zwar die bessern Menschen werden des Irrtums wohl inne, kehren um, und setzen sich reuig auf einen Stein am Wege. Aber was sind sie damit gebessert? Sie wissen wohl was sie nicht gefunden haben, wo sie das aber finden sollen wissen sie nicht; und so treiben sie auch auf dem wilden Meer ohne Rat und Ruder und die Nacht kommt heran. Denn über dem Irren und Fragen und Forschen werden wir immer älter, kömmt uns der Tod immer näher, und man will doch gerne wissen woran man ist.«

»Du fängst gut an, und wenn du so fortfährst, werde ich diesmal von dir zu lernen haben. Wir haben es sonst bisher so gehalten, daß ich von uns beiden der Klügste gewesen bin.

Du erwartest also von der Weisheit sichere Auskunft?«

»Und wenn sie die gewährte, Vetter; wie herzlich willkommen würde sie nicht allen Menschen sein! und wie von ihnen umringt werden!«

»Das sollte man freilich denken.

Aber es scheint in der Welt kein Mangel an Glückseligkeit zu sein, und die Menschen müssen sie wohl gefunden haben.«

»Ja Vetter, die armen Menschen! Sie halten diese Welt für das Land des Friedens und der Glückseligkeit und segeln mit dem Strom. Und wer von uns, wenn wir ehrlich sein wollen, kann sich rühmen, daß er sich diesen Weg nicht betören lasse, mehr oder weniger!«

»Und also meinst du nicht, daß man auf diesem Wege recht sei?«

»Wahrhaftig nicht.«

»Übereile dich nicht, Vetter; er ist doch sehr natürlich, und du sagst selbst, daß so viele Leute sich da recht glauben.«

»Wie kann ich mich übereilen? Es besteht ja nicht, und wenns nichts weiter wäre!

Und selbst so lang es währt, scheints nur, ist aber nicht. Denn man erfülle dem Ehrsüchtigen, dem Geldgeizigen, dem Wollüstling, dem Mann von Eitelkeit etc. etc. man erfülle ihm alle seine Wünsche, und was ists denn? – Das Auge sieht sich nicht satt und das Ohr hört sich nicht satt, und ich habe noch keinen dieser Art gesehen, der sich ruhig in die Arme genommen, und gesagt hätte: ich habe genug. Alle solch Glück ist mehr mühseliges Hinstreben zum Genießen als wirklicher Genuß, ist keine Flamme die aus sich selbst brennt, sondern man muß beständig neue Reiser anlegen, neues Öl zugießen daß sie nicht verlöschen und am Ende verlöscht sie ja doch. Nein Vetter, es muß für den Menschen eigenes Glück geben! Und was man aufwärts erbetteln muß und nicht behalten kann, ist ja nicht eigen.«

»Gib die Hand, Vetter, du magst wohl nicht unrecht haben! Denn aber ist doch auch ohngefähr abzusehen, wo die Glückseligkeit herkommen muß. Mehr als Leib und Geist haben wir nicht. Wenn sie also in dem, was des Leibes ist, nicht gefunden wird; so bleibt ja nur ein zweites und höchstens ein drittes übrig?«

»Wohl wahr! Aber ich sehe doch da in einen dunkeln Ort.«

»Du glaubst doch, daß wir einen Geist in uns haben?«

»Warum fragt der Herr Vetter das?«

»Weil unsre zwei Augen nicht viel vom Geist sehen, und du vorhin meintest: wo die zwei Augen aufhörten, gehe die Schwärmerei an.«

»Vetter! wenn ich im Menschen keinen Geist glaubte, so hätt' ich mit dem Menschen nichts zu tun, und ich wollte lieber 'n Esel sein. Denn hätt' ich wohl nicht Freude, aber ich hätte auch kein Leid und keine Unruhe, und ich trüge meinen Mehlsack und käute meine Disteln bis ich ausgekäuet und ausgetragen hätte.«

»Was hast du denn für Unruhe und für Leid?«

»Ah, du weißt ja wohl, wo uns der Schuh drückt; weißt ja wohl, daß ein Janus bifrons in uns ist, ein Kopf mit zwei Gesichtern die nach verschiedenen Seiten sehen.«

»Fahre fort, Vetter! Was meinst du?«

»Daß der Mensch keinen Hausfrieden in sich hat, das mein ich; daß es uns so lieblich dünken kann, und uns doch betrügt, und hinterher wurmt und graue Haare macht; daß man das Bessere wissen kann und das Unedle tun; daß wir von uns selbst gerissen und gehudelt werden! – Und uns selbst bringen wir allenthalben hin, uns selbst treffen wir überall an.«

Aber wenn z. E. Konrad I. in seinem Leben von Heinrich dem Sachsen viel Verdruß hat und doch am Ende alle die Seinen vorbeigeht und ihn zu seinem Nachfolger vorschlägt, weil das Reich des bedurfte; wenn Scipio in Feindesland das junge schöne Mädchen, das ihm seine Soldaten brachten, in sichere Verwahrung nimmt und sie ihren Eltern unschuldig wiedergibt; so sagen doch alle Menschen, daß das edle Handlungen sind, und man bewundert sie.«

»Und das von Rechts wegen. Was bewundert man aber eigentlich? – daß Scipio eingesehen hat: es sei besser, das Mädchen unschuldig zurückzugeben? das sieht ein jeder von uns ein; – daß er den Willen gehabt hat, sie zurückzugeben? auch das nicht, denn das möchten wir gewiß alle gern getan haben; – sondern daß ers hat tun können. Ein jeder fühlt in sich, was dem Scipio im Wege gewesen ist und was Held Scipio überwunden hat.

Wohl ist die Tugend ein Kleinod; und gebe Gott, daß die Menschen das nicht bloß sagten. Sie würden wohl an sich tun! denn wenn der Geist das Feld behält und sein Recht behauptet, das freut Gott und Menschen, und du kannst denken, daß der, in dem es geschieht, nicht leer dabei ausgehe! Wohl ist die Tugend ein Kleinod für den Menschen; das schönste und köstlichste Kleinod in dieser Welt, womit er sich schmücken, und das einzige wodurch er sich würklich groß und bewundernswert machen kann. Wie der Bart das Wahrzeichen des Mannes, so ist sie das Wahrzeichen des Menschen, und wer es nicht an sich hat, der ist unehrlich und ein Leibeigener. Du siehst: wenn Scipio Böses getan hätte! und was die Tugend ist!! Zugleich aber siehst du auch: was die Menschen sein müssen, wenn die unter ihnen, die sich an der Kette haben daß sie kein Unglück anrichten, wenn die unter ihnen so groß und bewundernswert sind.«

»Aber die Gelehrsamkeit heißt ja eine Nahrung des Geistes; so mache damit dem unglücklichen Streit ein Ende.«

»Reite mir 'nmal Kurier auf einem gemalten Pferde, und wenn es ohne Fehl gezeichnet wäre; und melke der Herr Vetter 'nmal des Myrons Kuh! – Und bis an Myrons Kuh und die Zeichnung ohne Fehl ist weit hin.«

»Keine Spekulations! Die Erfahrung muß entscheiden. Wenn es nun notorisch wäre, daß die Gelehrsamkeit immer und zu allen Zeiten ihre Verehrer zu guten, friedfertigen, edlen, unverlegenen glücklichen Menschen machte?«

»Sollte mir fürwahr recht lieb sein, auch des Herrn Vetters wegen.«

»Es gibt eine Erkenntnis a priori, Vetter, und eine reine Vernunft, und dadurch ergründen und erweisen doch die Gelehrten viele Dinge?«

»Es mag wohl eine Erkenntnis a priori und eine reine Vernunft geben, Vetter! Wenn aber die Meinungen der Gelehrten über eine und dieselbe Sache so vielfältig verschieden, und oft einander grade entgegengesetzt sind, und doch ein jeder die seinige aus der Vernunft beweist und herleitet; –«

»Ja, was willst du denn?«

»Ich will nichts; aber das Faß schwebt mir vor Augen, daraus der Wirt alle Arten von Wein zapft, die gefodert werden.

Ich habe heute keine Lust zu lachen, Vetter. Allerdings ist die Welt der Gelehrsamkeit viel schuldig, und was in ihr nützlich und ausgemacht ist, wer wird das nicht mit Dank annehmen und mit Dank erkennen? Wer die Kühnheit und den Scharfsinn vieler Gelehrten und ihren mancherlei unsäglichen Fleiß nicht schätzen und hochachten, und sie, als die ein in sich edleres Geschäft treiben, geehrt und reichlich belohnt wünschen? –

Ich sehe in den Zeitungen kein Schiff aus Ostindien zu Cork oder Brest einlaufen, oder ich denke mit Bewunderung an die fünf Finger des Menschen und an seinen Kopf, der auf dem großen wilden Meer Weg und Steg berechnen lehrte; und wenn mein Kalender 'n Durchgang durch die Sonne, oder eine Mondfinsternis weissagt auf Tag und Minute, und ich sehe nun auf Tag und Minute den Erdschatten und Stern eintreten; so werf ich den Hut in die Höhe und gebiete allen Leuten im Hause, daß sie Respekt für den Kopf des Menschen haben. Aber ein jedes Ding nach seiner Art – denn so schön z. E. die Sterne auch sind, so denk ich doch, das Schönste und Beste ist unsichtbar, wo wären sie sonst hergekommen; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Dazu bleiben wir nicht ewig unter den Sternen und unser Erdenleben ist nur eine ganz kleine Strecke auf der ganzen Bahn unsrer Existenz; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Und da ist doch der unrechte Ort verlassen zu werden! So haben auch die guten Gelehrten immer gedacht; und die nicht so denken und sich mehr glauben als sie sind, die lügen in ihren eignen Beutel und davon wird er nicht voll!

Vor einiger Zeit starb mir meine Mutter. Sie hielt vorher viel aus, still und gelassen wie sie immer war, und konnte nicht leben und nicht sterben. Einige Tage vor ihrem Ende reisten wir alle noch zu ihr, und standen da um ihr Bette und sahen sie an, einer so klug wie der andre. Ich wollte mir mein Herz gerne trösten, und wollte ihr noch so gerne was zuliebe tun; aber essen und trinken mochte sie nicht mehr, mochte auch sonst nichts mehr. Ich dachte an alle die großen und kleinen Erfindungen der Menschen, davon du mir gesagt hast: an die Seelenlehre, an Newtons Attraktionssystem, an die Allgemeine deutsche Bibliothek, an die Genera Plantarum, an den Magister Matheseos, an den Calculum infinitorum, an die grade und schiefe Ascension der Sterne und ihre Parallaxen etc. aber es wollte mir alles nichts verschlagen – und Sie lag out of reach! lag am Abhang und sollte herunter! Und ich konnte nicht einmal sehen wo sie hinfiel. – – Da befahl ich Sie Gott, und ging hinaus... und machte ein Sterbegebet daß sie's Ihr vorläsen. Es war meine Mutter und hatte mich immer so lieb gehabt, und ich konnte doch nicht anders! –

O Vetter. wenn dir ein Mensch vorkommt der sich so viel dünkt und so groß und breit da steht; wende dich um und habe Mitleiden mit ihm. Wir sind nicht groß, und unser Glück ist, daß wir an etwas Größers und Bessers glauben können.«

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