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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 160
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Ernst und Kurzweil
von meinem Vetter an mich

Ich habe Euch in meiner Antwort unterm 22. ultimi von den »schönen Künsten und Wissenschaften« allbereits gründlichen Bericht getan, wie Ihr Euch noch gütigst besinnen werdet, und, wenn Ihr's etwa vergessen habt, an besagtem Ort nachsehen könnet; will aber gerne ferner dienen, und, wenn's wie Ihr sagt die Notdurft erfordert, weitern Bericht tun.

Der Inhalt oder der Sinn meines Vorigen lief darauf hinaus: daß z. E. eine Gluckhenne die mit ihren Küchlein in ihrer Einfalt auf dem Hofe herumgeht, wenn der Habicht daher geschnellt kommt, ohne alle Anweisung und ohne die Absicht sich hören zu lassen, allemal unfehlbar den rechten Schrei tue.

Nun gab es aber unter den Hühnern des Hofes einige ästhetische Kannegießer, die bemerkt haben wollten: daß in solchem Fall eine Henne aus C-moll schreie: wenn sie ihre Küchlein unter sich sammeln will, aus A-dur; und wenn sie 'n Ei gelegt hat aus D-dur u.s.w.

Diesen schlauen Bemerkungen zufolge operierten sie nun weiter, und setzten gewisse Tonarten und Modulationes fest, wie es lauten müsse wenn's so lassen sollte und die andern Hühner glauben sollten: der Habicht komme, oder eine Henne wolle ihre Küchlein unter sich sammlen, oder es sei 'n Ei gelegt worden u.s.w. und das nannten sie die »schönen Künste und Wissenschaften«.

Die Sache fand Beifall und der ganze Hühnerhof studierte die schönen Künste und Wissenschaften, und lernte die Modulations.

Da ereignete sich nun aber ein gewisser Kasus vielfältig, den niemand vorhergesehen hatte. Es ereignete sich nämlich der Kasus vielfältig, daß eine Henne aus C-moll intonierte ohne den Habicht zu sehen. Und die Kapaunen und Pularden schrien und kanterten den ganzen Tag aus A-dur und aus D-dur. Und das gab viel Verwirrung, und ein närrisch Gequiek und Wesen.

Du hast recht, Vetter, es wird in diesen Jahren mit Empfindungen und Rührungen ein Unfug getrieben, daß sich ein ehrlicher Kerl fast schämen muß gerührt zu sein; indes wirst du doch Spaß verstehen, und den Respekt für deinen Landesherrn nicht verlieren weil es auch Pik- und Treffkönige gibt.

Wahre Empfindungen sind eine Gabe Gottes und ein großer Reichtum, Geld und Ehre sind nichts gegen sie; und darum kann's einem leid tun, wenn die Leute sich und andern was weismachen, dem Spinngewebe der Empfindelei nachlaufen und dadurch aller wahren Empfindung den Hals zuschnüren und Tür und Tor verriegeln.

Will dir also über diese ästhetische Salbaderei, und überhaupt über Ernst der Empfindung und seine Gebärde, einigen nähern Bericht und Weisung geben, wenigstens zur Beförderung der ästhetischen Ehrlichkeit, und daß du auch den Vogel besser kennen mögest; denn so hoch auch die schönen Künste und Wissenschaften getrieben sind, so haben doch Ernst und Kurzweil jedwedes seine eigne Federn.

Meine Weisung ist kurz die: daß Ernst Ernst sei und nicht Kurzweil, und Kurzweil Kurzweil sei und nicht Ernst. Die Sache wird sich aber besser in Exempeln abtun lassen; und zwar will ich die Exempel an dir statuieren, da du doch ohne dein Verschulden bei vielen in dem Verdacht der Poeterei stehest, und sie dich für einen erzempfindsamen Balg halten sollen.

Zum Exempel also, du führest mit Extrapost durch 'n Dorf oder Flecken und der Postillon fiele unter die Pferde und bräch 's Bein, wie wir ja auf unsern Reisen den Fall gehabt haben. Nun, so sitz nicht auf dem Wagen und wimmere wie 'n Elendstier, kriege keine Konvulsions, und reiß dir auch die Haare nicht aus; sondern steige flugs aber vorsichtig herunter, bringe den Schwager unter den Pferden heraus und siehe ob das Bein würklich ab ist. Und wenn es damit seine Richtigkeit hat, so suche den Feldscher im Ort auf, zahl ihm wenn du willst und kannst die Taxe für den Beinbruch und noch etwas darüber daß er's fein säuberlich mache; und komme denn ohne alles Weitere zu deinem Schwager zurück, und blase ihm eins auf seinem Horn vor bis der Feldscher nachkomme.

Eine andere Auflösung

Szene: Ein Hügel in Schlaraffenland

Du stehst hier auf dem Hügel mit offenem Munde, und es will dir eine gebratene Taube hineinfliegen, und du willst das nicht haben.

In solchen Umständen könntest du nun freilich die Sturmglocke in Schlaraffenland anziehen, daß alle Leute mit Leitern und Ofengabeln kämen, und gegen die gebratene Taube aufmarschierten. Du kannst aber viel kürzer dazu kommen. Machs Maul zu; so kann sie nicht hinein.

Die alten Lateiner pflegten die Sache so auszudrücken:

Quod fieri potest per pauca,
Non debet fieri per plura.

Drittes Exempel

Szene: Der 65. Grad nördlicher Breite

Die See ist sehr stürmisch, wie du siehst, und das Schiff linker Hand leidet große Not und will sinken. Du bist mit auf dem andern Schiffe und siehst die armen Nachbarn die Hände ausstrecken und um Hilfe schreien. Bist du nun ein ästhetischen Seifensieder, so setz dich hin und mache: eine Elegie auf den Untergang des andern Schiffs, samt wie die Leute geschrien und was dein Herz für Mitleid gefühlt habe u.s.w. Ist's dir aber Ernst mit dem Mitleid, so geh' und bitte den Schiffer daß er das Boot daran wage. Hängt den Poeten am Mast, daß er euch nicht im Wege sei wenn ihr's Boot aussetzt, und steige flugs und fröhlich mit einigen Matrosen hinein, die armen Leute zu holen.

Der dir den Mut dazu gab, wird dich auch glücklich durch Sturm und Wellen hin und her helfen.

Viertes Exempel

Stellt das Haus eines berühmten Gelehrten vor, und der bist du wieder versteht sich, und die beiden Herren vor der Tür wollen gern die Ehre haben dir aufzuwarten.

Unter uns gesagt, 's ist eine Schwachheit von den beiden Herren, daß sie den berühmten Gelehrten sehen wollen; denn was ist an so einem armen Sünder zu sehn? Indes sie wollen dich sehen, und du mußt heraus.

Nun supponiere ich: Du bist demütig oder willst es doch gerne sein. Denn wenn du ein vorsätzlich eitler aufgeblasener Mensch bist; so kannst du für dich bleiben. und ich werde wohl meine Exempel mit dir nicht verderben. Also du hast Demut lieb, und es ist die Frage: wie du dich zu komponieren habest, wenn's dein Ernst ist.

Soviel begreifst du vorläufig, daß du nicht immer stehen und dir den Bart streichen mußt. Übrigens kommt es mir lustig vor, daß ich dir vorschreiben soll, wie du aussehen mußt, wenn die beiden Herren hereintreten; und will ich lieber einen Ausfall tun nach einer andern Seite hin. Sieh, man kann eine Tugend lieben und sie auf gewisse Weise auch haben; aber sie ist noch nicht feuerfest. Unter den und jenen Umständen wankt sie und bröckelt ab, und der Feind kuckt durch die Bresche in die Festung. So kannst du nach unserm Exempel zwischen deinen vier Wänden und in deinem Lehnstuhl Demut haben; du kannst würklich überzeugt sein: daß dies und das nichtsbedeutende Dinge sind. wovon die Menschen viel Aufhebens machen; daß nur Eins sei das wahrhaftig lobenswert ist, und daß gerade dabei Menschenlob am leichtesten entbehrt werden kann, u.s.w., du kannst, sag ich, davon in deinem Lehnstuhl überzeugt sein, und mit Ehren herauskommen. Wenn dir aber die beiden Herren mit tiefen Verbeugungen erzählen: wie der Schweif deines Ruhms sich vom Zenit bis Nadir erstrecke; wenn sie eine Handvoll Räucherwerk nach der andern vor dir abbrennen; so kann von dem langen Schweif und dem vielen Rauch deiner Überzeugung der Kopf schwindlig werden. In solchem Falle pflegt man nun den ersten den besten Strohhalm von der Erde aufzuheben, um dem Feind eine Diversion zu machen. Wenn du also merkst, daß dir dein Konzept verrückt werden will; so erzähle ihnen geschwind von dem großen Horn das in der Unstrut gefunden worden, oder von dem großen Bankrott in Bassora und daß die Bankrotts gewöhnlich daher kommen, daß mehr ausgegeben als eingenommen wird u.s.w. du mußt aber, damit keine Schelmerei daraus werde, sobald die beiden Herren weg sind, mit doppeltem Ernst daran gehen, durch neue Verhacke und Palisaden ähnlichen Unglücksfällen vorzubauen.

Hast du das alles nicht nötig; desto besser für dich, und auch für die zwei Herren. Denn wahre unverstellte Demut ist sehr lieblich, und wenn sie dir je in deinem Leben vorgekommen ist, mußt du ihre Gebärde noch in frischem Andenken haben.

Fünftes Exempel

Ponamus, der da auf der Anhöhe im Morgendämmer bist du und siehst hinaus ins Meer, und nun steigt die Sonne aus dem Wasser hervor! – Und das rührte dein Herz, und du könntest nicht umhin auf dein Angesicht niederzufallen:... so falle hin, mit oder ohne Tränen, und kehre dich an niemand, und schäme dich nicht. Denn sie ist ein Wunderwerk des Höchsten, und ein Bild desjenigen vor dem du nicht tief genug niederfallen kannst. Bist du aber nicht gerührt und du mußt drücken, daß eine Träne komme; so spare dein Kunstwasser, und laß die Sonne ohne Tränen aufgeben.

Sechstes Exempel

Der Kerl da mit der spitzen Nase war vor Jahren dein Nachbar, hat dir ohne deine Schuld alles gebrannte Herzeleid angetan, und hat durch Lügen und Trügen dich um Haus und Hof gebracht. Du hast 'n Haus wieder, er aber hat keins, wie es auch zu gehen pflegt – und nun triffst du ihn hier in Schnee und Regen auf der Landstraße bettelnd, und sein Weib und seine Kinder liegen halb nacket am Graben.

Kannst du ihm nicht vergeben und vergessen; nun so reite vorbei und sieh nicht hin. Denkst du aber in und bei dir selbst, daß der Beleidiger immer am übelsten daran ist, und daß du willfährig sein sollst deinem Widersacher bald dieweil du bei ihm auf dem Wege bist; denkst du, wieviel uns Gott vergeben muß, und du siehst seine Sonne über dir und ihm am Himmel stehen, und dir fährt's durchs Herz; – nun so fas'le auch nicht und mach's ihm nicht sauer. Geh auf ihn zu, gib ihm die Hand und erkundige dich, wie ihm könne geholfen werden. – Und wenn du weggehst, decke das Weib und die Kinder mit deinem Mantel zu.

Nun Vetter, Gott bewahre dich für einen Nachbar, der dir soviel Böses tue und dir soviel Verdruß mache. Aber glaube mir, wenn du so ohne Mantel weiter reitest; es ist alles reichlich bezahlt, und mancher würde dich beneiden wenn er's wüßte, und sich wundern was in der Großmut stecke. Und doch hat er vielleicht 'n ganzes Alphabet in Prosa und in Versen von der Großmut und Feindesliebe ans Licht gestellt.

Leichtfertige Schriften und die 'n Verderb der Welt sind geraten gewöhnlich am besten, weil ihre Verfasser diese Empfindungen haben, und mit sogenannter Begeisterung schreiben. Wenn sie aber Empfindungen anderer Art schreiben wollen; so wills nicht fort, und sie müssen sich hineinsetzen, wie das genannt wird. Verdirb du dir deine Zeit nicht mit dem Hineinsetzen. Wenn ein großer edler Charakter was Liebenswürdiges und Schönes ist; so laß dir's sauer um ihn werden. Es ist 'n ander Ding: einen zu haben; als: einen aufs Papier und auf dem Theater hinzuklecksen, und wenn du noch so gut und con amore klecksen kannst.

Quae professio, sagt ein Kirchenvater, multo melior, utilior, gloriosior putanda est, quam illa oratoria, in qua diu versati non ad virtutem, sed plane ad argutam malitiam juvenes erudiebamus.
 

Ich könnte dir der Exempel leicht mehr machen, aber Holzschnitte kosten Geld, und du kannst sie dir ebenso leicht selbst machen.

Übrigens wirst du an diesen Ernst- und Kurzweil-Exempeln bemerkt haben: Erstlich daß Ernst ganz natürlich sei.

Und so ist es auch. Die wahrsten Empfindungen sind immer die allernatürlichsten, auch in der Religion. Denn es gibt auch in der Religion Kurzweil und Ernst.

Zweitens wirst du bemerkt haben: daß wahre Empfindung an und in sich selbst genug habe, und die Tür ihres Kämmerleins hinter sich zuschließe; daß Kurzweil hingegen nach außen hantiere, und Tür und Fenster öffne.

Und so verhält es sich in Wahrheit, auch mit den höhern Empfindungen. Und wo so nach Menschenbeifall geangelt wird, da ists nicht recht rein und richtig.

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