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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 153
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Asmus. »Es war in einem Lande ein Mann, der sich durch hohen Sinn, durch Rechtschaffenheit, Uneigennützigkeit und Großmut über alle seinesgleichen erhob, und um alle seine Nachbarn verdient machte; dieser Zirkel war aber nur klein, und weiterhin kannte man ihn nicht, so sehr man sein bedurfte. Da kam der Landesherr, der mit der goldnen Krone an seiner Stirn, und nannte diesen Edlen öffentlich seinen Angehörigen, und stempelte ihn vor dem ganzen Lande als einen Mann, bei dem niemand je gefährdet sei, dem sich ein jedweder, Mann oder Weib, mit Leib und Seele sicher anvertrauen könne – und das ganze Land dankte dem Landesherrn, und ehrte und liebte den neuen Edelmann.

Und weil der Apfel nicht weit vom Stamme fällt, und der Sohn eines edlen Mannes auch ein edler Mann sein wird; so stempelte der Landesherr in solchem Vertrauen sein ganzes Geschlecht in ihm mit, legte ihm auch etwas an Land und Leuten zu, wie Eisenfeil an den Magneten, daß seine wohltätige Natur, bis er ihn etwa selbst brauche, daran zu tun und zu zehren habe.«

Herr v. Saalbader. »Auf diese Weise konnte ja ein Bürgerlicher ein edler Mann sein?«

Asmus. »Haben Sie denn daran je gezweifelt?«

Herr v. Saalbader. »Ich will sagen, es kann einer edel sein, und noch nicht adlig.«

Asmus. »Nicht allein das, sondern es kann auch einer noch adlig sein, und nicht mehr edel; denn bis der Landesherr den Stempel wieder tilgt, muß jedermann, aus Achtung für den Landesherrn, den Edelmann für einen edlen Mann ehren, er mags sein oder nicht.«

Herr v. Saalbader. »Immer besser. So wäre also der Adel nur eine Fontange, die wieder abgenommen werden kann!«

Asmus. »Natürlich! Das geschieht ja auch in der Welt. Warum wird einem Edelmann auf dem Echafaut sein Wappen zerschlagen? Der Landesherr kann ja unmöglich einen Edelmann strafen, darum nimmt er zuvor sein Wort zurück und tilgt seinen Stempel wieder.«

Herr v. Saalbader. »Am Ende hätte denn also ein Edelmann vor dem bürgerlichen edlen Mann nichts voraus?«

Asmus: »Sehr vieles. Dieser muß sich erst Achtung und Vertrauen erwerben, und gilt doch nur immer wo man ihn kennt, bleibt doch nur Privatgut; der Edelmann gilt überall, ist kurrente Münze unter Autorität des Landesherrn, ist öffentliches Gut, daran alle Menschen ein Recht, und zu dem sie alle Vertrauen haben.«

Herr v. Saalbader. »Und Ahnen und Alter der Familie, die wären denn gar nichts.«

Asmus. »Sehr vieles; oder rechnen Sie das wenig, wenn ein Geschlecht von Vater auf Sohn viele hundert Jahre hindurch die Liebe und die Freude der Menschen, und ein Segen der ganzen Gegend gewesen ist?«

Herr v. Saalbader. »Mais – alors il vaudroit mieux, se faire soldat.«

Asmus. »Grade da können Sie die Bestätigung von dem sehen, was ich Ihnen sage.

Sie wissen, alle Offiziers haben als Offiziers adlige Vorrechte. Nämlich weil, sonderlich in Kriegszeiten, Menschenleben und Glück und Unglück der armen Einwohner viel von ihnen abhängt, und oft ganz in ihrer Hand ist; so ordneten die Fürsten, daß solche Stellen nur einem edlen Manne verliehen werden könnten.«

Herr v. Saalbader. »Il y a du héroique dans cette doctrine.

Mais chère Mama, Vous, qu'en jugez Vous, et ce philosophe comment Vous plaît-il!«

Frau v. Saalbader. »J'enrage, je frémis d'indignation, et je vous défends de l'honorer derechef de Vos réponses. C'est un talmudiste incarné; il parle comme un ivre, comme un perroquet, comme un hareng, comme un –«

Asmus. »Gnädige Frau, ich vermute aus Ihren Reden, daß Sie unwillig sind. Es wäre mir sehr leid, wenn ich Sie beleidigt hätte, und ich wollte Sie gerne wieder um Vergebung bitten. Aber ich habe weder Ihren Sohn noch Ihren Adel beleidigt, habe Sie auch nicht beleidigen wollen. Und so werde ich mich am Ende über Ihren Unwillen trösten müssen; es wäre mir aber doch lieber, wenn Sie nicht unwillig wären. Es ist das erstemal, daß ich die Ehre habe Sie zu sehen, und vermutlich werde ich diese Ehre nicht wieder haben; besinnen Sie sich gnädige Frau! Ich ehre Ihren Stand! Und wenn Sie ihn auch so ehrten, es würde Ihnen ein gut Teil besser zumut sein, als Ihnen itzo ist. Und mich dünkt, Sie sollten darum nicht zürnen, daß ich Ihnen das wohl gönnte.«

Herr v. Holborn. »Apaisez-Vous Madame, il ne mérite pas Votre courroux, et ce qu'il dit est très raisonnable.«

Louise. »En vérité, très raisonnable.«

Herr v. Strahlen etc.

Frau v. Mecheln etc. etc. etc. etc. etc.

Unke (zu mir). »Seine Gesundheit! die Frau v. Saalbader trinkt sie doch wohl nicht.«

Asmus. »Und wenn sie niemand trinkt, Unke! so trink ich sie selbst. Es gibt hier aber noch wohl an dere Gesundheiten zu trinken. Seht, der Paul hat da was im Sinne.«

Paul (zu Liese Westen). »Ihr rückt so Liese; Euch wird das Sitzen sauer, nicht wahr? – Nun helf Euch Gott, wenn Eure Stunde kommt!«

Körner. »Wie gesagt: Allen Schwangeren und Sängern fröhliche Frucht und Gedeihen! Aber meine Frau mit eingeschlossen.«

Albrecht Kühnert. »Wie gesagt!«

Hans Westen. »Liese, helf dir Gott liebe Liese! – Aber steh auf, wenn du nicht länger sitzen kannst.«

Asmus. »Die armen Weiber. Kommt Unke, Ihr stoßt doch auch mit an? Aber recht herzhaft.«

Unke. »Mir hält kein Glas bei solchen Gesundheiten.«

Herr v. Hochheim (zu den Bauern). »Ihr Leute, sollen wir nicht unser Bauernlied haben?«

Unke. »Gleich, gnädiger Herr. (Zu Westen.) Westen, sing vor.«

Sie sangen darauf das Bauernlied, wie folget. Ich weiß nicht, was dies Lied für Effekt tut, wenns gelesen wird; aber was es tat als es hier die Bauern sangen, das weiß ich wohl. Und deswegen rate ich einem jeden, es von solchen Bauern singen zu lassen. Die Musik, sagten sie, sei aus Italien. Ich habe sie da hergesetzt, so gut ich sie behalten habe; 'n jeder mag sie verbessern, oder sich eine andere machen.

Der Vorsänger Hans Westen.

        Im Anfang wars auf Erden
    Nur finster, wüst, und leer;
Und sollt was sein und werden,
    Mußt' es wo anders her.
Coro. Alle Bauern.
Alle gute Gabe
Kam oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!
Vorsänger.
So ist es hergegangen
    Im Anfang, als Gott sprach;
Und wie sich's angefangen,
    So geht's noch diesen Tag.
Coro.
Alle gute Gabe
Kömmt oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!
Vorsänger.
Wir pflügen, und wir streuen
    Den Samen auf das Land;
Doch Wachstum und Gedeihen
    Steht nicht in unsrer Hand.
Coro.
Alle gute Gabe
Kömmt oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!
Vorsänger.
Der tut mit leisem Wehen
    Sich mild und heimlich auf,
Und träuft, wenn wir heim gehen,
    Wuchs und Gedeihen drauf.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Der sendet Tau und Regen,
    Und Sonn- und Mondenschein,
Der wickelt Gottes Segen
    Gar zart und künstlich ein,
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Und bringt ihn denn behende
    In unser Feld und Brot;
Es geht durch seine Hände,
    Kömmt aber her von Gott.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Was nah ist und was ferne,
    Von Gott kömmt alles her!
Der Strohhalm und die Sterne,
    Der Sperling und das Meer.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Von ihm sind Büsch' und Blätter,
    Und Korn und Obst von Ihm,
Von Ihm mild Frühlingswetter,
    Und Schnee und Ungestüm.
Coro.
Alle gute Gabe
Kömmt oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!
Vorsänger.
Er, Er macht Sonnaufgehen,
    Er stellt des Mondes Lauf,
Er läßt die Winde wehen,
    Er tut den Himmel auf,
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Er schenkt uns Vieh und Freude,
    Er macht uns frisch und rot,
Er gibt den Kühen Weide,
    Und unsern Kindern Brot.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Auch Frommsein und Vertrauen,
    Und stiller edler Sinn,
Ihm flehn, und auf Ihn schauen,
    Kömmt alles uns durch Ihn.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Er gehet ungesehen
    Im Dorfe um und wacht,
Und rührt die herzlich flehen
    Im Schlafe an bei Nacht.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger. Coro fällt ein.
Darum, so woll'n wir loben,
    Und loben immerdar
Den großen Geber oben.
    Er ists! und Er ists gar!
Coro, Coro.
Alle gute Gabe etc.

Unke. »Gnädiger Herr, wir haben noch etwas hinten dran gemacht, auf heute; dürfen wir das auch singen?«

Herr v. Hochheim. »Warum nicht, Unke?«

Vorsänger Westen.
        Und Er hat große Dinge
    An Nachbar Paul getan;
Denn ärmlich und geringe
    Trat Paul sein Erbe an.
Coro.
Alle gute Gabe etc.
Vorsänger.
Er hat bewahrt vor Schaden,
    Hat reichlich ihn bedacht,
Hat heute ihm aus Gnaden
    Ein Jubilei gemacht.
Coro.
Alle gute Gabe
Kömmt oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab.
Vorsänger.
Und solche Gnad und Treue
    Tut er den Menschen gern.
Er segne Paul aufs neue,
    Und unsern lieben Herrn!

Unke. »Das noch einmal, Westen.«

Vorsänger Westen.
        Und solche Gnad und Treue
    Tut er den Menschen gern.
Er segne Paul aufs neue,
    Und unsern lieben Herrn!
Coro.
Alle gute Gabe
Kömmt oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!

Der alte Paul saß sehr bewegt, und sahe einen Nachbarn nach dem andern an.

»Nachbarn! ich danke euch! Gott lasse einen jeden von euch den Tag auch erleben, und gebe ihm denn auch solche Nachbarn als er mir gegeben hat. – – –

Aber laßt uns nun unsre beste Gesundheit trinken. Steht auf Kinder, und ruft den Knechten daß sie die Sicheln streichen.«

Herr v. Hochheim merkte, worauf es gemünzt war, und sahe Paul an und schüttelte mit dem Kopf. Der aber hörte nicht drauf.

Herr v. Hochheim (zu den Bauern). »Laßts gut sein Leute, wenigstens bleibt sitzen.«

Paul. »Nein, gnädiger Herr! Sie sind es wert.

Steht alle auf Kinder, und nehmt die Hüte ab.

Wir wissen wohl, gnädiger Herr, daß Sie unsern Dank nicht verlangen; so sehen Sie weg. Wir wollen ihn hier vor Gott bringen, und der wird nicht wegsehen.«

Unke. »Aufgestanden wer sich rühren kann! Unsers gnädigen Herrn seine Gesundheit soll getrunken werden.«

Westen. »Es wird wohl auch schwerlich einer wollen sitzen bleiben, Unke.«

Unke. »Seht! Jost ist eingeschlafen! Laßt ihn. Gott gibts seinen Freunden schlafend, er wird den alten Jost auch schlafend hören. Laßt ihn, und gebt mir sein Glas in die linke Hand.«

Die Bauern standen nun alle, mit entblößtem Haupt. Auch am andern Tisch, als ob die Empfindung epidemisch würde und Recht 'nmal Recht bleiben wollte, stand einer nach dem andern auf, auch der Herr v. Saalbader und seine Mutter. Und die Knechte strichen die Sicheln.

Paul (mit dem Glas in der Hand). »Nun denn in Gottes Namen. Unsers lieben, guten, frommen, gnädigen Herrn v. Hochheim seine Gesundheit! – daß Gott ihm lohne! – – und daß Gott ihn segne – – – – – – – – – – wie er uns segnet! – – – – – – – – – – – – –

Gesundheit! Unser lieber Unser von Gesundheit Der gnädige Freude und
– – Herr! Hochheim und die Herr Segen
Unser und alles soll leben! über von
Gesundheit! gnädiger was sein ewige Und wer Hochheim!
– – Herr! ist, hier Seligkeit! rechtschaffen und über
Ich wollte zeitlich und ist und jeden
Gesundheit! für ihn dort ewig- – – Gott wahren
– – durchs lich. – – fürchtet! Edelmann!
Wasser – – etc.
– – laufen. – – etc.

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