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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 148
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Über ein Sprichwort

Unter andern tiefsinnigen Sprichwörtern und Rätseln, dadurch die Alten unterrichten und bessern wollten, ist auch eins: man soll auf einem Grabe nicht schlafen! und eben von dem ist hier die Rede.

Wenn ein Spruch tiefsinnig ist, so schwimmt der Sinn nicht obenauf; und denn pflegt er ziemlich sicher zu sein.

Die Sprüche der Weisen sind dem Schiff Royal Georg zu vergleichen, das mit dem wackern Admiral Kempenfeldt seit dem 29. August a. p. bis an den Topmast bei Portsmouth in See steht. Das Fähnlein züngelt da über dem Wasser, daß man wohl sieht: es sei im Grunde etwas vorhanden; wer aber den 29. August nicht in Portsmouth war oder sonst des Wesens kundig ist, der wird dem Feind nicht viel von dem Royal Georg verraten. Indes hat doch ein jeder seine Vermutungen, und es kommt bei solcher Gelegenheit allerhand nützliche Auslegung und Lehre an den Tag; und so soll es auch sein. Ein Umstand ist bei solchen Auslegungen noch zu bemerken, der manchem sonderbar dünken möchte, der nämlich: daß der letzte Ausleger allemal der klügste ist, und daß seine Vorgänger immer herhalten müssen. Dafür muß er aber zu seiner Zeit wieder herhalten, und so ist das Gleichgewicht hergestellt. Wollen es denn auch so machen, und zu seiner Zeit wieder über uns ergehen lassen was recht ist.

Einige Vorgänger also haben das Sprichwort so gedeutet, als werde darin den Leuten, die von einem Vetter in Ostindien eine reiche Erbschaft getan haben, der Rat gegeben: sich nicht bloß neben dem gesammelten Honig hinzusetzen und in Wollust und Müßiggang zu verrosten, sondern nützlich und tätig zu bleiben. Dieser Rat ist allerdings sehr gut, und vielleicht bedauern einige Leser, daß sie nicht in dem Fall sind von einem so guten Rat Gebrauch zu machen. Übrigens gehen doch aber bei dieser Auslegung des Sprichworts alle, die keinen Vetter in Ostindien haben, leer aus, und warum sollen die leer ausgehen? Wir wollen lieber einige Auslegungen versuchen, dabei niemand leer ausgehen darf und dazu man nur braucht was ein jeder Mensch hat, wie folget:

  1. Es sind freilich viele Gräber, um die sich niemand rote Augen weint; aber manchmal wird doch auch einer begraben, der einem andern nahe abgeht. Dieser andre denkt mit nassen Augen an den Begrabenen und sein Grab ist ihm ein Heiligtum. Du wärest wohl grausam, wenn du 's entweihen und dich zum Schlafen darauf ausstrecken könntest! – und du sollst nicht grausam sein.
  2. Wenn der Mensch im Grabe liegt und der Grabhügel ihm errichtet ist; so ist sein Los entschieden. Alea jacta est. Wir, die wir vorübergehen, können freilich dies Los nicht ändern, sondern bei dem, was geworfen ist, bleibts. Es wäre aber doch zu hölzern, wenn sich einer auf den Würfeln wollte schlafen legen.
  3. Die Verwesung ist und bleibt immer eine sehr nachdenkliche und ernsthafte Sache. Gewißlich geht kein Engel gleichgültig einen Grabhügel vorbei! und der ist doch eigentlich über die Grabhügel weg, und hat für seine Person dabei nichts zu gewinnen noch zu verlieren. Der Mensch ist noch nicht so ganz darüber weg, und hat noch allerlei dabei zu bedenken daran ihm gelegen ist. Muß denn so ein alter guter Vater, der den Leichtsinn der Menschen kennt, muß denn der nicht das Gesetz machen: daß man auf einem Grabe nicht schlafen soll?

    u. s. w.

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