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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 133
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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e) Von den Jammabos oder Bergpriestern in Japan

Die Jammabos tragen einen Gürtel, darin linker Hand ein Wakisafi oder Dolch hängt, Wurzeln damit auszugraben, und rechter Hand ein Foranokai, oder Schülphorn, Wasser damit zu schöpfen. An den Füßen hat er Jatzuwono Warandje, Strohschuhe sehr bequem die Pönitenzberge zu ersteigen, in der Hand ein Sakkudsio oder Stäblein des Gottes Dsiso mit vier kupfernen Ringen damit er beim Gebet klingelt, und an der Schulter ein Oji, oder Beutel darin sein Gebetbuch liegt – und so geht er Tag und Nacht in den Einöden des wilden Gebirges Fusi und des hohen Fikoosan und sucht die Glückseligkeit. Ob er sie findet das weiß Gott: aber ich suchte sie doch wahrlich auch lieber hier, als wo sie Constantin Phaulcon suchte.

Will meinen Herren Subskribenten noch zum Beschluß etwas von der heiligen Wallfahrt der Japaneser nach Jisje erzählen. Man erzählt doch gerne von seinen Reisen, und wer mir nicht auf mein Wort glauben will, kann den Kämpfer nachlesen, der auch in Japan gewesen ist, und ein sehr gutes Buch davon geschrieben hat. Er hat auch die Geschichte des Constantin Phaulcon, viel umständlicher und besser als ich.

Ein jeder guter Japaneser muß wenigstens einmal in seinem Leben nach Jisje wallfahrten, zum Haupttempel ihres größten Gottes Tensjo Dai Sin; gewöhnlich wallfahrtet er aber alle Jahr dahin, und deswegen ist, sonderlich zu einer gewissen Jahreszeit, die Straße voll Pilger. Der Hof sollte es eigentlich auch tun; er macht sich's aber kommoder nach der beliebten Philosophie des Roosi, und schickt eine Deputation.

Die Pilger tragen auf dem Rücken eine aufgerollte Strohmatte, die des Nachts ihre Decke ist, haben einen Stab in der Hand, einen von Binsen geflochtenen weiten Hut auf dem Kopf, und einen Wasserschöpfer im Gürtel. Auf dem Hut und dem Wasserschöpfer steht des Pilgers Name und Geburtsort geschrieben.

Der Tempel, zu dem sie wallfahrten, liegt in einer Ebene, und ist von Holz klein und schlecht gebaut mit einem sehr niedrigen Strohdach. Inwendig ist nichts zu sehen, als ein Metallspiegel in der Mitte, und, an den Wänden hin und her, weißes zerschnittenes Papier, und hinter dem Tempel ist eine kleine Kapelle »für den Geist«. Der Spiegel deutet auf die Allwissenheit des Tensjo Dai Sin, und das weiße Papier auf die Reinigkeit des Orts, und daß, wer sich ihm nahen will, ein reines Herz haben müsse. Um diesen Tempel stehen mehr als hundert andre Tempel minderer Gottheiten, zum Teil so klein, daß ein Mensch nicht darin stehen kann, und ein jeder Tempel hat seinen Wächter. Wenn ein Pilger ankommt, meldet er sich bei einem der Canusj oder Geistlichen. Der läßt ihn erst durch seine Unterküster bei den Nebentempeln herumführen und ihm die Namen und Taten ihrer Gottheiten erklären, und endlich führt er ihn selbst an die Gittertür des Haupttempels. Hier kniet der Pilger demütig nieder, legt seine Stirne auf die Erde und bringt sein Anliegen vor, und hernach gibt er eine Gabe und wird von dem Canusj bewirtet und beherbergt. Überall in der Gegend um Jisje wohnen viele Nege, Tempelherren, oder Taije, Boten Gottes, die zur Beherbergung und Verpflegung der Pilger Wohnungen unterhalten.

Wenn der Pilger nun solchergestalt seine Andacht verrichtet hat, erhält er von dem Canusj 'n Ofarrai oder Ablaßzeichen, denn Farrai heißt auf Japansch säubern reinigen. Dieser Ofarrai ist eine kleine viereckige Schachtel, etwa acht Zoll breit und einen und einen halben tief; sie ist von Tannenholz gemacht und voll dünne Stäbchen von eben dem Holz, die so lang als die Schachtel, und jedes säuberlich in rein Papier eingewickelt sind; vorn auf der Schachtel steht mit großen Buchstaben der Name des Tensjo Dai Sin, und unten der Name des Canusj. Der Pilger empfängt diese Holzware mit großer Ehrerbietigkeit, heftet sie vorn unter den Hut, und hinten am Hut ein Strohbündel dagegen, und trägt sie so auf seiner Stirn zu Hause. Hier werden denn die Ofarrais mannshoch an einem Leisten nach den Jahren aufgehängt, und wenn dem Japaneser bei Tage oder Nacht das Herz schwer ist, sieht er seine Ofarrais an, und wird besser.

Ich bitte die Herren Subskribenten um Vergebung, daß ich so lange von den Jammabos und Pilgern erzähle; aber ich kann mir nicht helfen. Ein Mensch, dem es in Ernst um Glückseligkeit zu tun ist und der im frommer einfältigen Glauben alles das, wonach andre sich die Beine ablaufen, kaltblütig oder mit verbissenen Zähnen vorbeigeht, 'n solcher Mensch, wo ich ihn auch treffe, ist für mich sehr rührend, und ich kann nicht wieder weg. Gott höre jeden, der auf dem Fusi klingelt, der vor der Gittertür zu Jisje seine Stirn' auf die Erde legt! Und das tut auch Gott, glaub' ich, denn ist er nicht auch der Japaneser Gott? Freilich ist er auch der Japaneser Gott.

Also nochmals um Vergebung, wenn einige Herren Subskribenten bei dieser Erzählung Langeweile gehabt haben! Auf der anderen Seite ist eine kleine Kollation veranstaltet; und ich will bitten, sich's gut schmecken zu lassen und gütigst vorlieb zu nehmen.

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