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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 120
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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Der Chan

'BamaNe. 'Jura. – Aber Sieur Asmus. was soll ich Ihm für Seine Dedikation für eine Gnadenbezeugung machen?

Der Hofmarschall

'Ater 'Sioka 'Mavai. – Dürfte ich untertänigst vorschlagen, ob Ew. Majest. ihm nach der löblichen Gewohnheit einiger Ihrer großen Vorfahren die Gnade wollten angedeihen lassen, daß er sich in Ihrer hohen Gegenwart den Leib aufschneiden dürfe.

Asmus

'Mavai 'Po. – Den Leib aufschneiden? ich verstehe Ew. Exzellenz nicht.

Der Hofmarschall

'Ater 'Amave 'PioNha. – Der Kaiser will Ihm gnädigst erlauben, daß Er sich hier in Seiner Gegenwart den Leib aufschneiden darf.

Asmus

'Ama. – Was für'n Leib, Ihr Exzellenz?

Der Hofmarschall

'Blusi 'maRomiNo. – Einfältiger Europäer. seinen eignen, da unter der schönen roten Weste.

Asmus

'Laimi 'Pi'ZoNti'Korkuzo. – Ich bitte Ew. Exzellenz, nehmen Sie mir das nicht ungnädig. Ich bin ein Königlich-Dänischer Untertan und will's mir gehorsamst verbeten haben.

Mein Vetter

'Bre 'Misro 'Burru 'Bar. – Hört Herr Hofmarschall, treibt Euren Mutwillen mit den Japanesern, wenn Ihr's nicht besser haben wollt, meinem Herrn habt Ihr nichts zu befehlen.

Asmus (leise zu meinem Vetter)

Vetter! Vetter! wir sind in Japan.

Mein Vetter (zu mir)

So sind wir ja am rechten Ort, närrischer Kerl. Die Weiber müssen sich doch zuweilen den Kaiserschnitt gefallen lassen. so werdet Ihr wohl nicht bange sein?

Asmus

Wie gefällt er Ew. Exzellenz?

Der Chan

Was hat Er da Sieur Asmus?

Asmus

Es ist 'n Menschenschädel, lieber Kaiser, der Unterkiefer fehlt daran, sonst ist er ganz. Wir haben ihn auf dem Wege gefunden und wollen ihn begraben, wenn wir heimkommen, daß er wenigstens nun Ruhe habe. Der arme Junge ist vielleicht in seinem Leben genug gehudelt worden.

Der Chan

Mir graut wenig ich ihn ansehe.

Asmus

Mir nicht. Ich habe dem Mann in seinem Leben kein Leid getan.

Der Chan

Wer war er, Albiboghoi? und leben noch von den Seinen?

Asmus

Er war 'n Mensch, lieber Kaiser; und sein Leben und Glück in dieser Welt war deiner Hand anvertraut. Alle Japaneser sind seine Brüder, und alle Siamer, und Chineser, und Malaien, und Moguln, und wir Europäer auch. Ich sage Dir Dank im Namen der Europäer, für alles Liebes und Gutes was Du ihm getan hast. Er ist nun tot, und wenn er tugendhaft und fromm gewesen ist, hat er's besser nun als wir. Wir müssen aber alle sterben.

Der Hofmarschall

Ihro Majestät dürfen ihn nicht länger in dem Ton fortreden lassen. Die Hofetikette leidets nicht.

Mein Vetter (bei sich selbst)

Damn'd Courtier!

Asmus

Ja, Du lieber Kaiser, alle Menschen sind Brüder. Gott hat sie alle gemacht, einen wie den andern, und gab ihnen diese Welt ein, daß sie sich darin bis weiter wie Brüder miteinander freuen und liebhaben, und glücklich sein sollten. Sie konnten sich aber nicht vertragen und taten sich untereinander allerhand Unrecht und Herzeleid an; da wählte Gott die besten, die edelsten unter ihnen aus, die demütig, weise, gerecht, reines Herzens, gütig, sanftmütig und barmherzig waren, und verordnete sie, bei den übrigen Vaterstelle zu vertreten. Und das sind die Fürsten, Kaiser und Könige.

Der Hofmarschall

Ihro Majest. erlauben Sie ihm doch –

Der Chan

Was denn Herr Hofmarschall?

Der Hofmarschall

Daß er sich den Leib aufschneide. Das wird ihn auch auf andre Gedanken bringen.

Der Chan

Ihr habt ja gehört, daß er keine Lust hat. Laßt mir aber zwanzig Goldbarren hereinbringen. Sieur Asmus, Seine Philosophie gefällt mir, aber ein Fürst hat doch Recht und Macht über seine Untertanen, und sie müssen ihm gehorchen?

Asmus

Freilich müssen sie ihm gehorchen in allen Stücken, ohne Widerrede, und nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen. Aber eben weil sie das müssen, wählt Gott gute Leute zu Fürsten, die keinem Menschen etwas zu nahe tun können.

Der Chan

Aber Zorn und die andern Leidenschaften Sieur Asmus! Und überhaupt, wie kann ein Mensch immer wissen und tun was recht ist?

Asmus

Ein guter Fürst fürchtet Gott, und bittet von ihm Weisheit, daß er wohl regieren möge; und denn gibt ihm Gott Weisheit und salbt ihm sein Herz mit hoher himmlischer Gesinnung, und denn kann er alles, und achtet keiner Mühe, vergißt sich und seine eigne Glückseligkeit ganz und gar und lebt und webt nur für sein Volk.

Der Chan

Aber was hätte man denn davon, Fürst zu sein?

Asmus

Frage die Sonne, was sie davon hat. Tag und Nacht um die Erde zu gehen. Und siehe, sie geht! fröhlich wie 'n Bräutigam, und vom Aufgang bis zum Niedergang triefen ihre Fußtapfen von Segen. Der es ihr geheißen hat, wird sie auch dafür zu belohnen wissen. Stelle Dir ein weites Land vor, lieber Kaiser, wo in jeder kleinen Hütte vergnügte Leute wohnen, die ihren Fürsten lieb haben, alle Morgen 'n Abendsegen für ihn beten, und gerne ihr Leben für ihn ließen – möchtest Du nicht der Fürst sein? Und das ist nur so 'n kleiner Vorlaut des Lohns. Ein guter Fürst soll und kann von Menschen nicht belohnt werden; er sitzt mit den Göttern zu Tische.

Der Chan

Sind die Fürsten alle so in Europa?

Asmus

Kaiser, ich bin zu gut, eine Lüge zu sagen; ich weiß es nicht. Die aber so sind, die haben sanften Schlaf, und sind angenehm im Himmel und auf Erden.

Der Chan

Er hat wohl recht, Sieur Asmus! Es muß ein Vergnügen sein, wenn man den Untertanen recht und wohl getan, und bei jedwedem, der einem begegnet, einen Dank zugute hat. So ein Schädel mag denn auch besser anzusehen sein. Ich hätte fast selbst Lust –

Asmus

Gott segne Dich, Kaiser, und walte über Dich. Du wirst dich zum glücklichsten Mann in Deinem ganzen Reich machen, das ist gewißlich wahr! Und denk' an mich, lieber Fürst, wenn Du Dich einmal so ruhig und wohlgemut in den Beinhäusern Deines Reiches hinsetzen kannst, als 'n Vater frühmorgens in der Schlafkammer seiner Kinder, wenn 's kleine Gesindel noch in den Betten herum liegt und schläft.

Der Chan

Aber warum wären denn nicht alle Fürsten so, und immer alle so gewesen?

Mein Vetter (bei sich selbst)

αλλα σφιν νεφελη πραπιδ σσι κελαινη
Αμφιπεριπλασθε σα, βαοιζεμεν ανθεμοεντα
Εις αρετης λειμωνα πολυστεφανον τε μεγαιρει.

Asmus

Wer kann das sagen Sire? Weil sie's nicht wissen, weil sie's nicht können. Es hält bei jedem ehrlichen Mann schwer, klug zu werden, da unsereiner doch täglich und auf mancherlei Weise seiner Sterblichkeit erinnert und so oft mit der Nase drauf gestoßen wird, – und nun dies und das, und nun die Kratzfüßer und Schmeichler. O! die haben schon manchen guten Fürsten auf ihrer Seele.

Der Chan

Wie könnte Schmeichelei soviel schaden?

Asmus

Hast du wohl eher eine Katze gesehn? Je mehr man der den Rücken streichelt, desto höher hält sie den Schwanz.

Der Chan

Und weiter.

Asmus

In jedem Menschen ist eine solche Katze, Sire, und klein und niedrig muß der Mensch zuvor sein, sonst kann er nicht groß und gut werden. Die Schmeichler machen's umgekehrt, und es ist schwer ihnen zu entrinnen. Wir haben in Europa unter andern einen König, Canut, den Großen genannt, nicht so wohl weil er Länder erobert, als weil er einmal seine Hofleute, die ihm schmeichelten, öffentlich und ernstlich gescholten und mit Verachtung von sich gewiesen hat. Es ist davon ein eignes Kupferstich zu haben.

Laß Dich die Schmeichler nicht verführen, lieber Kaiser, und glaube ihnen nicht. Sie sagen Dir nicht was recht ist sondern was Du gerne hörst, und es wäre doch schade um Deine schöne Krone wenn Du sie je durch Unrecht entehren solltest. Sieh um Dich und wenn Du einen Mann in Deinem Reich findest, lieber Kaiser, der Dir immer die Wahrheit sagt, auch wenn Du sie nicht gerne hörst; der ist der rechte Mann, den wähle Du Dir zu Deinem Freund und ehr' ihn hoch, denn er ists wert, und achtet und liebt Dich mehr weder sie alle.

Der Chan

Da, Sieur Asmus, sind zwanzig Goldbarren, nehm Er die zum Andenken von mir an.

Asmus

Ich danke Dir, Sire. Ich kann sie nicht fortbringen; und überdem hab' ich Goldbarren genug zu Hause.

Der Chan

Ich kann Ihn nicht unbeschenkt von mir lassen; so bitte Er sich sonst von mir eine Gnade aus. Sie betreffe was sie wolle, bei meiner Krone! ich will sie Ihm gewähren.

Asmus

Weil der Kaiser befiehlt, so will ich gehorchen. Diese Gnade betrifft aber den Albiboghoi, und ich bitte um eins von seinen Ohren.

Der Chan

Er soll's haben.

Der Hofmarschall (zu mir)

'Opupi 'Laipu 'Olemia 'Pipasi 'Piposi. – O du allerweisester Europäer! Du allergrößter Philosoph! und Poet! und Prophet! Ich bete dich in meinem Herzen an, und habe dich lange in meinem Herzen angebetet. Sei mein Freund, ich habe allerlei Kleinodien, und Diamanten, und schöne Mädchen, und Smaragden, und Landgüter, und Perlen. Komm doch, und sieh es an und wähle.

Asmus

'AruNha 'Terremehu. 'Katalba. 'Waita. 'Kirozzi. – Ich kann von Ew. Exzellenz nichts brauchen als das Ohr, und das will der Kaiser mir geben. Übrigens daurst du mich, Albiboghoi, weil du so 'n schlechter Mann bist, und könntest an der Stelle wo du stehst soviel Gutes schaffen, und könntest es selbst so gut haben! – Das eine Ohr ist nicht mehr zu retten, mache nur daß du das andre mit Ehren trägst.

Der Hofmarschall (sehr heftig)

Quelle Bête! Cependant il attrapera mon Oreille, Diable m'emporte. Diable, Diable! Mais mon Dieu, Sa Majesté Japonoisse si éclairée comment a pû-t-elle accorder une grâce comme ça à un Fanfaron d'Europe!

'Pairuzzo 'KrapoNti. – Aber das ist Unrecht, himmelschreiendes Unrecht!

Mein Vetter

'JopetiNos 'TurNoba. – »Was den Fürsten gelüstet ist recht, und seine Neigungen sind Winke der Götter.«

Der Chan (im Hinausgehen)

'CapsuNo 'Aschmu. – Will Er den Kopf auch, Sieur Asmus?

Asmus

'A 'Waita. – Nur das Ohr, Sire!

Der Chan

Leb Er wohl, Sieur Asmus! Er läßt einen Freund in Japan zurück. Grüß Er Herrn Lessing, – und hier ist das Ohr des Albiboghoi!

Asmus

Lebe wohl, Gott segne Dich, und gebe Dir langes Leben.

Asmus

Ich habe noch eins auf dem Herzen, Sire. Wir haben in Nagasaki so viele Soldaten und Kanonen gesehn: wenn Du irgend umhin kannst, lieber guter Fürst, so führe nicht Krieg. Menschenblut schreiet zu Gott, und ein Eroberer hat keine Ruhe.

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