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Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 112
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
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G Ö R G E L I A N A

Vorbericht

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applizierte, und wirklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disiecti membra poëtae ins Publikum herausging. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie's unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit oder Reißen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Teil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.

Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich's im Jahr 1776 und 1777 noch recht gut spazieren ließ.

Nr. 1
Des alten lahmen Invaliden Görgel sein Neujahrswunsch

            Sie haben mich dazu beschieden,
    So bring ichs denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
    Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
    Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nötig auf dem Lande
    Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
    In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken,
    Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendieren,
    Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf vieren,
    Es sind doch Menschen auch:

Und sind zum Teil recht gute Seelen.
    Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
    Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich fröhlich Jahr den Fürsten,
    Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohltun dürsten;
    Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
    Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
    Sonst muß ichs nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
    Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
    Noch denket an uns gern;

Der als ein Vater an uns denket
    Auf seinem Fürstenthron.
Und uns des Lebens Pflege schenket!
    Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Untertanen allen,
    Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
    Und ein recht gutes Jahr!

»Und allen edlen Menschen Friede
    Und Freud auf ihrer Bahn!
Ich segne sie in meinem Liede,
    Soviel ich segnen kann;

Und fühl in diesem Augenblicke
    Den lahmen Schenkel nicht,
Und steh und schwinge meine Krücke,
    Und glühe im Gesicht.«

Nr. 4
Billet doux von Görgel an seinen Herrn,
den 10. Jan.

Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle.

Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier soviel Schnee! und in der Pfalz soviel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß Er wohl. Der große Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Tor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammeln, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo soviel Schnee liegt, bei der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt Er's nicht so, aber wenn man nichts in und um den Leib hat und denn kein Holz im Ofen ist, da friert's einen gewaltig.

Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen, sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und tauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerlei Tiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herumgehen und guter Dinge sind, und große Walfische spielen in dem kalten Wasser und sind fröhlich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ist's bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu tun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällts mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demütig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit.

Nun Gott befohlen, lieber Herr, und wenn Er 'n Stück Holz übrig hat, geb' Er's hin, und denk' Er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Walfische sind.

Sein Diener
Görgel.

Nr. 15
Schreiben von Görgel an seinen Herrn,
d. d. 1777

Ich komme morgen nicht zu Hause. »Warum nicht Görgel?« Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen.

's wird Ihm bekannt sein, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alte Leute im Lande, Vornehme und Geringe so was machen und tun wollen, so 'n Carmina, oder Illumination, oder Musik, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was tun, sieht Er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammenkommen in unsern Sonntagsröcken und mit weißen Vorärmeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten.

Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen sein wird. Aber 'n jeder macht's so gut er kann, und kurz ich werde ohngefähr so sagen: »Kam'raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und Recht tut! Kam'raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bei aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einsegnet und sie einander die Hände geben, so segne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erleben's nicht, wir liegen denn alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er in Himmel komme.«

Wenn ich das sage »daß er ein guter Regent werde etc.«, dann sollen alle Kam'raden die Hüte und Kappen abtun, und denn wollen wir 'n »Vaterunser« beten, und hernach uns hinsetzen und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66er wenn uns der Wirtsmann nicht betrügt. Addies lieber Herr, schreib' Er mir doch 'nmal, Er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk' Er mir einen krummen Kamm in meine Haare.

Sein Diener etc.
Görgel.

Nr. 10
Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn,
d. d. Gr. den 27sten Febr. 1777

Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; 's ging grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Rute! Es wird aber doch mit Gottes Hilfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen.

E n d e   d e r   G Ö R G E L I A N A
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