Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Matthias Claudius >

Der Wandsbecker Bote

Matthias Claudius: Der Wandsbecker Bote - Kapitel 101
Quellenangabe
typebook
booktitleDer Wandsbecker Bote
authorMatthias Claudius
year1975
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31830-5
titleDer Wandsbecker Bote
pages27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1775
Schließen

Navigation:

Buch Auch eine Philosophie der Geschichte zu Bildung der Menschheit etc. 1774

Die Geschichte des Menschengeschlechts und der Gang Gottes mit ihm sind, wie fast alles in der Welt, ein verschlossenes Rätsel, das zu seiner Zeit auch wohl wird aufgeschlossen werden. Die Menschenkinder konnten aber bis so lange nicht Geduld haben; sie drückten am Schloß und kehrten am Schloß und kuckten ins Schlüsselloch hinein, und gaben denn ihr Videtur unmaßgeblich ab, als ob sie etwas Rechtes gesehen hätten. Nun ergibt aber die Vernunft, daß im Schlüsselloch nicht viel zu sehen ist, und also die Methode: daraus zu weissagen, etwas mißlich sei. Der Verfasser hat dies weitläuftiger erörtert und hierüber und über manches mehr, sonderlich auch über den Einfluß der Akademien, Sozietäten der Wissenschaften etc. etc. vieles gesagt, das nicht allgemein angenommen wird. Er ist überhaupt ein Fisch der gegen den Strom angeht, und will auch, was von der Erleuchtung und den Vorzügen unsers, und dem Gehalt und den Mängeln eines jeden andern Jahrhunderts und Volks gewöhnlich vorgetragen wird, nicht so alles gradezu für bares Geld annehmen.

Einige Gelehrte, die zwischen Volk und Volk, Jahrhundert und Jahrhundert richten, haben die Gewohnheit an sich, daß sie ihre eigene Einsichten und Gaben zur Elle machen, und darnach, zum Exempel das morgenländische und ägyptische Drapdor, das schöne griechische Wassergewand u.s.w. ausmessen, und eben daher ereignet sich das Milchgesichtlein, das verschiedentlich oben auf ihren Urteilen sitzt und selbstklug umherlächelt. Unser Verfasser wäre diesem Mißbrauch gern aus dem Wege gegangen.

Sein Gemälde von der Patriarchalwelt ist so geraten, daß man sich dabei des Wunsches nicht erwehren kann: es möchte doch von einer ganzen Nation wahr gewesen sein, und noch von uns und von allen Völkern wahr sein! Auch die ganze Galerie der verschiedenen Alter des Menschengeschlechts ist blendend gemalt, und die Meinung: als ob unser Geschlecht nach dem Plan Gottes seit der Patriarchenzeit immer zu größerer Vollkommenheit fortgehe, gegen die andre: daß wir nur zu einem neuen Zustande fortrücken mit dessen etwanigen Vorteilen andre Vorteile notwendig wieder verloren gehen, sehr glücklich umgesetzt worden.

Sonst aber dürfte in dem allen noch viel Ideal mit unterlaufen; denn alles, was man von Vervollkommnung oder Fortrückung und den damit verbundenen Vor- oder Nachteilen behaupten mag, kann nur sehr von ohngefähr zutreffen, weil alles was man von einem jedweden Volk und Zeitalter halb und halb weiß, immer nur von einem kleinen Ausschuß gilt.

Vielleicht ist auch gar der Plan Gottes nicht der Länge sondern der Quere nach zu suchen. Es ist nämlich die Wahrheit zu aller Zeit in der Welt gewesen, so oder anders gekleidet.

Übrigens gehört dies Büchlein zu den Gewächsen, die auf eignem Grund und Boden gewachsen sind, und der Verfasser scheint, bei einem überflüssigen Maß von Geist, ein Herz im Leibe zu haben, das wirklich zum Guten geneigt ist, und urteilt selbst: »daß das große göttliche Werk, Menschheit zu bilden, mit kleiner Eitelkeit nicht grenzen könne«.

 << Kapitel 100  Kapitel 102 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.