Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Gerstäcker >

Der Walfischfänger

Friedrich Gerstäcker: Der Walfischfänger - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDer Walfischfänger
pages82-114
created20000407
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Jetzt ging die Reise wieder fort, rascher als vorher und immer nach Osten zu, und die Matrosen waren dabei eifrig beschäftigt, die fast in Verwirrung geratene Leine wieder zu ordnen, dass sie das Boot nicht in Gefahr bringe. Das gelang ihnen endlich, und sie sahen zu ihrer Beruhigung, dass das zweite Boot ihren Harpunier gefunden hatte und an Bord nahm. Dadurch wurde jenes freilich in seinem Fortgang sehr aufgehalten, und sie ließen es jetzt weit zurück.

»Die holen uns im Leben nicht wieder ein, Sir«, sagte der eine Matrose, indem er den Kopf zurückwandte.

»Wär auch kein Unglück, Bob«, lachte dieser trotzig. »Weshalb hält der junge Herr seine Finnen nicht aus der Leine – aber im schlimmsten Fall kannst du das Boot doch eben so gut an einen Wal hinansteuern als ich, Bob, wie?«

»Sollte denken, Sir«, schmunzelte dieser. »Bin wenigstens lange genug dabei und einmal selber eine Jahreszeit Bootssteuerer gewesen, als wir eins unserer Boote mit der Mannschaft verloren.«

»Nun gut«, nickte der Offizier, »sobald der Fisch wieder aufkommt, Bob, nimmst du das Steuer, und ich denke, ich kann ihm die Lanze ebenso gut an der richtigen Stelle beibringen, wie Mister Broom – und vielleicht noch ein verdammt Teil besser«, brummte er leise vor sich in den Bart.

Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, und die Bootsmannschaft war dabei so mit ihrem Wal beschäftigt, dass sie gar nicht auf die Tageszeit achtete und dass die Brise anfing einzuschlafen. Weiter und weiter flogen sie, von dem verwundeten Tier in wilder Hast vorwärts geschleppt, und doch jeden Augenblick erwartend, dass es wieder halten und sie hinanlassen sollte.

»Hol mich dieser und jener«, brummte da einer der Matrosen plötzlich – »da hinten geht die Sonne unter, und wo ist denn eigentlich unsere Martha's Vineyard

Der Bootssteuerer warf den Blick zurück, aber er konnte ebenfalls nichts mehr von dem Schiff erkennen, da sich noch dazu ein leichter Dunst auf den westlichen Horizont gelegt hatte.

»Alle Wetter!«, rief er aus. »Kapitän Burker wird doch wahrlich nicht verlangen, dass wir den ganzen Weg mit dem Fisch zurückrudern sollen? Der kann uns gar nicht gefolgt sein.«

»Vielleicht ist noch eins der anderen Boote festgekommen, Sir«, sagte Bob, »und er hat sich mit dem aufgehalten.«

»Und was machen wir jetzt?«, rief der Bootssteuerer. »Wir können doch wahrhaftig jetzt, im letzten entscheidenden Augenblick, den Fisch nicht aufgeben?«

Die Leute schwiegen. Sie wollten den Fisch natürlich auch nicht gern einbüßen, denn es war das Erste, was sie auf ihrer langen Fahrt verdient hatten; dann aber auch kannten sie recht gut selber das Gefährliche ihrer Lage, wenn sie auf offener See ihr Schiff verloren.

»Es ist eine ganz verfluchte Geschichte«, brummte Bob, »und wo steckt denn nur das zweite Boot? Vorhin war es doch noch hinter uns!«

»Eben hab ich es da drüben noch gesehen«, sagte Dick, ein anderer der Leute. »Jetzt müssen sie aber ihr Segel eingenommen haben, ich kann nichts mehr erkennen.«

»Die Brise ist ganz eingeschlafen«, sagte der Bootssteuerer, indem er sein Gesicht nach Süden wandte, »die See fängt an wieder glatt zu werden.«

»Wenn der verdammte alte Trankasten nur von der Stelle käme!«, knurrte da Bob, »so hätten sie uns gar nicht im Stich lassen können, und jetzt dürfen wir nur ruhig die Leine kappen und uns selbst das Brot vom Munde wegschneiden.«

»Hol's der Teufel, Leute!«, rief der Bootssteuerer, »wenn ihr denkt wie ich, so lassen wir unsern Vorspann noch eine Weile ziehen. Lange kann er es nicht mehr aushalten – er hat schon eine etwas andere Richtung genommen und sich ein wenig mehr nach Süden gewandt. Das ist immer ein sicheres Zeichen, dass sie müde werden. Kommen wir dann, bis völlig Nacht, nicht fest – nun denn in Gottes Namen, dann haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan und sind dann auch nicht viel weiter vom Schiff als jetzt.«

Die Leute erwiderten nichts, und in unverminderter Schnelle flog indessen der Wal mit ihnen durch die Flut – aber er hielt nicht an. Die Sonne war im Meer verschwunden, und bleiern lagerte sich die Nacht auf den Ozean.

Der Bootssteuerer hatte Bob das Ruder gegeben und stand vorn an der Leine – plötzlich fühlte er, dass diese schlaffte.

»Beim Himmel, er hält«, rief er vergnügt aus. »So ist's vielleicht doch noch nicht zu spät.«

»There she blows!«, rief der eine Matrose.

Der Wal war nach oben gekommen, verschwand aber im nächsten Augenblick wieder, und schon hatten die Leute ein tüchtiges Stück von der Leine eingeholt, als sie ihnen der Wal wieder aus der Hand riss, ohne dass sich ihr Boot aber von der Stelle bewegt hätte.

»Los mit eurer Leine!«, rief Bob, der Erfahrung genug mit diesen Burschen hatte. »Nehmen Sie das Beil zur Hand, Mr. Sikes!«

Der Bootssteuerer folgte fast unwillkürlich der Warnung, und der alte Bob hatte nicht Unrecht gehabt – der Wal tauchte mit rasender Schnelle. Die letzten Teile des losgeworfenen Taues flogen zischend über Bord, gerade nach unten zu, und mit der letzten Elle hatte der Bootssteuerer kaum noch Zeit, das haarscharfe Beil auf den Bootsrand niederzuhauen. Das Tau schlug ihm ordentlich das Beil fort, als auch im nächsten Moment der Bug ihres Bootes bis auf den Wasserrand niedergetaucht wurde und die salzige Flut ihre Woge hineinwarf. Glücklicherweise aber war das Tau schon so weit durchgehauen, um sie nicht ganz hinabzerren zu können – die letzten Fasern rissen, und während das von seiner ungeheuren Last befreite kleine Fahrzeug auf- und niedertanzte, war allerdings die unmittelbare Gefahr beseitigt, aber der Wal auch mit ihrer ganzen Leine verloren.

 

»Hell!«, sagte Bob lakonisch, indem er sich auf die Bank niedersetzte und einen noch viel wilderen Fluch in seinen Tabak hineinkaute. »Ob der alte verbrannte Kasten denn nicht Unglück mit allem hat, was er anfängt. Da sitzen wir jetzt, den Harpunier nach der einen und den Wal nach der andern Seite, und außerdem noch das ganze Schiff und Leine und Harpune verloren, und keine Tonne Tran für irgendetwas bekommen. Es ist zum Halsabschneiden!«

»Das nächste Mal mehr Glück, Bob«, sagte der Bootssteuerer, indem er aber selber in nicht viel besserer Laune der Richtung nachsah, in welcher der Spermfisch verschwunden war. »Es ist eine verfluchte Geschichte, ja, lässt sich aber nun doch einmal nicht mehr ändern, und wir haben wenigstens unsere Schuldigkeit getan. Und nun an eure Ruder, meine Burschen, dass wir wenigstens das Schiff wieder finden, denn in der Windstille wird es uns wohl nicht weggelaufen sein.«

»Weggelaufen, nein«, brummte Bob. »Der alte Kasten läuft schon nicht fort, aber weggetrieben. Und wenn wir's nun nicht finden?«

»Ach was«, sagte der Bootssteuerer, »nicht finden. Der Kapitän hat jedenfalls seine bunten Signallaternen aushängen, die man Meilen weit leuchten sieht. Vorwärts, ihr Leute, lasst uns keine Zeit mehr versäumen.«

»Und sollten wir nicht erst ein wenig essen, Sir?«, fragte der alte Matrose. »Wir haben eine lange Arbeit vor uns.

»Ich traue dem Wetter gar nicht«, meinte der Offizier. »Da drüben im Osten lag es schon vor Sonnenuntergang wie eine feste Wolke auf dem Wasser.«

»Das war das Land, Sir«, sagte Bob. Ich kenne die Küste, da drüben regnet's immer.«

»Na meinetwegen, dann können wir auch ebenso gut erst unsere Mahlzeit halten – nachher aber scharf wieder an die Arbeit. Was kann's helfen, es ist ja doch einmal unser Geschäft.«

Die Leute erwiderten nichts. Sie waren ordentlich hungrig geworden, und der Schiffszwieback mit dem Salzfleisch mundete ihnen vortrefflich. Sehr mäßig tranken sie aber dazu von dem mitgenommenen Wasser, denn in einem Boot auf offener See kann man nie wissen, wie lange man gezwungen ist, auszuliegen, und je vorsichtiger man dabei mit dem Wasser umgeht, desto besser.

Der Bootssteuerer versuchte indessen das kleine Spintje zu öffnen, das sich im Boot befand, aber der Schlüssel stak nicht – den hatte der Harpunier in der Tasche. Eine Weile überlegte er es sich – den darin befindlichen Kompass brauchten sie eigentlich noch nicht – aber die Flasche Rum – ein Schluck davon würde ihnen allen wohl getan haben. Es war außerdem besser, wenn sie den Kompass heraus hatten – und zu der Überzeugung gekommen, nahm er ohne weiteres das kleine Handbeil, schlug mit dem dicken Ende desselben auf das Schloss und sprengte es.

Dadurch brachte er auch die Leute in etwas bessere Laune. Denn man glaubt nicht, welch wohltätige Wirkung, mäßig genossen natürlich, ein Schluck Grog oder auch reiner Rum auf See und in der feuchten Luft ausübt. Wie aber jeder sein Glas ausgetrunken hatte, mahnte der Bootssteuerer wieder zur Heimkehr an Bord, und die Leute griffen jetzt ihre Ruder auf.

»Merkwürdig, Mr. Sikes«, sagte da Bob, indem er seinen Riemen in die Dolle warf, »was für ein sonderbarer Schein auf dem Wasser liegt. Es sieht ordentlich aus, als ob es rauchte – wenn wir nur keinen Nebel bekommen, das wäre ein schöner Spaß.«

»Hm«, sagte der Angeredete, indem er den Blick nach rechts und links hinüberwarf, »'s ist mir auch schon so vorgekommen – wär bös, Bob, aber wollen's nicht hoffen. Vorwärts, ihr Leute, wir dürfen keinesfalls mehr Zeit versäumen.«

Die Leute hatten die Ruder eingelegt und fingen an zu arbeiten – aber nicht willig. Die Vordersten flüsterten leise miteinander und ruderten dann wieder schweigend weiter. Was der alte Matrose gefürchtet, sollte sich aber nur zu rasch bewahrheiten, denn trotz der Dunkelheit wurde der über dem Meer lagernde Dunst immer bemerkbarer und hob sich dabei höher und höher, sodass sie jetzt schon gar nicht mehr voraus, sondern nur noch einzelne Sterne sehen konnten.

»Mr. Sikes«, sagte Bob, die Geschichte wird faul. Die Lichter an Bord sind wir nicht mehr imstande zu erkennen, und wenn wir vorbeifahren, haben wir das blaue Weltmeer vor uns.«

»Aber Bob, wir sind noch lange nicht weit genug gefahren, um das zu ermöglichen«, sagte der Bootssteuerer. »Ein paar Stunden dürfen wir noch immer so fortrudern.«

Bob warf – während die Leute sämtlich mit Rudern aufgehört hatten – den Blick nach oben. Der Nebel war indessen so hochgestiegen, dass er schon wie ein Schleier über ihnen lag und nicht einmal die Sterne mehr deutlich erkennen ließ.

»Das tut's nicht, Sir«, sagte er. »Wenn wir jetzt irre fahren, reiben wir unsere Kräfte auf und wissen nachher nicht einmal, nach welcher Richtung wir das Schiff suchen sollen.«

»Wenn man nur den Kompass erkennen könnte«, sagte der Bootssteuerer, jetzt selber unsicher gemacht. »Aber es ist ja stockdunkel und nicht einmal eine Laterne in der Spintje – die gehörte eigentlich hinein.«

Die Leute hatten, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, ihre Ruder aufgenommen und in das Boot gelegt. Der Bootssteuerer schaute eine Weile schweigend und unschlüssig vor sich nieder, aber er sah in der Tat selber keine Möglichkeit, mitten in Nacht und Nebel einen bestimmten Kurs zu halten. Ja, wenn sie noch Wind gehabt hätten, so konnten sie eher auf- und absegeln, ohne die Leute zu erschöpfen, und wer wusste denn, ob sie nicht am nächsten Morgen ihre Kräfte notwendig brauchen würden.

»Es wird nicht anders«, seufzte er endlich leise. »Wir müssen jedenfalls den Nebel abwarten. So legt euch denn schlafen, Leute, und ruht euch aus – aber eine Wache müssen wir halten. Wir können ja einander ablösen, denn es wäre doch möglich, dass das Schiff in unsere Nähe käme, oder einen Schuss abfeuerte, nach dem wir im Stande sind, die Richtung zu bestimmen.«

»Gut, Sir, dann will ich die erste Wache nehmen«, sagte Bob. »Ich bin doch noch nicht müde, und wenn wir alle zwei Stunden abwechseln, wird ja der Morgen auch da sein.

»Aber sowie der Nebel sinkt und die Sterne wieder sichtbar werden«, sagte Mr. Sikes, »weckt ihr augenblicklich.«

»Gewiss, Sir«, nickte der Alte und zog die neben ihm liegende dicke Jacke an, die er sich aus Vorsorge mitgenommen hatte und um die ihn die Übrigen jetzt nicht wenig beneideten. Der Nebel fiel recht kalt und nass, und es war eben kein angenehmer Aufenthalt in dem offenen Boot.

Mr. Sikes suchte sich jetzt ebenfalls so gut als möglich wegzustauen, um der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzuringen; es war das aber nicht so leicht, und bequem konnte er es sich auch nicht machen. Von der Anstrengung und Aufregung der letzten Stunden erschöpft, schlief er aber doch endlich wirklich ein, und Grabesstille herrschte in dem kleinen Fahrzeug.

Und weshalb schliefen die Leute nicht? Müde hätten sie wohl auch sein können, aber andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, und als sie erst sicher wussten, dass der Bootssteuerer sie nicht mehr hörte, saßen sie vorn im Bug des Bootes gedrängt zusammen und flüsterten leise miteinander.

Bob schien anfangs nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er schüttelte ein paar Mal entschieden mit dem Kopf; endlich hörte er still und schweigend zu, und als sich die anderen zuletzt zum Schlafen niederlegten, saß er noch lange regungslos auf seinem Brett und starrte in tiefen Gedanken in den Nebel hinaus.

Wie er zwei Stunden gesessen hatte – er konnte auf seiner alten silbernen Uhr den Zeiger fühlen – weckte er die nächste Wache. Am Wetter hatte sich indessen noch nichts geändert, als dass der Nebel dichter zu werden schien. Nicht der Schimmer eines Sternes ließ sich mehr erkennen, und ebenso wenig regte sich ein Luftzug.

»Phh! – Phh!«, hörte die Wache da dicht neben dem Boot das Schnaufen von zwei Walfischen, die langsam und behaglich ihre Bahn verfolgten, und so willkommen ihnen allen gewiss der Ton an Bord ihres Schiffes oder mit ihren Waffen in Ordnung gewesen wäre, so ängstlich horchte der Mann jetzt dem zischenden Laut. Sie hatten nicht einmal mehr eine Leine an Bord, wenn sie wirklich daran denken konnten, einen der Fische zu harpunieren, und rannten die riesigen Tiere jetzt zufällig gegen ihr Boot an, so war es verloren.

»Hallo! Hallo!«, rief auch der Matrose, als das Schnaufen sich wiederholte, und jetzt zwar in kaum zwanzig Schritt vom Boot selber. »Walfische! Habt Acht! Bootssteuerer, Bob, Bill – auf mit euch!«

Die Leute sprangen erschreckt empor, und in demselben Moment fast gingen die beiden schwerfälligen Geschöpfe, ohne das Boot zu sehen oder zu beachten, unmittelbar daran vorüber, und zwar das eine rechts, das andere links, dass man sie hätte mit einem Bootshaken erreichen können. Die Mannschaft griff auch in der Tat erschreckt nach ihren Rudern, obgleich ihnen die nichts mehr hätten nützen können – aber die Gefahr war schon vorüber und das Boot schaukelte nur etwas stärker in dem aufgeregten Element.

»Das hätte noch gefehlt«, brummte der Bootssteuerer, als er bestürzt und noch halb im Schlaf hinter ihnen dreinsah. »Und den Nebel dazu! – Wie viel Uhr ist's, Bob?«

»Geht auf elf, Sir«, erwiderte dieser, nachdem er seine Uhr wieder befühlt.

»Elf erst – das wird eine lange Nacht!«, seufzte der Seemann und rückte sich wieder auf seine Bank zurecht.

Die Wachen wechselten, aber an der Witterung änderte sich nichts. Der Nebel lag zäh und milchweiß auf dem spiegelglatten Meer, und als der Tag anbrach, war die Sonne nicht einmal imstande durchzudringen. Der Bootssteuerer aber, mit der Verantwortlichkeit, die er für das Boot trug, schien auch nicht gesonnen, längere Zeit zu versäumen, und kaum war es hell genug geworden, um den Kompass zu erkennen, als er sich in der See Gesicht und Hände badete, und dann von den Lebensmitteln unter die Leute verteilte.

»So, meine Burschen«, sagte er dabei, »jetzt esst, und dann an die Arbeit. Ihr habt nun ordentlich ausgeschlafen und wir müssen sehen, dass wir die Martha's Vineyard wieder finden, Nebel oder keiner. Jedenfalls läuten sie doch die Glocke an Bord und blasen oder schießen wohl auch ein paar Mal, und wenn wir nur halbwegs in die Nähe kommen, müssen wir es ja hören.«

Die Leute verzehrten schweigend ihr frugales Frühstück, ohne ein Wort auf die Anrede zu erwidern. Sie beeilten sich aber auch nicht damit und nahmen dann, als sie fertig waren und keine Entschuldigung mehr hatten, ihre Ruder langsam auf und legten sie in die Dollen. Der Bootssteuerer hatte indessen mit dem Steuerriemen, den kleinen Kompass neben sich stehend, den Bug nach Westen herumgeworfen.

»Ein mit euren Riemen, ihr Leute«, rief er dabei. »Zögern hilft uns nicht. Je länger wir hier warten, desto später kommen wir an Bord.«

Keiner der Matrosen rührte sich, um dem Befehl zu gehorchen. Sie starrten schweigend und finster vor sich nieder, und augenscheinlich mochte keiner von ihnen zuerst das Wort ergreifen.

»Nun? Wird's bald?«, sagte der Bootssteuerer, die Stirn runzelnd.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Sikes«, übernahm der alte Bob die erste Eröffnung. »Die Leute denken, dass wir in dem Nebel das Schiff verfehlen werden und nachher ohne Wasser und Lebensmittel da draußen verschmachten müssen!«

»Und wollt ihr hier liegen bleiben?«

»Nein – aber das feste Land ist nicht so schrecklich weit. Wir haben gestern Abend schon die Wolken gesehen, die darüber liegen, wenn man auch die Berge noch nicht erkennen konnte; und je weiter wir wieder nach Westen fahren, desto weiter kommen wir vom Land ab, und sind vielleicht nie mehr imstande es zu erreichen.«

»Das feste Land?«, rief der Bootssteuerer erstaunt aus.

»Wisst ihr nicht, dass ihr zur Martha's Vineyard gehört?«

»Das Schlimmste, was uns passieren konnte«, brummte der eine der anderen Leute, Bill, der Segelmacher. »Verdamm den alten blutigen Kasten. Ich wollte, ich hätte ihn mein Lebtag nicht gesehen, denn alles, was er ergreift, hat Unglück.«

»Auf dem Schiff liegt ein Fluch«, sagte jetzt auch Tom. »An vier, fünf Fischen sind wir schon festgewesen, aber den ersten Tropfen Tran sollen wir noch zu sehen kriegen. Zehn Monate sind wir jetzt aus und haben nicht einmal genug eingebracht, um uns die Stiefel damit zu schmieren.«

»Ja, und sitzen dabei in Schulden bis über die Ohren«, fiel Dick, der Vierte, ein. »Keinen Cent verdient und dann auch noch vierzig oder fünfzig Dollars der Mann für warme Kleider zu bezahlen, dass uns am Kap die Seele nicht aus dem Leib fror. Ich will von Heuschrecken zu Tode getreten werden, wenn ich wieder einen Fuß auf den verdammten Blubberkasten setze.«

»Also Meuterei?«, rief der Bootssteuerer, sich emporrichtend und die vier mürrischen Burschen mit seinem Blick überfliegend. »Wisst ihr, welche Strafe darauf steht?«

»Ach was, Sir«, sagte aber auch Bob jetzt. »Das ist keine Meuterei, wo wir mit dem Boot, im Nebel verloren und Gott nur weiß wie weit vom Schiff entfernt, auf offener See sind. Nur unser Leben wollen wir retten, dass es uns nicht am Ende geht wie den Booten von ›Esser‹, auf denen die Mannschaft zuletzt darum losen musste, welchen von ihnen sie fressen wollten, um nur nicht zu verhungern. Jetzt können wir noch an Land kommen, die See ist ruhig und die Küste nicht so weit – morgen vielleicht schon nicht mehr.«

»Aber heute auch nicht, meine Burschen«, schrie da der Bootssteuerer, den der Zorn übermannte, indem er das neben ihm liegende Beil aufgriff. »Verdamm meine Seele, wenn ich nicht dem Ersten, der jetzt noch zu murren wagt, den Schädel einschlage wie einer faulen Robbe! Ein mit euren Rudern, sag ich – ihr wisst –«

»Damn your eyes«, fuhr aber Bill empor, »werft oder schlagt und seid verdammt, aber einen könnt Ihr nur treffen, und dass die anderen dann die Haifische mit Euch füttern, darauf dürft Ihr Euch verlassen.«

»Wenn's darauf ausgeht«, rief da Tom, der Dritte, indem er sein Ruder einzog und eine der vorliegenden Lanzen aufgriff und wandte, »so spielen wir auch noch mit. Legen Sie Ihr Beil hin, Mr. Sikes, Sie sehen, dass Sie gegen vier Mann nichts machen können. Wir wollen Ihnen auch kein Leides tun und haben nie daran gedacht, aber verdammt will ich werden, wenn ich Ihnen nicht das alte Eisen mitten in den Leib hineinwerfe, sowie Sie nur den Arm heben.«

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.