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Der Walfischfänger

Friedrich Gerstäcker: Der Walfischfänger - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDer Walfischfänger
pages82-114
created20000407
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Der Walfischfänger

In der Nähe der Westküste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land, kreuzte ein Walfischfänger, um dort nach Fischen auszusehen.

Es war ein Nordamerikaner, die Martha's Vineyard – ein Schiff, das nach der Insel gleichen Namens getauft worden und von dort aus auch seine Bemannung hatte. So seetüchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe aber auch sonst gewöhnlich sind, die Martha's Vineyard machte davon eine Ausnahme, und der Reeder, der sie in New York von einem Holländer alt gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand gelassen hatte, hoffte das wenige dafür ausgelegte Geld gleich mit der ersten Walfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite machte. Die Hauptsache blieb nur, tüchtige Leute dafür zu gewinnen, und deshalb taufte er auch das alte Gretje von Rotterdam, welchen Namen die Bark vielleicht schon dreißig Jahre geführt, nach der Insel Martha's Vineyard, die ihrer Seeleute wegen berühmt ist, und erreichte dadurch seinen Zweck vollkommen.

Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade begonnen, und er fand Leute genug für die Bemannung, die denn auch mit dem alten Kasten getrost in See gingen und erst draußen, als es zu spät war, merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine mehrjährige Reise zu machen. Walfischfänger müssen sich nämlich stets darauf gefasst machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff füllen können, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt, dass derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und fast immer draußen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.

Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne, wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit günstigem Wind liefen sie an der Ostküste Amerikas immer nach Süden hinab, und so vor dem Wind segelte es leidlich. Schwer enttäuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen Windstille eine konträre Brise eintrat. Der Kapitän wollte allerdings lavieren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich, um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich Abdrift, sodass sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht, sie wären am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukündigen, der Kapitän wollte jedoch nichts davon wissen und redete ihnen so lange zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.

Was lag auch daran, ob ein Walfischfänger schnell segelt oder nicht – die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas länger, ja; aber erst einmal auf ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten, dass Fische an sie anlaufen würden, als dass sie dieselben durch rasches Fahren erreicht hätten – ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen viel bessere Geschäfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer umherkreuzte.

Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie auch schon bei den Falklandinseln auf Walfische rechnen, und kurz und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder günstigerem Wind rascher gen Süden brachte, als sie selber anfangs geglaubt.

Bei den Falklandinseln war aber nichts zu machen. Sie trieben sich wohl vier Wochen in der Nähe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitän die Gelegenheit für günstig, das Kap zu dublieren und nach der Westküste Amerikas hinüber zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgründe für Walfische: in der heißen Zone für Cajelots und weiter nach Norden hinauf für den richtigen Wal, und da sie der Wind nicht im Stich ließ – denn mit Kreuzen wären sie nie um das Kap gekommen – erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das Stille Meer.

Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen allerdings in der Höhe der Maghellanstraße einen tüchtigen Fisch, mussten ihn aber, wie sie nun eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein die Stirn bieten konnten.

Es war das ein schwerer Schlag für die Mannschaft, die – wie Kapitän und Harpuniere – nur auf den Anteil am Fange geworben werden, ließ sich aber nicht ändern, und der Kapitän vertröstete die Leute auf die nächste Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt, die sich als ganz vortrefflich bewährten. Die blieben ja doch immer die Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute machen.

Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rückten sie weiter und weiter nach Norden hinauf, an Chile vorüber und an der chilenischen Küste hin, bis ziemlich zu vier Grad Süderbreite hin, wo sie die erste school oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tüchtigen Fisch fest, der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopf einen solchen Stoß, dass es in Stücken auseinander ging und die Mannschaft desselben nur mit Mühe von den anderen herbeieilenden Booten gerettet werden konnte.

Die übrigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's Vineyard, die zu erbärmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu können, musste sie eben laufen lassen. Übrigens hielt der Kapitän diesen Platz für gut und beschloss deshalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einesteils möglich, dass die Fische dorthin zurückkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten, und dann konnten sie hier auch ebenso gut als irgendwo anders weiteren begegnen.

Drei Wochen kreuzten sie deshalb auf der nämlichen Stelle, das heißt die Strömung setzte dabei allmählich immer weiter nach Norden hinauf, bis sie unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.

Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der blitzenden Fläche zeigte, mit leichter Mühe erkennen. Aber nichts ließ sich sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und träge durch die Flut schnitt und, wenn er zum Schiff kam, von einem der Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen wurde – es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche Monotonie ihrer Tage unterbrach.

Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Süden die ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel färbende Meer die von dort heraufkommende Brise ankündigte, ertönte der so lang ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:

»There she blows!« (Dort bläst einer), und selbst von Deck aus konnten sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.

Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schläfrig die Offiziere den ganzen Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Füße, um jeder nach seinem Boot zu sehen und so rasch als möglich damit ab- und hinauszukommen.

Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft: seinen Harpunier, seinen Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hängt, zum augenblicklichen Gebrauch stets bereit, unter seinen Kranen. Dicht daneben ist der schwere Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hereingehoben zu werden.

Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der Ausrüstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zögerung entsteht. Der Bootssteuerer muss die Waffen, Lanzen, Harpunen, Beile und Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat für Wasser zu sorgen, dass augenblicklich ein Fässchen gefüllt und ins Boot geschafft wird, ein anderer sorgt für Lebensmittel, da man nie wissen kann, wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen verschlossenen Verschlag im Boot selber befindet sich ein Kompass, womöglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige konservierte Lebensmittel mit einer Flasche Rum; und von dem Moment an, wo der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewöhnlich nur wenige Minuten, bis es von Bord abschießt und nun, mit Rudern oder Segeln, je nachdem sich die letzten führen lassen, seinem Ziel entgegenstrebt.

Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat natürlich ihren Ehrgeiz darin, die Erste zu sein, die zur Verfolgung der auftauchenden Walfische fertig ist, und vom Mast aus gibt dann der Mann im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarz bemalten großen Leinwandball – der weithin leicht erkenntlich ist – die Richtung an, welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg abschneiden können.

Die Martha's Vineyard führte vier Boote, denn das zerstörte des ersten Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon hinaus ruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die Spermfische kurz vorher gezeigt.

Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem Willen in die Ruder, dass sich die elastischen Eschenhölzer oder Riemen, wie man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange, denn jetzt kräuselte sich das Meer, ein frischer Südwind setzte ein, und im Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet und die Leinwand blähte aus, um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter, nein auch rascher vorwärts, und die Hauptsache: sie konnten sich den Fischen viel geräuschloser nähern, als das mit Rudern möglich ist. Der Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen günstig, denn er kam gerade von der Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.

Die Fische waren, wie sie das oft tun, eine ganze Weile nicht nach oben gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten deshalb auch kein Zeichen geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten deshalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, dass sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an der nämlichen Stelle noch einmal nach oben kommen würden – und das geschah denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu behalten, plötzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte. Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch deutlich erkennbar war, hoch in die Höhe und ließ ihn dann wieder gerade nach vorn herunterfallen – ein sicheres Zeichen, dass der Kurs der richtige sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht fertig machten.

Nun ist die Einteilung an Bord eines Walfischbootes auf der Verfolgung die nachstehende: der Bootsteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt, vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postiert, denn sein Amt ist es, an den Fisch festzukommen, während nachher der Harpunier oder erste Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Tier den Todesstoß gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in einem eisernen Ring liegt) in der Hand und führt dasselbe so an den Fisch heran, dass der Bootsteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch dabei trifft, ist ziemlich gleichgültig, irgendwo auf dem Rücken, in der Seite, im Schwanz, nur so, dass die Harpune tief genug eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das im Bottich aufgekoilte Tau abläuft – wobei er jedoch aufpassen muss, nicht in dieses verwickelt zu werden –, springt er zurück, um jetzt das Steuer des Bootes zu übernehmen, während der Harpunier nach vorn steigt und seine lange, scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tödlichen Wurfs gewärtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet, dass die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hängt, nicht unklar wird.

Der geworfene Fisch schießt indessen mit ungeheurer Schnelle vorwärts, taucht auch wohl einmal unter und kommt wieder nach oben, und hat dabei das Boot fortwährend im Schlepptau. Sobald nämlich die Leine abgelaufen ist, hält sie, mit ihrem untern Ende um einen festen Kran befestigt, straff an, und der vorgespannte Fisch macht das Boot nur so durch das Wasser fliegen. Ginge er aber zu tief nach unten, so würde er es auch rettungslos in die Tiefe reißen, und für einen solchen Fall steckt ein scharf geschliffenes Beil dicht daneben, mit dem die Leine im Nu gekappt oder abgehauen werden kann. Es versteht sich aber von selbst, dass man nur im äußersten Notfall zu diesem verzweifelten Mittel greift, denn damit ist wohl das Boot befreit, aber zu derselben Zeit Fisch, Harpune und Leine ebenfalls verloren.

Jetzt noch stand der Bootssteuerer vorn im Bug, die Harpune, in welche nur leicht ein kurzer, fester Eichenpaken gesteckt ist, in beiden Händen, und in der Linken noch ein langes Ende leicht aufgekoilter Leine haltend, um mit dem Wurf gleich nachgeben zu können, damit die Harpune keine falsche Richtung bekommt. – Die Fische sind in Sicht – da und dort steigt der schräge, nicht eben hohe Strahl über die Oberfläche der nur leicht gekräuselten See – es müssen zehn oder zwölf verschiedene Cajelots sein, die sich hier spielend in der warmen Flut herumtreiben –, vielleicht sogar noch mehr, und dann und wann kam wohl auch einmal der halbe Kopf eines der mächtigen Burschen zum Vorschein, wie er sich ein Stück aus der Flut heraushob, das Wasser schnaubend ausblies und dann langsam wieder zurück in sein Element tauchte.

Der erste Harpunier, ein alter Walfischfänger, der sich seit seiner frühesten Jugend in diesen Meeren herumgetrieben, hatte sein Boot mit dem größten Segel versehen und war den anderen auch wohl um mehrere hundert Schritte voraus. Jetzt flog die Harpune von dessen Bootssteuerer aus, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachteten die anderen Boote den Erfolg. Zog er die Leine wieder ein? War der Wurf misslungen? Nein, er sprang in den hintern Teil des Boots zurück, er musste festgekommen sein, und vor Erwartung zitternd standen die Übrigen, ob ihnen nicht auch das Glück einen Fang beschere.

Die Leute im ersten Boot hatten mit Rudern aufgehört und rasch das Segel niedergeworfen, damit es sie nicht, wenn der Fisch in den Wind hineinlief, gefährde – die übrigen Boote näherten sich rasch, denn noch lief die Leine ab und das kleine Fahrzeug lag verhältnismäßig still – da kam links ein neuer Fisch auf, dem der zweite und dritte Harpunier folgten, und der vierte, ein noch junger Bursch, wollte sich eben mit zu diesen halten, als plötzlich, unmittelbar vor seinem Boot, ein Wal mit solcher Gewalt an die Oberfläche schoss, dass er mit fast der Hälfte des riesigen Körpers aus dem Wasser herausschnellte, und wieder zurückschlagend die See wogengleich beiseite drängte.

Aber ein tüchtiger Bootssteuerer stand vorn, mit der Harpune bereit, der sich durch die plötzliche Erscheinung des Ungetüms nicht einschüchtern ließ und auch mit keiner Faser seines Herzens der Gefahr gedachte, der sie eben entgangen; denn hätte der Fisch mit dieser Gewalt das kaum verfehlte Boot getroffen, so wäre es in Splittern auseinander gebrochen.

Während die Matrosen erschreckt nach ihren Rudern griffen, um das Boot zurück und aus dem Bereich der Gefahr zu werfen, hob sich seine Harpune, und noch war der Leviathan der Tiefe nicht wieder verschwunden, als auch schon das Eisen ausflog und sich tief in dessen Weichen bohrte.

»Ruder ein! Segel nieder!« Wie eine Schlange glitt er zurück, während der junge Harpunier, der seine erste Reise in dieser Eigenschaft machte, vor Eifer zitternd nach vorn sprang und die schon bereit liegende Lanze aufgriff.

Vor ihnen her flog jetzt der erste Harpunier mit seinem Boot, denn der Fisch hatte die Leine und zog an, und ihr Gefangener schien die nämliche Richtung nehmen zu wollen – die Leine glitt mit Blitzesschnelle aus. Die Leute mussten die Ruder wieder aufnehmen, um ihm ein wenig zu folgen und das Boot in der Richtung zu halten – jetzt plötzlich tat es einen Ruck – die Harpune hielt, und fort ging es, dass die Gischt hoch am Bug emporschäumte, hinter dem gefangenen Ungeheuer her, gerade dem andern Boot nach. – Liefen sie aber schneller als dieses? – rasch näherten sie sich ihm, und als sie vorüberflogen, wie von einer Dampfmaschine getrieben, hörten sie nur noch, dass der alte Harpunier darin fluchte und wetterte und seinen Leuten befahl, die Leine einzuholen – die Harpune musste aus dem Speck gerissen sein und der Fisch war jedenfalls freigekommen.

Sie aber hatten natürlich keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Im Schlepptau des Wals flogen sie nur so über die wenig bewegte See, immer genau ein und dieselbe Richtung einhaltend, gen Osten zu. Übrigens sahen sie, dass eins der Boote – es war das des zweiten Harpuniers – sich gewendet hatte und mit vollem Segel hinter ihnen drein kam, um ihnen vielleicht den Fisch sichern zu helfen, denn der erste Harpunier hatte noch eine ganze Weile damit zu tun, um seine Harpune wieder an Bord zu holen.

Und wie der Fisch lief! Ein so genannter Finnbackwalfisch hat es allerdings in der Gewohnheit, mit der Harpune in solcher Art fortzulaufen, und deshalb ist sein Fang so schwer und undankbar, und die Walfischfänger wollen auch nichts von ihm wissen; gibt er doch auch viel zu wenig Tran für die Mühe, die er kostet, sodass der Gewinn in keinem Verhältnis zu der Gefahr steht. Der Spermwal dagegen läuft gewöhnlich erst eine Strecke geradeaus, hält dann ein und taucht in nicht zu große Tiefe unter, weil er bald zum Atemholen wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Dadurch nun gibt er dem an ihm festgekommenen Boot Gelegenheit, ihm den Todeswurf mit der Lanze hinter eine der beiden Seitenflossen zu versetzen – der einzige Platz, und der nicht einmal sehr große, wo er tödlich getroffen werden kann.

Die Matrosen des vierten Bootes kümmerten sich aber wenig um das Laufen, denn sie wussten, dass ihr Vorspann damit bald aufhören würde. Sie lachten und jubelten, und besonders war der junge Harpunier ganz außer sich vor Vergnügen, dass er einen Fisch bekommen hatte, während der erste Harpunier, der ihn bis jetzt immer über die Achsel angesehen, mit leerem Boot zum Schiff zurückkehren musste. Er konnte auch die Zeit nicht erwarten, bis ihnen der Wal in Wurfnähe kommen würde. – Dass er ihn sicher und gut traf, sollte seine Sorge sein.

»Es ist übrigens Zeit«, sagte der eine der Matrosen, dass wir einmal richtig an einen Fisch festkommen, denn zehn Monate sind wir jetzt aus, mit noch nicht einer einzigen Tonne Tran an Bord – die Butter ausgenommen, die der Holzkopf von Koch für uns eingelegt hat. Das Schiff war bis jetzt wie verbrannt, ordentlich als ob wir verhext gewesen wären. Wenn wir den nur erst wenigstens sicher langseit und eingeschnitten hätten.«

»Keine Not, mein Bursche«, lachte der Harpunier, »der lockert die Leine schon. Er wird müde – holt ein – je eher wir heimkommen, desto besser.«

Zwei der Matrosen sprangen nach vorn und nahmen Hand über Hand die Leine ein; der Fisch schien in der Tat müde geworden zu sein, denn er lag entweder ganz still oder schwamm auch vielleicht, wie sie das tun, in anderer Richtung langsam weiter.

»There she blows«, rief der eine Matrose plötzlich mit unterdrückter Stimme, als er dicht voraus den Strahl erkannte. Der Fisch war an die Oberfläche gekommen, um Atem zu holen, und sie konnten jetzt deutlich erkennen, dass er noch von ihnen abgewendet lag, also nur einfach im Laufen inne gehalten hatte. Jedenfalls mussten sie so viel wie möglich von der Leine bergen, um ihm das nächste Mal, wenn er wieder einhalten sollte, näher zu sein. Beide Matrosen zogen so rasch ein, als sie konnten, vermochten aber dadurch nicht, das eingenommene Tau auch ebenso schnell und ordentlich wieder aufzukoilen.

»Habt Acht da vorn«, sagte der Bootssteuerer, der das bemerkte. »Verwickelt die Leine nicht – wenn er plötzlich wieder anreißt –«

»Da kommt er wieder nach oben!«, rief der Harpunier und sprang vorn auf die kleine Bank des Bugs, um besser von da ab ausschauen zu können, aber unvorsichtig genug trat er dabei in ein paar Schlingen des eingeholten Taues, und in dem Moment fast schoss der Fisch nach vorn und in die Tiefe, wobei er die Leine hinter sich her riss.

»Habt Acht da vorn!«, rief noch einmal der Bootssteuerer, aber seine Warnung kam für den Harpunier zu spät. Während er mit dem rechten Fuß hinaustreten wollte, schlang sich die auslaufende Leine um diesen, und wie ein Blitz warf es ihn hinaus über Bord. Zu gleicher Zeit hatte sich eine Schlinge um den in der Mitte befestigten Kran oder Nagelbalken geschlagen, an dem die Leine überhaupt befestigt wird, wenn sie halten soll, und pfeilschnell riss der Wal das Boot hinter sich her.

»Kappt das Tau!« war der erste, unwillkürliche Ruf des Bootssteuerers, der in diesem Augenblick seinen Platz nicht verlassen konnte, wenn er nicht das Boot gefährden wollte, das natürlich umgeschlagen wäre oder sich gefüllt hätte, sobald es die furchtbare Kraft des Wals auf die Seite riss. Ehe aber nur einer der Leute dem Befehl Folge leisten konnte, schrie er auch schon wieder »Halt! Lasst sein!« – denn wie er den Blick zurückwarf, sah er, dass das Boot des zweiten Harpuniers, von der frischen Brise begünstigt, kaum fünfhundert Schritt entfernt hinter ihm dreinkam. Außerdem wusste er, dass der Harpunier ein ausgezeichneter Schwimmer war. Jenes Boot mochte ihn deshalb aufnehmen, und wenn der Wal wieder hielt, konnte es herankommen und den verlorenen Offizier seinem eigenen Boot zurückbringen. Sie durften den gefangenen Fisch nicht so leichtsinnig aufgeben – weshalb hatte auch der Harpunier nicht besser aufgepasst?

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