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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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1 Pepe der Schläfer

Der Hafen von Elanchove an der Küste der Biskaya bietet ein malerisches und imposantes Landschaftsbild. Als ich bei meiner Rückkehr aus Amerika, von einem jener Zufälle geleitet, wie sie in einem abenteuerlichen Leben vorkommen, eines Tages in Elanchove landete, richtete ich jedoch meine Aufmerksamkeit nicht hauptsächlich auf das Landschaftsbild. Ich wandte sie vielmehr einem alten Schloß zu – dem einzigen der Art, das vielleicht in Spanien existiert –, das mit seinem Schieferdach und seinen gotischen Wetterfahnen auf dem Gipfel der höchsten Klippe emporragte. Ich hatte in diesem alten Schloß die Örtlichkeit wiedererkannt, wo eine dramatische Geschichte begonnen hatte, die mir wenige Jahre vor meiner Rückkehr aus Mexiko in den Wäldern des Staates Sonora erzählt worden war.

Der Felsgürtel, auf dem sich dieser Herrensitz erhebt, schließt den kleinen Hafen von Elanchove ein, der von einem aus behauenen Steinen errichteten Damm geschützt wird.

An der Stelle, wo sich dieser nicht sehr hohe Hafendamm mit dem Land verbindet, beginnt man die zu natürlichen Stufen angeordneten Klippen zu ersteigen, auf denen sich die Häuser des Hafenortes amphitheatralisch emporziehen. Eine Straße, die einer riesenhaften Treppe gleicht, macht das ganze Dorf Elanchove aus.

Da die Einwohnerschaft einzig aus Fischern besteht, die am Tag abwesend sind, so erscheint Elanchove zuerst vollständig unbewohnt; aber von den Dächern der schornsteinlosen Häuser steigt der Rauch der Abendmahlzeit auf, die die Hausfrauen bereiten; von Zeit zu Zeit erscheint an der Tür der Hütten in ihren grellfarbigen Röcken und ihren doppelten, bis aufs Knie herabfallenden Haarflechten eine Gattin, die von einer Wolke am Horizont beunruhigt wird, oder eine Mutter, die ihr Kind stillt. Die eine überfliegt mit ängstlichem Blick das unendliche Meer, die andere gewöhnt ihren Sohn an den salzigen Geruch des Meerauswurfs und der Algen und an die Schärfe des Seewindes. Beide horchen sie traurig dem Pfeifen der Brise zu, die, während sie das schlummernde Wasser des Hafens kaum kräuselt, auf diesen kahlen Höhen laut brüllt, die Rauchflocken fortführt und zerstreut und die am Eingang der Hütten unordentlich zum Trocknen aufgehängten buntscheckigen Lumpen wild durcheinanderwirbelt.

Einen solchen Anblick bietet heute das Dorf Elanchove, dessen Stille und Einsamkeit oben im Verein mit dem Getöse der Wellen am Fuß der Klippen, auf die es hingelagert ist, gleichzeitig eine Empfindung von Schreck und Melancholie einflößen.

Im Monat November 1808 machte Elanchove einen noch viel traurigeren Eindruck. Die Nähe der französischen Armee hatte einen Teil der Einwohner in die Flucht gejagt; sie hatten in ihrer Furcht vergessen, daß ihre Armut sie gegen jeden Verlust schützte, und hatten sich in ihren Barken entfernt, um einem von ihnen gefürchteten Überfall zu entgehen.

Die Geschichte des Schlosses von Elanchove ist, wie ich schon gesagt habe, innig verbunden mit der Geschichte des »Waldläufers«. Dieses Schloß gehörte der Familie Mediana und bildete den einen Anteil des großen Majorats, das in diesem alten Haus gegründet war. Seit langer Zeit jedoch hatten die Grafen von Mediana diesen wilden Aufenthaltsort nicht bewohnt, bis zu Anfang des Jahres 1808 das Haupt der Familie, der älteste Sohn des letzten Grafen von Mediana, den Entschluß faßte, seine junge Gemahlin und sein Kind hierherzuschicken. Als höherer Offizier der spanischen Armee hatte nämlich Don Juan de Mediana dieses Schloß zum sicheren Asyl für seine Gemahlin Donna Luisa, die er leidenschaftlich liebte, gewählt. Auch noch ein anderer Beweggrund hatte seine Wahl bestimmt: Der Alkalde von Elanchove nämlich war ein alter Diener des Hauses, und er rechnete auf seine Ergebenheit für eine Familie, die ihn zu dem Rang, den er einnahm, erhoben hatte. Don Ramon Cochecho war der Name dieser obrigkeitlichen Person Elanchoves.

Dieser traurige Aufenthaltsort entsprach aber nicht allein einer bevorstehenden Trennung, die durch militärische Pflichten gefordert wurde; er paßte auch für die ersten Zeiten einer unter traurigen Vorbedeutungen geschlossenen Verbindung. Denn der jüngere Bruder Don Juans, Don Antonio von Mediana, liebte ebenfalls Donna Luisa. Seitdem diese aber geradezu erklärt hatte, wen sie am meisten liebe, hatte er das Land verlassen, und man hatte ihn nicht wiedergesehen. Das Gerücht von seinem Tod hatte sich sogar verbreitet, war aber durch nichts bestätigt worden.

Doch wie dem auch sein mag – Don Juan blieb nur kurze Zeit in Elanchove; höhere Befehle zwangen ihn, seinen Aufenthalt im Schloß seiner Väter abzukürzen. Er reiste ab und überließ seine Gemahlin der besonderen Sorgfalt eines alten Dieners; aber er verließ sein Heim, um nicht wiederzukehren. Eine französische Kugel erreichte ihn in einem der Kämpfe, die der Schlacht bei Burgos vorangingen.

Den getrübten Freuden der ersten Zeit ihrer Ehe folgte nun für Donna Luisa die Trauer eines frühzeitigen Witwenstandes. Um diese Zeit, als das Schloß von Elanchove der düstere Zeuge des Schmerzes der Gräfin von Mediana war, beginnt unsere Erzählung: im Monat November 1808.

Man kann sich wohl denken, daß der Hafen von Elanchove, vereinzelt, wie er an der Küste der Biskaya lag, seine Besatzung von Küstenwächtern hatte. Ihre Lage war jedoch damals traurig. Die spanische Regierung stritt ihnen zwar keineswegs ihren Sold ab, vergaß aber anderseits ständig, ihnen diesen auszuzahlen. Dazu kam noch, daß die Schmuggelei, mit der sie sich durch Beschlagnahme der Güter zuweilen hätten entschädigen können, gänzlich darniederlag. Die Schmuggler hüteten sich wohl, Leuten zu trotzen, deren Not ihre Wachsamkeit verdoppelte. Vom Capitan der Grenzjäger, Don Lucas Despierto, an bis zum geringsten Soldaten entfalteten alle eine unermüdliche Wachsamkeit, woraus denn auch folgte, daß der spanische Fiskus, ohne nur den Beutel zu öffnen, Diener hatte, die ihn wenig kosteten und ihm doch treu waren.

Ein einziger dieser Küstenwächter zeigte in bezug auf die Schmuggler einen gänzlichen Zweifel; er ging sogar so weit, zu leugnen, daß es jemals solche gegeben habe. Er war dadurch bekannt, daß er immer auf seinem Posten einschlief, und seine geheuchelte oder wirkliche Teilnahmslosigkeit hatte ihm den Beinamen »der Schläfer« zugezogen, den er denn auch nach besten Kräften rechtfertigte.

Er genoß dank seines Rufes ein vollkommenes Glück. Das Leben schien für ihn nur ein langer Schlaf zu sein. Ständig in seiner Hängematte ausgestreckt, schlief er zwanzig Stunden des Tages, und zwar mit dem ganzen Bewußtsein seines Glücks; während seines Schlafes träumend, daß er schliefe, und nach seinem Erwachen beim Rauchen seiner Zigarre denkend, daß er bald wieder schlafen würde. Sehr selten stellte man ihn darum auch auf Posten an irgendeinen Ort.

José – oder abgekürzt Pepe – war ein Bursche von fünfundzwanzig Jahren, hoher Figur, mager und nervig. Seine schwarzen, ganz von dicken Augenbrauen überschatteten Augen mußten einst funkelnd gewesen sein. Sein Gesicht trug die Züge derjenigen, die von der Natur Reizbarkeit geerbt haben; aber sei es nun Krankheit, sei es eine andere Ursache – seine Züge schienen aus Marmor zu sein, so sehr hatte die Schlafsucht, die gewöhnlich auf ihnen lag, das Mienenspiel erstarrt. Mit einem Wort: Pepe schien – bei allen äußeren Anzeichen eines tatkräftigen Körpers und einer glühenden Seele – der teilnahmsloseste aller Menschen zu sein.

Seine offenbare Mißstimmung hatte den höchsten Grad erreicht, als an dem Abend, an dem unsere Erzählung beginnt, der Capitan Don Lucas Despierto nach ihm zum Posten schickte und ihn zu sich entbieten ließ. Bei diesem unvorhergesehenen Befehl erhob sich Pepe, streckte sich gewissenhaft, gähnte und ging mit den Worten hinaus: »Welch einen tollen Einfall hat wohl der Capitan, mich holen zu lassen?«

Einmal allein jedoch, machte sich der Küstenwächter viel lebhafter, als dies sonst seine Gewohnheit war, nach der Wohnung seines Oberen auf den Weg. Der Capitan war, als er eintrat, sehr beschäftigt und hörte nicht, daß sich die Tür öffnete.

Während der Soldat unbeweglich auf der Schwelle stand und wartete, bis sein Capitan den Verweis beginnen würde, auf den er rechnete, bemerkte er auf dem Boden ein gefaltetes Papier; Form und Farbe bewiesen, daß es lange in irgendeiner Tasche gewesen war. Pepe war trotz seiner Apathie ein Mann der Ordnung; er dachte, daß es schade wäre, ein Papier herumliegen zu lassen, das von Wert sein mußte, da man es so sorgsam bis jetzt verwahrt hatte, und er entschloß sich zu einer Bewegung, um sich desselben zu bemächtigen. Mit anscheinend doppelter Trägheit machte er wie ein Wankender zwei Schritte vorwärts. Der Capitan hörte ihn und wandte sich um; aber Pepe hatte schon auf das Papier, nach dem er lüstern war, den Fuß gesetzt.

Der Soldat schien zu schlafen, während er eine Zigarre zwischen seinen Fingern hin und her drehte. »Da bin ich, mein Capitan«, sagte er, indem er Don Lucas ehrfurchtsvoll grüßte.

»Gut, mein Junge«, begann der Capitan in gutmütigem Ton. »Die Zeiten sind sehr hart, nicht wahr?«

»Ich habe davon sprechen hören.«

»Ich begreife«, sagte Don Lucas lächelnd; »das Elend der Zeit erreicht dich nur halb; du schläfst immer.«

»Wenn ich schlafe, hungert mich nicht«, erwiderte Pepe, ein Gähnen unterdrückend. »Und dann träume ich auch, daß die Regierung mich bezahlt.«

»Bis dahin bist du nur ihr Gläubiger für vier Stunden des Tages. Aber, mein Junge, darum handelt es sich nicht. Ich will dir vielmehr diesen Abend eine Probe meines Vertrauens geben.«

»Ah!« machte Pepe.

»Und auch eine Probe meiner Zuneigung. Die Regierung hat ein offenes Auge für uns alle; der Ruf der Teilnahmslosigkeit, in dem du stehst, fängt an, sich zu verbreiten, und du könntest leicht als ein unnützes Subjekt entlassen werden. Es wäre gewiß sehr traurig für dich, ohne Anstellung zu sein.«

»Schrecklich, mein Capitan«, erwiderte Pepe mit vollkommener Gutmütigkeit; »denn wenn ich schon bei meiner Anstellung vor Hunger sterbe, so weiß ich wahrlich nicht, was geschehen würde, wenn ich keine mehr hätte!«

»Um dieses Unglück von dir abzuwenden, habe ich mich entschlossen, allen, die deinen Charakter verleumden könnten, einen Beweis meines Vertrauens auf dich zu geben, indem ich dir für diese Nacht den Posten an der Ensenada gebe.«

Pepe öffnete wider seinen Willen die Augen beinahe ganz und gar.

»Überrascht es dich?« fragte Don Lucas.

»Nein«, erwiderte Pepe.

Der Capitan konnte ein leichtes Auffahren nicht verbergen. »Wie? Nein?« sagte er.

»Der Capitan Despierto«, antwortete Pepe mit einschmeichelnder Stimme, »ist durch seine Wachsamkeit und seinen unfehlbaren Blick bekannt genug, um auch seinem geringsten Beamten den wichtigsten Posten ohne Gefahr anvertrauen zu können. Darum bin ich auch gar nicht erstaunt, wenn Ihr mir diesen anvertrauen wollt. Ich erwarte nur die Befehle, die Eure Hoheit mir gefälligst erteilen werden.« Nach diesen Worten bückte sich Pepe, um die Zigarre, die ihm entfallen war, wieder aufzuheben; mit dieser Zigarre aber kam dank der Falten seines Mantels zugleich das Papier in die Hand des Soldaten.

Don Lucas gab ihm seine Befehle in einer so weitschweifigen Art, daß es vielleicht schwierig war, sie alle zu behalten, und verabschiedete ihn mit den Worten: »Vor allen Dingen schlaf nicht ein auf deinem Posten!« Pepe blieb ehrfurchtsvoll stehen, ohne zu antworten.

»Du kannst nun gehen; vergiß aber deine Laterne nicht!« sagte abermals Don Lucas, der das Schweigen seines Beamten für eine stumme Versicherung hielt, seinen Befehlen Folge zu leisten.

Der Soldat jedoch rührte sich nicht.

»Aber verstehst du mich denn nicht?« rief der Capitan, der, betroffen von diesem Schweigen, Pepes Arm tüchtig schüttelte.

Pepe fuhr plötzlich aus seinem Traum auf. »Ja, mein Capitan«, sagte er.

Dieser Bursche ist nicht zu bezahlen; ich hätte beim besten Willen keinen besseren finden können, dachte Don Lucas, als Pepe gegangen war. Und mit zufriedener Miene rieb er sich die Hände.

Die kleine Bucht mit Namen Ensenada, die man eben der Wachsamkeit Pepes des Schläfers anvertraut hatte, war so geheimnisvoll mit Felsen besetzt, daß sie ganz besonders geschaffen schien, um den Schleichhandel zu begünstigen; freilich nicht den, der friedlich an den Schlagbäumen unserer Städte getrieben wird, sondern wie ihn die spanischen Schmuggler so tollkühn betrieben, den Dolch und die Büchse in der Faust. Eben wegen seiner abgesonderten Lage war dieser Posten nicht gefahrlos. Wenn nämlich in einer nebligen Novembernacht die Dünste des Ozeans sich erheben und wie ein Traghimmel die Atmosphäre überspannen, so verliert das Auge seinen Scharfblick, die hilfesuchende Stimme wird gedämpft. Niemand würde Pepe den Schläfer; Pepe, der sich gewöhnlich in tiefem Traum befand, den Mann mit der einfältigen Miene und dem trägen Gang, in dem Soldaten wiedererkannt haben, der mit erhobenem Kopf und elastischem Schritt seinen Posten bezog; seine gewöhnlich verschleierten Augen schienen in der Dunkelheit zu blitzen, als wollten sie auch deren geringstes Geheimnis durchforschen.

Die Nacht war kalt, düster und still wie all die Nächte des Monats, der der Totenfeier geweiht ist. Es mochte etwa zehn Uhr sein. Kein Geräusch ließ sich im Dorf hören; das dumpfe Murren des Ozeans, der zürnend gegen die Felsendämme schlug, wie ein gefangener Tiger sich an den Eisenstäben seines Käfigs reibt, unterbrach allein das Schweigen der Natur. Kein Stern am Himmel; auf dem Land eine tiefe Finsternis; auf dem Meer ein Nebel, der sich zwar zuweilen öffnete, aber in dem argwöhnischen oder abergläubischen Gemüt tausend Erscheinungen hervorrief. Das war das Schauspiel, das sich den Blicken des Wächters darbot, als er auf dem Posten der Ensenada anlangte.

Nachdem der Grenzjäger mit seiner düsteren Laterne sorgsam die Umgebung untersucht und die Beleuchtung ihm gezeigt hatte, daß er sich ganz allein befand, stellte er seine Laterne so auf, daß sie den Hohlweg, der zum Dorf führte, erhellte, und legte sich zehn Schritt weiter in seinen Mantel gehüllt nieder, so daß er zugleich den Weg und die Bucht überwachen konnte.

»Aha, Capitan«, sagte der Soldat zu sich, »Ihr seid ein schlauer Mann; aber Ihr glaubt den Leuten zuviel, die immer schlafen, und Euer Papier, das ich gelesen habe, beweist, daß Ihr sehr besorgt darum seid, mich diesen Abend recht tief schlafen zu lassen. Wer weiß? Doch vielleicht«, fügte er hinzu, indem er sich, so gut er konnte, in seinem Mantel zurechtlegte, »ist es gut, zu ... aber nein, es ist unmöglich!«

Während ungefähr einer halben Stunde blieb Pepe allein, seinen Gedanken preisgegeben, und befragte mit seinem Auge bald die Bucht, bald den Hohlweg. Am Ende dieser Zeit hörte er den Sand des Fußpfades knirschen; dann erschien in dem von der Laterne verbreiteten Licht eine schwarze Figur, und bald ließ sich der Capitan der Grenzjäger bestimmt unterscheiden. Er schien einige Minuten zu suchen; endlich aber bemerkte er den Küstenwächter auf der Erde liegend.

»Pepe!« rief er halblaut.

Pepe nahm sich wohl in acht, zu antworten.

»Pepe!« rief der Capitan noch einmal und mit lauterer Stimme.

Der Grenzjäger schwieg immer noch hartnäckig; nun ließ sich Don Lucas' Stimme nicht mehr vernehmen, und bald verlor sich das Geräusch seiner Schritte in der Ferne.

»Gut«, sagte Pepe zu sich. »Eben war ich einfältig genug, noch zu zweifeln, aber jetzt zweifle ich nicht mehr. Endlich hat doch ein Schmuggler eine Unternehmung gewagt. Ich müßte wahrhaftig sehr ungeschickt sein, wenn ich nicht einen guten Gewinn daraus zöge; wäre es auch auf Kosten dessen, was es meinem Chef einträgt.« Der Soldat war mit einem Sprung auf seinen Füßen. »Hier bin ich nicht mehr Pepe der Schläfer«, sagte er, seine hohe Gestalt gerade aufrichtend.

Eine weitere halbe Stunde verging noch, in der der Küstenwächter nur die öde Unermeßlichkeit vor sich erblickte. Nichts unterbrach die lange weißliche Linie, die das Meer mit dem Himmel verbindet. Große schwarze Wolken bedeckten und enthüllten nacheinander den Mond, der eben aufgegangen war; und mochte auch der Horizont abwechselnd glänzend sein wie flüssiges Silber oder düster und bleifarbig wie ein Flor – kein Gegenstand auf dem Ozean zeigte das Dasein eines Menschen.

Der Blick des Soldaten war so angestrengt aufs Meer gerichtet, daß Funken vor seinen Augen zu tanzen schienen. Von dieser beständigen Aufmerksamkeit ermüdet, schloß er die Augen und vereinigte alle Kraft seiner Sinne im Gehör. Plötzlich glitt ein schwaches Geräusch über die Oberfläche des Wassers und gelangte bis zu ihm; dann verwehte eine leichte Landbrise den Ton, und er hörte nichts mehr. Da der Soldat nicht wußte, ob er nicht ein Spielball seiner Einbildung gewesen sei, öffnete er von neuem die Augen; aber die tiefe Dunkelheit der Nacht ließ nichts erkennen.

Er machte die Augen wieder zu, um abermals zu lauschen. Diesmal gelangte ein abgemessener Ton, wie ihn die Ruder, die vorsichtig die Oberfläche des Wassers spalten, und das leise Knirschen der Ruderbolzen hervorbringen, zu seinen Ohren. »Endlich sind wir da!« sagte Pepe mit einem Seufzer der Befriedigung.

Ein schwarzer, beinahe unsichtbarer Punkt erschien am Horizont, wurde dann schnell größer, und bald zeigte sich ein Boot, eine leichte Schaumfurche hinter sich lassend.

Pepe hatte sich eiligst der Länge nach auf die Erde geworfen, aus Furcht, daß sein Schatten vom Boot aus bemerkt werden könnte; aber von der hohen Stellung aus, die er einnahm, konnte er es nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesicht verlieren. Bald sah er es anhalten mit unbeweglichen Rudern wie der Seevogel, der in der Luft schwebt, um die Stelle zu wählen, wohin er stürzen will; dann nahm es plötzlich wieder seine Bewegung auf und fuhr zum Ufer der Bucht.

»Macht keine Umstände«, sagte der Soldat; »tut, als ob ihr zu Hause wärt!«

Wirklich schienen die Ruderer vor jeder Störung sicher zu sein, denn einige Sekunden später knirschten die Strandsteine des flachen Ufers unter dem Kiel des Bootes.

»Oh, oh«, sagte der Soldat ganz leise; »nicht ein Warenballen! Sollten das etwa zufällig keine Schmuggler sein?«

Drei Männer befanden sich in dem Boot und trafen dem Anschein nach nur die durchaus nötigen Vorsichtsmaßnahmen, um nicht allzu geräuschvoll das nächtliche Schweigen zu unterbrechen. Ihre Kleidung war nicht die, die die Schmuggler gewöhnlich zu tragen pflegen.

»Wer, zum Henker, können diese Männer sein?« sagte der Soldat.

Büschel gelblichen Krauts, die den Rücken des Abhangs, auf dem sich Pepe befand, bekränzten und über seinen Kopf hinausreichten, ließen ihn durch die Stengel hindurch beobachten, was die drei Unbekannten in ihrem Boot vornahmen. Auf Befehl dessen, der am Steuerruder saß – ein Befehl, dem man mit Achtung gehorchte –, sprangen die beiden anderen an Land, um die Örtlichkeit zu untersuchen, und ließen denjenigen, der ihr Chef zu sein schien, allein zurück.

Pepe war einen Augenblick unentschieden, ob er sie in den Hohlweg hineingehen lassen sollte; aber ein Blick auf das Boot, das dem Schutz eines einzigen Mannes überlassen war, ließ ihn seinen Entschluß ändern. Er blieb demnach unbeweglicher als je und hielt sogar seinen Atem an sich, während die beiden Männer – jeder mit einem katalonischen Messer bewaffnet – einige Fuß unter ihm vorübergingen. Er konnte nun sehen, daß der Matrosenanzug, den sie beide trugen, der damaligen Korsarenkleidung glich und die Mitte hielt zwischen der Uniform der Königlichen und dem regellosen Anzug der Handelsmarine, aber er konnte ihre Züge unter der baskischen Kopfbedeckung nicht unterscheiden.

Plötzlich standen die beiden Matrosen still. Ein Stückchen Erde am Abhang war unter Pepes Knie zerbröckelt und glitt nun mit einem leichten Geräusch längs des abschüssigen Randes hinab.

»Hast du nichts gehört?« sagte der eine von ihnen.

»Nein! Du vielleicht?«

»Es schien mir, als ob irgend etwas von da herabfiele!« sagte der erste und zeigte auf den Ort, über dem der Grenzjäger platt auf der Erde lag.

»Bah! Es wird eine Feldmaus gewesen sein, die in ihre Höhle gelaufen ist.«

»Wenn dieser Abhang nicht so abschüssig wäre, würde ich hinaufsteigen«, erwiderte der erste.

»Ich sage dir, daß nichts zu fürchten ist!« antwortete der zweite. »Die Nacht ist schwarz wie eine Teertonne, und dann hat uns ja auch ›der andere‹ versichert, daß er für den Küstenwächter bürge, der den ganzen Tag schliefe.«

»Ein Grund mehr, daß er nachts kein Auge schließt. Bleib hier; ich will herumgehen und hinaufsteigen. Und wahrhaftig, wenn ich dort unseren Schläfer finden sollte«, fügte er hinzu, indem er sein breites Messer zeigte, dessen Klinge in der Dunkelheit blitzte, »um so schlimmer ... oder um so besser für ihn; ich werde ihn ewig schlafen machen.«

Teufel, das ist ein Philosoph, dachte Pepe; aber ich habe jetzt genug geschlafen! Und wie eine Schlange, die sich häutet, schlüpfte er aus seinem Mantel, den er liegen ließ, und kroch so vorsichtig weiter, daß er schon ziemlich weit davon entfernt war, ohne daß irgendein Geräusch seine Bewegung verraten und ohne daß die Erde selbst – wie die Spanier sagen – ihn gehört hätte. Er gelangte so, seine Büchse in der Hand, gerade an den Punkt, unter dem das Boot gelandet war. Hier schöpfte er Atem und suchte mit einem glühenden Blick den Mann, der allein zurückgeblieben war.

Dieser schien in tiefe Träumereien versunken, denn er lag unbeweglich unter seinem weiten Mantel, der seine Gestalt umhüllte und ihn zugleich vor der Feuchtigkeit der Nacht schützte. Da seine Augen auf das offene Meer gerichtet waren, so konnte er auch natürlich nicht die schwarze Gestalt des Grenzjägers bemerken, der sich langsam bis auf die Höhe des steilen Randes erhob und mit dem Auge die Entfernung maß, die ihn vom flachen Ufer trennte.

Der Fremde machte eine Bewegung, um sich nach der Landseite umzuwenden, und in demselben Augenblick ließ Pepe die zerknitterten Zweige eines Staudengewächses los, an das er sich angeklammert hatte, und sprang auf ihn wie der Tiger auf seinen Raub. »Ich bin es«, sagte er. »Rührt Euch nicht, oder Ihr seid ein Kind des Todes!« fügte er hinzu, indem er den Lauf seiner Büchse auf die Brust des verdutzten Fremden setzte.

»Wer bist du?« versetzte dieser, dessen wutfunkelnde Augen sich vor der drohenden Haltung seines Gegners nicht senkten.

»Ei, wahrhaftig, Pepe! Ihr wißt ja: Pepe, der immer schläft!«

»Schlimm für ihn, wenn er mich verraten hat!« sagte der Fremde, als ob er mit sich selbst spräche.

»Wenn Ihr Don Lucas meint«, unterbrach ihn der Grenzjäger, »so kann ich Euch versichern, daß er dessen nicht fähig ist; und daß ich hier bin, davon liegt der Grund darin, daß er zu vorsichtig gewesen ist, Schmuggler.«

»Schmuggler?« sagte der Unbekannte mit einer Gebärde höchster Verachtung.

»Wenn ich Schmuggler sagte«, erwiderte Pepe, zufrieden mit seiner Schlauheit, »so geschah es, um Euch nicht Schlimmeres zu sagen, denn Ihr habt hier nicht eine Unze Kaufmannswaren. Es müßte denn sein«, fuhr er fort, indem er mit dem Fuß auf eine am Boden des Bootes zusammengerollte Strickleiter wies, »daß dies eine Probe sein sollte.«

Stirn gegen Stirn mit dem Unbekannten konnte Pepe diesen nach Gefallen betrachten. Es war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Er hatte die sonnverbrannte Gesichtsfarbe des Seemanns. Dichte und dunkle Augenbrauen zeichneten sich kräftig auf einer knochigen und breiten Stirn ab. Große schwarze Augen, die mit düsterem Feuer tief in ihren Höhlen blitzten, verkündeten unversöhnliche Leidenschaften. Der Mund des Unbekannten war bogenförmig geschnitten und hatte einen geringschätzenden Ausdruck. Die Falten seiner Wangen waren trotz seiner Jugend stark markiert und gaben ihm bei der leichtesten Gemütsbewegung einen Ausdruck kalten Hohns, von Anmaßung und Verachtung. Aus seinen Augen, seinem Antlitz konnte man schließen, daß Ehrgeiz und Rachsucht die herrschenden Eigenschaften dieses Mannes sein mußten. Schwarze und lockige Haare mäßigten allein einigermaßen die Strenge seines Gesichts. Seine Kleidung war die eines Offiziers der spanischen Marine.

Ein Blick, der jeden anderen als den Grenzjäger erschreckt haben würde, verriet die Ungeduld des Fremden, sich so von dem Küstenwächter betrachtet zu sehen.

»Scherz beiseite, du Schelm – was willst du? Rede!« sagte der Fremde.

»Plaudern wir von unseren Angelegenheiten«, sagte Pepe, »ich bin damit zufrieden. Zuerst also: Wenn Eure zwei Mann meinen Mantel und meine Laterne zurückbringen wollen, die zu nehmen sie gerade pfiffig genug sind, so werdet Ihr ihnen Befehl geben, nicht zu nahe zu kommen; auf diese Weise werden wir plaudern können, ohne unterbrochen zu werden; anderenfalls gebe ich mit einem Büchsenschuß, der Euch tot niederstreckt, das Lärmzeichen und stoße ab. Was sagt Ihr dazu? Nichts? Gut; diese Antwort ist so gut wie eine andere. Ich fahre also fort. Ihr habt meinem Capitan vierzig Unzen gegeben?« fragte der Soldat unverschämt genug und auf die Gefahr hin, die Summe tüchtig zu vergrößern.

»Zwanzig!« sagte der Fremde ohne Zögern.

»Ich hätte es lieber gesehen, wären es vierzig gewesen«, erwiderte Pepe; »doch man gibt eine solche Summe nicht für das Vergnügen, eine sentimentale Spazierfahrt auf der Ensenada zu machen. Mein Dazwischenkommen muß Euch belästigen; ich möchte mir wohl mein Fernbleiben bezahlen lassen.«

»Wieviel?« fragte der Unbekannte, den es drängte, ein Ende zu machen.

»Eine Kleinigkeit. Ihr habt vierzig Unzen dem Capitan gegeben ...«

»Zwanzig, sage ich dir!«

»Ich hätte lieber gesehen, es wären vierzig gewesen«, wiederholte Pepe; »aber meinetwegen zwanzig. Laßt sehen, ich will nicht unbescheiden sein; ich bin nur Soldat, er ist Capitan; ich werde also nicht unvernünftig sein, wenn ich das Doppelte von dem verlange, was er bekommen hat.«

Der so geprellte Fremde stieß einen Fluch aus, antwortete aber nichts.

»Ich weiß sehr wohl«, fuhr Pepe fort, »warum das wenig ist; denn wenn er eine dreifache Löhnung erhält, so hat er doch dreimal weniger Bedürfnisse als ich, und folglich würde ich ein Recht haben auf das Dreifache; aber – wie er sagt – die Zeiten sind hart, und so will ich denn bei meiner Forderung stehenbleiben.«

Ein heftiger Kampf schien im Herzen des Unbekannten zwischen der Besorgnis und dem Zorn stattzufinden; von seiner Stirn rollten trotz der rauhen Jahreszeit die Schweißtropfen herab. Eine sehr gebieterische Notwendigkeit mußte ihn mit solcher Heimlichkeit an diesen versteckten Ort geführt haben, denn die Notwendigkeit dämpfte seinen Zorn, der unbezähmbar schien. Die Miene spöttischer Unverzagtheit, die bei Pepe offen hervortrat, ließ ihn außerdem das Dringende einer Übereinkunft fühlen, und er zog, die Hand unter dem Mantel, von einem Finger einen kostbaren Ring und reichte ihn dem Soldaten. »Da, nimm, und mach, daß du fortkommst!« sagte er zu ihm.

Pepe nahm, prüfte ihn und zögerte. »Bah, ich will es wagen und ihn für vierzig Unzen annehmen. Jetzt bin ich taub, stumm und blind.«

»Ich rechne darauf!« sagte der Unbekannte kalt.

»Beim Leben meiner Mutter«, antwortete Pepe; »da es sich nicht um Schmuggelei handelt, so will ich Euch gut unterstützen. Denn Ihr seht wohl ein, daß ich in meiner Eigenschaft als Grenzjäger nicht sehen darf, wie man schmuggelt, und selbst schmuggeln – niemals!«

»Laß es gut sein; du kannst dein furchtsames Gewissen darüber ganz beruhigen«, erwiderte der Unbekannte mit einem bitteren Lächeln. »Bewache dieses Boot bis zu unserer Rückkehr; ich folge meinen Leuten. Nur – was sich auch ereignen möge, was du auch sehen magst, wie lange wir auch fortbleiben mögen – sei, wie du sagst, stumm, taub, blind und geduldig.« Während der Fremde diese Worte sprach, sprang er aus dem Boot ans Ufer und verschwand hinter der Biegung des Hohlwegs. Nachdem er sich nun allein befand, betrachtete Pepe im Mondlicht den Diamanten, der in den Ring eingelassen war, den er dem Unbekannten abgenötigt hatte. Wenn dieser Edelstein nicht falsch ist, dachte er, braucht mich die Regierung niemals zu bezahlen, es liegt mir nichts mehr daran; inzwischen aber will ich von morgen ab anfangen, teufelsmäßig nach meinem Gehaltsrückstand zu schreien. Das wird einen guten Effekt machen.

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