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Der Vogelhändler von Imst

Karl Spindler: Der Vogelhändler von Imst - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Vogelhändler von Imst
authorCarl Spindler
year1855
firstpub1841
publisherHallberger'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDer Vogelhändler von Imst
pages783
created20090712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

»Ist eine Mutter noch so arm,
Sie gibt dem Kindlein dennoch warm;
Muttertreu wird täglich neu,
Macht leider doch vom Tod nicht frei;
Denn von ihm man stets vernimmt,
Daß ihm Andres nicht geziemt,
Als daß er Lieb' von Liebe schält,
Bis er uns Alle hingezählt.«

Der unregelmäßige Platz im Dorfe Burgeis, im Ober-Vintschgau, bot ein ungewöhnliches, ein kriegerisches Schauspiel dar. Unter dem Dache, das, wunderlich genug, über die Halbschied des Platzes, von einem Wirthshause zum andern, gezogen war, um die zur Weide treibenden Heerden oder die heimkehrenden, die Fuhrleute, die da gingen und kamen, oder die Tänze und Komödien der Bauern vor Sonnenglut und Witterungsunbill zu beschirmen, lagerte eine starke Abtheilung von dem kaiserlichen Regimente Lichtenstein-Dragoner, mit Pferden, Waffen und Bagage.

Die Soldaten kamen aus Italien, woselbst es dazumal – im Jahre 1735 – mit dem Kriegsglück des Kaisers übel aussah. Den durch Tirol retirirenden Truppen wurde nur hie und da eine kurze Rast gegönnt, obgleich Mantua noch wacker Stand hielt, und die italienischen Confinen hinlänglich durch die zurückgebliebenen Infanteriemassen gegen den Feind gedeckt waren. In Mals, einem großen Markte und Hauptort des Vintschgau's zum Beispiel, und im benachbarten Burgeis 2 hatten die Dragoner heute nur ein paar Stunden zu verweilen.

Ihr plötzliches Erscheinen, die tausenderlei Gerüchte, die sich mit ihrem Einmarsch im Lande verbreiteten, ihr abenteuerliches Aussehen, das von ihren Strapazen genugsam Zeugniß ablegte, erregten natürlich die Neugier des Volks in hohem Grade. Männer und Weiber verließen ihre Geschäfte, um die Soldaten gleich Wunderthieren zu begaffen. Eine zahlreiche Zuschauerschaft hatte sich um den sogenannten TanzplatzDer Tanzplatz in Burgeis. Dieser sonderbare Name soll von dem alten Gebrauch, daß jeder neuverheirathete Bürger mit seiner jungen Frau einen Ehrentanz um den Platz des Dorfes machte, abstammen. versammelt. Aus der Schranke, die einen Theil des unter Dach gestellten Raums umgab, ritt eine Schaar von fürwitzigen Kindern beiderlei Geschlechts, die nicht müde wurden, die fressenden Pferde, die schmausenden und auf ihren Tornistern ausruhenden Soldaten zu mustern. Unter den fürwitzigen Buben zeichneten sich zweie durch besonders glückliche Gesichtszüge aus. Ihre Kleidung war überaus dürftig, aber die unbefangene und Geist verrathende Rührigkeit des Einen, so wie der besonnene Ernst des Andern machten sie leicht bemerkbar, weit vor der übrigen besser gekleideten Jugend. Der erstere der Knaben hatte dunkle Haare und Augen, eine robuste Gestalt, und viele Worte auf der flinken Zunge; der zweite, ein bedächtiger Junge mit hellbraunen Locken, schmächtig, obschon gutgewachsen, sprach nicht gar viel, betrachtete aber, was ihn umgab, mit verständiger Aufmerksamkeit. Endlich umschlang er mit dem rechten Arm seinen beweglichen Schaugefährten und sagte zu ihm: »Hast Du heute einen Feiertag, Walt?« – Worauf der Andere: »Mein Bauer hat mir geschafft, die Geißen in Stall zu thun, daß die Soldaten keine derwischen.« – »Just so hab' ich's mit den 3 Gansel'n machen müssen,« versetzte der Bedächtige; »die Soldaten, sagt der Grödner, stehlen so viel gern, was sie auf der Straße finden.« – »Wie geht's zu Haus, Seraphin?« – »Ach Gott, das Schwesterl ist halt gestorben.« – »Das ist schade, Seraphin. Weißt Du was? Ich will Dir eins von meinen Geschwistern schenken?« – »Schönen Dank. Du hast ihrer freilich genug, aber meine Mutter hat's schon hart, um sich und mir durchzuhelfen. Du hast noch Deinen Vater; da geht Alles gut. Aber der meinige . . . .« dem armen Seraphin trat das Wasser in die Augen. – »Habt ihr gar nichts mehr von euerm Vater erfahren können?«– »Gar nichts; seit zwei Jahren, glaube ich, nicht einen Buchstab, lieber Walt. Die Mutter steht mit Seufzen auf, und legt sich mit Weinen nieder.«

Ein Unteroffizier von den Dragonern trat aus dem Wirthshause zum »weißen Kreuz,« das in jener Zeit noch dem Benediktinerkloster Marienberg gehörte. Der Mann hatte ein trübes Gesicht und einen schlosweißen Schnauzbart. Er kramte in einer alten Brieftasche die an einem Riemen um seine Schulter hing und fragte den Wirth, der ihm gefolgt war: »Nicht wahr, ich bin doch recht? Das Dorf heißt Burgeis?« – »Zu dienen, Herr Korporal.« – »Ich habe hier eine kleine Verrichtung, die ich abthun kann, bevor wir abmaschiren. Kennt Ihr eine Frau, mit Namen Crescenz Plaschur? sie soll hier ansäßig seyn?« – »Ja freilich. Die nemliche, deren Mann vor ein paar Jahren auf und davon gegangen?« – »Richtig; la stessa. Wo bleibt sie?« – »Beim Schuster in der Hudergasse.« – »Seyd so gut, und gebt mir Jemand, der mich geschwinde hinführt?« – Der Wirth sah sich im Kreise um: »Da ist just ihr Bub. Seraphin, komm herab; geschwinde, sag' ich. Führ' den Herrn zu Deiner Mutter.«

4 Seraphin, wenn gleich stutzig über den vornehmen Besuch, der seiner Mutter zugedacht war, gehorchte unverdrossen, sprang von der Schranke, nickte dem Walt zu, und lief vor dem Korporal her. Dieser folgte, so gut und langsam, als seine schweren Stiefel und steifen Beine es zuließen. Er stand manchmal still und redete ein paar Worte in den Bart. Dem Knaben kam des Dragoners Betragen seltsam vor; er belauerte schüchtern, verstohlen umschauend oder seitwärts schielend seinen Mann, dessen Unruhe stieg, je näher sie dem Ziele kamen. Seraphin hätte sich beinahe vor dem Fremden gefürchtet, weil dessen Blicke nicht mit besonderm Wohlgefallen an dem kleinen Führer hafteten, wenn sie sich überhaupt um ihn bekümmerten.

In der bezeichneten Gasse angelangt, wies Seraphin auf das elende Häuschen, das seine Mutter bewohnte. Diesmal stand der Korporal viel länger still als früher, und athmete schwer, wie Einer, der einen Berg zur Hälfte erstiegen, und bis zum Gipfel noch weit hat. »Ihr seyd wohl recht arm?« fragte er mit unsichrer Stimme. – »Freilich sind wir nicht reich, aber wir können nichts dafür,« erwiederte Seraphin trotzig; »doch geh'n wir nicht betteln, und der Herr Pfarrer hat erst am Sonntag in seiner Predigt gesagt, daß die Armuth keine Schande sey.« – »Das wohl nicht, das nicht,« entgegnete der Dragoner mürrisch, »aber ein Unglück, ein leidiges Unglück!«

Seraphin zuckte unwillig die Achseln über das kränkende Wort und stieg die paar verfallnen Stufen vor dem Hause in die Höhe. Neben dem engen Eingang befand sich eine ziemlich geräumige, rußdunkle Küche, mit zertrümmerten Steinplatten gepflastert. Gegenüber lag die arme Wohnstube, worinnen unter Tags nicht weniger als drei Haushaltungen ihr Wesen zu treiben pflegten: der Schuster mit seinem Weibe, denen die Hütte gehörte, 5 zwei alte Jungfern, die zur Miethe wohnten und endlich die Frau Plaschur mit ihren beiden Kindern. Die Miethsleute hatten ihre Schlafkammern unter dem Dache; der Schuster als Hausherr behauptete die Wohnstube zur Nachtzeit. Für jetzo hatte er indessen eine Aenderung getroffen, und auf ein paar Tage eine Kammer bezogen, weil das Töchterlein der Plaschur gestorben, und, dem Herkommen gemäß, in der geräumigen Stube ausgesetzt worden war. Da lag das kaum dreijährige Mädchen auf seinem schmalen Bette. Bei seinen Lebzeiten hatte es die Blöße kaum bedecken können, aber seine Leiche war von der Mildthätigkeit der Nachbarinnen in ein weißes Gewand gehüllt worden. Ein schöner Kranz saß auf dem Kopfe. Nach dem Gebrauch des Landes hatten die frommen Weiber das blasse Gesicht der Todten roth angestrichen und den Körper, wie das Lager, mit Feldblumen von allerlei Gattungen verziert. Statt der vier Trauerkerzen, die neben der sterblichen Hülle wohlhabender Erblasser auf silbernen Leuchtern zu brennen pflegen, flackerte zu Häupten der stillen Kleinen nur ein einzig Licht auf thönerner Handhebe, die düstere Fackel der Armuth.

Die Mutter saß auf einem niedrigen Schemel neben ihrem blassen Engel, still betend, von Zeit zu Zeit ein paar Tropfen aus der Weihwasserschaale auf die Leiche und ihre Blumen werfend. Die Trauernde vergeudete nicht in Thränen den Mutterschmerz. – Das Geräusch an der Thüre war ihr unwillkommen. Sie fürchtete den schweren Tritt eines neugierigen Nachbars, eines leidigen Trösters, eines schadenfrohen Mitleidheuchlers zu vernehmen. Kaum daß sie die Augen aufschlug; aber es wandelte sich natürlich die Gleichgültigkeit in Befremden, als sie die Gestalt des Dragoners auf ihrer Schwelle erblickte. Sie verharrte zwar in ihrer Stellung, aber ihr Auge ging hin und her vom Soldaten auf den Sohn, vom Sohn auf den Soldaten. »Wen bringst Du da?« lautete 6 ihre Anrede: »Seraphin, wer ist der Mann? Was will er bei uns? hier ist nichts zu holen.«

Der Korporal hatte ehrfurchtsvoll vor der Leiche sein Haupt entblößt, vor Stirn und Mund und Brust ein Kreuz gemacht, und die Hände gefaltet wie zum Gebete. Auf einmal jedoch knetete er den Hut zwischen seinen Fingern derb zusammen, strich sich den Bart und sprach die verwunderte Frau an: »Grüß' Euch Gott, meine Liebe. Ich komme zwar nicht eben gelegen, aber ich habe nicht Zeit, lang krumm und grad zu machen. Die Frau wird mich nicht mehr kennen; ich bin vor den Jahren grau geworden . . . . doch« – hier gewann ein tiefes Gefühl die Oberhand in dem Soldaten – »doch ist's halt noch immer der alte Domenico, der vor Dir steht, liebe Creszenz.«

Die überraschte Frau hob die Arme hoch auf und ein leiser Anflug wie von Freude beschlich ihr kummervolles Antlitz. Sie redete nicht. Das Herz war ihr zu voll. Sie zeigte jedoch auf das verblichene Kind, und auf die kurze Freude folgte in ihrem Gesicht das Zucken, das dem heftigen Weinen vorangeht.

Der Korporal bemerkte dieses, und verhinderte den Thränenausbruch, schon um seiner selbst willen, da ihn die Wehmuth nicht minder überkam. Zu dem Ende sagte er frisch und munter heraus: »Nimm Dieb zusammen, arme Cenzi. Der kleine Erdenwurm ist gut aufgehoben. Spare Deine Zähren. Schau, ich hätte Dir gern was Gutes mitgebracht, denn ich habe Dich immerdar gern gehabt . . . .«

»Das weiß ich, Domenico,« erwiederte Crescenz mit Freundlichkeit: »Wenn ich damals, als ich in Botzen war, geahnt hätte, was mir begegnen würde . . . .«

»Ja, ja,« unterbrach sie der Korporal seufzend: »wenn wir Alles zum Voraus wüßten in dieser Welt! Du hättest den falschen Plaschur laufen lassen, hättest den 7 ehrlichen Dominik, wenn er schon nur ein armer Markthelfer, ein blöder Tölpel aus FassaFassa, Val di Fassa: ein Thal in Wälsch-Tirol; eigentlicher eine Fortsetzung des Val di Cembra und des Val di Fiemme; erstreckt sich bis an die Quellen des Avisio am Marmolata-Ferner. – Die Bewohner des Thals bekannt durch ihre Rüstigkeit und exemplarische Rechtschaffenheit. Als die Messen (Handelsmärkte) zu Botzen noch im höchsten Flor waren, bestand die Gesammtheit der Markthelfer aus Fassanern. gewesen, angenommen, und geheirathet . . . . Du wärst nicht in's Elend gerathen . . . . ich wäre nicht aus Verdruß und Herzeleid unter die Reiter gegangen, . . . . und hätte Dir nicht jetzo leider Gottes zu sagen und zu bringen, was ich gern für mich behalten würde, um Dir im Leid das Leid zu ersparen.«

»Was denn?« fragte sie mit ängstlicher Neugier. – »Einen Gruß und ein paar Buchstaben von Deinem Manne,« antwortete er finster, indem er ein gefaltetes Blatt aus seiner Tasche zog.

»Vom Lenhard? Gott steh' mir bei,« sagte Crescenz, die Hand nach dem Briefe ausstreckend. Der Korporal deutete jedoch auf Seraphin, und die Mutter, seine Absicht begreifend, befahl dem Knaben, hinauszugehen.

Seraphin gehorchte zwar ungern; dennoch gehorchte er, weil er seine Mutter von Herzen liebte. Er konnte freilich nicht über sich gewinnen, aus dem Hause zu gehen, und horchte begierig an der zugeriegelten Stubenthüre. Aber es war nichts zu verstehen; der Dragoner sprach so leise, die Mutter antwortete ihm nur mit Seufzen, mit einem halblauten: »Ach du mein Gott!« und »Wer hätte das gedacht!« Endlich trat eine ziemlich lange Stille in dem Gemach ein, die dem Knaben eine wahre Herzensangst einjagte. Schon wollte er mit beiden Fäusten an die Thüre pochen, als plötzlich die Trompeten der Dragoner grell durch das Dorf schrien. Das Zeichen vernehmend, rief der Korporal mit bewegter Stimme:

»Jetzt heißt's »Marsch« und ich muß fort; behüt' Dich Gott, tröst' Dich Gott, liebe Crescenz!« polterte aus der Stube, und ging, ohne den Knaben anzusehen, seiner Wege. Seraphin sah ihm erstaunt nach; da kehrte der Dragoner nach ein paar Schritten wieder um, als wenn er sich auf etwas besänne. Er winkte dem Buben. 8 Seraphin schlich blöde zu dem grämlichen Dominik. Einen schmutzigen Lederbeutel aus dem Rocke ziehend, und darinnen suchend, sprach der Korporal hastig: »Geh hinein zu Deiner Mutter. Hab' sie lieb und mach' ihr Freude. Du bist noch ihr einzig Gut. Grüße sie von mir und gib ihr das.« Er legte zwei Dukaten in Seraphins Hände. »Sag' ihr fein, das wäre eine ehrliche Soldatenbeute; das Geld sey nicht gestohlen und werde ihr nicht Unsegen bringen. Ein Mehreres hätte ich aber nicht, und sie soll's gesund aufbrauchen, und den alten Freund nicht vergessen, wenn wir uns auch in dieser Welt nicht mehr wiedersehen. Geh', geh!«

Der gute Korporal zitterte mit Hand und Stimme, schob den Buben von sich, und machte, daß er fortkam. Seraphin war bleich geworden vor dem Anblick des Goldes. Er hatte noch nie einen solchen Reichthum gesehen. »Mutter, Mutter, schaut doch her!« rief er in die Hausthüre. Er wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. – Frau Crescenz trat indessen, ebenfalls weiß wie Schnee, aus der Stube, lief in die Küche hinüber, wo das Herdfeuer brannte. Den kaum erhaltnen Brief schleuderte sie in die Flamme und rief dabei mit bitterster Wehmuth: »Schau Du, Seraphin, schau Du, wie mit diesem Unglückspapier mein Leben verbrennt! Komm' zu mir, und gib mir einen Kuß, Seraphin. Wir haben keinen Vater mehr, als den Allmächtigen im Himmel. Wahrlich, uns wäre besser, wir lägen bei der Anna im Sarge!« – »Ist der Vater gestorben?« fragte Seraphin betrübt. Die Mutter nickte mit abgewendetem Gesicht und preßte den Knaben krampfhaft an sich. In der Meinung, den Schmerz der guten Frau zu lindern, zeigte ihr Seraphin die blitzenden Dukaten. Crescenz betrachtete sie kaum. »Der arme Dominik wird darben, weil er uns sein reiches Allmosen gegeben,« seufzte sie traurig: »könnten wir nur das Geld für ihn aufheben! Könnte 9 ich's nur für Dich und ihn auf einen Acker säen, der's wiederbrächte sechszigfältig! Ach Du mein Seraphin, wie übel haben Deine Eltern an Dir gethan. Du wirst uns alles Böse wünschen, wenn Du's einmal erfährst, und es kann jetzt nichts mehr gut gemacht werden, denn Du hast keinen Vater mehr!« – »Ach, der liebe, der arme Vater!« klagte Seraphin mit Thränen. Plötzlich verschloß ihm die Mutter den Mund: »Schweig doch, schweig; er ist niemals ein Vater für Dich gewesen, Du bist der Sohn eines Höhern; Ihm laß dich befohlen seyn!«

»Was plaudert Ihr da?« fragte ein gutmüthig blickender Mann, der in die Küche trat. Sein Kleid war etwas besser als gewöhnliche Bauerntracht. Seine lange Jacke war aus Tuch statt aus Loden gefertigt, ein städtisch aufgestutzter Hut saß auf seinen schlichten Haaren; er trug Beinkleider von Plüsch, statt der ledernen, und ein seidenes Tuch war um seinen Hals geschlungen.

Die Frau begrüßte ihn mit einer gewissen Unterwürfigkeit; Seraphin zog das Hütl vor ihm ab. Der Mann war der Krämer des Dorfs, gemeinhin der »Grödner« genannt, weil seine Vorfahren aus dem GrödnerthalGröden: ein Thal im Herzen von Tirol, laufend von Kollmann ostwärts bis an die Buchensteiner Berge. Der Kunstfleiß der Grödner Bildschnitzer und die Betriebsamkeit der Grödner Kaufleute, die in allen Winkeln der Welt zu finden, sind längst berühmt. Auch die Grödner haben eine eigene Sprache, die sie, wie die Romaunschen thun, unbedenklich mit Wörtern aus jeder beliebigen Sprache bereichern, wenn sie gerade um einen Ausdruck verlegen sind. gebürtig gewesen. Einer der Wohlhabendsten im Dorfe, war er auch ein Wohlthäter der Frau Plaschur, mit deren lang verstorbenen Eltern in EnnebergEnneberg: ein Thal am linken Ufer der Rienz – (Pusterthal); die Einwohner sprechen eine ganz eigene Sprache, die, wenn gleich Aehnlichkeit mit der Romanisch-Ladinischen habend, dennoch keineswegs dieselbe ist. er verwandt gewesen zu seyn behauptete. Der »Grödner« war im Ganzen genommen ein herzensguter Mensch. Seine wohlwollenden Augen betrogen nicht: eben so wenig die feingeschnittene Nase, die von Verstand zeugte. Aber der kreuzbrave Mensch hatte sich aus Versehen einen wahren Satan antrauen lassen. Was an Geiz, Neid und Zorn nur erdacht werden kann, fand sich vereinigt in der Frau des Grödners. Sie regierte unumschränkt im Hause, hielt die Schnüre des Geldbeutels fest, und 10 bevormundete argwöhnisch den seelenguten Mann, daß er krumm lag, wie mit Ketten gebunden, weil er mit dem Streiten nichts gewinnen konnte. Um jeden Brosam gab's gleich offenen Krieg im Hause; der Krämer mußte seine Hofmeisterin um das schwache Taschengeld, das er brauchte, beluchsen, mußte den Heller stibitzen, den er der Armuth als Beisteuer reichte.

»Was macht Ihr in der Küche?« fragte der Krämer noch einmal: »Ihr führt verwunderliche Reden?« – »Ach, was da geschieht, ist auch verwunderlich,« versetzte die Frau voll Mißmuth: »wenn nicht unser Herrgott im Himmel wäre, ich thäte mir ein Leid an!« – »Pfui, pfui, wer redet denn so lästerlich? Verliere nicht den Kopf, Crescenz. Hab' ich doch der Kinder dreie eingebüßt, und bin noch immer wohl bei Leben!« – »Ach, Ihr wißt nicht . . . .« – »Wie einer Mutter zu Sinn ist, die ihr Kind verliert? Ja doch weiß ich's. Ich bin meinen FratzenFratz, Bamms: kleines Kind; bald in scherzhafter, bald in spöttischer Bedeutung. immer mehr eine Mutter gewesen, als diejenige, so die Kinder geboren hat. Fasse Dich also in Geduld. Sie werden jetzt kommen, die kleine Haut zur Erde zu bestatten. Ich will indessen bei Dir bleiben, Dir zur Gesellschaft. Die Alte ist an ihrer Gicht krank, und kann mir daher nicht nachlaufen. Ich hab' Zeit, mit Dir zu reden, so gut wie ein Beichtvater.« – »Was habt Ihr mit mir zu reden? wißt Ihr nicht, daß jeder Trost an mir verloren geht? Daß Gott erbarm', ich habe nichts mehr auf der Welt als diesen Buben, und der Himmel weiß, wie es ihm und seiner armen Mutter noch ergehen wird, wenn der Tod nicht etwa mitleidiger ist, als ich hoffen darf. Die Anna ist glücklich; sie ist wohl versorgt. Ich brauche keinen Trost; es gibt keinen mehr für mich!«

Die gute Frau überströmte ihren Sohn mit ihren Thränen. »Wenn ich aber gerade wegen des Buben mit Dir reden möchte?« hob der Grödner wieder an: 11 »Es wär' Zeit, mit dem Seraphin etwas anzufangen. Er sollte was lernen, die Jugend ist bald vorbei, und bei Dir hat er nicht Hülfe, nicht Anleitung.« –

Die Mutter richtete sich trotzig auf: »Wollt Ihr mir auch noch mein letztes Kind nehmen?« fragte sie zürnend, und der Krämer schwieg um so bereitwilliger, als er den Schmerz der Verlassenen begriff. Zur gleichen Zeit kamen Diejenigen, die das Mädchen begraben sollten, in's Haus. Crescentia's Betrübniß war stumm, aber um so heftiger. Sie kämpfte, so zu sagen, um die Reste ihrer Tochter; aber das Unvermeidliche mußte geschehen. In Krämpfe und Fieber verfallend, blieb die arme Mutter unter der Pflege einiger gutartigen Weiber zurück. Seraphin weinte knieend an ihrem schlechten Lager, bis er vor Müdigkeit auf dem Fußboden einschlief. Wie der Abend einbrach, wurde auch Crescenz ruhiger. Sie schloß die Augen und es kam über sie die wohlthätige Ermattung, gleichwie ein tiefer Schlummer. Wenn sie aufwachte, und die an ihrem Bett eingenickte Schusterin ebenfalls den Kopf erhob, um nach der Leidenden zu sehen, sprach die Letztere mit vollem Verstand zu der Wärterin: »Gelt, Du rufst mir morgen den Grödner her? Ich will doch mit ihm reden. Ich habe etwas wegen des armen Buben auf dem Herzen. Es weiß es noch Niemand, aber der Krämer soll's erfahren. Gelt, Du wirst nach ihm schicken?« – Die Schusterin versprach's mit Hand und Mund, und nach einem jeden erneuerten Versprechen schlief Crescenz gleichsam beruhigt wieder ein.

Der Grödner saß indessen ebenfalls zu Hause an einem Krankenbett. Die unglückliche Crescenz und ihr Seraphin, der Besuch des Dragoners, von dem er gehört, die Dukaten, die er gesehen, gingen ihm nicht aus dem Kopfe. Er seufzte bald voll Mitgefühl, bald brummte er allerlei Selbstgespräche. »Was hast Du denn nur?« 12 fragte ihn die kranke Frau: »ich glaube wahrlich, Du bist in Gedanken mehr bei dem Bettelgesindel, der Plaschur, als bei mir, Deinem Eheweib?« – »Nun ja doch. Die arme Haut dauert mich unsäglich, und mit dem Buben hat's einen Hacken. Sie hat was Geheimes; die Sache ist nicht richtig. Als die Leuteln aus dem Etschland kamen, und in Planail zu hausen anfingen, war der Bub schon auf der Welt?«– »Freilich. Was geht das Dich an?« – »Höre, Weib: ich glaube nicht, daß der Seraphin des Plaschur Sohn, sein leiblicher Sohn sey.« – »Es wird schon seyn, wie Du meinst. Was geht's uns an, wo die hoffärtige Botzner Ladendirne den Bamms hergebracht hat?« – »Ei, ei, Frau: wenn ich an den Dragoner denke und an die Dukaten . . . .« – »Merkst Du was, Alter? Der Dragoner ist der Vater des Buben.« – »Ich weiß nicht; ich dächte wohl, er wäre etwas Vornehmeres.« – »Warum nicht etwa gar? Laß mich in Ruhe! Und daß Du Dich nicht unterstehst, mit dem Volk Dich abzugeben! Du bist Dorfmeister, ein reicher Mann; das Bettelpack schickt sich nicht für Dich.« – »Die Crescenz ist doch einmal eine Base von mir.« – »Das ist all nichts. Ich glaub' an die Verwandtschaft nicht. So wär' der heilige Adam auch mein Herr Vetter.« – »Wie Du wieder das Maul gehen läßt, Weib! 's wär' ja eine größere Schande für mich, wenn ich meine Blutsfreunde verhungern ließe, als wenn ich mich ihrer annehme?« – »So? willst Du sie nicht etwa in die Kost nehmen? Daß Gott erbarm! Du würdest den letzten Heller vergeuden, wenn ich nicht wäre. Du brauchtest das Venediger MandlDas Venediger Mandl: ein kleines geheimnißvolles Männchen aus Welschland, das in früheren Zeiten – wie die Sage meldet – häufig nach Tirol und Deutschland, ja selbst in's Fichtel- und Harzgebirge gekommen ist, und ungeheure Schätze an Gold und Edelsteinen heimgeschleppt hat, bis endlich der deutsche Michel hinter seine Schliche kam, worauf der Venediger für immer ausblieb, und nur mehr im Munde des Volks lebt. mit all seinem Geld, um Deine Zigeuner und Bettelweiber zu erhalten. Bei der Theurung? die Franzosen oder die Wälschen als Feinde vor der Thüre! Untersteh' Dich, sag' ich Dir.« – »Es muß doch etwas für die Crescenz und ihren Buben in's Werk gerichtet 13 werden,« sagte dagegen der Grödner mit mehr Entschlossenheit, als er sonst kund zu geben pflegte. – Das Weib wollte sich drohend aufrichten, aber die Gicht hielt sie nieder. »Hätt' ich nur nicht mein böses Bein, oder gar den Bock!« eiferte sie: »ich wollte Dich lehren, mir Galle zu machen! Nichts da; ich will von dem liederlichen Weib und ihrem verlaufenen Mann und ihrem Buben nichts wissen. Hat sie's nicht gut genug für ihre Sünden? Seitdem sie von Planail auf Burgeis gezogen ist, hat sie wohl Mangel gelitten? Strickt und spinnt sie nicht für die Leute? Hat sie nicht vom Anwald ein Stück Wiese geliehen bekommen, und hält sie nicht darauf ein paar Ziegen oder gar eine Kuh, ich weiß nicht recht? Geht sie nicht in's Tagwerk beim Anwald und stopft ihr die Kreuzwirthin nicht, was sie vermag, in den Sack? Darf sie nicht auf unsern Feldern sogar – Du bist schuld daran – Roggen und Gerste spiegelnSpiegeln: das Aehrenlesen der Armen auf dem Felde des Reichen. gehen? Rupft sie nicht alles Gras von den Rainen, um ihr schindeldürres Vieh zu füttern? Gibt ihr nicht der Schloßhauptmann Holz aus des Bischofs Wald und Streu mehr als genug? Bettelt sie nicht von allen Bäuerinnen Milch und Mehl? hütet nicht der Seraphin unsere Gänse, der Tagdieb, der erst neulich wieder eine unter's Rad kommen ließ, und den ich schon ein Dutzendmal fortgejagt habe, obgleich Du ihn immer wieder annimmst? Das Weibsbild lebt ja wie eine Prinzessin, was braucht sie noch?«

Der Krämer wagte nicht auf die Litanei zu antworten. Beistimmen konnte er nicht. Lärmen und Schreien wollte er auch nicht. Daher legte er sich ganz stille auf's Ohr und simulirte und grübelte geraume Zeit, bevor er einschlief.

Als der Frühmorgen herauf kam – eines prachtvollen Tages Vorbote – erhob sich Crescenz, wunderbar gestärkt, von ihrem Strohsack. Die Schusterin war 14 gegangen, nach ihrem Hauswesen zu sehen. Crescenz kleidete sich, als wenn's Sonntag wäre, in den kargen Trauerstaat, der ihr aus bessern Zeiten übrig geblieben war. Nachdem sie Gebetbuch und Rosenkranz ergriffen, weckte sie den auf der Erde schlummernden Seraphin. »Ach, der Grödner wird böse seyn, ich hab' seine Gänse ganz verschlafen,« hob der Bube an, die schlaftrunkenen Augen reibend. »Das ist alleins,« erwiederte die Mutter: »geh' mit mir zur Kirche.« Mit stiller Aufmerksamkeit betrachtete der Knabe die Frau, die aufrecht stand, wie in den Tagen der Gesundheit, wenn auch mit farblosen Wangen und tiefsinnigen Blicken. Er folgte der Hinausgehenden. Sie hielt sich etwas vor der Küche auf, um der Hauswirthin einen guten Morgen zu sagen. »Ei, schau' einmal! was fällt Dir ein?« fragte die Schusterin: »Wer hat Dich gesund gemacht, und wohin gehst Du?« – »Vergiß mir den Grödner nicht,« entgegnete Crescenz gelassen: »Bitte ihn doch, mir zu lieb, zu Sankt Stephan hinauf zu kommen. Schau': in seinem Hause mag ich nicht mit ihm reden; sein Weib kann mich nicht ausstehen. Und dann ist mir, als könnte ich vor dem Altare und zwar oben auf dem Berge, wo man dem himmlischen Vater näher ist, herzhafter herausreden, was ich ihm zu sagen habe. Er soll nur kommen, um Christi willen. Vergiß das nicht, Nandl.« – Wenn auch kopfschüttelnd ob des seltsamen Einfalls, beruhigte die Schusterin ihre Freundin durch eine liebreiche Zusage.

So wandelten sie denn, Mutter und Sohn, quer durch's Dorf, von wenigen Leuten gesehen und gegrüßt, an der Pfarrkirche und dem Widum vorüber, den Weg am Klosterberge empor. War auch die Luft rein und mild, und der Sonnenschein erquickend, so ging doch Frau Plaschur mit jedem Schritte langsamer. Sie stand endlich still, zeigte auf den bereits zu ihren Füßen 15 liegenden Gottesacker und sprach wehmüthig: »Dort – siehst Du das kleine Grab? – dort liegt Deine Schwester. Wenn wir zurückkommen, wollen wir am Grabe beten. Jetzt würde es mir zu weh thun; aber von droben kehr' ich sicherlich gestärkter zurück. Komm', daß ich mich auf Dich lehne: ich weiß nicht – mein Geist ist so hell, und doch mein Herz so matt und müde, daß die Beine fast nicht mehr fort wollen.«

Mit Anstrengung gewann die gute Frau die Höhe der Stephanskirche, die unter den Höfen, die zum Kloster gehören, einsam steht, als wie auf einem Vorsprung des Berges, und über einen großen Theil des Vintschgaus die freieste Aussicht gewährt. Die Kirche war offen und leer. Crescenz stieg auf der schmalen Treppe zur Emporkirche und setzte sich auf eine Betbank, den Altar im Gesichte. »Ach, hier ist's kühl und einsam,« sagte sie mit einer gewissen Zufriedenheit: »Hier werd' ich mir Ruh' erbeten. Geh' indessen vor die Kirche hinaus, Seraphin, und schau, wann der Herr Vetter ankommt, daß Du mir's sagest, damit ich dann mein Gebet beschließen kann. Wir sind bei guter Zeit wieder unten, zum Gottesdienst für das liebe Annele.«

Seraphin that, wie die Mutter ihm geheißen. Er setzte sich bescheiden an die Ecke der Kirche, wo man in's Thal hinunterschaut, und gab seinen Gedanken Audienz, wie er schon zum öftern gethan, wenn er mit des Grödners Gänsen auf dem Weideplatz gewesen war.

Da lag seine ganze Welt vor ihm, und viel mehreres noch als seine Welt: Burgeis, worinnen er alle Winkel kannte; das Schloß Fürstenburg, dessen finstrer Thurm schon vielmals seine Neugier und Einbildungskraft erregt hatte; gegenüber im Bergeinschnitt leuchteten die Häuser von Planail, wo sein Vater ein Wirthshaus gehalten und Krämerschaft getrieben hatte; zur Rechten, in der Mitte des Thals, streckte sich das vielgethürmte 16 Mals, wohin der Knabe schon manchmal im Winter und Sommer den Vater zu Markt und Schenke begleitet hatte; am Gebirge hin lagen die Dörfer Schleiß und Laatsch, wo nicht wenige Spielkameraden Seraphin's wohnten. Weiter hinaus schauten die Mauern der alten Stadt Glurns stattlich wie eine stolze Festung, von Gärten umgeben, aus den Wellungen des Thalbodens hervor. Das Dorf Tartsch bildete die Grenze der von Seraphin gekannten Erde; aber weiter drüben – wie viele Kirchthürme und Bergesspitzen winkten nicht dem sehnsüchtigen Auge des Knaben! Er bildete sich ein, befangen wie er war in seiner Dürftigkeit, dort drüben, und noch besser jenseits der Berge, sey nicht Leid, nicht Mangel zu finden, und er würde schleunigst von dort das Glück heimholen können, wenn er nur hinüber dürfte, frei, wie die Etsch, die hinausstürmt durch's Thal, lärmend und leichtsinnig aller Schranken spottend, wie ein brausendes Roß. Reichere Fluren, freundlichere Menschen würde er jenseits finden, dachte er. Die üppigen Kornfelder des Thals bei Burgeis, die fröhlichen Wiesen, emporsteigend an den Bergschwellungen der sogenannten Malserhaide, schienen ihm dürr und verwildert, gegen den Segen des unbekannten »Drüben« und »Draußen« gehalten. Es fiel ihm ein, die Mutter zu bereden, hinauszuziehen in das fremde schönere Land, wo ihr ein sauberes Häuschen nicht fehlen würde. Er selber wollte dann sich viele Mühe geben, ein rechter Bauer zu werden, und zwar ein feister und behaglicher, dem es nicht an Wein und nicht an Speckknödln und Kraut fehlen dürfe. Er wollte auf den Viehhandel ausgehen, und blanke Thaler sammeln, wie er's schon von Landleuten gesehen hatte, wann sie zur Herbstzeit im Wirthshause den halben Tisch vollzählten mit wohlerworbenem Silber. Und sein Waltl, sein liebster Freund, müsse dabei seyn und all das Glück theilen, beschloß der Knabe; und die 17 Mutter wolle er pflegen wie die Henne das Ei; und wenigstens so schön wie der Grödner und sein Weib wollten sie sich kleiden alle drei, die Mutter, der Waltl und der Seraphin; und essen wollten sie viermal im Tage, wie der Herr Anwald in Burgeis, wenn nicht noch öfter und besser; und einen Kramladen sollte daneben die Mutter führen, der wenigstens so schön wie der des Herrn Vetter seyn sollte, wo nicht noch schöner . . . .

Da sah der gute Seraphin, aus seinen Träumen erwachend, den städtischen Hut des Krämers über den nächsten Zaun auftauchen und auf den Hut kamen auch noch das lange Gesicht und die silbernen Knöpfe des Brusttuchs zum Vorschein; und der Bube meinte, es sey jetzt an der Zeit, der Mutter den Vetter anzusagen. Er nahm daher sein Hütl ehrerbietig unter der Kirchthüre ab, strich sich die Haare glatt, und näherte sich der Mutter, die nicht von ihrem Platze gewichen war. Sie kniete und hatte den Kopf in ihre gefaltete Hände gelegt. – »Mutter . . . . der Grödner . . . .,« sagte der Knabe halblaut, um die Weihe des heiligen Orts nicht zu stören. Die Mutter horchte nicht auf. – »He, Mutter, hört's denn nicht? Der Vetter, sag' ich, der Vetter kommt.« – Crescenz rührte sich nicht. Seraphin bog sich über ihren Nacken und schaute ihr unter's Gesicht. Die Augen der Frau schienen geschlossen. »Sie ist eingeschlafen,« lispelte Seraphin mitleidig, und winkte dem eintretenden Grödner, kein Geräusch zu machen. – Der Mann stutzte, trat hastig hinzu, rüttelte seine Base, und als dieselbe steif und blaß sich zur Seite neigte, an des Krämers Herz sinkend, rief er mit erschütterndem Tone: »Das ist der ewige Schlaf, Du armer Bube. Jetzt hast Du auch keine Mutter mehr!« – –

Der Mann sprach die lauterste Wahrheit. Crescenz 18 war nicht mehr zu erwecken. – Von diesem Augenblick an stand Seraphin ganz verwaist.

Er wußte eigentlich nicht, wem er angehörte zu dieser Frist. War er gleich ein Gegenstand der allgemeinen Theilnahme, so wurde dennoch unmittelbar nach dem Hintritt seiner Mutter nichts für ihn gethan. Er hatte völlige Muße, seinen letzten Liebespflichten gegen die Gestorbene nachzukommen, tausend- und tausendmal ihre abgemagerte treue Hand zu küssen, tausend- und tausendmal ihr Antlitz zu betrachten, sich's auf immerdar in's Gedächtniß zu prägen, bevor es ihm entrissen wurde, um dem finstern Erdenschooß als Eigenthum zu verfallen. Der Schuster litt zwar den Knaben noch im Hause, doch sollte diese Zuflucht dem Verlassenen nach der Bestattung der Frau Plaschur nicht mehr lange gegönnt seyn. – Der Vetter Grödner erschien zwar einigemal, und ließ gegen den armen Jungen ein paar Worte der Vertröstung fallen, aber bis zu einem sichern Versprechen wollte es nicht kommen. Die wackre Kreuzwirthin ließ dem Knaben sagen, sie wolle für's erste ihn mit Speise und Trank versorgen; der Pfarrer, ein gutmüthiger Benediktiner vom Marienberg, schenkte ihm einen Zwanziger, und redete ihm von den Lilien auf dem Felde, die der himmlische Vater kleidet; aber von einer festen Bestimmung für die Zukunft, von Liebe, Schutz und Schirm, wie der Verwaiste sie brauchte, war nie und nirgends die Sprache.

Da kam am Vorabend des Begräbnißtages der ehrliche kleine Oswald zu seinem Freunde, streichelte ihm herzlich die kalten Wangen und sagte ernsthafter, als er gewöhnlich zu thun pflegte: »Weißt Du was, Seraphin? Ich habe Dich lieb, ich bin Dir gut; Du kannst mich wohl leiden und mein Vater wie auch meine Mutter haben Dich gern. Komm' zu uns. Die Mutter hat gesagt, daß mit elf Kindern auch noch das zwölfte zu essen fände, und dem 19 Vater ist's recht gewesen. Komm' zu uns. Wir habens nicht gar so schlecht, wenn wir auch auf den »Platten« wohnen, wo der reichen Bauern nicht viele sind. Die Mutter kocht uns in der Woche alle Tage einen TürkenpultTürkenpult: eine rohe Speise aus Mehl vom türkischen Korn bereitet. Türken so viel als Mais., von dem man brav satt werden kann. An Sonntagen gibt's aber Schmalznudeln, bisweilen Abends Milch mit Brocken. Für's Gewand ist bald gesorgt: wir frieren im Winter beim Holzhacken und Streuschneiden nicht viel. Du wirst ohne Zweifel bald ebensoviel verdienen, wie ich bei meinem Bauer verdiene. Wir Kinder haben zwar keine Betten, und schlafen, wie's grad kommt, aber weißt Du was? Ich will Dich auf den Ofen lassen, wo ich selber bis dato gelegen bin, will Dir auch meinen Sack geben, zum Hineinschliefen. Da wollen wir vergnügt seyn, und groß wachsen, und stark werden, und wenn der Mensch nur einmal groß ist, so hilft ihm der Herrgott als ein kluger Alt-Vater schon weiter.«

»Du bist brav, Walt,« antwortete Seraphin, der den gutgemeinten Vorschlag ernstlich überlegte: »ich will schon, ich esse nicht so viel; auch sind meine Augen nicht größer als mein Magen. Zudem wäre ich bei Niemand in der Welt lieber auf der Kammer als bei Dir. Du bist ja mein Herzensbruder, hast mir so vielmal gegen den bösen Liebl-Lex geholfen, der mich immer nach der Schule hat schlagen wollen, ohne daß ich ihm was gethan hätte.«

»He, weißt Du denn, warum ich Dir half? Weil Du mich lang vorher von dem schiechen Hund am Lugeneck losgemacht hast, der mir den Janker zerrissen hat. Weißt Du noch? Du guter Seraphin bist grob zerbissen worden von dem »Kohler« und hast ihn doch nicht losgelassen, ihm eins nach dem andern auf's Maul gegeben, bis der Schwarze endlich geblutet hat, stärker als Du und ich.«

20 »Da hab' ich noch die Narbe,« versetzte Seraphin, selbstzufrieden seinen Arm vorweisend: »Aber die Schläge, die mir alsdann der Herr vom »Kohler« gegeben, weil ich mit dem Vieh gerauft, hab' ich gar nicht ein bissel gespürt. Das ist alleins; Du bist mein lieber Walt, einmal und allemal, und ich möchte Dich gar nicht mehr verlassen, so lang ich lebe.«

»Drumm komm' mit mir, Seraphin. Deine Mutter wird's noch im Himmel freuen, wenn sie uns beieinander sieht. Sie hat mich wohl leiden können. Drumm habe ich auch Deiner seligen Anna ein recht schönes HollerkreuzlHollerkreuz: Sobald in einer Ortschaft des Ober-Vintschgau eine Person gestorben, und die Nachricht davon verbreitet ist, beeilen sich die Knaben des Dorfs, ein jeder für sich, ein Kreuz von Hollunderholz zu fertigen: schmucklos, wie es die Eile erlaubt. Wer nun der erste im Todtenhause sein Kreuz darbringt, darf es der Leiche vortragen, einstweilen es auf ihr Grab stecken, bis ein andres bereitet, und dem Todtentrunke beiwohnen. gemacht, geschwind nachdem Du mir erzählt hattest, daß sie gestorben; bin recht gelaufen, daß mir kein andrer Bub' zuvorkommen sollte; hab's auch Allen abgelaufen und abgewonnen; hab' dem Madl richtig das Kreuz vorgetragen und auf sein budewinzig's Grab gesteckt. Wenn Du's nicht gesehen hast, so ist schuld, daß Du so viel weintest, was ich auch thäte, wenn mir ein Schwester'l hin würdeHinwerden: sterben; auch wenn vom Vieh gesprochen wird ist dieses Wort im Gebrauch.. Auch Deiner Mutter werd' ich das Kreuz vortragen und nach der heiligen Messe auf den Todtentrunk kommen, den der Grödner als ein Vetter der Seligen im Klosterwirtshaus gibt. Es soll mich recht freuen, wenn der Krämer oder der Schulmeister dort von Deiner Mutter den Leuten recht viel Liebes und Schönes derzählen, und – verlaß Dich auf mich – ich werd's Dir gleich widersagen.«

Seraphin weinte still beim Andenken der Entschlafenen. Bald jedoch faßte er sich und fragte mit knabenhafter Neugier: »Meinst, Waltl, daß recht viele Leute zur Leiche und zum Todtentrunk kommen werden?«

»Recht viele,« versicherte Oswald; »Manderleut und Weiberleut! So viel Füße in Planail herumlaufen, so viele kommen auch gewiß zu uns herunter, wenn morgen die Glocken geläutet werden; aus unserm Dorfe hat der Grödner ebenfalls, was Beine hat, aufgeboten, damit es 21 nicht an Volk mangelt. Er will in der Kirche Alles recht schön haben, und auch beim Todtentrunk wird's brav hergehen. Dein Vetter hat extra die schöne Stube im Klosterwirtshause dazu sich ausgebeten. Die Wirthin läßt Dir sagen, Du möchtest morgen fein bei ihr ankehren. Sie hat was Gutes für Dich. Wenn Alles vorbei ist, geh'n wir mit einander heim, und Du sollst zum Erstenmal an mein Platzl auf dem Ofen kommen.«

Die kleinen Freunde trennten sich spät mit den brüderlichsten Versicherungen. Seraphin sah von Stund an in dem lebhaften schnellentschlossenen Oswald einen Stern der Verheißung, der die trübe Nacht seiner kindischen Sorgen völlig heiter machte.

Der nächste Tag war ein festlicher. Das einfache Gepränge einer ländlichen Begräbniß-Feierlichkeit wurde diesmal bedeutsamer als sonst, vermöge der überaus zahlreichen Begleitung, die sich versammelte, um der Abgeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Die ernsthaften durchfurchten Gesichter der Landleute des Vintschgaus, die den ursprünglich romanischen Typus nicht verläugnen mögen – schnell eintretendes Altern nach kurzer Blüthe – schienen an jenem Tage doppelt nachdenklich und schwermüthig. Sogar die Züge der Männer von Planail, der leichtsinnigsten und lebenslustigsten unter allen, die dem Thale anwohnen, waren der Würde der Todtenfeier gänzlich angemessen. Wer da mit dem Sarge ging, gedachte mit tiefer Betrachtung des verfallenen Glücks der Familie Plaschur, der Verirrungen des flüchtig gewordenen Mannes, der schweren Lebensleiden der armen Frau, und des wunderbar gnädigen Todes, den ihr der Himmel geschickt auf der Schwelle der Verzweiflung.

Mit dem Gottesdienste erschienen die nächsten Freunde, die Gevatterleute und Nachbarn der Verewigten, so Männer als Weiber in ihren düstern Gewändern beim »weißen Kreuz« zum Todtentrunk. Eine lange Tafel 22 wartete ihrer in der sogenannten schönen Stube, die mit feinem Getäfel und Schnitzwerk verziert war. Dem uralten Gebrauch zufolge brachte jeder Gast sein flaches Brod, seinen Alpkäse in beliebiger Menge mit. Eine andere Speise darf beim Todtentrunk der gemeinen Leute nicht genossen werden, wenn schon dann und wann Reiche eine Ausnahme machten und eine ganze Mahlzeit vorsetzten. Den Wein stellte dagegen der Besorger des frugalen Mahls, der Vetter Grödner, im Ueberflusse auf. In zwei langen Reihen schaarten sich die Geladenen und Berechtigten um die Tafel. Zahlreiche Gruppen von Bettelnden beiderlei Geschlechts, Erwachsene und Kinder durcheinander, faßten am Eingange der Trauerstube Posto, oder durchstreiften treppauf, treppab das Haus.

Mittlerweile waren in der Hinterstube des Erdgeschosses die ansehnlichern Herren von Burgeis zusammengekommen: der Schloßhauptmann der Fürstenburg, ein adelicher Rentmeister des Bischofs von Chur, dem vormals ein großer Theil des westlichen Tirols in geistlicher Beziehung unterworfen war; der Hofrichter des Klosters Marienberg, welches dazumal seine eigene Jurisdiktion besaß; der Anwald von Burgeis, wie zu jener Zeit der Vorstand der Gemeinde geheißen wurde; einige der ihm untergebnen Dorfmeister; endlich der Bader des Orts. Sie alle waren da, ihren Morgentrunk zu nehmen und plauderten von Diesem und Jenem; von den Kriegsvorfällen in Italien, von den drohenden Märschen der Franzosen; von den Friedenshoffnungen, die hin und wieder aus Wien verlauteten; von den höchst bedenklichen Maßregeln, die von der ottomanischen Pforte gegen den Kaiser genommen worden waren. Wie immer wurde von den vergangnen guten und von den herrschenden schlechten Zeiten geredet. Der Wirth, ein heitrer Mann, der ab- und zuging seiner Gäste Gespräch aufzufrischen, 23 wie ihren Wein, brachte die schweren Steuern und Kriegszubußen auf's Tapet; der Anwald belegte des Wirths Andeutungen mit handgreiflichen Exempeln aus der Gemeinde selbst, beklagte sich über Forstzwang und Kamin-Taxen, schilderte die wachsende Last und Armuth des gemeinen Mannes; und somit kamen die Herren unvermerkt von Neapel und Spanien, von Belgrad und Sicilien, von dem gepriesenen Land- und Feldregiment Migazzi und den geschmähten Franzosen auf des Dorfs beschränktere Verhältnisse zurück; so auf die geringen Vorfälle des Tags, so endlich auf das just abgehaltene Leichenbegängniß. –

Der Klosterrichter, noch nicht lange im Amte, fragte: »Wer ist den das Weibsbild gewesen, das heute begraben worden? Was ist denn mit ihr vorgefallen, daß alle Welt von ihr den Mund voll hat?«

Der Rentmeister des Bischofs versetzte mitleidig: »Die Frau war zu gut für das gemeine Leben und ihr Elend. Sie mußte einen Jeden, der ein Herz hat, erbarmen. Sie hat sich mühsam durchgerungen, da sie noch ihren Mann hatte, geschweige erst, da er ihr davongelaufen war, nachdem er die übelste Wirthschaft gepflogen, und sein Haus an den Bettel gebracht hatte.« –

»Hm,« meinte der Jurist: »man hätte auf den Deserteur fahnden und ihn mit exemplarischer Strafe überfahren sollen; nach den Verordnungen des höchstseligen Kaisers Leopoldus zum Beispiel, oder nach gemeinem Recht. Was wird aus der Nachkommenschaft werden wenn eine solche vorhanden? Ich vermuthe, daß die Erbschaft nur sub beneficio inventarii angetreten werden will? Sind der Erbstollen mehrere zu der saubern Verlassenschaft?«

»Ein einziger Bub,« entgegnete der Wirth: »der arme HeiterHeiter, Haut, Hascher: das erstere Wort nur beim männlichen, das zweite beim weiblichen gebraucht. Beide dienen als Schmeichel- und Mitleidausdruck. Auch »Hascher« hat die Bedeutung eines recht armen, geringen unmächtigen Menschen oder Thiers., wie sich's versteht, erbt nur den blauen Himmel, dreihundert und fünf und sechzig Tage in einem 24 gemeinen Jahr und ein paar tausend MuttmalMuttmal: ein Feldmaß; soviel als »Tagwerk, Jauchart, Morgen« u. s. w. in andern Ländern. »Mutt« eine Wiese; auch zugleich ein Getraidemaß. Bergnebel auf dem OrtlerDer Ortler: der höchste Bergriese in Tirol, an dessen Flanken heutzutage die neue Straße nach Bormio über's Stilfser-Joch hinläuft.. Es wäre zu wünschen, daß sich ein Menschenfreund fände, der den Seraphin zu sich nähme.«

»Ein feiner Bub', mit offenem Kopf und rechtschaffenem Gemüth,« bestätigte der Anwald: »Der Herr Pfarrer und der Schulmeister haben ihn nie auf einer Lüge ertappt, sagen sie, und das ist viel auf einen Sohn des Lenhard, der verlogen und falsch gewesen ist, wie's nicht einen Zweiten gibt zwischen Nauders und der TöllDie Töll: altes Zollrevier an den Etschfällen in der Nähe von Meran. Dort hört Vintschgau auf, sowie es bei Nauders – nach den Begriffen der Eingebornen – anhebt..« –

»Es heißt Alles gesagt,« fügte der Bader, wichtig den Kopf schüttelnd, hinzu, »es heißt Alles gesagt, daß der Lenhard Plaschur noch heutzutage Verwandte im Engadin hat, die evangelisch sind, worunter sogar ein Prädikant.« – »Ah, ah, warum nicht gar? das wird nicht seyn!« riefen die Anwesenden im Chor, und räusperten sich und scharrten mit den Füßen; worauf eine tiefe Stille eintrat.

Der Richter unterbrach das Schweigen zuerst: »Ich möchte doch wissen . . . wie gesagt, ich möchte eruirt sehen, wie's im Grunde mit denen Plaschur ausgesehen hat? Es ist so vielerlei hin- und hergetragen worden. Welche Delicta stehen denn auf des alten Plaschur Kerbholz? Ich erinnere mich, in meines Vorgängers Akten gefunden zu haben, daß ein Plaschur mit dem gegenwärtigen Beständer des Klosterhofs Premafur einen Prozeß gehabt – adhuc sub judice lis – der sich in die Länge gezogen, und nachdem die beiderseitigen Advokaten ihre rechtliche Nothdurft genugsam verrichtet . . . .«

»Komm herein, Bub, komm herein, Seraphin,« unterbrach des gelehrten Redners Regensburger-Kanzleistyl die rührige Wirthin, indem sie den Sohn der seligen Plaschur hereinführte: »fürchte Dich nicht, küsse den Herren die Hand und befiehl Dich ihrer Gnade. Sie meinen's gut mit Dir, und Du kannst jetzo gar nicht genug Freunde und Fürsprecher haben, Du armer Narr.«

25 Seraphin folgte und fing das Handküssen beim gnädigen Herrn Rentmeister an, der – ein Wohlthäter der Mutter – den Sohn liebreich empfing und dem Klosterrichter vorstellte. »Es ist wahr: ein treffliches Ingenium spricht aus des Jungen Angesicht,« bemerkte der Jurist; »aber was sollen wir mit ihm anfangen? Am Gericht, an der Behörde von Glurns ist es, ihm einen Tutorem zu setzen.« – »Freilich,« erwiederte der Anwald, »aber der nächste beste Gutthäter, den der Bube finden möchte, dürfte herzlich gerne zum Vormund gewählt werden.« –

Die Wirthin versetzte mit nassen Augen: »ich bäte Euch wohl um Gotteswillen, Herr Anwald, dafür zu sorgen, daß ein rechtschaffner Mann dieser Waise Nähr- und Ziehvater werde. Es hätte sich schon einer angeboten, wie mir der Seraphin sagt: der Vitus Holzer auf den »Platten«; aber, daß Gott erbarm'! die Leutln haben schon elf Kinder und kaum genug an Brod, um diese zu ernähren.« – »Ja, ja,« meinte der Anwald; »die Aermsten sind immer am ersten bereit, wohlthätig zu seyn. Sie wissen, daß der Hunger weh thut. Ist denn aber nicht der Grödner ein Anverwandter zu den Plaschur? Wie kommt's, daß nicht gerade Er . . . .?«

»Du mein Gott!« seufzte Wirth und Wirthin: »Wenn's auf ihn ankäme, was thäte er nicht? Aber, die Herren wissen wohl, . . . . sein Weib ist nicht die beste, und er hat uns heute mit Zähren im Auge erklärt, sie habe ihm ein für allemal verboten, für den Buben seine milde Hand aufzuthun, oder ihn in's Haus zu nehmen; und obschon er noch gestern dazu bereit und entschlossen gewesen, hat er's doch um des Hausfriedens willen aufgegeben.« – »Ei, da wird man die Frau nicht viel fragen! mulier taceat!« rief der Richter, ein Hagestolz; aber auch der verheirathete Rentmeister setzte hinzu: »Das will ich meinen, Pardieu! der 26 Grödner soll ihr nur brav das Ellenmaß zu verkosten geben, so wird sie sich alsobald zum Ziele legen!«

»Behüt' uns Gott! TatzenTatzen: Streiche mit einem Stäbchen auf die Vorderfinger; eine Schulstrafe. und Ellenmaß!« brummte die Wirthin, eine schlechte Lateinerin. – Der energische Gebrauch des Herrenrechts, vom Richter und Rentmeister kaltblütig empfohlen, wollte der guten Frau trotz ihres Widerwillens gegen die Grödnerin nicht recht einleuchten. Sie schüttelte den Kopf mit der Frage: »Sollte es nicht in Güte gerichtet werden können, Herr Anwald?«

Der erleuchtete Gemeindevorstand, der seine Leute kannte, nickte, sich besinnend, wie die Sache anzugreifen seyn möchte. »Hab' ich nicht gehört, daß die Grödnerin krank geworden?« – »Ei ja,« antwortete der Bader: »noch obendrein tüchtig krank. Sie hat ein verzweifelt böses Bein. Ich gehe alle Tage zweimal hin, es zu verbinden. Sie kommt noch davon, das ist keine Frage, denn das Weib ist zäh wie eine Katze, und was böse ist, lebt lang. Aber es wird noch bei ihr Schmerzen der Menge absetzen und eine mörderliche Todesangst, denn die Rippe fürchtet sich erbärmlich vor dem Sterben.« – »Desto besser; so haben wir ja gefunden, was wir suchten,« sprach der Anwald beifällig: »für's erste müßt Ihr dem Drachen etwas mehr bange machen, Meister Johannes.« – »Das kann schon seyn, Herr Anwald.« – »Für's zweite – wenn sie recht in Leid und Aengsten ist, die schlimme Frau – schicke ich den Pfarrer über sie, oder besser den Pater Pius, der die Leute schon schwitzen macht, wenn er nur von weitem die Flammen der Hölle schildert. Ich wette: aus Todesfurcht wird sie sich wenden zur Wohlthätigkeit und Nächstenliebe, so daß sie keine Umstände machen dürfte, die frommen Absichten ihres Mannes in Betreff dieses Buben zu billigen und zu unterstützen. – Was meint Ihr?« fragte der Anwald die Dorfmeister, die ihrerseits keine Einwendung machten. Der Eine sagte, der 27 Grödner habe ohnehin keine Kinder mehr und sey ein wohlhabender Mann. Der Andere ließ einfließen, wie auf diesem Wege doch die Gemeinde nicht bemüßigt seyn werde, einen armen Tropf mehr aus ihren Mitteln aufzufüttern. – Der Richter warf hin, er wolle versuchen, dem Seraphin, im Fall er Geschick zum Studiren hätte, eine Stelle in dem Convikt zu verschaffen, das, wie er aus guter Quelle wisse, der kaiserliche Hofkriegsrath Johann von Radiff – eines Krämers Sohn von Burgeis – am Meraner Gymnasium zu stiften vorhabe. – Der Rentmeister hingegen, voraussetzend, daß Seraphin nicht zum Studiren kommen werde, wollte, ebenfalls mit der Zeit, aus dem Buben einen Jägerburschen, einen Forstläufer, einen Holzmeister machen, und ihm zu dem Ende vergönnen, bei seinen Söhnen dann und wann als Spielkamerad vorzusprechen, und die Brosamen von Gelehrsamkeit aufzuschnappen, die etwa ihr Hofmeister vom Lehrpulte fallen lassen dürfte.

Während dieses eifrigen Hin- und Herstreitens und Projektmachens um des Kaisers Bart hatte die Wirthin ihren kleinen Schützling wieder in die Schenkstube entführt. Dort sagte sie mitleidig zu ihm: »Gelt, Du Hascher, die Herren reden viel von dem, was sie in der Zukunft für Dich thun werden, aber gleich jetzt etwas zu richten, fällt ihnen nicht ein? Geh, dort steht ein Mues für Dich; iß davon, so lang Dir's schmeckt und vertrau' auf Gott mehr als auf die Menschen.«

Seraphin hockte sich hin und rief den Oswald herzu, der just hereinkam, um nach ihm zu schauen. Seraphin erzählte seinem Waltl, wie's ihm bei den Herren ergangen und sagte: »Wir wollen geschwind zu Deinem Vater gehen. Mir ist dort drinnen angst und bang worden. Die Herren wollen etwas Großes aus mir machen; aber sie ließen mich Hungers sterben, bis es dahin kommt. Ich will jedoch essen und arbeiten und 28 mich nicht mit Büchern plagen.« – Um dem Hunger nicht alsogleich zu erliegen, löffelte er begierig sein Mues auf, und der Napf war leer, ehe er sich dessen versah. Derweilen erzählte ihm Oswald, wie es oben herging: daß die Leute brav tränken, daß der Schulmeister und der Grödner obenan säßen und eifrigst beim Weintrinken mit einem guten Beispiel voranleuchteten; daß der feurige Etschländer den Gästen rothe Stirnen und Nasen mache, und daß der Schulmeister bald die Danksagung anheben würde. »Diese muß ich noch hören,« sagte Oswald: »dann gehen wir in Gottes Namen heim.«

Der GemeindesaltnerSaltner, Gemeindesaltner: Gemeindediener; in Südtirol der Weinbergwächter; wahrscheinlich von »Söldner« abstammend., den indessen der Anwald hinaufgeschickt hatte, um den Grödner herabzurufen, berichtete von demselben, die Danksagung sey vor der Thüre, und der Vorsitzer des Todtentrunks könne nicht wohl vor dem feierlichen Entlassungsspruch des Schulmeisters von seinen Gästen sich verabschieden. Später werde er kommen, wiewohl nur auf kurze Zeit, indem der Anschein vorhanden, als wolle sich der Todtentrunk mit etwelchen Wirthshaus-NachtlichtlnWirthshaus-Nachtlichtln; lockere Bursche, die gern die Nacht hindurch trinken und schlemmen. stark in den Nachmittag hinein verlängern.

»Eine feine Aussicht,« äußerte der Anwald mißvergnügt: »der Grödner hat, wie ich glaube, heut seinen nassen Tag, und die Planailer, denen ohnehin die liebe Sonne alltäglich zweimal aufgehtDie Planailer Sonne. In dem kleinen Bergdorf Planail sieht man vom 15. bis 29. November und dann vom 12. bis 28. Jänner – namentlich von dem Hause des Kuraten – die Sonne alltäglich zweimal auf- und zweimal untergehen. »In dem Verhältnisse, als der Tag abnimmt, wächst der Zeitraum zwischen dem ersten Untergang und dem zweiten Aufgang in dem Maße, daß die längste Dauer 1¼ Stunde beträgt, während welcher die Sonne gänzlich unsichtbar bleibt. Das umgekehrte Verhältniß tritt beim wachsenden Tage ein; denn vom 12. Jänner an vermindert sich täglich der Zeitraum dieses Sichverbergens der Sonne, bis sie endlich die Bergspitze, deren ganz eigene Stellung jene Erscheinung bewirkt, überstiegen hat, und dann auch in Planail einmal auf- und untergeht, wie anderwärts. Diese Berghöhe wird die »spitzige Lun« genannt. – (Staffler, Tirol und Vorarlberg; 2. Theil.), werden ihm schon dabei helfen. Dennoch möchte ich den Grödner noch im nüchternen Zustand sprechen; es ist wegen des Buben der Plaschur.«

»Ich denke, Herr Auwald,« redete einer der Dorfmeister darein, »es wird besser seyn, wenn der Grödner einen kleinen Dampf hat. Er ist ein herzensguter Dottl und am besten aufgelegt, wenn er den Wein spürt. Zugleich hat er alsdann mehr Kuraschi vor seinem Weib, und wenn man ihn dazu gebracht. daß er im Stieber 29 auf etwas seinen Handschlag gegeben, so hält er auch nüchtern, was er im Räuschl versprochen.«

»Das ließe sich hören,« gab der Anwald zu. Der Klosterrichter kam indessen mit seinem ewig wiederkehrenden Sprüchlein angestochen: »Wenn sich nur eruiren ließe, was eigentlich der Plaschur peccirt hat, welche Delicta auf seinem Kerbholze stehen, kurz, welch ein Curriculum vitae dieses böslichen Landläufers und seines hintangelassenen Weibes vorhanden seyn möchte?«

»Alles dieses können sie weitläufig genug haben, wenn Ihnen gefällig ist, mit mir hinaufzuspazieren und die Danksagung anzuhören?« erwiederte der Anwald: »Ich vernehme so eben einen gewissen Rumor aus der obern Stube. Gewißlich hat bereits der Schulmeister seinen Stuhl gerückt und will seine Rede anheben.« – »Ich gehe mit Ihnen, und sollt' ich darüber mein Mittagessen versäumen,« fügte der Richter zufrieden bei, und stieg mit dem Anwald die Treppe hinan.

Die Thüre der »schönen Stube« war halboffen, und gönnte den beiden Honoratioren völlig das Zusehen und Zuhören bei dem feierlichen Akt, der sich vorbereitete. – Die gesammte Tischgesellschaft saß steif und ehrerbietig mit unbeweglichen Gesichtern auf den Stühlen. Die Weiber hatten ihre mit Rosenkränzen verzierten Hände über dem Schürzenbande gefaltet, die Männer hatten die ihrigen so straff auf den Stuhl gestemmt, als fürchteten sie, der Sitz möchte unter ihnen weg davonlaufen wollen. Neben dem melancholisch im einzigen Lehnsessel ruhenden Grödner stand aufrecht der Schulmeister; ein kurzer dicker Mann, der, eben um seiner Fülle willen, von der muthwilligen Schuljugend den Spitznamen »Dampfnudel« überkommen hatte. Er lehnte sich mit beiden Fäusten auf den Tisch, und beobachtete vermöge dieser Fürsorge ein, wenn auch schwankendes, Gleichgewicht. Seine Augen, der flüssigen Begeisterung 30 voll, schauten steif gen Süden; während er vorläufig hustete, lauerte schon hinter der ernsthaft gerunzelten und glühenden Stirne diejenige Rührung, die nach dem Antrittskomplimente immer unaufhaltsamer hervordringen sollte. Er begann, der auserwählte Sprecher:

»Mit Erlaubniß! Ehrsame Herren und Nachbauern, ehrzüchtige Jünglinge, ehr- und tugendsame Frauen, auch Jungfrauen. Unsere gegenwärtige Zusammenkunft ist gewiß heute sehr traurig, indem sie uns an die Beerdigung unsrer lieben Mitschwester erinnert, weßwegen uns gegenwärtiges Traktiment von Wein, Brod und Käse vorgesetzt worden ist. Doch wissen wir schon ehevor, daß alle Menschen sterben müssen, und uns deßwegen die Stunde, der Tag und das Jahr unbekannt. Und so wird es mir denn erlaubt seyn, mittelst einiger wohlgemeinten Worte in Kurzem des Lebenslaufs der fürtrefflichen Frau zu gedenken, die wir heute, wie gesagt, zur geweihten Erde bestattet haben. Sie ist geboren worden im Enneberg und zwar von christlichen, leider zu frühe dieser Welt entrückten Eltern. Die Annehmlichkeit ihrer Leibesgestalt verursachte, daß ein ehrsamer Kaufmann von Botzen sie als eine Ladenmagd einstellte, woselbst sie viele Gunst bei Hohen und Niedern erlangt hat, und sattsam vergnügliche Anträge, ihren ledigen Stand zu verändern. In der Meinung, ihr Glück zu machen, verehlichte sie sich mit Lenhard Plaschur, einem detto Ladendiener aus dem Engadein gebürtig, und zwar ein Katholischer aus dem weltberühmten Brunnenorte Trasp, das zum hochfürstlich Dietrichsteinischen Lehen gehört, und zum Gerichte Raudersberg. Derselbe war in seinem Knabenalter in's Tirol gekommen und in den allerchristlichsten Grundsätzen von Gutthätern aufgezogen worden. Was helfen aber alle Grundsätze, wenn wir dem Teufel erlauben, an denselben zu rütteln?«

Der Redner seufzte tief, und trank, während alle 31 Gäste nachseufzten, auch der immer melancholischer werdende Grödner sich ahnungsvoll schneuzte, ein großes Glas Wein – wie man sagt – »überm Kopfe« aus, was soviel bedeuten will als auf einen Schluck und Druck. Er öffnete sodann einen Knopf an seiner Weste, und fuhr fort: »Dieser Ehebund ließ sich anfänglich, wie verlautet hat, gut an. Die Ersparnisse der Ehegatten begründeten ihnen ein feines Vermögen, und – es sind elf Jahre her – zogen sie, schon gesegnet mit einem Knäblein, in den wohlbelobten Ort Planail um daselbst ein Wirthshaus, einen Kramladen und ehrliche Landwirthschaft zu betreiben.«

»Elf Jahre und fünf Monate auf Bartlme,« verbesserte der Vorstand der Planailer, der gegenwärtig war. – Der Schulmeister sah sehr verdrießlich zu der Unterbrechung, schnalzte indessen nur mit dem Munde, und ging in seiner Rede weiter: »Einige Jahre hindurch war Glück und Zufriedenheit im Plaschur'schen Hauswesen, aber bald blieb der Segen aus, indem sich der Mann, der zu Botzen ein häuslicher Christ gewesen, an schlechte Gesellschaft hing; und diese verdirbt, wie man weiß, die besten Sitten.«

Die anwesenden Planailer schauten sich betroffen an und zuckten etwas in die Höhe. Ein strafender Blick des Schulmeisters und des Grödners mißbilligendes »Pst« stellten vorläufig die Ruhe wieder her.

»Daß ich es kurz mache: Lenhard hielt sich an die Karten und an den Wein, wurde sein eigner eifrigster Gast, und brachte im Verlauf von einigen Wintern sein Geldl durch. Das Häusel mußte ihm verkauft werden, und seine steigende Unbotmäßigkeit war von der Art, daß er vielleicht noch Schlimmeres geworden wäre, als nur ein schlechter Hausvater und Verschwender, wenn ihn nicht die Noth und Schande gezwungen hätten, in die Fremde zu entlaufen, woselbst er, wie vernommen 32 wird, gestorben seyn soll. – Jetzt, denkt euch ein bissel in seine Seele und Gewissensbisse, ihr Männer; ihr Weiber stellt euch vor, was die arme Crescenz hat leiden müssen.«

Der Redner schwitzte; die Planailer wechselten untereinander rachgierige Blicke, die Weiber zogen entweder die dunkelblauen Sacktücher oder die Schürzenzipfel vor Augen und Nase, um sich, wie in der Predigt, auf die laute Rührung vorzubereiten. Wirklich versetzte sich auch der Schulmeister in eine überreizte Stimmung, als er auf die Beschreibung von den Qualen und Bedrängnissen der Verlassenen überging und mit folgenden Worten der Zuhörer Seele zerriß: »Die letzte Kuh war aus dem Stalle, das letzte Schwein hatte verkauft werden müssen, und ein kaum gebornes Kind – Gott hat es jetzt zu sich genommen – schmachtete vergebens nach einem Trunk Milch! Die Zeiten des Glücks waren vorüber, das geselchte Fleisch hatte Platz gemacht den gesalzensten Thränen. Die Wittib – denn auch die Verlassene ist eine solche zu nennen – hat Planail verlassen und nach Burgeis ziehen müssen, wo die Barmherzigkeit ihr reichere Almosen versprach; und sie kam als eine Bettlerin, ohne Brod, ohne Geld, unter uns zu wohnen; ihr armes Herz zerstochen von tausend Schwertern, ihre armen Würmer kaum bedeckt gegen die Kälte, die Mildthätigkeit des Nächsten ihre einzige Zuflucht. Aber diese Leidende war ein Muster der Tugend und ein Bild der Demuth und eine muthige Christin, die tapfer kämpfte gegen den Satan des Hungers und der Verzweiflung! O welch ein Beispiel! O welch ein bittres Leiden!«

Der Schulmeister hielt inne. Die ihm zunächst sitzende Zuhörerin stimmte ihr: »Daß Gott erbarm!« an und alle Weiber folgten ihr mit demselben Ausruf in eine Fluth von Thränen, in ein Chaos von Schluchzen 33 hinein. Auch der dicke Lehrer ließ sein Schnupftuch wehen vor den nassen Augen; der Grödner wurde immer blässer und stieräugiger. Er gerieth nach und nach in das trunkene Elend, in denjenigen Zustand, der aus dem besonnenen oder fröhlichen Trinker plötzlich einen heulenden Jeremias macht. Er konnte seine heißen Zähren nicht mehr zurückhalten, da mit Salbung und Weihe der Schulmeister ihn selbst anredete, und ihm sagte. »Aber sie hat, die arme Haut, einen Tröster und Pfleger an unserm verehrten Dorfmeister und Traktirer gefunden, wie derselbe überhaupt an alle Ecken gestellt ist, der leidenden Menschheit auf die Beine zu helfen, und diesem Wohlthäter aller Bedrängten erlaube ich mir, nach dem Requiescat für die Selige, auch noch ein bescheidnes Vivat auszubringen. Er lebe lang zum Wohl unsrer zahlreichen Armen, und meine schwachen Dienste seyen nächst Gott, dem Herrn Pfarrer und der geliebten Jugend ihm auf immerdar geweiht! Für die Verstorbne aber, liebe Freundschaft, Gevatterschaft und Nachbarschaft lasset uns beten.«

Die Weiber achteten nicht auf das Vivat, und machten sich an die für die Ceremonie vorgeschriebenen Gebete. Die meisten Männer richteten sich nach den Weibern, bis auf den ersten Trauernden, den Grödner selber, der in so ungemessenes Weinen verfiel, daß ihn der Schulmeister kaum zu begütigen vermochte. »Ich bin ein Elender, ich bin ein armer Sünder, ich bin ein verdammter Unbußfertiger!« stöhnte der Grödner: »Wie kann ich vergelten, was Du von mir gesagt hast, Schulmeister? Du hast einen Heiligen aus mir gemacht! Schulmeister, was hast Du mit mir Abschaum von Süudhaftigkeit angefangen? O Schulmeister, wenn ich nur etwas thun könnte, um Dein Lob zu verdienen, ich armer, elender Mensch! ich wollte alles unternehmen, alles verrichten!«

34 »Ich will Euch Gelegenheit dazu geben,« sagte der Anwald, der sich unbemerkt in die Stube und neben den Krämer geschlichen hatte: »nehmt des Plaschur Seraphin in Euer Haus, erzieht ihn als Euern Sohn, und Ihr habt eine Staffel im Himmel errungen.«

»Eine Staffel im Himmel?« fragte der Grödner ganz selig entgegen; aber auf die kurze Heiterkeit folgte ein schwerer Guß von Thränen: »Der arme Seraphin! Er soll mein Bruder seyn; nein, mein Sohn soll er werden. Sie sind ihm ein Fürsprecher, Herr Anwald, und das ist schon genug. Wo ist er? laßt nach ihm schicken, ihr Leute.«

»Gebt Ihr mir die Hand darauf?« begann der Anwald wieder: »Bedenkt Euch wohl, der Mensch ist veränderlich.« – »Da ist meine Hand; ach meine sündige meineidige Hand!« – »Bedenkt Euch; noch einmal sage ich es Euch: ich will nicht, daß Ihr morgen bereuen sollet, was Ihr heute aus guter Eingebung thätet.«

»Ich bereue nichts als meine Sünden,« erwiederte der Grödner mit einem abermaligen Guß von Thränen. – »Recht; aber fürchtet Ihr nicht auch Euer Weib?« – »Da muß ich lachen,« – er weinte heftiger – »o mein Heiland, Du weißt, daß ich nichts fürchte als Dich und die gerechte Strafe meiner Missethaten. Ich werd' einen eichenen Prügel nehmen, Hochwürdiger« – er sah plötzlich den Anwald für den Pfarrer an – »und ihr den Buckel auf und ab karbatschen . . . .«

»Ist nicht nöthig, lieber Dorfmeister; gebt mir nur die Hand und zwar fest und ehrlich.« – »Fest und ehrlich, wie ein ganzer Mann.« – »Ich werd' Euch den Seraphin selber bringen.« – »Schön, und er soll mir lieb und wohlaufgehoben seyn, hochwürdiger Herr; aber dafür zankt in der Beichte nicht so arg mit mir wegen meiner Sünden. Wir sind alle sterblich und schwaches Fleisch.« –

35 Der weinende Krämer war dem lächelnden Anwald, indem er ihm unaufhörlich den Rock küßte, und mit seinen Zähren befeuchtete, bis vor die Thüre gefolgt. Die dort stehenden Dorfmeister und den Richter mit dem Finger bezeichnend, sagte der Anwald abermals: »Eure Hand, und zwar vor diesen Zeugen; gebt Ihr sie?« – Der Grödner that's ohne Widerrede, aber zur gleichen Zeit gab's Lärm in der schönen Stube; die Weiber stürzten wie eine aufgescheuchte Rabenschaar auf die Treppe heraus. Als die Vorsteher des Orts sich den Handel in der Nähe besahen, war's eine Rauferei. Die Planailer hatten das Ende des Gebets abgewartet, um dem Schulmeister an den Kragen zu gehen. Der kleine Mann zeterte wie ein auf die Folter Gespannter. Kaum, daß er unter dem Tische Schutz vor den auf ihn herniederregnenden Faustschlägen fand. – »Heda, ihr Leute, gebt's Ruh, in Gottesnamen!« schrie der Anwald und die Dorfmeister hielten den hitzigsten Planailer fest. Ganz bleich vor Zorn tobte derselbe: »Was hat der Lümmel von Schulmeister uns zu beleidigen? Sind wir eine schlechte Gesellschaft? He? Wär' mir nichts lieber!« – Ein Anderer fügte eben so erbittert hinzu: »Dem Plaschur hat's eine Ehr' seyn können, daß wir mit ihm die langen Nächte hindurch gespielt haben und seinen schlechten Wein zu trinken beliebten.« – »Laßt mich über'n Schulmeister,« sagte ein Dritter, voll von Wein und Zorn, »der Sakra soll uns nicht mehr schimpfen, uns Planailer. Wir sind wohl etwas mehr werth, als die Herren von Burgeis.« – »Wir werden zu Mals in den Wirthshäusern ganz anders spektirt, wie die Burgeiser, die Hungerleider,« schrien sie durcheinander: »ein Planailer trinkt ein PazeidPazeid: ein Flüssigkeitsmaß, ungefähr 18 Seidln enthaltend. voll LeitenweinLeitenwein: Wein, der an Bergen wächst; vorzüglicher als der in Ebenen wachsende sogenannte Bodenwein., eher als ein Burgeiser für'n Kreuzer EnzianEnzian: Branntwein, aus der Gentiana-Wurzel bereitet und sehr beliebt.! – »Halt's Maul!« befahl der Grödner: »macht euch durch, ihr Zöch'Zoch: im nördlichen Tirol ein »grober Gesell;« in Südtirol gleichbedeutend mit »Bursch oder Knecht.«.« – »Ei schau, was will denn der Rauschige? 36 leg' Dich schlaf'n, mit Dein'm Stieber!« höhnten die groben und undankbaren Gäste. Der Grödner kam außer sich und wollte, wenn gleich seine Augen noch von Thränen spiegelten, dreinschlagen ohne Gnade. Bei einem Haar hätten ihn die Planailer zum schuldigen Dank für die Bewirthung aus der Thüre geworfen. Aber der Anwald und seine Kollegen wußten die Sache nach mancher Mühe gütlich beizulegen, schoben die Erzürnten aus dem Hause und vertuschten den anstößigen Auftritt nach Kräften. Also endete der Todtentrunk zu Ehren der Frau Crescenz immer noch ruhiger als mancher andere, und die Wirthin hatte außer ein paar zerbrochenen Gläsern keinen Verlust und Schaden zu beklagen.

Als ein weiteres Ergebniß des Tags ist noch zu berichten, daß die klugen Anschläge des Gemeinde-Anwalds mit Erfolg gekrönt wurden. Der Grödner hielt dem Seraphin Wort, und die Grödnerin, aus Furcht vor den Flammen des höllischen Pfuhls, ergab sich in des Mannes Willen. Seraphin zog in des Krämers Haus, und so lange die Frau krank lag, ging alles gut. 37

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