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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
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8.
Der alte George

In jenem Teil Nord-Kensingtons, der in der Nähe von Ladbroke Grove liegt, hatte sich ein Fremder durch irgendein Mißgeschick verirrt. Er wanderte durch viele schmucke Straßen und stille Plätze, die den behäbigen Reichtum des oberen Mittelstands förmlich ausstrahlten, durch breite Alleen, wo blankgeputzte Wagen in der kleinen Auffahrt vor den Häusern warteten; und einmal geriet er in herrschaftliche Stallgebäude, wo Kutscher und Pferdeknechte unter lautem Hüh und Hott die Kutschen der reichen Leute von Notting Hill anspannten. Vielleicht hatte er es nicht besonders eilig, seinen Bestimmungsort zu erreichen, dieser Fremde – der übrigens mit unserer Geschichte nichts zu tun hat; jedenfalls verschmähte er die Hilfe eines vorübergehenden Polizisten und setzte seine ziellose Wanderung fort. Er kam nach Kensington Park Road, einer breiten Straße mit großen Gärten und kleineren ummauerten Vorgärten; dann bog er in eine Nebenstraße ein, ging noch etwa zwanzig Schritt weiter und befand sich mitten in einem schmutzigen Armenviertel.

Es war kein gewöhnliches Armenviertel, dieses kleine Stückchen London zwischen Westbourne Grove und Kensington Park Road. Es gibt da keine verfallenen Hütten und stinkigen Gäßchen, sondern straßenlange Häuserreihen mit würdevollen Treppenstufen zu vornehmen Haustüren, mit tiefgelegenen Wirtschaftsräumen, in denen einstmals längst verstorbene Dienstboten dem niederen Mittelstand einer vergangenen Zeit dienten. Die Straßen sind einem Heer schreiender Kinder in verschiedenen Abstufungen von Schmierigkeit überantwortet; die Korridore dieser Häuser haben weder Teppich noch Läufer, und in manchen teilen sich acht oder neun eng zusammengepferchte Familien in die Verantwortlichkeit des Mieters.

Schlumpige Frauen, die Arme in die ausgewaschene Schürze gewickelt, verbringen in diesen Straßen ihr ganzes Leben vor der Haustür; und an den Samstagabenden verdient wenigstens eine der Straßen den derben und unheiligen Namen, den ihr die Polizei gegeben hat: ›die kleine Hölle‹.

In eben dieser Straße gilt als das größte Verbrechen alles, was mit ›spitzeln‹ zusammenhängt. ›Spitzel‹ ist in Cawdor Street ein sehr viel umfassendes Wort; es kann Polizist bedeuten, Detektiv, Schulaufsichtsbeamter, Hausverwalter oder auch den Herrn, der von der Gasgesellschaft dazu angestellt ist, die Groschen aus den Münz-Gasmessern herauszuholen.

Nach Cawdor Street kam ein Mann, der eines der größeren Häuser mietete. Zur großen Überraschung des Vermittlers bot er die Miete in monatlichen Vorauszahlungen an; zur großen Überraschung der Straße nahm er keine Untermieter auf. Es war das einzige alleinstehende Haus in jener gesunden Straße, und zwar Nr. 49. Die Möbel kamen bei Nacht, wie es üblich ist unter Leuten, die ihr letztes bißchen Stolz in anständige Möbel und anständiges Hausgerät setzen. Cawdor Street, höchst gespannt auf die Dame des Hauses, erfährt zu ihrem größten Staunen, daß eine solche nicht vorhanden, daß der ›Neue‹ vielmehr Junggeselle ist.

Vor vielen Jahren war Nr. 49 die Wohnstätte eines Bauunternehmers gewesen; daher das kleine Hoftor an der einen Seite. Mit Befriedigung entdeckten die Bewohner von Cawdor Street, daß der neue Mieter den alten Glanz des Hauses zu erneuern gedachte. Jedenfalls wurde eine in die Augen fallende Tafel angebracht mit der Inschrift:

 

›J. Jones, Baumeister,‹

 

und der neugierige Herr Lane (aus Nr. 76), dem es gelang, einen Blick in den Hof zu werfen, entdeckte auf einer Seitentür in großen Buchstaben das Wort ›Büro‹.

Zu bestimmten Stunden, meistens am Abend, sprachen im ›Büro‹ grobgekleidete Männer vor, blieben eine Weile und gingen wieder. Zwei wacklige Leitern erschienen auf dem Hof und reckten ihre abgenutzten Sprossen über das Tor.

»Ich wollte heute 'nen alten Handwagen und 'nen Schubkarren kaufen,« sagte ›Herr Jones‹ zu einem der Arbeiter. »Wahrscheinlich werde ich's morgen kriegen zu dem Preis, den ich mir gesetzt hab; und es wäre kein schlechter Gedanke, noch ein paar Säcke Kalk und ein paar Wagenladungen Sand und Ziegel kommen zu lassen, dazu einige Hacken und Hebeeisen, um der Sache den letzten Schliff zu geben.«

Der Arbeiter grinste.

»Hast die Geschichte hier zur rechten Zeit eingerichtet, Connor,« sagte er.

Herr Connor – denn er und kein anderer war ›J. Jones, Baumeister‹ – nickte und stocherte nachdenklich mit einem Streichhölzchen in den Zähnen herum.

»Ich hab es schon lange kommen sehen, daß das andere Haus nicht mehr zu brauchen war,« sagte er mit einem Fluch.

»Verwünschtes Pech, daß Engel uns vorige Woche dort entdeckt hat. Ich hab das Haus hier ein paar Monate lang hergerichtet. 's ist 'ne nette Gegend, wo niemand groß herumschnüffelt, und die Jungens können sich hier treffen, ohne daß es jemand zu wissen kriegt.«

»Und der alte George?«

»Den bringen wir heute abend unter,« sagte der andere mit finsterm Gesicht. »Bat holt ihn her, und ich will hören, wie es zugegangen ist, daß er Engel an uns rangelassen hat.«

Der alte George war immer eine schwierige Frage für die ›Stadtbande‹ gewesen. Er nahm eine Vertrauensstellung ein, die nach Meinung vieler einem geistesschwachen alten Mann nicht zugebilligt werden durfte. War es sicher oder vernünftig, ihm das Silberzeug anzuvertrauen, das man mit soviel Mühe aus Roebury House beschafft hatte, und die Juwelen der Lady Ivy Task-Hender, für deren Entwendung ein gewisser Hog Stander eben jetzt seine sieben Jahre brummte? War es weise, ihn als Hüter eines leeren Hauses in Blackwall anzustellen, durch das Meister Engel Zugang zum Treffpunkt der ›Stadtbande‹ erhielt?

Manche bejahten diese Fragen, und zu ihnen gehörte die mächtige Partei, die Bat Sands, Curt Goyle und Connor zu den ihren zählte. Sie behaupteten, daß nie und nimmer Verdacht fallen würde auf diesen halbverrückten alten Herrn mit seinen ausgestopften Vögeln, seinen Goldfischen und seinen Käfigen voller Kaninchen und Mäuse; diese Ansicht wurde gestützt durch die Tatsache, daß Lady Ivys unschätzbare Diamanten monatelang in dem doppelten Boden des Ställchens lagen, welches in der seltsamen Menagerie des alten George die Meerschweinchen beherbergte, während zur gleichen Zeit die Polizei auf der Suche nach den Edelsteinen ganz London von innen nach außen kehrte.

Aber jetzt hatte sich eine Wolke über dem alten George zusammengezogen. Wenn man ihn auch unter seinem lebendigen Inventar gefunden hatte, fest an einen Stuhl gebunden und ein Taschentuch im Munde, so blieb doch ein gewisser Verdacht an ihm hangen. Wie hatte Engel ohne Wissen des Alten im oberen Zimmer losarbeiten können? Eine Erklärung wäre Engel nicht schwer gefallen. Tatsächlich hätte er die ›Stadtbande‹ hinsichtlich des alten George weitgehend beruhigen können, denn als er sich mit ihrer Höhle befaßte, hatte er sich vollkommen getäuscht über die Rolle des alten Mannes, der als ›Hausbesorger‹ in dem ›leeren‹ Haus fungierte.

In einer Droschke lauschte der alte George den Ermahnungen des Herrn Bat Sands; er lächelte töricht und fuhr sich ab und zu mit der Hand über den zitternden Mund.

»Connor will die ganze Geschichte von A bis Z wissen,« sagte Bat drohend; »und wenn du dumme Streiche gemacht hast, Alter, dann helf dir Gott.«

»Dann helfe mir Gott,« lächelte der alte George zufrieden.

Er fuhr sich mit den schmutzigen Fingern durch sein spärliches weißes Haar; das Lächeln schwand aus seinem Gesicht, und sein welker Mund verzog sich mitleiderregend.

»Herr Sands,« sagte er, hielt aber sofort inne; dann wiederholte er den Namen zehn-, zwölfmal vor sich hin und fuhr sich wieder über den Kopf.

Bat hatte sich vorgebeugt, damit ihm kein Wort des möglichen Geständnisses verlorenginge; nun fiel er leise fluchend wieder in seinen Sitz zurück.

Im Hause von ›J. Jones, Baumeister‹, waren alle, die zur ›Stadtbande‹ gehörten, vollzählig versammelt.

»Wenn er uns nun reingesenkt hat,« fragte Goyle, »was sollen wir da mit ihm machen?«

Es konnte über die Stimmung der Anwesenden wenig Zweifel bestehen; ein tiefes tierisches Knurren, erschreckend in seiner Wildheit, ging durch die Versammlung.

»Wenn er uns reingesenkt hat« – jetzt sprach Vinnis, die stumpfen Fischaugen fest auf Connor gerichtet – »müssen wir ihn natürlich ›abtun‹.«

»Du redst wie ein Narr;« sagte Connor verächtlich. »Wenn er uns reingesenkt hat, kannst du sicher sein, daß im selben Augenblick, wo er das Haus betritt, das ganze Grundstück von der Polente umstellt ist. Weiß Engel erst mal, daß der alte George zu uns gehört, so läßt er ihn Tag und Nacht beobachten, und hinter der Droschke, in der er herkommt, fährt 'ne andre, in der Engel sitzt. Nein, ich verwette meinen Kopf für den Alten. Aber ich möchte wissen, wie der verfluchte Engel ins Nebenhaus gelangt ist.«

Sie brauchten nicht lange zu warten, denn kaum hatte Connor zu Ende gesprochen, so ertönte Bats Klopfen an der Tür.

Da stand nun der alte George, halb geführt, halb hereingeschleppt, drehte den Hut zwischen den Händen und lächelte hilflos all die finsteren Gesichter an. Ganz leise murmelte er irgend etwas vor sich hin.

»Was sagst du da?« fragte Connor scharf.

»Ich sagte eben, ein Herr –« begann der Alte und verstummte gleich wieder.

»Was für'n Herr?« fragte Connor grob.

»Ich spreche von mir selbst,« sagte der alte Mann, und ein Ausdruck seltsamer Würde belebte seine Züge. »Ich sage und ich behaupte, daß ein wirklicher Herr ein Herr bleibt, mit was für Leuten er sich auch zusammentun mag. In meinem alten College hab ich mal einen Studenten scharf getadelt.« Er sprach mit stolzer, beinah hochfahrender Entschiedenheit. »›Es gibt einen Grundsatz,‹ sagte ich ihm, ›auf den ich Sie hinweisen möchte: De gustibus non est disputandum, und – und –‹«

Seine zittrigen Finger hoben sich zu dem geschwätzigen Mund, und das leere Lächeln trat wieder auf seine Züge.

»Paß mal auf,« sagte Connor und schüttelte ihn derb am Arm, »dein verfluchtes College interessiert uns gar nicht; wir wollen wissen, wie Engel in unsre Höhle gelangt ist.«

Der Alte sah ganz verblüfft aus.

»Ja, ja,« murmelte er; »selbstverständlich, Herr Connor, Sie sind immer sehr freundlich gewesen – die Höhle – ganz recht – der junge Mann, der das Zimmer im ersten Stock mieten wollte.«

»Ja, ja,« sagte Connor eifrig.

»Ein ganz vortrefflicher junger Mann,« schwatzte der Alte weiter, »nur sehr neugierig. Ich erinnere mich, als ich einmal zu einer großen Versammlung junger Männer in Cheltenham sprach – oder es können auch junge Damen gewesen sein –«

»Zum Teufel mit dem Kerl!« schrie Goyle in heller Wut. »Bring ihn dazu, klar zu antworten, oder stopf ihm das Maul.«

Connor winkte ihm zu schweigen.

»Laß ihn nur auf seine Art erzählen,« sagte er.

»Dieser treffliche Mann,« fuhr der Alte fort, der glücklich sein Thema wiedergefunden hatte, »verlangte Auskünfte von mir, die ich nicht zu geben gewillt war, Herr Connor, denn ich dachte an Ihre vielen Gefälligkeiten, besonders hinsichtlich eines gewissen Herrn Vinnis.«

»Ja, nur weiter,« drängte Connor; Vinnis' Gesicht war äußerst gespannt.

»Ich fürchte, daß mein sonst so lebhafter Geist zuzeiten einer gewissen Trägheit verfällt, die meinem Charakter – meinem eigentlichen Charakter – sonst fremd ist; ein fremder, unaufmerksamer Beobachter könnte sich dadurch verleiten lassen, mich als quantité négligeable zu betrachten. Als eine solche behandelte mich der treffliche junge Mann insofern, als er zu seinem Begleiter bemerkte, es sei ein Strick – jawohl, ganz eindeutig ein Strick – bereit für den besagten Herrn Vinnis.«

Vinnis' Gesicht war leichenblaß.

»Und wie ging's nun weiter?« fragte Connor. »Es waren ihrer zwei, nicht wahr?«

Der alte Mann nickte ernsthaft; er nickte ein paarmal hintereinander, als gefiele ihm diese Bewegung.

»Als der andere junge Mann – nicht der treffliche, sondern der andere – herausgefunden hatte, daß ich die Zimmer nicht vermieten konnte – und das durfte ich doch wirklich nicht ohne Ihre Erlaubnis tun, Herr Connor – da verwickelte er mich in eine Unterhaltung – und sehr laut hat er dabei geredet – über den relativen Wert von Kohl und Möhren als Futter für pflanzenfressende Säugetiere. Wo sich der liebenswürdige Herr unterdessen aufhielt, kann ich nicht sagen –«

»Ich kann's mir denken,« dachte Connor.

»Ich besinne mich sehr gut auf die ganze Sache,« fuhr der Alte fort, »weil mich in der Nacht seltsame Geräusche aus den leeren Zimmern oben erschreckt und beunruhigt hatten – Geräusche, die entsprechend einer ganz natürlichen Schlußfolgerung verursacht wurden –«

Er hielt inne, sah sich furchtsam im Zimmer um und sprach mit leiserer Stimme weiter.

»Durch gewisse Geister,« flüsterte er geheimnisvoll und deutete blinzelnd bald auf den einen, bald auf den anderen der Anwesenden.

Es lag etwas Unheimliches im Betragen dieses merkwürdigen Alten mit dem seltsam ausdrucksvollen Gesicht, und mehr als einen der hartgesottenen Verbrecher überlief es kalt.

Connor brach das Schweigen.

»Also so ist die Geschichte zugegangen, was? Einer hat sich mit dir unterhalten, und unterdessen ist der andere hinauf und hat sich oben versteckt? Na, Jungens, nun habt ihr gehört, was der Alte erzählt hat. Was sagt ihr nun?«

Vinnis rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und drehte sein großes ausdrucksloses Gesicht nach dem alten Manne hin, der noch immer seinen Hut zwischen den Händen drehte und leise vor sich hinmurmelte; in irgendeiner fernen Gegend, wohin ihn sein armer irrer Geist entführt hatte, unterhielt er sich mit einer eingebildeten Persönlichkeit. Connor sah, wie seine Stirn arbeitete; er fing auch ein paar abgerissene Sätze auf, bald in einer fremden toten Sprache, bald in einem gespreizten Schulmeister-Englisch.

Es war Vinnis, der schließlich für die Versammelten das Wort ergriff.

»Der Alte weiß verflucht viel, zuviel,« sagte er in seinem gleichmütigen Ton. »Ich bin dafür –«

Er konnte seinen Satz nicht beenden. Connor überschaute sie alle mit einem raschen Blick.

»Wenn hier einer ist,« sagte er langsam, »den es danach gelüstet, früh um sieben aufzuwachen und einen Herrn bei sich zu finden, der ihm die Hände auf den Rücken schnallt, und dann einen Kerl, der über ihm betet – wenn hier einer ist, den es gelüstet nach einem kurzen Spaziergang gleich nach dem Frühstück zwischen zwei Reihen von Wärtern hindurch bis zu einem kleinen Schuppen, wo 'n funkelnagelneuer Strick vom Dach runterhängt – wenn so einer hier ist, der kann mit dem alten George machen, was er will, aber nicht in diesem Hause.«

Er sah Vinnis an.

»Und wenn einer hier ist,« fuhr er fort, »der schon im Schatten des Galgens steht, so daß es auf ein paar Morde mehr oder weniger nicht mehr ankommt, so kann er tun, was er will – aber nicht hier im Hause.«

Vinnis wich zurück.

»'s liegt nichts gegen mich vor,« knurrte er.

»Der Strick,« murmelte der Alte, »Vinnis für den Strick,« kicherte er in sich hinein. »Ich fürchte, sie haben doch zu sehr damit gerechnet, daß ich nicht immer ganz beieinander bin – Vinnis –«

Der Mann, von dem er sprach, sprang auf mit einem fauchenden Laut wie ein gefangenes wildes Tier.

»Setz dich – du.«

Bat Sands mit dem kurzgeschorenen roten Haar schob seinen Stuhl zu dem wutschnaubenden Vinnis hin.

»Connor hat recht – wir wollen den Alten nicht umbringen, und auch uns selber nicht. Wenn wir schon hängen, dann soll es sich wenigstens verlohnt haben. Und der Alte, der is 'n bissel verrückt, weiter läßt sich da nichts sagen. Er muß hinter Schloß und Riegel bleiben –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.

»Wer ist das?« flüsterte er.

Auf den Zehenspitzen schlich Connor zu der verschlossenen Tür.

»Wer ist da?« fragte er.

Eine wohlbekannte Stimme beruhigte ihn; er öffnete die Tür und sprach leise mit jemandem, der draußen stand.

»'s ist jemand da, der mich sprechen will,« sagte er als Erklärung. »Schließ die Tür hinter mir zu, Bat,« und er ging eilig hinaus.

Kein Wort wurde gesprochen, aber jeder zog seine eigenen Schlüsse aus Connors hastigem Verschwinden.

»'ne Vollversammlung,« krächzte eine Stimme aus dem Hintergrund des Zimmers. »Connor hat uns alle eingeladen. Is es 'ne abgekartete Sache?«

Dasselbe hatte Bat gedacht.

»Nein,« sagte er, »'s liegt ja nichts gegen uns vor. Engel hat uns ja erst vorige Woche wegen Mangel an Beweisen freigelassen, und auf Connor ist Verlaß.«

»Ich trau ihm nicht, bei Gott!« meinte Vinnis.

»Ich trau niemandem,« sagte Bat dickköpfig, »aber auf Connor ist Verlaß –«

Es klopfte an der Tür.

»Wer ist da?«

»Gut Freund!« ließ sich eine gedämpfte Stimme vernehmen.

Bat schloß die Tür auf und Connor trat ein. Was er gesehen oder gehört hatte, mußte eine wunderbare Veränderung seines ganzen Wesens bewirkt haben: seine Wangen waren dunkelrot, und seine Augen blitzten triumphierend.

»Jungens,« sagte er, und die ansteckende Erregung in seiner Stimme entging keinem, »Jungens, ich hab die wunderbarste Sache für euch – 'ne Million Pfund, zu gleichen Teilen für uns alle.«

Die Aufregung, die seinen Worten folgte, fühlte er mehr, als daß er sie hörte. Er hatte sich gegen die halb offene Tür gelehnt.

»Ich möchte 'nen neuen Kameraden einführen,« plapperte er atemlos weiter. »Ich sag für ihn gut.«

»Wer ist es?« fragte Bat. »Kennen wir ihn?«

»Nein,« erwiderte Connor, »kein Mensch erwartet, daß ihr ihn kennt. Aber er verschafft das Geld, und das genügt dir wohl, Bat – hundert Pfund pro Mann, und noch heute abend wird ausgezahlt.«

Bat spuckte in die Hände.

»Bring ihn rein. Das is uns Sicherheit genug;« beifälliges Gemurmel ließ sich hören.

Connor verschwand einen Augenblick und kehrte mit einem gutgekleideten Fremden zurück, der den fragenden Blicken der Versammlung mit einem ruhigen Lächeln begegnete. Rasch glitten seine Augen über jedes einzelne Gesicht. Sie hafteten einen Augenblick auf Vinnis, sie ruhten zweifelnd auf dem alten George, der mit übergeschlagenen Beinen und tiefgesenktem Kopf auf einem Stuhl saß und mit größter Schnelligkeit leise vor sich hinredete.

»Meine Herren,« sagte der Fremde, »ich bin gekommen, um mir Ihre Hilfe zu sichern. Herr Connor hat mir gesagt, daß er Ihnen von den Realeschen Millionen bereits Mitteilung gemacht hat. Um es kurz zu machen: Ich habe mich entschlossen, anderen zuvorzukommen und das Geld mir selber zu sichern. Ich biete Ihnen die Hälfte des Geldes, pro Kopf den gleichen Anteil, und um Ihnen zu beweisen, wie ernst es mir ist, zahle ich jedem, der mir helfen will, bare hundert Pfund sofort aus.«

Er zog aus der einen Tasche ein dickes Bündel Banknoten und aus zwei anderen Taschen weitere Bündel. Diese reichte er Connor; die hungrigen Augen der ›Stadtbande‹ starrten gebannt auf das knisternde Papier.

»Was ich von Ihnen verlange,« fuhr der Fremde fort, »werde ich Ihnen später sagen –«

»Einen Augenblick,« unterbrach ihn Bat. »Wer sonst ist dabei?«

»Weiter niemand,« erwiderte der Mann.

»Ist Jimmy dabei?«

»Nein.«

»Ist Engel dabei?«

»Nein.«

»Weiter,« sagte Bat befriedigt.

»Das Geld befindet sich in einem Safe, der nur durch ein bestimmtes Wort geöffnet werden kann. Dieses Wort kennt niemand – bis jetzt. Der Schlüssel zu dem Wort ist dem Anwalt, der den Fall bearbeitet, vor ein paar Nächten gestohlen worden – von Jimmy.«

Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.

»Jimmy hat den Schlüssel nach Scotland Yard weitergegeben, und wir haben keine Hoffnung, ihn wiederzukriegen.«

»Nun?« fragte Bat.

»Es bleibt uns nichts weiter übrig,« fuhr der andere fort, »als den Safe mit etwas Wirksamerem als einem Wort zu öffnen.«

»Aber die Wache!« wandte Bat ein. »Der Anwalt hält 'ne bewaffnete Wache dort.«

»Mit der Wache läßt sich das schon einrichten,« sagte der andere.

»Könnten wir nicht an den Anwalt ran?« Dieser Vorschlag kam von Curt Goyle.

Der Fremde runzelte die Stirn.

»An den Anwalt kann man nicht ran,« sagte er kurz. »Nun, macht ihr mit?«

Er brauchte nicht zu fragen. Connor ordnete die Noten in kleine Bündel, und einer nach dem andern kam heran, nahm sein Geld in Empfang und verabschiedete sich nach ein paar Worten zu Connor mit einer linkischen Verbeugung vor dem Fremden.

Bat war der letzte.

»Morgen abend – hier,« murmelte Connor.

Er blieb allein mit dem Fremden; nur noch der alte Mann war da; er hatte seine Haltung nicht verändert und befand sich noch immer mitten in irgendeiner eingebildeten Unterhaltung.

»Wer ist das?« fragte der Fremde.

Connor lächelte.

»Ein ganz verrücktes altes Huhn. Ein Gentleman und ein Gelehrter dazu; spricht 'ne Menge verstiegener Sprachen – Lateinisch und Griechisch und Gott weiß was. Ist wohl früher Schulmeister gewesen; was ihn so runtergebracht hat – Trinken oder Koksen oder bloß so gewöhnliche Verrücktheit – das weiß ich nicht.«

Voller Interesse blickte der Fremde auf den geistesabwesenden Alten, und als ob ihm plötzlich zum Bewußtsein käme, daß er beobachtet wurde, fuhr der alte George jäh empor und glotzte den anderen blinzelnd an. Dann stand er mühsam auf und stierte dem Fremden scharf ins Gesicht, ohne sein Brummeln zu lassen.

»Ah,« sagte er, und man verstand jetzt, was er sprach, »ein Gentleman! Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, mein Herr, sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Omnia mutantur, nos et mutamur in illis, aber Sie haben sich nicht verändert.«

Und er verfiel wieder in sein Brummeln.

»Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen,« sagte der Fremde zu Connor gewandt.

»Ach, der alte George bildet sich immer ein, daß er alle Leute kennt,« meinte Connor grinsend.

»Ein Gentleman,« murmelte der Alte, »jeder Zoll ein Gentleman, und ein freigebiger Gönner dazu. Er hat sich ein Exemplar meines Buches gekauft – haben Sie es gelesen? Es heißt: – mein Gott, jetzt habe ich vergessen, wie es heißt – und er hat mich um Rat gefragt bei seinem – ach! – Anagramm –«

»Was?« Das Gesicht des Fremden war leichenfahl; er packte Connor am Arm. »Hören Sie, hören Sie!« flüsterte er in wilder Erregung.

Der Alte warf den Kopf zurück und starrte dem Fremden freundlich ins Gesicht.

»Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle,« sagte er mit rührender Unverfrorenheit; »stets hat er mich ›Herr Professor‹ angeredet, was äußerst zartfühlend und gentlemanlike von ihm war.«

Triumphierend zeigte er auf den Fremden.

»Ich kenne Sie!« rief er mit schriller Stimme, und sein zerbrochenes Lachen hallte durchs Zimmer. »Spedding, so heißen Sie! Und Rechtsanwalt sind Sie. Ich hab Sie mit meinem Gönner im Wagen fahren sehen.«

»Das Buch, das Buch!« keuchte Spedding. »Wie hieß Ihr Buch?«

Die Stimme des alten George hatte ihren normalen Tonfall wieder, als er mit übertriebener Höflichkeit antwortete:

»Gerade darauf, werter Herr, gerade darauf kann ich mich niemals besinnen.«

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