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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
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7.
Was das rote Kuvert enthielt

»Mein lieber Engel,« schrieb Jimmy, »ich empfehle Ihnen einen gewissen Herrn Spedding, einen sehr begabten Mann. Sollten Sie ihn zufällig einmal besuchen wollen, so tun Sie das in seinen Geschäftsstunden. Sollten Sie seine geheimsten Besitztümer untersuchen wollen, so verschaffen Sie sich Zutritt zu einem düsteren Haus an der Ecke von Cleys Road, einen Steinwurf entfernt von ›High Holly Lodge‹. In großen Buchstaben steht daran ›Zu vermieten‹. Im Souterrain befindet sich ein Kohlenkeller. Wenn Sie diesen Kohlenkeller sorgfältig absuchen, werden Sie eine steinerne Treppe entdecken, die zu einem unterirdischen Gang führt; dieser Gang bohrt sich unter der Erde fort, bis er auf Freund Speddings Privatgewölbe stößt. Wenn sich dies alles wie eine Seite von Dumas oder dem lieben Harrison Ainsworth liest, so ist das nicht meine Schuld. Ich habe unsern juristischen Berater gestern besucht und einen recht aufregenden Abend verbracht. Wenn ich heute morgen noch am Leben bin, so verdanke ich das meiner Vorsicht und vorausschauenden Weisheit. Das Ergebnis meines Besuches: der Schlüssel zu dem ›Safe-Wort‹ ist tu meinen Händen. Sie brauchen ihn nur abzuholen.«

Diese Botschaft erwartete Engel, als er am nächsten Morgen nach Scotland Yard kam. Auch er hatte schlaflose Stunden verbracht in dem vergeblichen Versuch, das Geheimnis des Knüttelverses zu enträtseln.

Ein Telegramm rief Kathleen Kent in die Stadt. Engel traf sich mit ihr in einem stillen Restaurant in Rupert Street; er war ganz überrascht von der zarten Schönheit dieses schlanken Mädchens mit den ruhigen grauen Augen.

Sie begrüßte ihn mit einem traurigen kleinen Lächeln.

»Ich fürchtete schon, Sie würden mich gar nicht mehr sehen wollen nach meiner Explosion neulich abend,« sagte sie. »Dieser – dieser – Mensch ist ein Freund von Ihnen?«

»Jimmy?« fragte der Detektiv aufgeräumt. »O ja, Jimmy ist so 'ne Art Freund von mir; aber er verdient alles, was Sie gesagt haben, und er weiß es auch, Fräulein Kent.«

Des Mädchens Gesicht verdüsterte sich einen Augenblick bei dem Gedanken an Jimmy.

»Ich werde nie begreifen,« sagte sie langsam, »wie ein Mann von seinen Gaben dahin kommen konnte, ein –«

»Aber er hat Ihnen doch gesagt, daß er beim Anlocken Ihres Vaters nicht beteiligt war,« protestierte der Detektiv.

Ganz erstaunt drehte sich das junge Mädchen um.

»Sie erwarten doch gewiß nicht von mir, daß ich diesen Ausreden glaube,« rief sie.

Meister Engel machte ein ernstes Gesicht.

»Gerade das würde ich Sie bitten zu glauben,« sagte er ruhig. »Jimmy macht keine Ausreden, und bestimmt würde er niemals lügen, um seine Fehler zu entschuldigen.«

»Aber – aber,« meinte Kathleen ganz verwirrt, »er ist ein Dieb, ohne es auch nur zu verbergen – ein schlechter Mensch.«

»Ein Dieb schon,« sagte Engel ernst, »aber kein schlechter Mensch. Jimmy ist für die meisten ein Rätsel. Mir ist er vollkommen verständlich; vielleicht, weil ich selbst zuviel vom Verbrecher in mir habe.«

»Ich wünschte, o ich wünschte, ich hätte Ihren Glauben an ihn! Dann könnte ich ihn von dem Verdacht lossprechen, daß er dazu beigetragen hat, meinen armen Vater zu ruinieren.«

»Ich meine wirklich, das können Sie tun,« sagte der Detektiv beinahe eifrig. »Glauben Sie mir, an Jimmy darf man nicht den hergebrachten Maßstab anlegen. Wenn ich ihn beschreiben soll, so würde ich sagen: er ist ein Genie, das in einem exzentrischen Kreis wirkt, der den strengen Kreis des Gesetzes manchmal überschneidet, manchmal nicht erreicht. Wenn ich sein erbittertster Feind wäre und Sie fragten mich als Polizeibeamten, was man mit Jimmy tun könnte, so müßte ich sagen: ›Nichts!‹ Ich weiß kein Verbrechen, dessen ich ihn anklagen könnte, außer dem zeitweiligen Umgang mit zweifelhaften Charakteren. Aber das kann man mir ebensogut vorwerfen. Ich will Ihnen mal was erzählen, Fräulein Kent. Der erste große internationale Fall, bei dem ich eine Rolle gespielt habe, war ein Riesendiebstahl bei der Ägyptischen Bank. Es handelte sich um etwa vierhunderttausend Pfund. Für den außenstehenden Beurteiler kam Jimmy gar nicht in Frage, aber wir, die wir den Fall bearbeiteten, hatten ihn in Verdacht, und zwar ziemlich stark. Die Eigentümer der Bank waren reiche Ägypter, und an der Spitze des Ganzen stand irgendein Pascha, einer der größten Schurken auf Gottes Erdboden. Es ist unmöglich, einer Dame genau zu erzählen, wie weit seine Schurkereien gingen, aber Sie können sich's ungefähr denken. Nun also, der Pascha wußte, daß Jimmy die Sache gemacht hatte, und wir wußten es auch, aber wir wagten es nicht zu sagen. Jimmys Verhaftung hätte automatisch den Ruin des Bankiers herbeigeführt. Damals ist mir klar geworden, mit welchem Typus Mann ich es zu tun hatte, und ich bin immer darauf gefaßt, wenn Jimmys Name in Verbindung mit einem schweren Verbrechen genannt wird, daß das Opfer sein Schicksal – und mehr – reichlich verdient hat.«

Ein leichter Schauder überlief das junge Mädchen.

»Das klingt schrecklich. Könnte denn nicht ein solcher Mensch seine Talente nützlicher verwenden?«

Zweifelnd zuckte Engel die Achseln.

»Ich habe es aufgegeben, über schlecht angewandte Talente nachzugrübeln; es ist ein Thema, das mich selber zu nahe angeht,« sagte er. »Aber was Jimmy betrifft, so bin ich eigentlich ganz froh, daß Sie von ihm sprachen, denn ich wollte Sie fragen, ob Sie ihn heute treffen können.«

»Aber das geht doch nicht,« meinte sie.

»Sie denken an die Geschichte neulich abend, als das Testament verlesen wurde? Nun, das müssen Sie vergessen. Jimmy hat den Schlüssel zu dem Vers, und es ist unbedingt notwendig, daß Sie heut nachmittag zugegen sind.«

Nach einigem Bedenken willigte sie ein.

 

In Jimmys Wohnung saßen die drei im Wohnzimmer um einen runden Tisch, der mit Zetteln und Papieren aller Art bedeckt war.

Das junge Mädchen war bei dieser Begegnung zunächst etwas ängstlich, aber Jimmys zurückhaltende Verbeugung trug mehr zu ihrer Beruhigung bei, als wenn er den Wunsch gezeigt hätte, sich in ihren Augen zu rehabilitieren.

Ohne weitere Einleitung zeigte ihnen Jimmy den Inhalt des Kuverts. Er sagte Kathleen nicht, auf welche Weise er in seinen Besitz gekommen war.

»Von all diesen Papieren,« begann Jimmy, »ist nur ein einziges von Nutzen, und selbst das macht die Verwirrung nur größer. Reale hat offenbar dieses verwünschte Kryptogramm lange Zeit mit sich herumgetragen. Er hat viele Entwürfe gemacht und sie dann wieder verworfen. Hier haben wir einen.«

Er schob eine Karte über den Tisch, auf der ein paar Worte in Reales charakteristischer Schrift standen.

Engel las:

»Das Wort mit fünf Buchstaben, das ich benutzen will, nämlich:

  1. Weiß aller 24 Sek.
  2. Unveränd. weiß und rot.
  3. Weiße Gruppe zwei aller 30 Sek.
  4. Gruppe Weiß abgebl. rote Sekt. aller 30 Sek.
  5. Unveränd. weiß und rot.«

Drunter stand: »Geht nicht; zu leicht.«

Ratlos ließ der Detektiv den Kopf hängen.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich rauskriegen kann, wieso das leicht sein soll,« sagte er. »Mir erscheint es genau so unsinnig und genau so schwer wie das andere.«

Mit einem stillen Lächeln der Befriedigung bemerkte Jimmy die Verwirrung des Detektivs. Er blickte das junge Mädchen nicht direkt an, aber von der Seite her konnte er ihr eifriges junges Gesicht sehen, wie es sich über die Karte beugte, und die hübsche Stirn, die sich in tiefe Falten legte bei dem verzweifelten Versuch, das seltsame Dokument zu entziffern.

»Dennoch war es leicht,« sagte er, »und wenn Reale bei dem Wort geblieben wäre, so hätten wir den Safe jetzt schon auf.«

Engel brütete über dem geheimnisvollen Schlüssel.

»Das Wort heißt, soviel ich sehen kann, ›Smock‹,« sagte Jimmy, »aber vielleicht –«

»Wie in aller Welt –«

»Ach, es ist ganz leicht,« sagte Jimmy munter, »und es überrascht mich, daß ein alter Reisender wie Sie nicht darauf gekommen ist.«

»Gruppe Weiß abgebl. rote Sekt. aller 30 Sek.,« las Engel.

Jimmy lachte.

Zum erstenmal sah das junge Mädchen diesen seltsamen Menschen seine gewöhnliche Zurückhaltung beiseite schieben, und sie bemerkte mit einer unerklärbaren Befriedigung, daß er entschieden hübsch war, wenn er so fröhlich lachte.

»Ich will es Ihnen übersetzen,« sagte Jimmy. »Ich werde es mal ausführlicher lesen: ›Gruppe Weiß abgeblendet durch rote Sektoren aller dreißig Sekunden.‹ Jetzt verstehen Sie es doch?«

Engel schüttelte den Kopf.

»Sie mögen mich für schrecklich dumm halten,« sagte er freimütig, »aber selbst nach Ihrer lichtvollen Erklärung tappe ich noch im Dunkeln.«

Jimmy lachte leise.

»Nehmen wir mal an, Sie führen heute abend nach Dover und setzten sich ans Ende des Piers. Es ist eine schöne Nacht, die Sterne stehen am Himmel, Sie blicken nach Frankreich hinüber, und Sie sehen –«

»Nichts,« sagte Engel langsam; »höchstens ein paar Lichter auf den Schiffen, und vielleicht das Blinkfeuer vom Calaiser Leuchtturm –«

»Das abgeblendete Blinkfeuer?« half ihm Jimmy auf die Sprünge.

»Das abgebl...! Bei Gott!«

»Freut mich, daß Sie dahinterkommen,« sagte Jimmy lebhaft. »Der alte Reale hat einfach die Namen von fünf berühmten Leuchttürmen genommen – jeder Schiffskalender sagt sie Ihnen:

 

Sanda.
Milford Haven.
Orkneys.
Caldy Island.
Kinnaird Head.

 

Sie bilden ein Akrostichon, und die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort ›Smock‹; aber es war zu leicht – und zu schwer, denn es gibt ein paar Leuchttürme, besonders die mit unveränderlichem Licht, die einander ganz gleich sind; deshalb hat er wohl diese Idee aufgegeben.«

Engel seufzte bewundernd.

»Jimmy, Sie sind ein Wunder,« sagte er einfach.

Jimmy, der sich mit den Papieren zu schaffen machte, warf einen heimlichen Blick auf das Mädchen.

»Ich bin sehr menschlich,« dachte er, ein wenig ärgerlich über diese Entdeckung.

»Jetzt kommen wir zu dem wichtigeren Schlüssel,« sagte er und glättete ein zerknittertes Papier auf dem Tisch.

»Dies hier hat, glaube ich, direkten Bezug auf unseren Vers.«

Die drei Köpfe beugten sich dicht nebeneinander über das bekritzelte Papier.

»Die Abbildung einer Ente, die T bedeutet,« buchstabierte Engel, »aber das ist ausgestrichen; und eine Schlange, die T bedeutet –«

Jimmy nickte.

»In Reales Vers,« sagte er nachdenklich, »kommen sechs Wörter vor; abgesehen von diesen sechs Worten hat der Vers meiner Meinung nach keinen Sinn. Sechs aneinandergereihte Worte, jedes durch besondere Schrift hervorgehoben. Hören Sie.«

Er nahm aus seinem Notizbuch den bekannten Zettel, auf dem der Vers geschrieben stand:

»Dieses Rätsel, schlau gestellt,
Lös es auf und nimm mein Geld.
Einen Riegel hol herfür,
Mach ihn fest an einer Tür,
Dann an eines Flusses Mund
Bringe schnell das Ganze, und
Pflücke Blätter, leg sie fein
In den Wasser-Napf hinein.
Dies Rätsel stammt aus einem Buch,
Das uns gebracht des Heils genug.«

»Wir haben da sechs Worte,« sagte Jimmy und schrieb sie untereinander, während er sprach:

»Riegel.
Tür.
Mund.

Blatt (oder Blätter).
Wasser.
Napf.

Jedes steht da für einen Buchstaben – aber für welchen?«

»Die Sache ist ziemlich hoffnungslos, wenn der alte Mann nach allen möglichen fernliegenden Gegenständen herumgesucht hat, die dann irgendeinen Buchstaben des Alphabets bedeuten sollen,« meinte Engel.

Das junge Mädchen murmelte etwas vor sich hin und begegnete Jimmys fragendem Blick.

»Ich sagte nur,« sprach sie zögernd, »daß mir in dem allen eine gewisse Methode zu liegen scheint.«

»Ausgenommen in dem da,« sagte Jimmy und zeigte auf die ausgestrichene Ente. »Danach würde es scheinen, als hätte Reale seine Symbole auf gut Glück gewählt, und weil ihm die Ente nicht gefiel, hat er lieber die Schlange genommen.«

»Aber,« wandte sich Kathleen an Engel, »ist es nicht verwunderlich, daß ein ungebildeter Mann wie Herr Reale auch nur solche flüchtigen Skizzen gemacht haben sollte, ohne von einem Vorbild abzuzeichnen?«

»Fräulein Kent hat recht,« sagte Jimmy rasch.

»Und ist da nicht etwas an diesen Zeichnungen,« fuhr sie fort, immer sicherer bei jedem Wort, »das Sie an irgend etwas erinnert?«

»An was?« fragte Engel.

»Das kann ich nicht sagen,« erwiderte sie kopfschüttelnd; »und doch erinnern sie mich an etwas und lassen mich nicht los, genau so, wie eine Notenfolge mich nicht losläßt, wenn ich sie nicht spielen kann. Ich habe das bestimmte Gefühl, daß ich solche Zeichnungen auch sonst schon gesehen habe, daß sie zu irgendeinem System gehören –« Sie hielt plötzlich inne.

»Jetzt weiß ich es,« fuhr sie leiser fort; »sie stehen in meinen Gedanken mit – der Bibel in Verbindung.«

Voller Verblüffung starrten die beiden Männer sie an. Plötzlich sprang Jimmy auf, brennend vor Erregung.

»Ja, ja,« rief er. »Engel, sehen Sie's denn nicht! Die beiden letzten Zeilen von Reales Knüttelvers –

›Dies Rätsel stammt aus einem Buch,
Das uns gebracht des Heils genug‹.«

»Weiter, weiter, Fräulein Kent,« rief Engel eifrig, »Sie sind auf der rechten Spur. Denken Sie nur weiter –«

Kathleen zögerte, dann wandte sie sich an Jimmy; es war das erstemal an diesem Tag, daß sie ihn direkt anredete.

»Sie haben wohl keine –?«

Jimmys Lächeln war ein wenig gezwungen.

»Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, Fräulein Kent, aber ich habe ein Exemplar,« sagte er mit einem Anflug von Bitterkeit. Er ging zum Bücherschrank am anderen Ende des Zimmers, nahm den Band heraus – es war ein vielgelesenes Buch – und legte es vor sie hin.

Der Tadel in seiner Stimme war verdient, das fühlte sie.

Rasch blätterte sie durch die Seiten, aber ihre Erleuchtung schien erloschen, denn nichts in dem heiligen Buch vermochte Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen.

»Ist es ein Spruch?« fragte Engel.

Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist – irgendwas,« sagte sie. »Das klingt sehr unbestimmt, nicht wahr? Ich dachte, wenn ich das Buch in der Hand hielte, würde mir alles wieder einfallen.«

Engel studierte das Bilderrätsel mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Hier haben wir wenigstens einen Buchstaben. Hatten Sie das schon, Jimmy?«

»Die Tür?« fragte Jimmy. »Ja, das ist so ziemlich klar. Wie das Wort auch heißen mag, der zweite Buchstabe ist P. Sehen Sie nur Reales verschmierte Notizen! Die alle taugen nichts, die anderen Buchstaben sind besser – das muß es wohl heißen; also können wir T, O und K ausschalten.«

»Den besten Aufschluß,« fuhr er fort, »geben die Notizen über den ›Professor‹. Lesen Sie:

 

›NB.: Das neue Buch des Professors besorgen.
NB.: Tun, was der Professor für richtig hält.
NB.: Dem Professor schreiben wegen –‹

 

Jetzt ist die Frage: Wer ist der Professor, was ist das für ein Buch, und wozu hat er geraten? Reale hat in Briefwechsel mit ihm gestanden, soviel ist sicher; in seinem Bestreben nach absoluter Genauigkeit hat er ihn um Rat gebeten. Es findet sich unter all diesen Papieren auch nicht die Spur eines Briefes, und wenn irgendein Buch existiert, so ist es noch in Sped – ist es noch an dem Ort, woher dieses rote Kuvert stammt.«

Die beiden Männer wechselten einen raschen Blick.

»Jawohl,« sagte Engel, als antworte er auf die unausgesprochenen Gedanken des anderen, »das ließe sich machen.«

Zweifelnd blickte das Mädchen von einem zum andern.

»Bedeutet das eine besondere Gefahr?« fragte sie ruhig. »Ich habe Sie nicht gefragt, wie dieses rote Kuvert in Ihren Besitz gekommen ist, aber ich habe ein Gefühl, als wäre es nicht ohne Gefahr beschafft worden.«

Engel übersah Jimmys warnendes Stirnrunzeln. Er war fest entschlossen, dem jungen Mädchen die Lichtseiten im Charakter seines seltsamen Freundes deutlich zu machen.

»Jimmy hat auf ganz besonders peinliche Art dem Tod ins Auge gesehen, um das Kuvert zu erlangen, Fräulein Kent,« sagte er.

»Dann verbiete ich jedes weitere Risiko,« sagte sie lebhaft. »Ich glaubte deutlich genug ausgedrückt zu haben, daß ich von Ihrem Freund keinerlei Gefälligkeiten anzunehmen wünsche, am wenigsten soll er aus Gefälligkeit sein Leben für mich aufs Spiel setzen.«

Jimmy hörte das alles, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte eine scharfe Zunge, wenn es ihm beliebte, und in diesem Augenblick beliebte es ihm.

»Sie können Fräulein Kent nicht eindringlich genug die Tatsache vor Augen halten, daß ich in dieser Sache interessierte Partei bin,« sagte er eisig. »Da sie mein Anerbieten abgelehnt hat, auf meinen Anteil an dem Geld zu verzichten, so dürfte sie sich erinnern, daß mein Interesse an der Erbschaft mindestens so groß ist wie das ihre. Was ich riskiere, riskiere ich nicht aus den höchst romantischen Motiven heraus, die sie mir zweifellos zugute hält, sondern aus dem sehr natürlichen Wunsche heraus, mir selbst zu helfen.«

Sie zuckte ein wenig zusammen bei dieser unumwundenen Rede; als sie dann erkannte, daß sie im Unrecht war, ärgerte sie sich über ihre Unbesonnenheit.

»Wenn das Buch – an dem Ort ist, wo diese Papiere waren, dann läßt es sich beschaffen,« fuhr Jimmy fort, der allmählich seine gute Laune zurückgewann. »Wenn der Professor noch am Leben ist, mache ich ihn ausfindig, und morgen hab ich eine Liste von allen Büchern, die überhaupt je von irgendeinem Professor geschrieben worden sind.«

Ein Gedanke schien ihn zu belustigen, und er lachte zum zweitenmal an jenem Nachmittag.

»Das wird ein großartiger Lesekursus für uns alle,« sagte er vergnügt. »Gott weiß, in welche geheimnisvollen Regionen der gelehrte Professor uns entführen wird. Ich kenne einen, der hat eine Abhandlung über Soziologie geschrieben, die auf zehn Bände angewachsen ist, und einen anderen, der sich über induktive Logik auf zwölfhundert enggedruckten Seiten ausgesprochen hat. Vor mir schwebt ein Bild, wie drei Menschen in einem wüsten Durcheinander gedankenreicher Druckwerke sitzen und in dickleibigen Büchern nach dunklen Anspielungen auf Riegel, Türen, Blätter und so weiter herumsuchen.«

Dieses Phantasiegemälde war zuviel für die Ernsthaftigkeit des Mädchens; mit einem fröhlichen Gelächter über seinen lustigen Einfall begann ihre Freundschaft mit dem Manne, der eingestandenermaßen ein Dieb und wahrscheinlich noch Schlimmeres war.

Jimmy suchte die Papiere zusammen und steckte sie sorgfältig wieder in das rote Kuvert, welches er Engel aushändigte.

»Legen Sie das in die Archive,« sagte er obenhin.

»Warum wollen Sie es nicht hier behalten?« fragte Engel überrascht.

Jimmy ging zu einer der drei hohen Glastüren, die auf einen schmalen Balkon hinausführten. Mit einem raschen Blick überschaute er die Straße, dann winkte er Engel heran.

»Sehen Sie den Mann da?« Er zeigte auf einen Müßiggänger, der auf dem gegenüberliegenden Trottoir herumschlenderte.

»Jawohl.«

Jimmy trat ins Zimmer zurück.

»Deshalb,« sagte er einfach. »Heute oder morgen nacht wird's hier einen Einbruch geben. Man läßt sich nicht ein Vermögen durch die Finger schlüpfen, ohne etliche Anstrengungen, es zu retten.«

»Wer ›man‹?« fragte das junge Mädchen. »Meinen Sie die schrecklichen Leute, die mich entführt haben?«

»Wohl möglich,« sagte Jimmy, »obgleich ich eben an jemanden anders dachte.«

Das junge Mädchen hatte den Mantel angezogen und stand unschlüssig an der Tür; Engel wartete.

»Leben Sie wohl,« sagte sie zögernd. »Ich – ich fürchte, ich habe Ihnen unrecht getan, und – und ich möchte Ihnen danken für alles, was Sie für mich getan haben. Ich weiß – ich fühle, daß ich unfreundlich gewesen bin, und –«

»Sie haben mir kein Unrecht getan,« sagte Jimmy leise. »Ich bin all das, wofür Sie mich hielten – und Schlimmeres.«

Sie reichte ihm die Hand, und er zog sie an seine Lippen, was gar nicht Jimmys Art war.

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