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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
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6.
Das rote Kuvert

Herr Spedding, der treffliche Anwalt, wohnte in Clapham, wo er ein prachtvolles herrschaftliches Haus besaß, ›High Holly Lodge‹.

Er war unverheiratet und fand Gefallen an Bridge und Madeira. Neugierige Nachbarn wären sehr erstaunt gewesen, hätten sie gewußt, daß Herrn Speddings Rechnung über Hausreparaturen in den ersten zwei Jahren seines Claphamer Aufenthalts über dreitausend Pfund betrug. Bekannt war nur, daß Herr Spedding unglaublich lange Zeit die ›Handwerker im Hause‹ hatte, daß es Männer waren, die eine in Clapham gänzlich unbekannte Sprache redeten, und daß sie während der Bauzeit in einer kleinen Wellblechbaracke untergebracht waren, die eigens zu diesem Zweck auf dem Grundstück errichtet worden war.

Ein Nachbar, der ab und zu einmal vorsprach, drückte sein Befremden darüber aus, daß er nach all der Arbeit keinen wesentlichen Unterschied in der Anlage des Hauses erkennen könne; seiner Meinung nach machte das Haus nach der Abreise der ausländischen Bauleute genau denselben Eindruck wie vor ihrer Ankunft. Herr Spedding begegnete allen beiläufig gestellten Fragen über das Ausmaß der baulichen Veränderungen mit äußerster Zurückhaltung. Er sprach unklar von neuen Durchlüftungssystemen und Zentralheizung.

Der Vorstadt-Spießer liebt es, die selbsterdachten Verschönerungen seines Besitzes vorzuführen, aber Herr Spedding begegnete allen verschleiert angedeuteten Wünschen nach einer Besichtigung seines Werks mit jenem gemütlichen Lächeln, das ihm in seinem Geschäft so sehr zustatten kam.

Ein paar Tage nach den Ereignissen im Depot auf der Lombard Street saß Herr Spedding einsam und allein vor seinem bescheidenen Abendessen in Clapham.

Neben ihm lag eine Abendzeitung, die er dann und wann ergriff, um noch einmal die Notiz über die Freilassung der ›Stadtbande‹ zu lesen. Es hieß da:

»Die in Verbindung mit der Spielhöllenrazzia in Poplar verhafteten Leute wurden heute entlassen, wie verlautet, weil die Polizei nicht genügend Beweise hatte, um eine Anklage zu rechtfertigen.«

Zweifelnd schüttelte der Anwalt den Kopf.

»Nicht übel ausgedrückt von Meister Engel,« sagte er mit einem schiefen Lächeln. »'ne gute Methode, das Gesicht der Polizei zu wahren; aber ich wünschte, wir wären die ›Stadtbande‹ los.«

Später sollte er Gelegenheit haben, seine Meinung zu ändern.

Es klopfte, und herein trat ein würdevoller Diener. Der Anwalt sah die Karte auf dem Präsentierteller an, zögerte einen Augenblick und sagte: »Ich lasse bitten.«

Jimmy kam ins Zimmer und verbeugte sich leicht vor dem Älteren, der sich bei seinem Eintritt erhoben hatte.

Schweigend warteten sie, bis der Diener die Tür hinter sich geschlossen hatte.

»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der Anwalt und winkte seinem Besuch, Platz zu nehmen.

»Gestatten Sie, daß ich rauche?« fragte Jimmy. Herr Spedding nickte.

»Ich komme in der Angelegenheit von Reales Millionen,« sagte Jimmy und folgte mit dem Blick dem Rauchwölkchen seiner Zigarette.

»Ich glaubte deutlich gemacht zu haben, daß dieser Gegenstand nur in meinem Büro zu den üblichen Geschäftsstunden zur Erörterung steht?« sagte der Anwalt scharf; Jimmy nickte.

»Sie werden zugeben, Herr Spedding,« erwiderte er leichthin, »daß das Realesche Testament ungewöhnlich genug ist, um ein Abweichen vom Hergebrachten seitens der glücklichen oder unglücklichen Erben zu rechtfertigen.«

Herr Spedding machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Ich will mich nicht in Ihre Geschäfte mischen,« fuhr Jimmy liebenswürdig fort, »und ich bin auch keineswegs neugierig zu erfahren, auf welch sonderbare Weise Sie die Bekanntschaft Ihres verstorbenen Klienten gemacht haben, oder welche Vergütungen Sie für solch einen außerordentlichen Auftrag empfangen haben; doch ich bin überzeugt, daß Sie für solche kleinen Unannehmlichkeiten, wie – sagen wir einen abendlichen Besuch meiner Person – reichlich entschädigt sind.«

Jimmy hatte eine besondere Art, die Worte zu wählen und stockend nach dem rechten Ausdruck zu suchen, der am besten jede Schattierung seiner Gedanken wiedergab. Der Jurist erkannte, worauf die Sache hinauslief, und begnügte sich mit einem nichtssagenden Achselzucken als Erwiderung.

»Ich frage nicht nach Ihren Beweggründen,« begann Jimmy von neuem, »ich will gern glauben, daß sie vollkommen uneigennützig sind, daß Ihr Verhalten der idealen Beziehung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer voll entspricht.«

Diesmal machte er eine längere Pause, und der Anwalt ließ sich zu einem ungeduldigen »Nun?« verleiten.

»Nun,« sagte Jimmy langsam, »da ich dies alles annehme, kann ich mir nicht erklären, warum Sie uns beim Verlesen des Testaments nichts davon mitgeteilt haben, daß ein Schlüssel zu dem geheimnisvollen Verschen existiert.«

»Es existiert kein Schlüssel,« sagte der Anwalt rasch, und dann fügte er hinzu: »soviel ich weiß.«

»Daß Sie uns nichts gesagt haben,« fuhr Jimmy fort, als habe er die Unterbrechung nicht gehört, »von dem großen roten Kuvert –«

Totenbleich sprang Spedding auf.

»Das Kuvert –,« stotterte er ärgerlich, »was wissen denn Sie – was für ein Kuvert?«

Jimmy winkte ihm, sich wieder zu setzen.

»Wir wollen doch keine Aufregung haben, keine Ausfälle, keine verletzten Ehrgefühle, das möchte ich herzlich bitten, lieber Herr Spedding. Ich will durchaus nicht sagen, daß Sie uns aus irgendwelchen dunklen Beweggründen die Auskunft über die ›große Überraschung‹, wie mein Freund Engel sagen würde, vorenthalten haben.«

»Ich weiß nichts von einem roten Kuvert,« sagte der Anwalt dickköpfig.

»Ich hatte mir schon gedacht, daß Sie das sagen würden,« meinte Jimmy, und es lag eine leise Bewunderung in seinem Ton. »Sie gehören nicht zu der Art Füchse, die gleich das erstemal, wenn der Hund sie stellt, sich winden und heulen – wenn Sie das Gleichnis gestatten –; ja, Sie hätten mich eigentlich enttäuscht, wenn Sie sich so aufgeführt hätten.«

Der Anwalt schritt durch das Zimmer.

»Schaun Sie mal her,« sagte er, vor der lässig hingestreckten Gestalt stehenbleibend, die sich hinter einer Wolke von Zigarettendunst im Armstuhl zurücklehnte, »da haben Sie nun eine Masse Zeit damit zugebracht, mir zu sagen, wer ich bin, meine zweifelhaften Eigenschaften zu beschreiben und mehr oder minder offen anzudeuten, daß ich ein recht ansehnlicher Schurke sei. Darf ich fragen, welchen Zweck Sie damit verfolgen? Vielleicht Erpressung?« erkundigte er sich heiser.

»Nein,« sagte Jimmy, durch die Brutalität der Frage keineswegs außer Fassung gebracht.

»Wollen Sie betteln, oder borgen, oder –«

»Stehlen?« murmelte Jimmy träge.

»Alles, was ich Ihnen zu sagen habe, ist dies: kommen Sie zum Schluß, und entfernen Sie sich dann. Überdies steht es Ihnen frei, morgen früh zu mir zu kommen, mein Büro zu durchsuchen und meine Schreiber auszufragen. Ich werde Sie auf meine Banken begleiten und in die Stahlkammer, die ich gemietet habe. Suchen Sie nach dem roten Kuvert, von dem Sie reden, und wenn Sie es finden, so steht es Ihnen frei, die schlimmsten Schlüsse zu ziehen.«

Jimmy zog ruhig an seiner Zigarette, den nachdenklichen Blick zur Decke gewandt.

»Sprechen Sie Spanisch?« fragte er.

»Nein,« sagte der andere ungeduldig.

»Schade,« meinte Jimmy im Ton echten Bedauerns. »Spanisch ist eine sehr nützliche Sprache, vor allem in Argentinien, für welches schöne Land, wie ich höre, ungetreue Rechtsanwälte eine besondre Vorliebe haben. Mein Spanisch bedarf ein wenig der Aufpolierung, und erst kürzlich habe ich mich darin geübt mit einem Mann, der, wenn ich nicht irre, Murrello hieß. Kennen Sie ihn?«

»Wenn Sie zu Ende sind, werde ich dem Diener läuten,« sagte der Anwalt.

»Er erzählte mir – der Spanier, meine ich – eine sonderbare Geschichte. Er stammte aus Barcelona, und als Maurer oder so etwas Ähnliches war er mit einigen seiner Landsleute nach England gekommen, um ein paar merkwürdige bauliche Veränderungen vorzunehmen am Hause eines Señor in – ausgerechnet Clapham.«

Rasch und stoßweise ging der Atem des Anwalts.

»Soviel ich verstehen konnte,« fuhr Jimmy lässig fort, »– mein Spanisch ist nämlich mehr andalusisch als katalonisch, deshalb entging mir manches seiner interessanten Ausführungen – soviel ich verstehen konnte, handelte es sich bei diesen Veränderungen um geschickt versteckte Stahlkammern, um Stahltüren, die kunstvoll mit billigen Holzschnitzereien bedeckt wurden, um schlau konstruierte Gewölbe unter harmlosen Küchen im Souterrain, um kleine Treppen in anscheinend solidem Mauerwerk und dergleichen mehr.«

Der leichte Ton war aus Jimmys Stimme verschwunden, und er hatte sich in seinem Stuhl aufgerichtet.

»Ich habe nicht den Wunsch, Ihr Büro zu durchsuchen,« sagte er ruhig, »oder vielleicht sollte ich sagen: nicht mehr den Wunsch, denn ich habe bereits jedes Loch und jede Spalte systematisch durchsucht. – Nein,« nahm er Spedding die Worte vom Munde, »nein, das war nicht ich, der den von Ihnen erwähnten ungeschickten Einbruch beging. Von mir haben Sie bestimmt keine Spuren gefunden, das schwöre ich Ihnen. Sie können die Schlüssel zu Ihrer Stahlkammer behalten, und ich werde Ihre Bankiers nicht bemühen.«

»Was wollen Sie?« fragte der Rechtsanwalt kurz.

»Ich will sehen, wie es bei Ihnen im Souterrain aussieht,« war die Erwiderung, und es bestand kein Zweifel, daß er im Ernst sprach, »vor allem anderen aber möchte ich das rote Kuvert sehen.«

Der Anwalt senkte die Stirn in tiefen Gedanken; seine Augen waren unentwegt auf Jimmys Augen gerichtet.

»Vorausgesetzt,« sagte er langsam, »vorausgesetzt, daß solch ein Kuvert existiert, vorausgesetzt – nur um der Diskussion willen – daß es diese mysteriösen Gewölbe und geheimen Kammern wirklich gäbe, wie kommen Sie vor allen anderen Erben dazu, eine Privatuntersuchung zu verlangen? Warum sollte ich Ihnen einen ungerechten Vorteil über die anderen verschaffen?«

Jimmy stand auf und reckte sich zu seiner vollen Höhe, ehe er erwiderte.

»Es gibt nur einen Erben, den ich anerkenne,« sagte er kurz, »nämlich das junge Mädchen. Das Geld gehört ihr. Ich will keinen Heller davon haben. Aber ebenso fest bin ich entschlossen, daß niemand anders auch nur einen Pfennig davon anrühren soll – weder mein junger Freund Connor« – er hielt inne, um den nächsten zwei Worten besonderen Nachdruck zu verleihen – »noch Sie.«

»Herr!« sagte der empörte Spedding.

»Noch Sie, Herr Spedding,« wiederholte Jimmy voll tiefster Überzeugung. »Wir wollen einander völlig verstehen. Sie sind meiner Meinung nach ein ziemlich anständiger Bürger. Ich würde Ihnen zehn- oder hunderttausend Pfund ohne die leisesten Besorgnisse anvertrauen. Ich würde Ihnen zwei Millionen in Bargeld nicht anvertrauen – aber die würde ich überhaupt niemandem anvertrauen. Die Höhe der Summe ist geeignet, Ihr sittliches Empfinden zu überwältigen. Je eher das rote Kuvert in Meister Engels Händen ist, um so besser für uns alle.«

Mit gebeugtem Kopf stand Spedding da; nervös strich er sich übers Kinn: er überlegte.

»Ein fixer Kopf,« dachte Jimmy; »wenn ich nicht auf der Hut bin, wird's hier Unannehmlichkeiten geben.«

Er beobachtete den Anwalt und sah, wie die harten Linien plötzlich aus dem gespannten Gesicht schwanden und dem gelassenen Lächeln wieder Platz machten.

»Versöhnung und teilweises Eingeständnis,« urteilte Jimmy, und seine Diagnose erwies sich als richtig.

»Na, Herr Jimmy,« sagte Spedding mit einer gewissen Herzlichkeit, »da Sie schon so viel wissen, kann ich Ihnen ja auch noch etwas mehr erzählen. Mein Haus ist tatsächlich, wie Sie so klug herausgefunden haben, in großem Ausmaß eine Stahlkammer. Ich habe so viele wertvolle Dokumente, die ich nicht ruhigen Herzens in meinem Büro aufbewahren könnte. Hier, sozusagen unter meinen Augen, sind sie sicherer. Die Papiere des verstorbenen Herrn Reale befinden sich, das gestehe ich, in diesem Hause; aber – achten Sie jetzt genau auf meine Worte – ob das von Ihnen erwähnte rote Kuvert darunter ist, weiß ich nicht. Ich habe eine große Menge auf diesen Fall bezüglicher Dokumente, die ich noch nicht alle habe durchsehen können. Es ist zwar schon spät, aber –«

Unentschlossen hielt er inne.

»– wenn Sie Lust hätten, die Geheimnisse des Souterrains zu besichtigen« – er lächelte liebenswürdig und war wieder ganz er selbst – »so würde ich mich glücklich schätzen, wenn Sie mir bei einer flüchtigen Durchsuchung behilflich sein wollten.«

Mit gespanntester Aufmerksamkeit war Jimmy bei der Sache.

»Gehen Sie voran,« sagte er kurz; nach einem leichten Zögern öffnete Spedding die Tür, und Jimmy folgte ihm ins Vestibül.

Entgegen seiner Erwartung führte ihn der Anwalt die Treppe hinauf und durch ein einfach möbliertes Schlafzimmer in ein anschließendes kleines Ankleidezimmer. An der Wand stand ein ganz gewöhnlicher Schrank, den Spedding öffnete; an Bügeln und Streckern hingen etwa ein Dutzend Anzüge, unter denen der Anwalt einen Augenblick herumtastete. Ein leises knackendes Geräusch – und die Rückwand des Schrankes tat sich auf.

Mit einem spöttischen Lächeln wandte sich Spedding zu seinem Begleiter.

»Die Methode Ihres Freundes Engel, sich Zugang zum Nest der ›Stadtbande‹ zu verschaffen, war keineswegs originell. Kommen Sie.«

Behutsam schritt Jimmy in das Dunkel hinein. Er hörte einen Knopf einschnappen: ein milder Lichtschein erhellte einen winzigen Raum, in dem zwei Männer bequem aufrecht stehen konnten. Die Rückwand des Kleiderschrankes fiel zu, und sie waren allein in einem kleinen Gemach von der Größe eines gewöhnlichen Schrankes.

An der einen Seite befand sich ein Stahlhebel, den der Anwalt vorsichtig anzog. Jimmy hatte das Gefühl des Hinabgleitens und hörte gleichzeitig das schwache, weit entfernte Surren einer Maschine.

»Ein elektrischer Aufzug vermutlich,« sagte er ruhig.

»Ein elektrischer Aufzug,« wiederholte der Anwalt.

Immer tiefer und tiefer ging es hinunter, bis sie nach Jimmys Berechnung mindestens sechs Meter unter dem Straßenniveau sein mußten. Dann fuhr der Lift langsamer und blieb schließlich vor einer Tür stehen. Diese öffnete Spedding mit einem Schlüssel, den er aus der Tasche zog, und sie traten in feuchtkalte, muffige Finsternis hinaus.

»Ich werde Licht machen,« sagte der Anwalt und tastete nach dem Schalter.

Sie befanden sich in einem großen gewölbten Raum, der sein Licht von der Decke empfing. Ihnen gegenüber war eine Stahltür, und an den Wänden standen auf eisernen Regalen eine Anzahl schwarzlackierter Kästen.

Jimmy las die Inschriften und war ein wenig überrascht von der Ausdehnung und Bedeutsamkeit der Speddingschen Praxis. Der Anwalt mußte seine Gedanken gelesen haben, denn er drehte sich lächelnd um.

»Sieht nicht gerade nach einem ungetreuen Rechtsanwalt aus,« sagte er spöttisch.

»Zwei Millionen Pfund,« erwiderte Jimmy rasch, »das ist meine Antwort, Herr Spedding. Ein ungeheures Vermögen bloß im Handumdrehen. Ich würde den Gouverneuren der Bank von England nicht trauen.«

Spedding war vielleicht etwas verärgert, als er auf die Tür zuschritt und sie aufschloß, aber er verstand es jedenfalls, seinen Ärger gut zu verbergen.

Als die Tür aufging, bemerkte Jimmy ein kleines Gemach, vier Fuß breit und sechs Fuß lang und so hoch, daß er nicht mit der Hand an die Decke reichen konnte. Es wehte ein frischer Luftzug, aber woher der kam, konnte er nicht feststellen. Die einzigen Möbel in der kleinen Zelle waren ein Schreibtisch und ein drehbarer Stuhl davor, der genau unter der elektrischen Deckenbeleuchtung stand.

Spedding zog eine Schreibtischlade auf.

»Ich lasse meinen Schreibtisch hier unverschlossen,« sagte er scherzend.

Es war charakteristisch für ihn, daß er sich nicht in Vorreden und Entschuldigungen erging, sondern ohne die geringste Verlegenheit in die Lade griff, ein umfangreiches rotes Kuvert herausnahm und es auf den Schreibtisch warf.

Man hat vielleicht vergessen, daß er eben noch das Vorhandensein des roten Kuverts bestritten hatte. Jimmy sah ihn neugierig an, und der Anwalt gab seinen Blick zurück.

»Ein neuer Typus?« fragte er.

»Doch nicht,« sagte Jimmy vergnügt. »Ich habe mal in Argentinien einen Mann wie Sie gekannt – er endete schließlich am Galgen.«

»Sonderbar,« meinte der Anwalt, »ich hab oft gedacht, daß ich vielleicht mal an den Galgen käme, aber ich hab nie recht eingesehen warum –« Beinah hätte er noch etwas hinzugefügt, aber er besann sich und hielt inne. Jimmy hatte das rote Kuvert in der Hand und prüfte es sorgfältig. Es war mit dem Siegel des Anwalts vielfach versiegelt und trug in Reales unleserlicher, ungeübter Hand die Aufschrift ›Entwürfe für Rätsel‹. Jimmy wog und befühlte es sorgsam; es enthielt ein kleines festes Päckchen.

»Ich werde dieses Kuvert öffnen,« sagte Jimmy bestimmt. »Sie haben es natürlich schon untersucht.«

Der Anwalt erwiderte nichts.

Jimmy brach die Siegel auf. Zur Hälfte beschäftigten ihn die Vermutungen über den Inhalt, zur anderen Hälfte die Absichten des Anwalts. Jimmy war viel zu erfahren, um sich durch das Entgegenkommen des aalglatten Herrn Spedding täuschen zu lassen. Er beobachtete jede seiner Bewegungen. Während er anscheinend mit einer eingehenden Prüfung des Päckchens beschäftigt war, ließ er den anderen nicht aus den Augen. Daß Spedding sich nicht rührte, war für Jimmy ein weiterer Beweis dafür, daß der große Coup bald erfolgen würde.

»Wir könnten uns ja das Kuvert ebensogut oben ansehen,« sagte der Anwalt. Der andere nickte, und sie verließen die Zelle. Spedding machte die Tür zu und verschloß sie fest, dann wandte er sich zu Jimmy.

»Haben Sie bemerkt,« sagte er mit sichtlicher Befriedigung, »wie geschickt dieses Zimmer konstruiert ist?« Er zeigte auf das Gewölbe, die eisernen Regale und die glänzenden schwarzen Kästen.

Jimmy war jetzt ganz auf dem Posten. Die Heiterkeit des Anwalts war allzu grundlos, seine Bemerkungen um eine Kleinigkeit zu gesucht. Sie klangen wie die lahme Einleitung zu einer Geschichte, die der Erzähler um jeden Preis vom Stapel lassen möchte.

»Hier zum Beispiel,« sagte der Anwalt und tippte an einen der Kästen, »haben wir anscheinend weiter nichts als einen gewöhnlichen Dokumentenkasten. Tatsächlich handelt es sich um eine geistreiche Erfindung zum Fangen von Einbrechern, wenn einmal zufällig welche in das Gewölbe eindringen sollten. Der Kasten läßt sich nicht mit einem gewöhnlichen Schlüssel öffnen, sondern durch Druck auf einen Knopf entweder von meinem Zimmer oder von hier aus.«

Er schlenderte ans andere Ende des Gewölbes, und Jimmy folgte ihm.

Für einen Mann von seinem Körperbau war Spedding außerordentlich beweglich. Jimmy hatte seine Flinkheit unterschätzt.

Das wurde ihm klar, als plötzlich das Licht ausging. Jimmy sprang auf den Anwalt los und prallte an die rauhe Steinmauer des Gewölbes. Rasch tastete er nach rechts und links, aber er griff nur ins Leere.

»Still gehalten,« befahl Speddings ruhige Stimme vom anderen Ende des Zimmers her, »und keine Aufregung. Ich werde Ihnen gleich meine Diebsfalle vorführen.«

Jimmys Finger tasteten an der Wand nach dem Lichtschalter. Als wäre seine Absicht erraten worden, sagte die Stimme des Anwalts:

»Das Licht ist abgestellt, Jimmy, und ich bin so ziemlich aus Ihrer Reichweite.«

»Das werden wir sehen,« war Jimmys gleichmütige Antwort.

»Und wenn Sie zu schießen anfangen, werden Sie nur die Luft im Zimmer noch etwas stickiger machen, als sie ohnehin ist,« fuhr Spedding fort.

Jimmy lächelte in der Dunkelheit, und der Anwalt hörte das knackende Geräusch vom Laden eines Revolvers.

»Haben Sie den kleinen Ventilator bemerkt?« fragte des Anwalts Stimme aufs neue. »Hinter dem stehe ich nämlich. Zwischen meinem unwürdigen Leib und Ihren Kugeln befindet sich eine zwei Fuß starke solide Mauer.«

Jimmy erwiderte nichts; der Revolver glitt wieder an seinen Platz. Er hatte eine elektrische Lampe in der Tasche, aber vorsichtigerweise ließ er sie dort.

»Ehe wir weitergehen,« sagte er langsam, »haben Sie vielleicht die Güte, mich über Ihre Absichten aufzuklären?«

Er brauchte drei Minuten Zeit – er brauchte sie sehr notwendig; vielleicht genügten zwei Minuten. Die ganze Zeit über, während der Anwalt sprach, war er eifrigst beschäftigt. Er hatte seine Schuhe abgestreift, als das Licht ausgegangen war; nun schlich er sich durch das Zimmer und glitt mit seinen feinnervigen Händen rasch über die rauhen Steinmauern.

»Was meine Absichten betrifft,« sprach unterdessen der Anwalt, »so dürfte es Ihnen doch ziemlich klar sein, daß ich Sie nicht der Polizei auszuliefern gedenke. Ich gedenke vielmehr, mein junger Freund, Sie ›abzutun‹, wie es in der üblichen Sprache der Verbrecherwelt heißt, womit gemeint ist, wenn Sie mir die förmliche Ausdrucksweise verzeihen, daß ich Ihnen verhelfen werde zu einer anderen und, wie ich trotz meines Pessimismus hoffe, besseren Welt.«

Er hörte Jimmys unverschämtes Lachen in der schwarzen Finsternis.

»Sie sind ein Mann nach meinem Herzen, Jimmy,« fuhr er bedauernd fort. »Ich möchte fast wünschen, daß mir diese schmerzliche Pflicht erspart bliebe; aber es ist eine Pflicht – eine Pflicht, die ich der Gesellschaft und mir selbst schuldig bin.«

»Sie sind ein amüsanter Kerl,« sagte Jimmys Stimme.

»Es freut mich, daß Sie das finden. Jimmy, mein junger Freund, ich fürchte, unsere Unterhaltung muß nun ein Ende haben. Verstehen Sie etwas von Chemie?«

»Ein wenig.«

»Dann werden Sie meine Diebsfalle zu schätzen wissen,« sagte er mit unheimlicher Genugtuung. »Sie haben vielleicht den lackierten Kasten mit dem durchlöcherten Deckel bemerkt? Wirklich? Ausgezeichnet! Er enthält zwei Abteilungen und darin getrennt zwei chemische Substanzen in bestimmten Mengenverhältnissen. In diesem Augenblick hält meine Hand den Hebel, der die beiden vereinigt. Wenn Zyankali mit Schwefelsäure zusammentrifft, wissen Sie, welches Gas sich dann bildet?«

Jimmy gab keine Antwort. Er hatte gefunden, was er suchte; sein Gespräch mit dem spanischen Maurer war also nicht zwecklos gewesen. Es war ein kleiner steinerner Vorsprung an der Mauer. Er drückte ihn nach unten und empfand ein Gefühl von Kälte. Er streckte die Hand aus, und wo feste Mauer gewesen war, griff er ins Leere.

»Hören Sie mich, Jimmy?« fragte die Stimme des Anwalts.

»Jawohl, ich höre,« erwiderte Jimmy und tastete nach der Kante der geheimen Tür. Seine Finger fuhren an der glatten Randfläche hinab und fanden die beiden Schnapper.

»Blausäure,« sagte des Anwalts aalglatte Stimme, und Jimmy hörte das Einschnappen des Drückers.

»Leben Sie wohl,« sprach wieder die Stimme des Anwalts, und taumelnd stürzte Jimmy durch die offene Tür, die er hinter sich zuschlug. Ein schwerer Duft wie von Mandeln umhüllte ihn.

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