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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3.
Meister Engel

Niemand weiß eigentlich recht, wie Meister Engel zu der Stellung gekommen ist, die er in Scotland Yard einnimmt. Bei seiner Ernennung bezeichnte ein ›langjähriger Beamter‹ in einem ›Eingesandt‹ an die ›Polizeiliche Rundschau‹ die ganze Sache als ›eine Schiebung‹. Wahrscheinlich hatte er recht. Denn in seiner kurzen, doch nutzbringenden Karriere war Meister Engel mancherlei gewesen, aber niemals Polizeibeamter. Er war Jäger auf Großwild gewesen, Sonderberichterstatter und Magistratsschreiber; am nächsten war er der verantwortlichen Stellung bei einer Polizeibehörde gekommen, als er zum Friedensrichter in Rhodesia ernannt wurde und als Mitglied der Tuli-Kommission den schwarzen Strauchritter M'Linchwe samt sechs seiner Gefährten aufhängte.

Sein Bekanntenkreis erstreckte sich bis in die Londoner Vorstädte, deren Bewohner sich so gern eine Gänsehaut über den Leib jagen lassen; mit angenehmem Gruseln lauschten sie Meister Engel, wenn er die Geschichte von der Hinrichtung mit allen Einzelheiten erzählte.

In den vornehmen Londoner Salons war er vor allem als erfolgreicher Vermittler in allerhand Schwierigkeiten bekannt.

»Wer ist denn der alt aussehende junge Mensch da mit dem bösen Blick?« fragte die verwitwete Herzogin von Hoeburn; ihr Visavis bei der Teegesellschaft der hochwohlgeborenen Frau Carter-Walker setzte sich den gänzlich unnötigen Klemmer auf die Nase.

»Ach, das ist Meister Engel,« sagte er gleichgültig.

»Was ist er?« fragte die Herzogin.

»Polizeibeamter.«

»Indien?«

»O nein, Scotland Yard.«

»Großer Gott!« rief Ihre Durchlaucht entsetzt. »Wie gräßlich! Was macht er denn hier? Die Gäste beobachten, oder auf die silbernen Löffel der guten Carter achtgeben?«

Der junge Mann wieherte vor Lachen.

»Verachten Sie mir nicht Freund Engel, Herzogin,« sagte er. »Es lohnt sich, mit ihm bekannt zu sein. Fabelhafter Kerl, wenn sich's drum handelt, irgend 'ne Sache in Ordnung zu bringen. Wenn man etwa mal 'nen Streit mit seinem alten Herrn hat, oder in die Hände von – hm – unerwünschten Herrschaften gerät, oder sonstwie in der Tinte sitzt – Engel ist der Mann, einem rauszuhelfen.«

Ihre Durchlaucht beobachtete den tüchtigen jungen Mann mit neuem Interesse.

Meister Engel, eine Tasse Tee in der einen und ein belegtes Brötchen in der anderen Hand, bildete den Mittelpunkt einer Gruppe von Herren, unter denen sich auch der Hausherr befand, und sprach mit großer Lebhaftigkeit.

»Ich hatte drei Asse und eröffnete das Spiel leicht, um sie zu reizen. Der junge Saville erhöhte den Einsatz auf einen Zehner, und der Geber ging noch zehn höher. George Manfred, der gepaßt hatte, setzte fünfundzwanzig Pfund und kaufte eine Karte. Ich kaufte zwei und zog ein weiteres Aß. Saville kaufte eine, und der Geber kaufte nicht. Ich dachte, das Geld gehörte mir, und setzte fünfundzwanzig Pfund. Saville erhöhte auf fünfzig, der Geber auf hundert, und George Manfred verdoppelte die Summe. Nun war's an mir. Ich hatte vier Asse. Ich vermutete, daß Saville ein ›Full‹ und der Geber ein ›Flush‹ hatte. Also die beiden waren leicht zu schlagen; aber wie stand's mit Manfred? Manfred hat's hinter den Ohren. Er wußte, was die andern hatten. Wenn er setzte, so war ihm das Geld sicher; deshalb legte ich meine vier Asse beiseite. George hatte ein ›Royal Flush‹.«

Wenn der ›langjährige Beamte‹ zugehört hätte, so wäre er wohl in seiner Meinung bestärkt worden, daß ausgerechnet Herr Engel am allerungeeignetsten sei, die ihm zugefallene verantwortliche Stellung auszufüllen.

Ehrlich gesagt: es wußte niemand so recht, welche Stellung Engel eigentlich innehatte. Wenn Sie den Portier in Scotland Yard nach Herrn Christopher Angel fragen – ›Meister Engel‹ war, nebenbei gesagt, ein Spitzname, den ihm ein keckes kleines Mädchen gegeben hatte – so führt Sie der Beamte, nachdem Sie sich genügend ausgewiesen haben, eine Treppe hinauf und übergibt Sie einem anderen Beamten, der Sie durch unzählige Drehtüren und zahllose Korridore geleitet, bis er endlich vor einer Tür mit der Zahl 647 stehenbleibt. Drinnen finden Sie dann Meister Engel, wie er mit Hilfe einer Nummer des ›Sport‹ und eines kleinen ›Wochenführers durch die Rennbahn‹ die Zeit totschlägt.

Einmal trat der Herr Kommissar in höchsteigener Person unangemeldet ins Zimmer; Engel, umgeben von offenen Büchern und großen, mit engen Zahlenreihen bedeckten Bogen, war so vertieft in eine verwickelte Berechnung, daß er den Eintretenden gar nicht bemerkte.

»Wo steckt die Schwierigkeit?« fragte der Herr Kommissar; mit dem unschuldigsten Lächeln sah Engel auf und erhob sich, als er seinen Besucher erkannte.

»Na, wo steckt die Schwierigkeit?« fragte der Herr Kommissar noch einmal.

»Ein ziemlicher Reinfall, Herr Kommissar,« sagte Engel vollkommen ernsthaft. »Da hat ›Mimosa‹ ein Handikap von vierundzwanzig Kilo gekriegt, während ich berechnet hatte, daß sie ein Kilo an das Feld abgeben und die ganze Bande schlagen würde.«

Der Kommissar schnappte nach Luft.

»Mein lieber Junge,« stellte er ihn mild zur Rede, »ich dachte, Sie bearbeiteten die Affäre mit der Lagos-Bank.«

Ein abwesender Blick lag in Engels Augen, als er antwortete:

»Ach, das ist erledigt! Der alte Carby ist vergiftet worden von einem gewissen – ich hab den Namen jetzt vergessen, aber es war ein Mann aus Monrovia. Ich habe an die Polizei in Lagos telegraphiert, und wir haben den Kerl heute früh in Liverpool erwischt – haben ihn von einem afrikanischen Bananenschiff runtergeholt.«

Der Kommissar strahlte.

»Herzlichsten Glückwunsch, Engel. Ich hatte bei Gott schon gedacht, wir würden den Leuten in Afrika nicht helfen können. Ist ein Weißer mit hineinverwickelt?«

»Das wissen wir noch nicht,« sagte Engel geistesabwesend; sein Blick glitt fortwährend an einer Zahlenreihe auf und ab, die auf dem vor ihm liegenden Papier stand. »Ich möchte es beinah annehmen – ein gewisser Connor, der beim alten Reale Croupier oder so was Ähnliches war.«

Finster blickte er auf das Papier nieder; dann nahm er einen Bleistift vom Schreibtisch und machte blitzschnell eine kleine Berechnung.

»Fünfundzwanzig Kilo,« murmelte er.

Der Kommissar klopfte ungeduldig auf den Tisch. Er hatte sich in einem Sessel Engel gegenüber niedergelassen.

»Mein Lieber, wer ist der alte Reale? Sie vergessen, daß Sie unser Auslandsspezialist sind. Gott, Engel, wenn Sie nur die Hälfte der schrecklichen Geschichten kennten, die über Ihre Anstellung erzählt werden – Sie stürben vor Scham!«

Mit einem kurzen Lachen schob Engel die Papiere beiseite.

»Schämen tu ich mich schon lange nicht mehr,« sagte er leichtsinnig; »und außerdem kenn ich die Geschichten. Sie fragten eben nach Reale. Reale ist ein Charakter. Zwanzig Jahre lang Eigentümer einer der herrlichsten Spielhöllen in Ägypten, Rom – Gott weiß wo. Bildung: keine. Liebhaberei: Erfindungen. Das ist sein Steckenpferd – zu erfinden. Höchstens noch eines hat er: Vexierbilder und Rätsel. Schweine im Klee, fehlende Worte, all die Schwindel-Preisfragen, wie billige kleine Zeitungen sie ausschreiben – an denen beteiligt er sich stets. Wohnt Terrington Square 43.«

»Wo?« Der Kommissar runzelte die Stirn. »Reale? Terrington Square 43? Ja, natürlich.« Er warf Engel einen sonderbaren Blick zu. »Sie wissen alles über Reale?«

Engel zuckte die Achseln.

»Soviel eben jeder weiß,« sagte er.

Der Kommissar nickte.

»Na gut, nehmen Sie eine Droschke und fahren Sie sofort nach Terrington Square 43. Ihr alter Reale ist vorige Nacht ermordet worden.«

Es war eine Eigentümlichkeit von Meister Engel, daß nichts ihn überraschte. Die ungeheuerlichsten Nachrichten nahm er mit höflichem Interesse entgegen, und jetzt sagte er weiter nichts als: »Du meine Güte!« Etwas später, als er in einer schnellen Hansom-Droschke durch Whitehall fuhr, gestattete er sich ›baff‹ zu sein.

Vor Nr. 43 am Terrington Square stand ein Häuflein sensationslüsterner Neugieriger in düsterer Erwartung irgendeiner schauerlichen Begebenheit. Ein Polizist ließ ihn ein, und der Bezirksinspektor unterbrach das Verhör eines schreckensbleichen Dieners, um ihm kurz guten Morgen zu wünschen.

Engels vorläufige Untersuchung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Er sah sich die Leichen an, die man noch nicht fortgebracht hatte, durchsuchte die Taschen beider Männer und überflog die Papiere, die in dem Zimmer, wo die Tragödie stattgefunden, am Boden verstreut lagen. Dann ging er in den großen Salon zurück und sprach mit dem Inspektor, der am Tisch seinen Bericht schrieb.

»Der Kerl im obersten Stock ist natürlich der Mörder,« sagte Engel.

»Das weiß ich,« erwiderte der Inspektor barsch.

»Und wurde durch einen elektrischen Strom getötet, der durch den Griff des Geldschranks lief.«

»Das habe ich mir auch gesagt,« entgegnete der Inspektor wie vorher und schrieb weiter.

»Der Mörder heißt Massey,« fuhr Engel geduldig fort – »George Charles Massey.«

Mit einem spöttischen Lächeln drehte sich der Inspektor auf seinem Stuhl um.

»Auch ich,« sagte er spitz, »habe die Kuverts gesehen, die diese Anschrift trugen und in seiner Tasche gefunden wurden.«

Engels Gesicht war außergewöhnlich feierlich, als er fortfuhr:

»Über den dritten bin ich mir nicht so ganz im klaren.«

Argwöhnisch blickte der Inspektor auf.

»Der dritte – welcher dritte?«

Gut gespieltes Staunen ließ Engels Augenbrauen als umgekehrte V erscheinen.

»Es war noch einer dabei. Wußten Sie denn das nicht, Herr Inspektor?«

»Ich habe keine Anhaltspunkte für die Anwesenheit eines dritten gefunden,« sagte er steif; »aber ich habe meine Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.«

»Gut!« sagte Engel munter. »Wenn Sie soweit sind, werden Sie drei Zigarettenstummel finden – zwei in dem Zimmer, wo der Alte ermordet wurde, und einen in dem Raum mit dem Geldschrank. Sie tragen die Marke ›Al Kam‹ – eine ziemlich teure ägyptische Zigarette. Massey rauchte Zigarren; der alte Reale rauchte überhaupt nicht. Die Frage ist« – er sprach laut zu sich selbst und beachtete den verblüfften Polizeibeamten weiter nicht mehr –, »war es Connor oder war es Jimmy?«

Der Inspektor bekämpfte den Wunsch, seine Neugier auf Kosten seiner Würde zu befriedigen, und beschloß, die Haltung überlegener Ungläubigkeit einzunehmen. Er machte sich wieder über seine Arbeit.

»Es dürfte ziemlich schwierig sein, diese beiden zu belangen,« wandte sich Engel nachdenklich an den Rücken des Inspektors. »Sie würden fünfzig tadellose Alibis beibringen und außerdem wegen unberechtigter Verhaftung klagen,« fügte er listig hinzu.

»Das können sie nicht,« sagte der Inspektor mürrisch.

»So?« fragte der unschuldige Engel. »Na, auf jeden Fall ist's nicht ratsam, sie zu verhaften. Jimmy würde –«

Inspektor Boyden drehte sich heftig auf seinem Stuhl herum.

»Ich weiß nicht, ob Sie mich zum besten haben, Herr Engel. Sie wissen vielleicht nicht Bescheid über das in London übliche Vorgehen bei Kriminalfällen; ich muß Ihnen mitteilen, daß augenblicklich ich mit der Sache beauftragt bin, und ich muß Sie bitten, wenn Sie irgendwelche Aufklärungen über dieses Verbrechen geben können, dies sofort zu tun.«

»Mit dem allergrößten Vergnügen,« sagte Engel herzlich. »Zunächst mal ist Jimmy –«

»Den vollständigen Namen, bitte.« Der Inspektor tauchte die Feder ein.

»Hab keine blasse Ahnung,« sagte der andere achtlos. »Alle Welt kennt Jimmy. Er war die erfolgreichste Lockente des alten Reale. Hatte auch das Benehmen und das Gefieder dazu und sah lebendig so aus, daß die andern kleinen Enten alle angeflogen kamen und sich um ihn scharten; erst viel später entdeckten sie dann, daß der schöne Vogel, der sie angelockt hatte, nur aus bemaltem Holz und Federn war; ping! ping! ging die Flinte des alten Reale los, und es gab Entenbraten viele Tage lang.«

Knurrend warf Inspektor Boyden die Feder hin.

»Ich fürchte,« sagte er verzweifelt, »Ihr Gleichnis wird sich in meinen Bericht nicht einfügen lassen. Wenn Sie irgendeine bestimmte Auskunft zu geben haben, werde ich sie gern entgegennehmen.«

Etwas später, in Scotland Yard, unterhielt sich Engel mit dem Kommissar.

»Wie läßt sich denn mit Boyden arbeiten?« fragte der Herr Kommissar.

»Ausgezeichnet – ein gutmütiger, entgegenkommender Mensch, und von einem Eifer wie nur die allerwenigsten,« sagte Engel – das war so seine Art.

»Ich werde ihm die Bearbeitung des Falles überlassen,« bemerkte der Chef.

»Sie könnten keinen Bessern finden,« erwiderte Engel bestimmt.

Dann ging er nach Hause in seine Wohnung auf der Jermyn Street, um sich zum Essen umzuziehen.

Ein tadellos gekleideter Meister Engel stieß die Spiegelglas-Drehtür des Restaurants Heinz auf, schritt in den wunderbaren altrosa Speisesaal und wählte einen Tisch am Fenster mit dem Ausblick auf Piccadilly.

Der andre Herr am Tisch blickte auf und nickte.

»Hallo, Engel!« sagte er leichthin.

»Hallo, Jimmy!« grüßte der unkonventionelle Detektiv zurück.

Er griff nach der Karte und wählte mit umständlicher Sorgfalt seine Speisen. Eine halbe Flasche Beaujolais vervollständigte die Bestellung.

»Lächerlich, daß man hier sieben und einen halben Schilling für 'ne kleine Flasche Wein zahlen muß, die einem jedes anständige Geschäft für weniger als einen Schilling verkauft.«

»Man muß hier eben für die Pracht bezahlen,« sagte der andere stillvergnügt. Und dann, nach einer ganz kurzen Pause: »Was wollen Sie?«

»Nicht Sie, Jimmy,« erwiderte der liebenswürdige Engel, »obwohl mein junger Freund Boyden, Polizeiinspektor und ausstudierter Jurist obendrein, Sie demnächst suchen wird.«

Bedächtig nahm sich Jimmy einen Zahnstocher und befreite ihn von seiner Seidenpapierhülse.

»Natürlich,« sagte er ruhig; »ich hab nichts damit zu tun gehabt – mit dem Mord, mein ich. Ich war im Hause.«

»Das weiß ich alles,« sagte Engel; »hab Ihre albernen Zigaretten gesehen. Ich hab mir schon gedacht, daß Sie bei dem Mord nicht die Hand im Spiel hatten. Sie sind ein Eigentumsverbrecher, kein Personenverbrecher.«

»Womit Sie vermutlich die nette Unterscheidung zwischen Verbrechen gegen das Eigentum und Verbrechen gegen die Person machen wollen,« sagte der andere.

»Ganz recht.«

Pause.

»Nun?« fragte Jimmy.

»Eigentlich wollte ich Sie sprechen wegen des Verses,« sagte Engel und rührte in seiner Suppe.

Jimmy lachte laut.

»Was für'n gescheiter kleiner Teufel Sie sind, Engel,« sagte er bewundernd; »und nicht mal so'n ganz kleiner, weder in Zentimetern noch in Teuflischkeit.«

Er versank in Schweigen, und seine gefurchte Stirn sprach Bände.

»Denken Sie nur recht scharf nach,« neckte Engel.

»Ich denke schon nach,« sagte Jimmy langsam. »Ich hab mit Bleistift geschrieben, weil kein Löschblatt da war. Ich hab nur eine Niederschrift gemacht, genau nach dem Diktat des Alten, und –«

»Sie haben einen Block benutzt,« sagte Engel zuvorkommend, »und nur das oberste Blatt abgerissen. Und Sie haben ziemlich stark aufgedrückt, so daß alles auf dem nächsten Blatt lesbar eingeprägt war.«

Jimmy sah ärgerlich aus.

»Ich bin doch ein rechter Esel!« meinte er, und dann war er wieder still.

»Und der Vers?« fragte Engel. »Sind Sie draus klug geworden?«

»Nein« – Jimmy schüttelte den Kopf – »Sie?«

»Nicht die Bohne,« gestand Engel offenherzig.

Während die nächsten drei Gänge serviert wurden, sprach keiner ein Wort. Als der Kaffee auf dem Tisch stand, brach Jimmy das Schweigen.

»Sie brauchen sich um den Vers keine Sorge zu machen. Ich habe nur einen Vorsprung von ein paar Tagen gestohlen. Dann kriegt ihn Connor; und irgendein Mädchen kriegt ihn auch. Massey hätte ihn auch bekommen.« Er lächelte grimmig.

»Um was dreht es sich denn eigentlich?«

Jimmy blickte dem Frager einigermaßen argwöhnisch ins Gesicht.

»Wissen Sie das denn nicht?« erkundigte er sich.

»Nicht die leiseste Ahnung. Deswegen hab ich Sie ja gerade aufgesucht.«

»Sonderbar!« meinte Jimmy. »Ich habe dran gedacht, aus ganz demselben Grunde Sie aufzusuchen. In ein, zwei Tagen werden wir's erfahren,« fuhr er fort und winkte dem Kellner. »Der Alte hat gesagt, es stünde alles im Testament. Er hat mir den Vers gerade noch vor seinem Tode gesagt. Sein Steckenpferd, müssen Sie wissen. ›Lern es auswendig, Jimmy,‹ krächzte er, ›'s sind zwei Millionen für dich, wenn du's rätst‹ – und so ist er gestorben. Zahlen, Kellner. In welcher Richtung gehen Sie?« fragte er, als sie in Piccadilly standen.

»Ins ›Plait‹ auf ein Stündchen,« sagte Engel.

»Geschäftlich?«

»Halb und halb; ich suche jemanden, der vielleicht dort ist.«

Sie überquerten Piccadilly und bogen in eine Seitenstraße ein. Die zweite Straße links und dann die erste rechts führte sie vor ein hellerleuchtetes Hotel. Geigentöne klangen heraus. An den kleinen Tischen in der geräumigen Bar saßen lachende junge Frauen und junge Männer im Abendanzug. Eine Wolke von Zigarettendunst lagerte in der Luft, und Musik übertönte das Stimmengewirr und Gelächter. Sie fanden eine Ecke und setzten sich.

»Sie scheinen hier ja ziemlich bekannt,« sagte Jimmy.

»Ja,« erwiderte Engel wehmütig, »ein munteres, nur allzu bekanntes Bild. Sie sind ja auch nicht ganz fremd hier, Jimmy,« fügte er hinzu.

»Nein,« sagte der andere ein wenig bitter; »aber wir sitzen auf entgegengesetzten Seiten im Parlament, Engel. Sie sind in der Regierung, und ich gehöre zur ewigen Opposition.«

»Unterdrücktes Schluchzen!« spottete Engel. »Mitleid für den armen ausgestoßenen Ismael, der zu seinem eignen Vergnügen ›ismaelt‹! Rührung über einen gefallenen Bruder! 'ne stille Träne für dies prächtige Wrack, das lieber auf 'ner Klippe festsitzt, als frei im Meere schwimmt. Machen Sie sich doch selber nichts vor, Jimmy, sonst leg ich los und appelliere an Ihre bessere Natur. Sie sind Dieb, wie ein anderer Briefmarkensammler oder Jäger ist. Das ist nun mal Ihre Force. He, Charles, haben Sie eigentlich die Absicht, uns heute noch zu bedienen?«

»Jawohl, Herr; sofort, Herr.«

Charles kam eifrig herbeigestürzt.

»Was darf es sein, meine Herren? Guten Abend, Herr Engel!«

»Ich möchte ein ›Fäßchen Obscönth‹, wie mein Freund Dooley sagt; und Sie?«

Jimmys Gesicht mühte sich, ernst zu bleiben.

»Limonade,« sagte er würdevoll.

Der Kellner brachte ihm einen Whisky.

Wenn man das ›Plait‹ nicht kennt, kennt man London nicht. Es ist eine jener sonderbaren Gaststätten, die in einer Stadt auf dem Kontinent dafür bekannt wären, daß es sich für ›junge Mädchen‹ nicht schickt, hinzugehen. Aber in London erwähnt weder Baedeker noch irgendein anderer unfehlbarer Führer durch die Hauptstadt auch nur seinen Namen. Denn es gibt ein Gesetz gegen Verleumdung.

»Dort ist Raff Walker,« sagte Engel lässig. »Raff wird gerade nicht gesucht – wenigstens hier in England nicht. Da drüben ist ›Frisco Kate‹ – wird nächstens lebenslänglich verurteilt werden. Kennen Sie den Burschen da in dem hellbraunen Anzug, Jimmy?«

Jimmy sah sich den jungen Mann von der Seite an.

»Nein; der ist neu.«

»Doch nicht so ganz,« behauptete Engel. »Budapest während der Rennsaison, Jerusalem während der Reisezeit; ein reicher ungarischer Aristokrat, der aus Gesundheitsrücksichten immerfort herumreist – so einer ist der.«

»Zweideutig, aber einleuchtend,« murmelte Jimmy.

»Ich suche ihn übrigens!« Engel war plötzlich lebhaft geworden.

»Wenn Sie hier 'ne Szene anfangen, mach ich mich davon,« sagte Jimmy und leerte sein Glas.

Engel packte ihn am Arm. Ein Mann war eingetreten und sah sich um, als suche er jemanden. Er fing Jimmys Blick auf und fuhr zusammen. Dann bahnte er sich einen Weg durch den überfüllten Raum.

»Hallo, Jim –« Er verstummte jäh, als er Jimmys Gefährten erkannte, und seine Hand fuhr in die Tasche.

»Hallo, Connor!« – Engels Lächeln war ganz besonders entwaffnend – »ausgerechnet Sie wollte ich sprechen.«

»Um was geht's?« knurrte der andere. Er war ein großer, schwerfälliger Mann mit hängendem Schnurrbart.

»Ach, nichts weiter,« lächelte Engel. »Ich brauche Sie wegen der Sache in Lagos, aber es liegt noch nicht genug Material vor, um Sie zu überführen. Machen Sie sich keine Sorge.«

Der Mann erbleichte unter seiner braunen Haut; er tastete nach der Tischkante.

»Lagos!« stammelte er. »Was – was –«

»Ach, das hat nichts zu sagen.« Mit einer leichten Handbewegung schob Engel die Sache beiseite. »Nehmen Sie doch Platz.«

Der Mann zögerte einen Augenblick, dann gehorchte er und ließ sich auf einem Stuhl zwischen den beiden andern nieder.

Engel sah sich um. Die Gefahr, belauscht zu werden, war hier nicht größer als mitten in der Wüste.

»Jimmy« – Engel hielt seinen Arm fest –, »Sie sagten eben, Sie hätten einen Vorsprung, als Sie zugaben, den Vexiervers des alten Reale gesehen zu haben. Aber es war gar kein Vorsprung, wie Sie dachten, denn ich hatte das Testament gesehen – und Connor hier auch.«

Er sah dem schwerfälligen Menschen gerade in die Augen.

»Es gibt noch jemanden außer euch beiden, der in dem Testament bedacht ist. Ein junges Mädchen.« Er ließ Connor nicht aus den Augen. »Ich war sehr begierig, die junge Dame kennenzulernen,« fuhr Engel fort, »und so bin ich heute nachmittag nach Streatham gefahren, um sie zu interviewen.«

Wieder machte er eine Pause. Connor sagte nichts, sondern blickte unverwandt zu Boden.

»Ich wollte sie interviewen und fand, daß sie am selben Nachmittag auf geheimnisvolle Weise verschwunden war.«

Wieder eine Pause.

»Ein Herr war dagewesen mit einer Botschaft von – wem glauben Sie wohl, Connor?«

Der leichte, oberflächliche Ton war plötzlich verschwunden; als Connor aufblickte, begegnete er dem starren Blick zweier kalter blauer Augen; ihn schauderte.

»Nun,« fuhr Engel langsam fort, »es war eine Botschaft von Inspektor Engel, – was eine verfluchte Unverschämtheit ist, Connor, denn ich bin nicht Inspektor – und die junge Dame fuhr nach Scotland Yard. Und nun, Connor, möchte ich Sie fragen: Was haben Sie mit der Erbin des alten Reale angefangen?«

Connor leckte sich die Lippen und schwieg.

Engel winkte dem Kellner und zahlte, dann stand er auf.

»Sie werden jetzt sofort gehen und Fräulein Kathleen Kent dorthin zurückbringen, woher Sie sie geholt haben. Ich werde sie morgen besuchen, und wenn auch nur ein Haar auf ihrem Kopfe gekrümmt ist, Connor –.«

»Na?« fragte Connor herausfordernd.

»Dann laß ich's auf Ihre Alibis ankommen und hole Sie mir wegen der Sache in Lagos,« und mit einem kurzen Kopfnicken zu Jimmy hinüber verließ er das Lokal.

In heller Wut wandte sich Connor an den Mann neben sich.

»Hast du ihn gehört, Jimmy? Hast du den Hund gehört –«

Der andere unterbrach ihn: »Mein Rat ist: tu, was Engel dir sagt.«

»Glaubst du etwa, ich hab Angst vor –«

»Ach nein,« kam ruhig die Antwort, »du hast keine Angst vor Engel. Was der tut, darauf kommt's nicht an. Aber was ich tue, das ist die Sache.«

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