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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
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1.
Das Depot in der Lombard Street

Herr William Spedding von der Anwaltfirma Spedding, Mortimer und Larach hatte das Grundstück in Lombard Street auf ganz einfache Art und Weise erworben. Nach dem Tod einer alten Dame, die in Market Harborough wohnte und mit dieser Geschichte nichts weiter zu tun hat, war das Besitztum auf den Markt gekommen und in der üblichen Weise versteigert worden.

Herr William Spedding hatte das Grundstück für 106 000 Pfund erstanden; diese Summe war hoch genug, um das Interesse aller Abendzeitungen und auch vieler Morgenblätter zu erregen.

Die Pläne zur Errichtung eines Gebäudes von absonderlicher Art wurden durch die Baubehörde geprüft und gebilligt. Der Bauinspektor war zwar einigermaßen verblüfft über die innere Einrichtung des neuen Hauses; aber da es allen baupolizeilichen Vorschriften der Stadt London entsprach, hatte er schließlich die Pläne mit einem Achselzucken genehmigt; die Fassade war so geschickt entworfen, daß man zehnmal am Tag hätte vorbeigehen können, ohne etwas Auffälliges daran zu finden, und auch die Durchlüftungs- und Beleuchtungssysteme waren über jeden Tadel erhaben.

»Ich verstehe nicht, Herr Spedding,« sagte der Bauinspektor und zeigte auf die Blaupause, »wie Ihr Klient sich Ruhe und Abgeschlossenheit verschaffen will. Er hat ein Vestibül und eine einzige große Halle. Wo sind die Privatkontore, und was bedeutet dieser riesige Safe mitten in der Halle, und wo sollen die Angestellten sitzen? Denn er wird doch Angestellte beschäftigen? Mensch, er wird ja keine Minute Ruhe haben!«

Herr Spedding lächelte grimmig.

»Er wird Ruhe haben, soviel er will,« sagte er.

»Und die Gewölbe – ich sollte denken, daß Sie vor allem Gewölbe hier nötig hätten.« Er tippte auf die Ecke des Bogens, wo vorschriftsgemäß »Plan zur Errichtung eines neuen Safe-Depots« stand.

»Da ist der Safe,« sagte Herr Spedding und lächelte wieder.

Dieser William Spedding, der leider nicht mehr unter uns weilt – er starb ganz plötzlich, wie ich noch berichten werde –, war ein großer, verbindlicher Mann mit glattem Gesicht und glatten Manieren. Er rauchte gute Zigarren, deren Spitzen er mit einem goldenen Abschneider kappte, und war stets bereit zu lächeln, als ein Mann, der am Leben nichts auszusetzen hat.

Angebote wurden nun eingefordert für den Bau des neuen Safe-Depots, und es rechtfertigte sich die Bemerkung des Inserats, daß es nicht unbedingt auf Billigkeit ankäme; denn es wurde der Plan von Potham & Holloway gewählt, und es ist ein offenes Geheimnis, daß dieses Angebot das teuerste von allen war.

»Mein Klient verlangt die allerbeste Ausführung; das Gebäude muß Erschütterungen aushalten können.« Herr Spedding warf einen raschen Blick auf den Baumeister, der ihm gegenüber am Schreibtisch saß. »Ein Bau muß es sein, den eine alberne kleine Dynamitexplosion nicht gleich in alle Winde zerstreut.«

Der Baumeister nickte.

»Sie haben die einzelnen Bedingungen gelesen,« fuhr der Rechtsanwalt fort – er schnitt sich gerade eine frische Zigarre zurecht –, »und in bezug auf das Postament – ja – das Postament, Sie wissen doch –?«

Er hielt inne und sah den Baumeister an.

»Es scheint alles ganz klar und deutlich,« sagte der große Bauherr. Er nahm einen Stoß Papiere aus einer offenen Mappe neben sich und las: »Das Fundament bis zu einer Tiefe von sechs Metern muß aus Beton hergestellt sein ... Das Postament aus abwechselnden Lagen von Granitplatten und Stahl ... in der Mitte eine stahlgepanzerte Nische, vierundzwanzig zu zwölf Zentimeter, von der halben Tiefe des Postaments.«

Der Rechtsanwalt nickte langsam.

»Dieses Postament wird das Wichtigste am ganzen Bau sein. Die stahlgepanzerte Vertiefung – ich kenne die technischen Ausdrücke nicht –, welche Ihre Leute dieser Tage werden einsetzen müssen, ist das Nächstwichtige; aber der Safe, der fünfzehn Meter über dem Boden des Gebäudes stehen soll – aber der Safe ist ja bereits beschafft.«

Ein Heer von Arbeitern – wenn die abgedroschene Redensart erlaubt ist – kam nun nach Lombard Street und riß die alten Gebäude nieder. Sie rissen sie nieder mit Brechstangen und Hebeeisen, und Lombard Street wurde grau von Staub. Das Innere seltsamer alter Stuben mit verschmutzter Holztäfelung wurde den Blicken der Passanten rücksichtslos preisgegeben. Schwerfällige, schmierige Karren versperrten die Straße, und bei Nacht zischten grelle Lichtflammen über die Trümmerstätte hin.

Nacktarmige Männer schwitzten und gruben bei Nacht und bei Tag. Und eines Morgens – ein feiner Sprühregen ging nieder – erschien Herr Spedding unter einem seidenen Regenschirm und drückte im Namen seines Klienten seine restlose Zufriedenheit mit dem Fortgang der Arbeit aus. Er stand auf einem schlüpfrigen Brett, das einen Steg für Schubkarren bildete, und die Arbeiter, durch die Anwesenheit der ›Firma‹ – Herrn Speddings Führer – zu ungewöhnlicher Tatkraft angespornt, liefen in fieberhafter Eile hin und her.

»Sie lassen sich durch den Regen nicht abhalten,« sagte der Rechtsanwalt und reckte sein Kinn in die Richtung der schuftenden Männer.

›Die Firma‹ schüttelte den Kopf.

»Extralohn,« sagte er kurz; »das hatten wir bei unserem Angebot schon vorgesehen,« fügte er eilig hinzu, um diese Verschwendung zu rechtfertigen.

So entstand bei Regen und Sonnenschein, bei Tag und Nacht das neue Safe-Depot.

Einmal, während einer Nachtschicht, fuhr ein zweisitziger Wagen durch die verlassene Straße, und mit Hilfe eines Dieners stieg aus dem dunkeln Gefährt ein zitternder alter Mann mit weißem, müdem Gesicht. Er zeigte dem Polier einen schriftlichen Ausweis und wurde durch das rohe Holztor auf den Bauplatz gelassen.

Vorsichtig ging er zwischen den Trümmerhaufen umher; er stellte keine Fragen und gab keine Antworten auf die Erklärungen des verdutzten Poliers, der sich vergeblich fragte, was wohl an einem Bau so Besonderes sein könne, das einen alten Mann an einem kalten Frühlingsmorgen um drei Uhr früh aus seinem Bette lockte.

Nur einmal sprach der Alte.

»Wo kommt denn das Ding, das Postament hin?« fragte er mit heiserer, gebrochener Stimme im Londoner Dialekt; und als der Polier auf die Stelle zeigte, wo die andern gerade eifrig das Fundament auffüllten, verzerrten sich die Lippen des Alten zu einem häßlichen Lächeln und entblößten eine Reihe Zähne, die für einen Mann seines Alters zu weiß und regelmäßig waren. Er sagte weiter nichts, zog aber den Kragen seines Pelzes dichter um den mageren Hals und ging müde zu seinem Wagen zurück.

Der Bau sah Herrn Speddings Klienten nie wieder – wenn es überhaupt Herrn Speddings Klient gewesen war. Soviel bekannt ist, kam er vor der Vollendung des Gebäudes nicht mehr nach Lombard Street – auch nicht, als die letzte Glasscheibe in der hohen, vergoldeten Kuppel angebracht oder die letzte Marmorplatte an den prunkvollen Wänden der großen Halle eingefügt wurde, nicht einmal, als der Rechtsanwalt erschien und in schweigsamer Versunkenheit das große granitene Postament betrachtete, wie es sich mitten in einem Gerüst von schlanken Stahlbalken erhob, welche eine Wendeltreppe stützten, die zu dem riesigen Safe mitten in der Luft emporführte.

Nicht ganz allein war der Rechtsanwalt, denn neben ihm stand der Bauherr in stiller Scheu vor der Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Schöpfung.

»Fertig!« sagte der Baumeister; das Echo seiner Stimme hallte aus den düsteren Weiten des Baues wider.

Der Rechtsanwalt gab keine Antwort.

»Ihr Klient kann, wenn er will, morgen sein Geschäft eröffnen.«

Der Rechtsanwalt trat von dem Postament weg.

»Er ist noch nicht soweit,« sagte er leise, als fürchte er das Echo.

Dann ging er zu den großen, weit offenen Stahltüren der Halle; der Baumeister folgte ihm.

Im Vestibül zog er zwei Schlüssel aus der Tasche. Die schweren Türen fielen hinter dem Eingang geräuschlos zu, und Herr Spedding verschloß sie. Durch das Vestibül schritten die beiden Männer auf die belebte Straße hinaus, und der Anwalt schloß auch die äußeren Türen hinter sich.

»Mein Klient bittet mich, Ihnen seinen Dank für die prompte Ausführung zu übermitteln,« sagte er.

Der Baumeister rieb sich befriedigt die Hände.

»Sie haben zwei Tage weniger gebraucht, als wir dachten,« fuhr Herr Spedding fort.

Wenn es nicht seine Arbeit galt, war der Baumeister ein Mann von wenig Gedanken. Noch einmal sagte er:

»Ja, Ihr Klient kann morgen sein Geschäft eröffnen.«

Der Rechtsanwalt lächelte.

»Mein Klient, Herr Potham, wird sein Geschäft vielleicht nicht vor zehn Jahren – hm – eröffnen,« sagte er. »Nämlich nicht – nun, nicht vor seinem Tode, Herr Potham.«

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