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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 15
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
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14.
Der Safe wird geöffnet

Schweigend standen die vier Männer vor der Leiche. Jimmy beugte sich nieder und berührte die Hand.

»Tot!« sagte er.

Engel erwiderte nichts, sondern schaltete nur alle Lichter im Zimmer an. Dann durchsuchte er rasch die Taschen des Toten; die Gegenstände, welche zutage kamen, gab er dem einen Detektiv, der sie auf den Tisch legte.

»Ein Meißel, eine Brechstange, ein Zentrumsbohrer, Taschenlampe, Revolver,« zählte Engel auf. »Es ist nicht schwer einzusehen, mit welcher Absicht Connor hierhergekommen ist; aber wer hat ihn erschossen?«

Er untersuchte den ganzen Raum sehr sorgfältig. Die Fenster waren geschlossen und unversehrt, kein Zeichen deutete auf Kampf. Im Wohnzimmer waren schmutzige Fußspuren, die von Connor oder seinem Mörder herrühren mochten. Mitten im Zimmer stand ein kleiner Tisch. Während Engels häufiger Abwesenheit von seiner Wohnung pflegte er die beiden Zimmer vor den Dienstboten zu verschließen; nur unter seinen Augen durfte das Reinemachen vorgenommen werden. Infolgedessen war die polierte Platte des kleinen Tisches mit einer feinen Staubschicht bedeckt, abgesehen von einer einzigen Stelle, wo ein merkwürdiger kreisförmiger Fleck von etwa fünfundzwanzig Zentimeter Durchmesser frei von Staub war. Diese Stelle untersuchte Engel aufs allergenaueste, indem er den Tisch sorgfältig ins hellste Licht rückte. Der kleine kreisförmige Fleck, von dem der Staub verschwunden war, interessierte ihn mehr als alles andere im Zimmer.

»Achten Sie darauf, daß nichts hier angerührt wird,« sagte er zu dem einen der Männer; und zu dem anderen: »Gehen Sie rasch mal nach Vine Street hinüber und berichten Sie über den Fall – nein, warten Sie, ich will lieber selbst gehen.«

Als Jimmy und er auf dem Wege nach der berühmten Polizeiwache kräftig ausschritten, faßte Engel seinen Eindruck kurz zusammen:

»Connor hat den Einbruch auf eigene Faust verübt; er ist von einem Dritten überrascht worden, der in der Annahme, Connor sei ich, ihn erschossen hat.«

»So fasse ich es auch auf,« bemerkte Jimmy. »Aber was hat Connor gewollt?«

»Auf Connor hab ich schon gewartet,« sagte Engel ruhig. »Er war keiner von denen, die sich aus Angst vor einer Verhaftung einschüchtern lassen. Er hatte sich's in den Kopf gesetzt, daß ich das Geheimnis des Safes hätte, und er wollte sich's holen.«

Auf der Wache grüßte ihn der diensttuende Inspektor.

»Wir haben einen Ihrer Leute drinnen,« sagte er scherzend; er meinte den Franzosen; dann bemerkte er die ernsten Gesichter der beiden und fragte: »Ist irgendwas nicht in Ordnung, Herr Engel?«

Ganz kurz erzählte ihm der Detektiv, was sich in Jermyn Street zugetragen hatte; dann gab er noch seine Anweisungen bezüglich des Tisches und verließ die Wache, gerade als der Inspektor den Polizeiarzt kommen ließ.

»Ich bin neugierig, wo wir Spedding aufstöbern werden,« meinte Engel.

»Ich bin neugierig, wo Spedding uns aufstöbern wird,« fügte Jimmy grimmig hinzu.

Überrascht sah ihn Engel an.

»Nervös geworden?« fragte er derb.

»Nein,« antwortete langsam der kaltblütige junge Mann an seiner Seite; »aber irgendwie scheint mir das Leben jetzt wertvoller als vor einer Woche.«

»Dummes Zeug!« meinte Engel. »Sie sind verliebt.«

»Vielleicht wirklich,« gab Jimmy überrascht zu, als wäre ihm dieser Gedanke noch gar nicht gekommen.

Engel sah nach der Uhr.

»Um zehn,« sagte er; »bettschlafende Zeit für alle guten Menschen. Aber da ich lasterhaft veranlagt bin und mir außerdem den tragischen Geschmack aus dem Munde spülen möchte, schlage ich vor, daß wir schön ruhig noch irgendwohin gehen und uns ein bißchen erholen.«

»Engel,« meinte Jimmy, »ich werde den Argwohn nicht los, daß Sie sich gerne reden hören.«

»Schrecklich gern,« gestand Engel freimütig.

 

In einer kleinen unterirdischen Bar am Leicester Square saßen sie und hörten zu, wie ein kleines Streichorchester sich durch die Lohengrin-Ouvertüre quälte.

Der überfüllte Raum entsprach ihrer Stimmung. Jimmy, dessen Gedanken ganz woanders waren, empfand den Lärm, das vielsprachige Stimmengewirr und das Wehklagen des armseligen Orchesters als eine Beruhigung nach den aufregenden Erlebnissen der letzten Stunden. Für Engel bedeutete das menschliche Element in dem dichten Gewühl eine Entspannung. Die Männer mit ihren lauten Stimmen und blitzenden Edelsteinen, die angemalten Frauen mit ihrem automatischen Lächeln, hier und da das scharfgeschnittene Gesicht eines ihm wohlbekannten Gauners – das alles war ein Teil vom Schauspiel des Lebens, – vom Leben, wie Engel es sah.

Ruhig saßen sie da und tranken ihren Wein, bis ein Mann hereinkam, sich achtlos suchend im Raume umsah und Engel ein kaum bemerkbares Zeichen machte; darauf verließ er das Restaurant, als ob er den Mann, den er suchte, nicht gefunden habe.

Engel und sein Gefährte folgten ihm.

»Nun?« fragte Engel.

»Spedding geht heute nacht zum Safe,« erwiderte der Fremde.

»Gut,« meinte Engel.

»Die Wache am Safe ist auf Speddings Befehl für dauernd entfernt worden.«

»Das weiß ich,« sagte Engel. »Sie ist in derselben Nacht entfernt worden, als die ›Stadtbande‹ anrückte. – In wessen Auftrag geht Spedding vor?«

»In Connors Namen, der, wenn ich recht verstanden habe, einer der Erben ist.«

Engel pfiff durch die Zähne.

»Hui! Jimmy, das wird das große Finale!«

Einen Augenblick lang schien er in tiefe Gedanken verloren.

»Es wird nötig sein, Fräulein Kent zuzuziehen,« sagte er nach einer Weile.

Aus einem Boteninstitut in der Nähe telephonierte er in eine Garage, und eine halbe Stunde später läuteten sie an Kathleens bescheidenem kleinen Hause.

Das junge Mädchen erhob sich bei ihrem Eintritt, um sie zu begrüßen. Jede Spur von der Anstrengung der vergangenen Nacht war geschwunden.

»Ja,« erwiderte sie, »ich habe fast den ganzen Tag über geschlafen.«

Engel bemerkte, daß sie es geflissentlich vermied, Jimmy anzusehen, und daß dieser würdige junge Mann ganz unmäßiges Interesse für ein großes Seebild bezeigte, das über dem Kamin hing.

»Heut ist es nun das letztemal, daß wir Sie zu so später Stunde belästigen,« sagte Engel, »aber ich fürchte, wir müssen Sie bitten, uns heute nacht zu begleiten.«

»Ich werde alles tun, was Sie wünschen,« antwortete sie schlicht. »Sie sind beide sehr gütig gegen mich gewesen.«

Sie warf einen schnellen Blick zu Jimmy hinüber und sah erst jetzt den Verband um seinen Kopf.

»Sie – Sie sind doch nicht verletzt?« rief sie erschrocken – dann hielt sie plötzlich inne.

»Kein bißchen,« sagte Jimmy laut, »ich versichere Ihnen, es ist weiter gar nichts.«

Er war ungewöhnlich aufgeregt und wünschte, er wäre nicht mitgekommen.

»Er ist bei mir über einen Teppich gestolpert und hat sich an den marmornen Kaminsims gestoßen,« log Engel umständlich. »Dieser marmorne Sims war seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie und ist nun schwer beschädigt – ich fürchte, irreparabel.«

Jimmy lächelte, und sein Lächeln war ansteckend.

»Eine arge Verleumdung, Fräulein Kent,« behauptete er, langsam die Fassung wiedergewinnend. »Tatsächlich –«

»Tatsächlich,« unterbrach ihn Engel nachdrucksvoll, »ist Jimmy im Schlafe gewandelt –«

»Seien Sie doch ernsthaft, Herr Engel,« flehte das junge Mädchen, die sich wirklich beunruhigte, als sie den Umfang von Jimmys Verletzung und die dunklen Schatten unter seinen Augen bemerkte. »War es Spedding?«

»Jawohl,« antwortete Engel prompt. »Ein kleiner Versuch, der sich als Fehlschlag erwies.«

Jimmy sah die teilnehmende Unruhe in den Augen des Mädchens, und wie Männer nun einmal sind, machte es ihm Freude und Mut.

»Es ist kaum der Rede wert,« sagte er hastig, »und ich finde wirklich, wir sollten unsern Aufbruch um keine Sekunde verschieben.«

»Ich werde Sie nicht unnütz aufhalten,« erwiderte Kathleen und verließ das Zimmer, um sich für die Fahrt anzukleiden.

»Jimmy,« sagte Engel, kaum daß sie draußen war, »ein Silberstück in meine Hand, schöner Herr, und ich wahrsage Ihnen die Zukunft.«

»Hören Sie auf mit dem Blech,« erwiderte Jimmy.

»Ich sehe eine lachende Zukunft, eine dunkle Dame mit großen grauen Augen, die –«

»Um des Himmels willen, halten Sie endlich den Mund!« grollte Jimmy, sehr rot im Gesicht; »da kommt sie.«

Sie erreichten das Safe-Gebäude, als die Glocken der Stadt halb zwölf schlugen.

»Wollen wir hineingehen?« fragte Jimmy.

»Lieber nicht,« riet Engel. »Wenn Spedding erfährt, daß wir einen Schlüssel haben, könnte die ganze Sache schief gehen.«

So fuhr das Auto langsam die schmale Lombard Street hinab, verfolgt vom berufsmäßigen Interesse der fünf oder sechs Polizisten in Zivil, die hier ihren Dienst versahen.

Sie mußten über drei Viertelstunden warten, denn schon lange hatte Mitternacht von den Türmen geläutet, als endlich ein großes Automobil von Westen her in die Straße einbog. Mit einem Ruck hielt es vor dem Safe-Depot, und eine Gestalt im Zylinder entstieg ihm. Im gleichen Augenblick fuhr Engels Auto ebenfalls vor, und die drei stiegen aus.

Spedding, feierlich angetan mit Gehrock und Zylinder, stand mit einem Fuß auf der Stufe zur Haustür und hatte eben den Schlüssel ins Schloß gesteckt.

Er zeigte keinerlei Überraschung, als er Engel erblickte, und machte eine leichte Verbeugung vor dem jungen Mädchen. Dann öffnete er die Tür und trat ein; Engel und seine Begleiter folgten ihm. Spedding beleuchtete das Vestibül, öffnete die innere Tür und schritt in die dunkle Halle.

Wieder ertönte das Knipsen der Schalter, und die riesige Halle erstrahlte im vollen Licht.

Ein leichter Schauder überlief das junge Mädchen, als sie zu dem hohen düstern Safe aufblickte, diesem Denkmal des Ruins, dieser Verkörperung der toten Reue tausender toter Spieler. Einsam, fremdartig und allein ragte er auf, so anders als das prunkvolle Gebäude, in dem er stand – ein Granitblock, in feines Gold gefaßt. Der alte Reale hatte einen guten Blick für Gegensätze gehabt und richtig vorausgesehen, wie stark die umgebende Pracht der herrlichen Halle die nackte Nüchternheit des häßlichen Postaments hervorheben würde.

Spedding schloß die Tür hinter ihnen und musterte die Anwesenden mit einem triumphierenden Lächeln.

»Ich fürchte,« sprach er in seinem geschmeidigsten Ton, »Sie sind zu spät gekommen.«

»Das fürchte ich auch,« stimmte Engel ihm bei, worauf der Anwalt ihn argwöhnisch anblickte.

»Ich habe Ihnen einen Brief geschrieben,« sagte er. »Haben Sie ihn erhalten?«

»Ich bin seit heute nachmittag nicht zu Hause gewesen,« erwiderte Engel; er hörte, wie der Anwalt einen erleichterten Seufzer ausstieß.

»Es tut mir leid,« fuhr Spedding fort, »daß ich Sie alle enttäuschen muß; aber wie Ihnen bekannt ist, muß nach den testamentarischen Bestimmungen der glückliche Entdecker des Safe-Wortes mich benachrichtigen und bei mir sein Recht geltend machen, das Wort am Vexierschloß zu erproben.«

»So ist es,« sagte Engel.

»Ich habe von einem der Erben eine solche Benachrichtigung erhalten – von Herrn Connor,« fuhr der Anwalt fort und zog einen Zettel aus der Tasche, »und ich bin im Besitz seiner schriftlichen Vollmacht, den Safe in seinem Namen zu öffnen.« Er gab den Zettel an Engel, der ihn durchlas und wieder zurückreichte.

»Das ist heute unterzeichnet worden,« war alles, was er sagte.

»Heut nachmittag um zwei,« bestätigte der Anwalt. »Jetzt möchte ich –«

»Bevor Sie weitergehen, Herr Spedding,« unterbrach ihn Engel, »darf ich Sie vielleicht daran erinnern, daß eine Dame anwesend ist und Sie noch immer Ihren Hut aufhaben.«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte der Anwalt mit sarkastischem Lächeln und nahm den Hut ab. Engel streckte die Hand danach aus, und ganz mechanisch überließ ihm der Anwalt seinen Zylinder.

Engel besah sich den Kopf; die seidigen Härchen standen gegen den Strich und waren mit feinem Staub bedeckt.

»Wenn Sie meinen Kammerdiener spielen wollen,« sagte der Anwalt, »so habe ich nichts dagegen einzuwenden.«

Engel erwiderte nichts, sondern stellte den Hut sorgfältig auf den Mosaikfußboden der Halle.

»Sollten Sie vor der Öffnung des Safes den Wunsch haben,« sprach der Anwalt, »noch irgendeine Frage zu stellen oder irgendeinen berechtigten Einwand zu erheben, so werde ich Sie mit dem größten Vergnügen anhören.«

»Ich habe nichts zu sagen,« erwiderte Engel.

»Oder Sie?« zu Jimmy gewandt.

»Nichts,« lautete die lakonische Antwort.

»Oder vielleicht Fräulein Kent –«

Kathleen sah ihm gerade in die Augen und antwortete kühl:

»Ich möchte mich dem Vorgehen meiner Freunde anschließen.«

»So bleibt mir nur noch übrig,« sagte der Anwalt nach einer kaum wahrnehmbaren Pause, »die Anweisung des Herrn Connor auszuführen.«

Er ging auf die eiserne Treppe zu und begann hinaufzusteigen. In halber Höhe blieb er stehen, um Atem zu schöpfen. Er befand sich auf einem kleinen Absatz, gerade vor dem polierten Granitblock, der anzeigte, wo die Asche des alten Reale ruhte.

 

Pulvis
Cinis
et
Nihil

 

lautete die Inschrift. »Staub, Asche und nichts,« murmelte der Anwalt; »ein angemessener Tadel für einen Menschen, der den Schatten der Eitelkeit nachstrebt.«

Sie sahen ihn hinaufklettern, bis er die breite Plattform vor der Safe-Tür erreicht hatte. Dann beobachteten sie, wie er einen Zettel aus der Tasche zog und ihn durchlas. Aufmerksam blickte er darauf nieder, dann drehte er vorsichtig die Scheiben, bis einer nach dem anderen der gewünschten Buchstaben dem Zeiger gegenüberstand. Dann drehte er an dem schweren Griff des Geldschranks. Er drehte und zog, aber die stählerne Tür rührte sich nicht. Sie sahen ihn sich bücken und die Scheiben noch einmal prüfen, und wieder packte er den Griff mit demselben Ergebnis. Ein dutzendmal wiederholte er dasselbe Verfahren, und ein dutzendmal widerstand die Tür hartnäckig seinen Anstrengungen. Dann kam er polternd die Treppe herunter und beinah taumelnd auf die kleine Gruppe in der Halle zu. Seine Augen brannten in einem unirdischen Licht, sein Gesicht war totenbleich, und in dicken Tropfen stand ihm der Schweiß auf der Stirn.

»Das Wort!« keuchte er, »'s ist das falsche Wort.«

Engel erwiderte nichts.

»Ich hab es ein dutzendmal versucht,« schrie der Anwalt ganz außer sich, »und es ist nicht gelungen.«

»Soll ich's mal versuchen?« fragte Engel.

»Nein, nein!« zischte der Mann. »Bei Gott, nein! Ich will es noch einmal versuchen. Einer von den Buchstaben muß falsch sein; einige der Symbole haben verschiedene Bedeutung.«

Er drehte sich um und stieg von neuem die Treppe hinauf.

»Der Mann leidet,« sagte Jimmy mit leiser Stimme.

»Laßt ihn leiden,« erwiderte Engel, einen harten Blick in den Augen. »Er wird noch mehr leiden müssen, ehe er seine Schurkerei gebüßt hat. Seht, er ist wieder oben. Lassen Sie die Leute herein, Jimmy, denn diesmal wird er das Wort finden – und bringen Sie Fräulein Kent weg, sobald die Geschichte losgeht.«

Das junge Mädchen sah die plötzliche Maske von Härte, die sich über Engels Gesicht gelegt hatte; sie sah, wie er seinen Mantel abwarf, und hörte knarrende Fußtritte im Vestibül draußen. Der liebenswürdige, etwas frivole Weltmann war verschwunden, und an seiner Stelle stand der gefühllose Polizeibeamte, unergründlich wie das Schicksal. Einen neuen Engel sah sie vor sich, und sie hielt sich näher zu Jimmy.

Ein triumphierendes Jauchzen des Mannes oben am Safe ließ sie den Blick erheben. Herzklopfend sah sie, wie die schwere Stahltür sich langsam auftat.

Da kam von dem Manne oben ein Schrei wie das Wutgeheul eines wilden Tieres.

»Leer!« brüllte er.

Betäubt und stumm stand er da; dann stürzte er sich in die große Stahlkammer, und sie hörten seine Stimme dumpf widerhallen. Nun trat er wieder auf die Plattform, in der Hand ein weißes Kuvert. Blindlings stolperte er die Treppen hinab; keuchend hörten sie seinen Atem gehen.

»Leer!« Seine knarrende Stimme wurde zu einem schrillen Kreischen. »Nichts weiter als dies!« Er hielt das Kuvert in die Höhe, dann riß er es auf. Es enthielt nur wenige Worte:

»Im Namen von Fräulein Kathleen Kent den Inhalt dieses Safes empfangen zu haben, bescheinigen

James Cavendish Stannard, Bart.
Christopher Angel.«

Bestürzt und verwirrt las der Anwalt den Zettel und blickte von einem zum andern.

»Also Sie waren es,« sagte er.

Engel nickte kurz.

»Sie!« sagte Spedding noch einmal.

»Jawohl.«

»Sie haben den Safe ausgeraubt – Sie – ein Polizeibeamter.«

»Jawohl,« wiederholte Engel, ohne die Augen von dem Mann zu lassen. Er winkte Jimmy, und mit ein paar leisen Worten führte dieser das junge Mädchen zur Tür. Als er wieder zu Engel trat, folgten ihm sechs Polizisten in Zivil.

»Sie bilden sich also ein, Sie hätten mich, was!« flüsterte Spedding.

»Ich bilde es mir nicht ein,« erwiderte Engel, »sondern ich weiß es.«

»Wenn Sie so viel wissen, wissen Sie dann vielleicht auch, wie nahe Sie dem Tode sind?«

»Das weiß ich sehr wohl,« sagte Engels gelassene Stimme. »Ich bin mir meiner Gefahr um so stärker bewußt, seit ich Ihren Zylinder gesehen habe.«

Der Anwalt sagte nichts.

»Ich meine,« fuhr Engel ruhig fort, »seit ich den Zylinder gesehen habe, den Sie auf einen staubigen Tisch in meiner Wohnung stellten – als Sie Connor ermordeten.«

»So, haben Sie ihn also gefunden – ich war schon neugierig,« sagte Spedding ohne jede Erregung. Da hörte er ein leichtes metallisches Knacken und sprang zurück, die Hand in der Tasche. Aber Jimmys Pistole hielt ihn in Schach.

Einen Augenblick stand er unentschlossen; dann stürzten sich sechs Mann auf ihn, und er fiel in verzweifelter Gegenwehr zu Boden. An beiden Händen gefesselt, erhob er sich, ganz der Alte, gleichmütig, überlegen trotz seiner Niederlage, deren ganzes Ausmaß nun offenbar war. Wieder war er der liebenswürdige, aalglatte Mann von früher. Er lachte sogar, als er Engel ins Gesicht blickte.

»Ein gutes Ende,« sagte er. »Sie sind doch viel fixer, als ich dachte. Wie lautet die Anklage?«

»Mord,« sagte Engel kurz.

»Es wird Ihnen schwerfallen, das zu beweisen,« erwiderte Spedding kaltblütig, »und da es Brauch ist, daß zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens der Angeklagte die üblichen Erklärungen abgibt, so behaupte ich formell, Connor seit zwei Tagen nicht gesehen zu haben.«

Scharf bewacht, schritt er zur Tür. Im Vestibül kam er an Kathleen vorbei, die zur Seite wich; das schien ihn zu belustigen. Er kletterte in das Auto, das ihn hergebracht hatte, gefolgt von den Polizisten, und summte eine Melodie vor sich hin.

Dann beugte er sich aus dem Fenster, um Engel ein letztes Wort zu sagen.

»Sie finden meine Heiterkeit unziemlich,« bemerkte er, »aber ich fühle mich des törichten Treibens überdrüssig und habe die Gewißheit, daß ein köstlicher Schlaf vor mir liegt, der Vergessenheit schenkt.«

Als das Auto schon im Wegfahren war, sprach er noch einmal:

»Natürlich habe ich Connor erschossen – es war unvermeidlich.«

Und dann entführte ihn das Automobil.

Engel verschloß die Tür des Depots und übergab Kathleen den Schlüssel.

»Ich werde Jimmy bitten, Sie nach Hause zu bringen,« sagte er.

»Was halten Sie von ihm?« fragte Jimmy.

»Spedding? Ach, er hat genau so gehandelt, wie ich es erwartet habe. Er verkörpert den schlimmsten Verbrechertyp, den es überhaupt gibt; einen solchen Menschen kann man weder verdammen noch erklären. Sie bilden eine Klasse für sich – Perversitäten der Natur. Spedding hat eine Seite, die ganz besonders spaßhaft ist.«

Er begleitete die beiden zum Auto und wanderte dann langsam zur City-Polizeiwache. Der diensthabende Inspektor nickte ihm zu, als er eintrat.

»Wir haben ihn in eine besondere Zelle gebracht,« sagte er.

»Ist er gründlich durchsucht worden?«

»Jawohl, Herr Engel. Das übliche Handwerkszeug, und ein in fünf Kammern geladener Revolver.«

»Zeigen Sie den mal her,« sagte Engel.

Er hielt die Pistole unter das Gaslicht. Die eine Kammer enthielt eine leere Hülse, und der Lauf war von Pulver verschmiert. »Das bringt ihn auch ohne Geständnis an den Galgen,« dachte er.

»Er hat um Bleistift und Papier gebeten,« berichtete der Inspektor, »aber er erwartet doch gewiß nicht, gegen Bürgschaft freigelassen zu werden.«

Engel schüttelte den Kopf.

»Nein, aber ich könnte mir denken, daß er mir schreiben wollte.«

Die Tür wurde aufgestoßen, und ein Gefängniswärter kam barhäuptig hereingestürzt.

»In No. 4 ist irgend was nicht in Ordnung,« rief er. Engel folgte dem davoneilenden Inspektor durch den engen Korridor mit seinen eisernen Türen auf beiden Seiten.

Der Inspektor warf einen Blick durch das Guckloch.

»Schließen Sie die Tür auf!« sagte er hastig.

Riegel klirrten und rasselten, und die Tür tat sich auf. Spedding lag auf dem Rücken, um die Lippen ein schwaches Lächeln; seine Augen waren geschlossen, und als Engel dem geschlagenen Mann die Hand auf die Brust legte, fühlte er das Herz nicht mehr klopfen.

»Laufen Sie schnell nach dem Arzt!« befahl der Inspektor.

»Nützt nichts mehr,« sagte Engel ruhig; »der Mann ist tot.«

Auf dem groben Bett lag ein Stück Papier. Es war in der kühn geschwungenen Schrift des Anwalts an Meister Engel adressiert. Der Detektiv hob es auf und las.

»Mein vortrefflicher Engel,« lautete der Brief, »die Stunde ist gekommen, da ich die vielumstrittene Frage der Unsterblichkeit selber beantworten muß; ich möchte zum Ausdruck bringen, daß ich keinen Groll gegen Sie hege – ebensowenig gegen Ihren Gefährten oder das reizende Fräulein Kent. Ich würde Sie natürlich alle zusammen oder auch jeden einzeln getötet haben, aber glücklicherweise trafen meine Absichten nicht mit den entsprechenden Gelegenheiten überein. Schon seit einiger Zeit habe ich die möglichen Folgen meiner gegenwärtigen Handlungsweise vorausgesehen und an jedem Anzug einen Knopf getragen, der in Farbe und Form den anderen gleicht, aber in Wahrheit eine geschickt geformte Zyankali-Tablette ist. Leben Sie wohl.«

Engel blickte nieder auf den Toten zu seinen Füßen. Der oberste, mit Stoff überzogene Knopf der rechten Brustseite war abgerissen.

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