Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 14
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
Schließen

Navigation:

13.
Connor mischt sich ein

Es ist ein Grundsatz in Scotland Yard: »Hütet euch vor Zuschauern!« Gegner unseres Polizeisystems führen viele und seltsame Gründe für diese Schamhaftigkeit an. Vor allem haben sie finstere Deutungen für die Neigung der Polizei, ohne Aufregung und ohne Aufsehen zu arbeiten; die Polizei hat nämlich eine peinliche Vorliebe für mitternächtliche Verhaftungen. Wenn man es nicht gerade austrompetet, oder wenn der Fall nicht wichtig genug für die Abendblätter ist, so ruft ein plötzliches Verschwinden aus der Gesellschaft weiter keine großen Erklärungen hervor, und die Ausrede, man sei ins Ausland gereist, wird meist ruhig hingenommen.

Im Gespräch mit seinem weisen Chef empfing Engel einige ausgezeichnete Ratschläge.

»Wenn Sie ihn verhaften müssen, tun Sie es in aller Stille. Wenn er, wie Sie vermuten, sich in seinem Hause verbarrikadiert oder in seinem großartigen Gewölbe Zuflucht sucht, lassen Sie ihn in Ruhe. Wir wollen kein Aufsehen, und wir wollen keine Zeitungssensationen. Wenn Sie die Realesche Sache ins Geschick bringen können, ohne ihn zu verhaften, tun Sie es unter allen Umständen. Wir werden ihn schon kriegen im – hm – wie sagen Sie doch immer, Engel? – ach ja, ›im üblichen Geschäftsverlauf‹.«

»Sehr wohl, Herr Kommissar,« sagte Engel, durchaus nicht abgeneigt, den Plan auszuführen.

»Wie ich diesen Menschenschlag kenne,« fuhr der Polizeikommissar fort und strich dabei über seinen grauen Bart, »wird er gar nichts tun. Er wird sein tägliches Leben weiterführen, als wäre nichts geschehen; Sie werden ihn heute morgen in seinem Büro finden, und wenn Sie ihn verhaften wollten, würden Sie totgeschossen werden. Nein, wenn Sie meinem Rat folgen, lassen Sie ihn jetzt unbedingt in Ruhe. Er wird nicht davonlaufen.«

Engel dankte also seinem Chef und verabschiedete sich.

Den ganzen Morgen über verfolgte ihn der Wunsch, den Anwalt aufzusuchen. Bis Mittag war dieser Wunsch so übermächtig geworden, daß er seinen Hut aufsetzte und nach Lincolns Inn Fields hinunterschlenderte.

»Ja, Herr Spedding ist da,« sagte ein gesetzter Schreiber, und – nachdem er seinen Arbeitgeber gefragt hatte – »Herr Spedding will den Herrn empfangen.«

Der Anwalt saß hinter einem großen, mit Aktenbündeln bedeckten Schreibtisch. Er grüßte Engel mit einem Lächeln und wies auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.

»Ich bin fast den ganzen Vormittag auf dem Gericht gewesen,« sagte er liebenswürdig, »aber jetzt habe ich eine halbe Stunde frei. Womit kann ich Ihnen dienen?«

Engel blickte ihn mit unverhohlener Bewunderung an.

»Sie sind ein prachtvoller Kerl,« sagte er kopfschüttelnd.

»Sie bewundern mich etwa so,« entgegnete der Anwalt, mit einem Papiermesser spielend, »wie ein begeisterter Naturforscher die Zeichnung einer Giftschlange bewundert.«

»Das ist sehr nett ausgedrückt,« erwiderte Engel wahrheitsgemäß.

Der Anwalt hatte den Blick auf den Schreibtisch sinken lassen; dann sah er auf.

»Was soll es sein?« fragte er.

»Waffenstillstand,« erwiderte Engel.

»Ich dachte mir, daß Sie das sagen würden,« meinte Spedding gemütlich, »weil Sie vermutlich wissen –«

»Jawohl,« sagte Engel voll nachlässigen Behagens, »ich weiß, daß Ihre rechte Hand, die so achtlos auf Ihrem Knie liegt, eine Waffe von außerordentlicher Treffsicherheit hält.«

»Sie sind gut orientiert,« bestätigte der Anwalt mit einer leichten Verbeugung.

»Selbstverständlich habe ich eine Vollmacht, Sie zu verhaften,« entgegnete Engel.

»Selbstverständlich,« stimmte Spedding höflich bei.

»Ich habe sie mir für alle Fälle verschafft,« fuhr Engel in seinem liebenswürdigsten Ton fort.

»Natürlich,« meinte der Anwalt; »und jetzt –«

»Ach, jetzt,« sagte Engel, »wollte ich Sie nur formell davon in Kenntnis setzen, daß wir den Safe zugunsten von Fräulein Kent morgen zu öffnen beabsichtigen.«

»Ich werde da sein,« erwiderte der Anwalt und läutete.

»Und,« fügte Engel mit leiser Stimme hinzu, »gehen Sie Jimmy aus dem Wege.«

Speddings Lippen zuckten – das einzige Zeichen von Nervosität, das er während der Besprechung verraten hatte – aber er erwiderte nichts. Als der Schreiber wartend an der offenen Tür stand, sagte Spedding mit seinem bezauberndsten Lächeln:

»Hm – und sind Sie heute früh gut nach Hause gekommen?«

»Recht gut, danke,« antwortete Engel, in keiner Weise durch die Kühnheit des Mannes aus der Fassung gebracht.

»Fanden Sie Ihr ländliches Quartier – hm – behaglich?«

»Durchaus,« zeigte sich Engel der Situation gewachsen, »aber die Veranstaltung war nicht recht gelungen.«

»Die Veranstaltung?« Der Anwalt schnappte nach dem Köder, den Engel ihm hingeworfen hatte.

»Ja,« antwortete der Detektiv, die Hand auf der Türklinke, »die Zentralheizung – Sie wissen schon.«

Engel lachte den ganzen Weg nach Scotland Yard still vor sich hin. Sein grimmiger kleiner Scherz gefiel ihm so gut, daß er ihn unbedingt seinem Chef erzählen mußte, und das Lächeln des Chefs war sehr schmeichelhaft.

»Sie sind ein heller Junge,« sagte er, »aber wenn der Tag für Sie kommt, diesen Herrn Rechtsanwalt zu verhaften, dann werden Sie hoffentlich in weiser Voraussicht Ihre Seele von allem Leichtsinn reinigen und sich für eine bessere Welt vorbereiten.«

»Wenn sie mich umbringen und ich gewinne der Sache keinen Humor ab, dann ist mein Lebensende verfehlt,« sagte Engel.

»Scheren Sie sich hinaus,« gebot der Kommissar, und Engel scherte sich.

Im Laufe des Nachmittags kam ihm zum Bewußtsein, daß er sehr müde war; so ergatterte er sich einige Stunden Schlaf, ehe er die Verabredung einhielt, die er mit Jimmy ein paar Stunden zuvor getroffen hatte. Während er sich umzog, kam Jimmy herein – sehr bleich, einen Verband um den Kopf und einen durchdringenden Jodoformgeruch ausströmend.

»Hallo,« sagte Engel erstaunt, »was in aller Welt haben Sie denn angerichtet?«

Jimmy sah sich erst nach dem bequemsten Stuhl im Zimmer um, ehe er antwortete.

»Ah,« sagte er mit einem Seufzer der Befriedigung, als er sich niederließ, »so ist's besser.«

Engel zeigte auf den Verband.

»Wann ist das geschehen?«

»Etwa vor einer Stunde,« erwiderte Jimmy. »Spedding ist ein höchst tatkräftiger Mann.«

Engel pfiff durch die Zähne.

»Auf die herkömmliche Art?« fragte er.

»Auf künstlerische Art,« antwortete Jimmy, mit dem verbundenen Kopf nickend. »Ein durchgegangenes Auto hinter meiner Droschke her – prachtvoll gemacht. Das Droschkenpferd war tot, und der Kutscher hat eine Gehirnerschütterung, aber ich merkte die Bescherung und hupfte.«

»Den Chauffeur erwischt?« fragte Engel eifrig.

»Ja; es war in der City. Sie kennen doch die Citypolizei? Na, die hatten ihn in drei Sekunden. Er versuchte durchzubrennen, aber das ist in der City ein törichtes Unterfangen.«

»War es Speddings Chauffeur?«

Jimmy lächelte mitleidig.

»Natürlich nicht. Darin liegt ja eben das Künstlerische.«

Engel sah eine Minute lang ernst aus.

»Ich glaube, wir sollten unsern Freund ›ausheben‹,« bemerkte er.

»Als wie Spedding?«

»Ja.«

»Ich bin nicht Ihrer Meinung,« sagte Jimmy. »Es wäre ja sehr viel bequemer für Sie und für mich, aber es ist viel besser, wenn wir die Realesche Geschichte erst in Ordnung bringen.«

»Große Geister –!« murmelte Engel in Gedanken an den Rat seines Chefs. »Ich vermute, Herr Spedding wird mir heute abend auflauern.«

»Darauf können Sie Ihren Kopf wetten,« erwiderte Jimmy.

Noch während er sprach, kam ein Diener mit einem Brief. Als der Mann gegangen war, öffnete Engel das Schreiben und las es durch. Sein Grinsen wurde beim Lesen immer breiter.

»Hören Sie!« sagte er. »Es ist von Fräulein Kent.«

Jimmy war ganz Spannung.

 

»Lieber Herr Engel,

Spedding hat mich wieder in eine Falle gelockt. Als ich heute nachmittag Besorgungen machte, kamen zwei Männer auf mich zu und baten mich, sie zu begleiten. Sie behaupteten, Polizisten zu sein, und wünschten mich in Verbindung mit der Geschichte gestern nacht zu verhören. Ich war so verängstigt, daß ich mit ihnen ging. Sie haben mich in ein sonderbares Haus in Kensington gebracht ... Um Gottes willen, kommen Sie zu mir! ...«

 

Jimmys Gesicht war so weiß, daß Engel glaubte, er würde ohnmächtig werden.

»Die Hunde!« schrie er. »Engel, wir müssen –«

»Sie müssen sich hinsetzen,« sagte Engel, »sonst kriegen Sie einen Anfall.« Noch einmal prüfte er den Brief. »Sehr schön gemacht,« meinte er. »Mit Bleistift auf eine zerrissene Rechnung gekritzelt – es könnte ganz gut ihre Handschrift sein.«

Er legte die Botschaft sorgfältig in eine Schublade seines Schreibtisches, die er verschloß.

»Zum Unglück für diesen Plan, Herr Spedding, lasse ich Fräulein Kents Haus Tag und Nacht durch vier Leute bewachen, und da wir telephonische Verbindung haben, weiß ich zufällig, daß die junge Dame den ganzen Tag über ihre Wohnung nicht verlassen hat.«

Er blickte zu dem totenblassen, zitternden Jimmy hinüber.

»Kopf hoch, Jimmy!« sagte er liebevoll. »Der Hieb übern Schädel hat Sie mehr aus der Fassung gebracht, als Sie selber wissen.«

»Aber der Brief?« fragte Jimmy.

»Ein kleiner Schwindel,« meinte Engel leichthin. »Herrn Speddings › ballon d'essai‹, so närrisch einfach, daß ich fast glaube, dem Spedding gehen die Nerven durch. Ich möchte wetten, daß jetzt mein Haus auf die Wirkung des Briefes hin beobachtet wird.« (Engel hätte seine Wette gewonnen.) »Jetzt ist nur noch die Frage: Was für 'n nettes kleines Programm haben sie heute abend für mich in petto?«

Jimmy war nachdenklich.

»Ich weiß nicht recht,« sagte er langsam, »ich glaube, es wäre klüger von Ihnen, daheim zu bleiben. Sie könnten mir in Ihrem Wohnzimmer ein Bett zurechtmachen, und wenn was Unangenehmes kommt, können wir uns drein teilen.«

»Und pfeifen, um mir Mut zu machen?« höhnte Engel. »Mit dem größten Vergnügen will ich Ihnen ein Bett zurechtmachen; aber ich geh aus, Jimmy, und ich nehme Sie mit, wenn Sie nichts dagegen haben, und wenn sich jemand finden läßt, der Ihnen diese auffällige weiße Bandage durch was weniger Schauriges ersetzt.«

Sie fanden jemanden in Devonshire Place – einen gemeinsamen Freund. Er war Spezialist für eine unaussprechbare Krankheit. Ein Ritter vom St. Michaels- und vom St. Georgs-Orden, Professor von Oxford und Cambridge und Verfasser eines halben Dutzends medizinischer Werke. Engel nannte ihn ›Bill‹.

Der große Chirurg verband geschickt Jimmys beschädigten Kopf und stellte, klug wie er war, keinerlei Fragen. Er kannte sie beide, hatte mit dem einen in Oxford studiert und erlaubte sich zynische Bemerkungen über ihren Lebenswandel und die vermutliche Art ihres Todes.

»Wenn du nur nicht soviel schwatzen wolltest,« sagte Engel, »würde ich dich regelmäßig beschäftigen; aber wie die Dinge liegen, bezweifle ich sehr, ob ich dir je wieder einen Fall bringen werde.«

»Wofür ich dir sehr verbunden wäre,« sprach Sir William Farrant, während er die losen Enden des Verbandes abschnitt. »Patienten wie dich, Meister Engel, sehe ich gern einmal im Jahr – so um die Weihnachtszeit, wenn ich mit Menschenliebe überfüttert bin und ein gesundes moralisches Gegenmittel brauche, um das glänzende Bild auf sein normales Grau abzutönen – das ist die Zeit, da du willkommen bist, Engel.«

»Großartig!« sagte Engel begeistert. »Den Satz möcht ich gedruckt und illustriert in einem Buch sehen.«

Der Arzt lächelte gutmütig. Er legte die letzte Hand an den Verband.

»Fertig,« sagte er.

»Danke schön, Bill,« erwiderte Jimmy. »Du fängst an, dick zu werden.«

»Nichts zu danken,« lehnte der Arzt empört ab.

Engel schlug einen ernsteren Ton an, als er den Arzt beim Abschied halblaut fragte:

»Wo bist du heute abend?«

Der Arzt schaute in seinem Notizbuch nach.

»Ich esse mit ein paar Bekannten um acht im ›Ritz‹. Hinterher gehen wir ins Gaiety-Theater, und um zwölf bin ich wieder zu Hause. Warum?«

»Da gibt's so 'nen Gentleman,« vertraute ihm Engel an, »der heute abend einen kühnen Versuch unternehmen wird, einen von uns, oder auch uns beide, umzubringen, und es könnte ihm ja danebengehen; da wäre es ganz gut, zu wissen, wo du bist, wenn man dich braucht. Wohlgemerkt,« fügte Engel grinsend hinzu, »man könnte dich für ihn brauchen.«

»Du bist ein verdrehter Kauz,« sagte der Arzt, »und Jimmy ist noch verdrehter. Na, fort mit euch, ihr beiden Burschen; ihr werdet mein Haus noch in schlechten Ruf bringen.«

Auf der Straße fuhren die beiden Undankbaren fort, über Korpulenz als Begleiterscheinung des Erfolges zu diskutieren.

Gemächlich schlenderten sie nach Piccadilly Circus. Es ist eine interessante und bemerkenswerte Tatsache, daß sie ohne ersichtlichen Grund in Nebenstraßen einbogen, unerwartete Abstecher nach benachbarten Plätzen unternahmen, unnötige Abkürzungen durch Hintergäßchen machten und schließlich an der Kreuzung von Oxford Street und Charing Croß Road eine Hansomdroschke anriefen, um in schneller Fahrt nach Osten zu eilen. Engel schrie seine Anweisungen durch die Klappe im Verdeck.

»Ich hätte nicht übel Lust, die beiden Herren, die uns da nachsteigen, tüchtig in Trab zu setzen,« meinte er.

Er hob den kleinen Vorhang an der Rückwand der Droschke hoch, blickte durch das Fenster und seufzte tief auf. Dann gab er dem Kutscher neue Anweisungen.

»Fahren Sie zum ›Troc‹,« rief er, und zu Jimmy gewandt, fügte er hinzu, »wenn wir schon sterben müssen, wollen wir wenigstens gut gefüttert sterben.«

Im übervollen Grillroom des hellerleuchteten Restaurants fanden die beiden einen Tisch, der den Blick über den ganzen Raum freigab. Sie setzten sich, und während Jimmy das Essen bestellte, beobachtete Engel den eindringenden Menschenstrom.

Er sah einen adretten kleinen Mann mit dunklem Gesicht und kohlschwarzen Augen, Augenbrauen und Schnurrbart durch die Glastür kommen. Einen Augenblick blieb dieser an der Tür stehen; seine blanken Augen blitzten von Gesicht zu Gesicht. Dann fing er Engels festen Blick auf, und seine Augen ruhten ein wenig länger auf den beiden Freunden. Da winkte ihm Engel. Er zögerte eine Sekunde, dann ging er langsam auf sie zu.

Jimmy zog einen Stuhl heran, und wieder zögerte jener unentschlossen; langsam ließ er sich nieder, argwöhnisch von einem zum andern blickend.

» Monsieur Callvet – n'est-ce pas?« fragte Engel.

»So heiße ich,« antwortete der andere auf französisch.

»Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.«

»Ich kenne Sie,« sagte der kleine Mann kurz. »Sie sind ein Detektiv.«

»Ich habe den Vorzug,« bestätigte Engel, die Bitterkeit des andern nicht beachtend.

»Sie wünschen mich zu sprechen?«

»Jawohl,« erwiderte Engel. »Erstens möchte ich Sie fragen, warum Sie uns die letzten zwei Stunden nachgegangen sind?«

Der Mann zuckte die Achseln.

»Monsieur irrt sich.«

Jimmy war den ganzen Abend sehr ruhig gewesen. Jetzt wandte er sich an den Franzosen.

»Callvet,« sagte er kurz, »wissen Sie, wer ich bin?«

»Ja, Sie sind auch ein Detektiv.«

Jimmy blickte ihm gerade in die Augen.

»Ich bin kein Detektiv, Callvet, wie Sie sehr wohl wissen. Ich bin« – er verspürte einen ungewohnten Widerwillen beim Gebrauch der nächsten Worte – »ich bin Jimmy von Kairo. Kennen Sie mich?«

»Ich habe von Ihnen gehört,« sagte der Mann dickköpfig.

»Was Sie – jetzt sind – weiß ich nicht,« fuhr Jimmy verächtlich fort. »Ich habe Sie als alles mögliche gekannt – als ein Zierstück der Jung-Ägyptischen Partei, als einen Schlepper für Reale, als einen Händler in Niedertracht.«

Die Unterhaltung wurde in vulgärem Französisch geführt, und Jimmy gebrauchte einen Ausdruck, bei dem selbst dem ausgepichtesten Schurken das Haar zu Berge gestanden hätte. Aber dieser Mensch zuckte nur die Achseln und erhob sich, um zu gehen. Jimmy erwischte ihn am Ärmel und hielt ihn zurück.

»Callvet,« sagte er, »trollen Sie sich heim zu Herrn Spedding, Ihrem Auftraggeber, und sagen Sie ihm, die Sache sei zu gefährlich. Sagen Sie ihm, daß wenigstens einer von den Männern genug über Sie weiß, um Sie nach Neu-Kaledonien zu bringen, oder sonst –«

»Oder sonst?« fragte der Mann trotzig.

»Oder sonst,« meinte Jimmy in seiner verhaltenen Art, »würde ich den französischen Gesandten benachrichtigen, daß ›Monsieur Plessey‹ in London ist.«

Das Gesicht des Mannes wurde fahlgrün.

» Monsieur – je n'en vois pas la nécessité,« stammelte er.

»Und wer ist Plessey?« fragte Engel, als der Mann gegangen war.

»Ein Mörder, den die französische Polizei schon lange sucht,« antwortete Jimmy; »Spedding hat sein Werkzeug gut gewählt. Engel, es wird allerhand geben, noch ehe der Abend vorüber ist.«

Sie aßen schweigend und blieben lange beim Kaffee sitzen. Der Franzose hatte an einem Tisch auf der andern Seite des Zimmers Platz genommen. Einmal, als Engel hinausging, machte er ebenfalls Anstalten zum Gehen, aber als er bemerkte, daß Jimmy sich nicht rührte, gab er seine Absicht auf.

Engel trudelte durch das Dessert und brauchte eine endlose Zeit für den Mokka. Jimmy, der am liebsten schon gegangen wäre, seufzte schwer, als sein wankelmütiger Gefährte sich noch einen weiteren Schnaps bestellte.

»Verflucht heimtückisches Zeug,« murrte Jimmy.

»Unelegant, aber wahr gesprochen,« meinte Engel.

Er amüsierte sich über den Spitzel am anderen Tisch, der offensichtlich ebenfalls bemüht war, die Zeit totzuschlagen.

Plötzlich stand Engel auf, ließ sein Glas unberührt stehen und griff nach dem Hut. »Gehen wir,« sagte er aufgeräumt.

»Das kommt ja sehr plötzlich,« bemerkte der ungeduldige Jimmy.

Sie gingen zur Kasse und beglichen ihre Rechnung. Zur Seite schielend, konnte Engel sehen, daß der adrette kleine Franzose ihnen hinausfolgte.

In Shaftesbury Avenue schritten sie tüchtig aus; nach einer Weile blieb Jimmy stehen und suchte irgend etwas in seiner Tasche. Dabei drehte er sich um nach der Richtung, aus der sie gekommen waren. Der adrette kleine Franzose kam auf sie zugeschlendert; hinter ihm waren jetzt zwei einfach gekleidete Männer aufgetaucht. Da bemerkte Jimmy, wie die beiden Männer ihre Schritte beschleunigten. Als sie Callvet eingeholt hatten, nahm jeder liebevoll einen Arm, und zu dritt bogen sie in Rupert Street ein; Engel und Jimmy folgten ihnen.

Jimmy sah, wie die drei eine dichte Gruppe bildeten, und hörte das Einschnappen von Handschellen. Engel pfiff einer vorüberfahrenden Droschke. Da begann der Gefangene zu rufen. »Steckt ihm ein Taschentuch in den Mund,« befahl Engel, und einer der Männer gehorchte. Die beiden sahen der Droschke nach, bis sie um die Ecke gebogen war.

»Es hat keinen Sinn, unnötig Gefahr zu laufen,« meinte Engel fröhlich. »Man kann ja ein Narr sein, aber man braucht noch kein dummer Narr zu sein. Nun wollen wir sehen, was sonst noch geschieht.«

Im Weitergehen erklärte er:

»Ich suche Callvet schon seit ziemlich langer Zeit – er steht sozusagen auf der Liste. Vor einem Jahr habe ich ihn aus den Augen verloren. Wie Spedding auf ihn verfallen sein mag, ist mir ein Rätsel. Geradeheraus gesagt, er steht mit der guten Hälfte aller Londoner Spitzbuben auf Grüßfuß ... hatte 'ne große Kriminalpraxis, eh er sich auf die lukrativere Seite des Gesetzes schlug.«

Eine große Menschenmenge hatte sich an der Ecke von Haymarket angesammelt, und ganz von selbst wichen sie ihr aus.

»Neugier,« schwatzte Engel weiter, »hat schon manche arme Seele zugrunde gerichtet. Geh der Menge aus dem Weg, Jimmy ...«

Schließlich gelangten sie zu Engels Wohnung in Jermyn Street.

»Spedding wird seine Ränke und Pläne, uns heute nacht zu fangen, verdoppeln und verdreifachen,« sagte Jimmy.

»Allerdings,« stimmte Engel bei und schloß die Haustür auf.

Der enge Hausflur, in dem gewöhnlich bei Tag und Nacht Licht brannte, war dunkel.

»O nein,« sagte Engel und trat auf die Straße zurück, »o nein, keineswegs!«

Schon im Gehen hatte Jimmy geargwöhnt, daß ihnen jemand folgte. Dieser Argwohn bestätigte sich, als Engel pfiff und zwei Männer quer über die Straße auf sie zukamen.

»Leihen Sie mir Ihre Lampe, Johnson,« sagte Engel; er ergriff die helleuchtende elektrische Taschenlampe und trat in den Hausflur, gefolgt von den anderen. Sie erreichten den Fuß der Treppe; wortlos streckte Engel die Hand nach hinten, und einer der beiden Männer gab ihm einen Stock. Behutsam kletterte die kleine Gesellschaft die Treppe hinauf, die zu Engels Wohnung führte.

»Hier ist jemand gewesen,« sagte Engel und zeigte auf einen Schmutzfleck auf dem Teppich. Die Tür war nur angelehnt, und Jimmy stieß sie mit dem Fuß ganz auf; darauf streckte Engel vorsichtig den Arm ins Zimmer und drehte das Licht an. Und im Dunkel des Flurs warteten sie, was kommen würde.

Nichts rührte sich, und sie traten ein. Es bedurfte keines besonderen Scharfsinns, um zu erkennen, daß jemand das Zimmer durchstöbert hatte. Halboffene Schubladen, deren Inhalt auf dem Boden verstreut lag, und alle Anzeichen einer eiligen Suche boten sich ihren Augen.

Aus dem kleinen Wohnzimmer gingen sie ins Schlafzimmer; auch hier hatten die Besucher Spuren ihrer Nachforschungen hinterlassen.

»Hallo!« Jimmy bückte sich und hob einen weichen Filzhut auf. Er sah hinein: das abgenutzte Futter trug den Namen eines ägyptischen Hutgeschäftes.

»Connors Hut!« rief er.

»Ah!« sagte Engel leise, »also Connor mischt sich ein?«

Einer der Detektive, der ihnen nachgegangen war, packte Engel am Arm.

»Sehen Sie, da!« wisperte er.

Halb versteckt durch die schweren Fenstervorhänge hockte ein Mann im Schatten.

»Kommen Sie raus da!« rief Engel.

Etwas in der Haltung des Mannes ließ ihn verstummen. Rasch trat er hinzu und zog den Vorhang zurück.

»Connor!« rief er.

Connor war es in der Tat – starr und tot, ein Schußloch mitten auf der Stirn.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.