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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
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12.
Was in der Flairby-Mühle geschah

Kathleen betrachtete ganz natürlicherweise den Rechtsanwalt als einen uneigennützigen Freund. Es lag kein Grund vor, warum sie das nicht hätte tun sollen; und wäre noch irgend etwas nötig gewesen, um ein freundliches Gefühl für ihren zurückhaltenden Rechtsbeistand zu wecken – diese seine letzte Handlung hätte es getan; denn wie er ihr erzählte, hatte er durch einen bloßen Zufall den Schlüssel zu dem verborgenen Wort kaum entdeckt, als er auch schon fortgestürzt war, um ihr mitzuteilen, was er erfahren hatte. Natürlich riet er ihr zu einem sofortigen Vorgehen, und als sie Bedenken äußerte, zu so später Stunde die Jagd nach dem Buch zu beginnen, machte er dunkle Anspielungen auf allerhand Schwierigkeiten, die sich durch ihr Zögern ergeben würden. Sie wollte Engel benachrichtigen und auch Jimmy, aber davon wollte der Anwalt absolut nichts wissen; sie erklärte sich schließlich seine hartnäckige Ablehnung mit der argwöhnischen Vorsicht des Juristen.

Dann lockte sie die Aufregung des mitternächtlichen Abenteuers – die rasche Autofahrt durch die wilde Nacht, und die wunderbaren Möglichkeiten des Suchens und Findens am Ende der Fahrt.

So fuhr sie also mit, und ihre Abenteuerlust wurde fast schon befriedigt durch den knapp vermiedenen Zusammenstoß mit einem anderen Auto, das mit größter Geschwindigkeit in der entgegengesetzten Richtung fuhr. Sie hatte die Insassen des anderen Wagens nicht gesehen, aber sie hoffte, sie hätten sich ebenso erschreckt wie sie.

Tatsächlich verschwendete keiner der beiden Männer auch nur einen weiteren Gedanken an das vermiedene Unglück; der Sinn des einen war ganz und gar erfüllt von ihrem Bild, und der andere grübelte über die Einrichtung des Telephons nach.

Kathleen hatte keine Zeit, der nächtlichen Aufregungen müde zu werden – über aufgeweichte Heideflächen ging die Fahrt und durch ausgestorbene Dörfer, deren kleine Häuschen einen Augenblick im hellen Schein der Autolampen auftauchten und dann wieder im Dunkel versanken. Nur zu bald kam sie in eine wohlbekannte Gegend, und das Auto verlangsamte seine Geschwindigkeit, um nicht an dem kleinen Grasweg vorüberzufahren, der zur Flairby-Mühle hinführte. Schließlich fanden sie ihn, und das Auto schuckerte vorsichtig über tiefausgefahrene Wagengeleise, über herumliegende Steine und durch langes regennasses Gras, bis im Dunkel der Nacht die gedrungenen Umrisse der Flairby-Mühle undeutlich sichtbar wurden.

Es gab einst eine Zeit, ehe die billigen Maschinen kamen, da die Flairby-Mühle in der ganzen Gegend berühmt war und das Rumpeln und Poltern ihrer schweren Steine Tag und Nacht erklang; aber schon lange lag das Rad zerbrochen im Bett des kleinen Baches, der ihm so treu gedient hatte; die Maschinen waren verrostetes altes Eisen, und nur das benachbarte winzige Wohnhaus hatte noch einigen Wert. Ein paar kaum nennenswerte Reparaturen genügten, um das Haus wasserdicht und wetterfest zu erhalten, und hier hatte Kathleen allen überflüssigen Kram aus ihres Vaters Haushalt aufgespeichert. Die Sättel, Schilde, Speere und anderen Kuriositäten, die er auf seinen Reisen gesammelt, und die bescheidene Bibliothek, die ihn in den bitteren Jahren seines Sterbens getröstet hatte, all das war hier aufbewahrt. Wertlos in dem Sinn, wie die Welt Werte schätzt, aber in den Augen des jungen Mädchens kostbare Dinge, Erinnerungen an den toten Vater.

Die Tränen stiegen ihr in die Augen, als Spedding den Schlüssel aus ihrer Hand nahm und ins Schloß der altmodischen Haustür steckte, aber sie wischte sie verstohlen weg.

Spedding benutzte die Azetylenlampe des Autos, um sich im Haus zurechtzufinden. »Sie müssen mich führen, Fräulein Kent,« sagte er, und Kathleen zeigte ihm den Weg. Die eichene, staubbedeckte Treppe hinauf gingen die beiden, und ihre Tritte hallten hohl durch das verlassene Haus. Am Ende der Treppe befand sich eine schwere Tür, die der Anwalt auf Geheiß des Mädchens öffnete.

Sie traten in ein riesiges scheunenartiges Zimmer mit schräggeneigter Balkendecke. Es hatte drei jetzt durch Läden verschlossene Fenster und am anderen Ende eine zweite Tür, die in ein kleineres Zimmer führte.

»Dies war die Wohnstube des Müllers,« sagte Kathleen traurig. Sie konnte sich gerade noch auf die Zeit besinnen, als ein Müller auf dem Hofe lebte und sie mit ihrem Vater vor die Mühle geritten kam; dann hatte der Müller, weiß und freundlich, sie vom Pferd gehoben und durch einen geheimnisvollen Raum geführt, wo große Steine polternd sich emsig drehten und die Luft von feinem weißem Staub erfüllt war.

Spedding stellte die Lampe auf den Tisch und ließ seinen Blick suchend durchs ganze Zimmer schweifen. Die Bücher waren nicht schwer zu entdecken: man hatte sie ausgepackt und in drei unordentlichen Reihen auf flüchtig zusammengebauten Regalen aufgestellt. Der Anwalt hielt die Lampe so, daß der volle Lichtschein auf die Bücher fiel. Dann prüfte er sie sorgfältig, Reihe für Reihe; aufmerksam kontrollierte er jedes Exemplar, und von jedem Band, der ihm in die Hand kam, murmelte er halblaut Titel und Namen. Da gab es Schulbücher, Reisebeschreibungen, und ab und zu ein dickes wissenschaftliches Werk, denn Kathleens Vater hatte sich besonders eingehend mit Naturwissenschaften beschäftigt. Die eine Hand auf den Tisch gestützt, sah das junge Mädchen zu und bewunderte die Geduld, welche der freundliche, schwerfällige Mann auf seine Arbeit verwandte; allerdings fragte sie sich heimlich etwas erstaunt, welche Notwendigkeit für diese mitternächtliche Untersuchung bestehe. Sie hatte dem Anwalt nichts von dem roten Kuvert erzählt, aber instinktiv fühlte sie, daß er von alledem wußte.

»Anabasis, Xenophon,« murmelte er; »Josephus, Leben und Werke; Elias Essays; Essays, Emerson; Essays, De Quincey. Was ist das?«

Zwischen zwei umfangreichen Bänden zog er ein dünnes kleines Buch in einem verschossenen Einband hervor. Sorgfältig reinigte er es vom Staub, warf einen Blick auf den Titel, schlug es auf und las die Titelseite; dann trat er zum Tisch, setzte sich und begann das Buch zu lesen.

Das junge Mädchen wußte nicht recht, wie es kam, aber es lag in diesem Augenblick etwas in seiner Haltung, das ihr leichtes Unbehagen verursachte und ein Gefühl von Gefahr in ihr weckte. Vielleicht, weil er bis dahin ausgesucht höflich, ja beinahe servil gegen sie gewesen war; und nun er das Buch gefunden hatte, beachtete er sie überhaupt nicht mehr. Er brachte es ihr nicht, bat sie auch nicht, es mit ihm anzusehen; sie fühlte, daß sie ›erledigt‹ war, daß des Anwalts Interesse für ihre Sache im Augenblick der Entdeckung des Buches vollkommen erloschen war.

Sorgfältig blätterte er die Seiten um, aufmerksam las er die Einleitung; ihre Blicke wanderten von dem Buch zu seinem Gesicht. Nie zuvor hatte sie ihn mit kritischer Aufmerksamkeit betrachtet. Im unfreundlichen Lampenlicht sah sie seine Unvollkommenheiten – die brutale Kraft seiner Kinnbacken, die skrupellose Dünnheit seiner Lippen, die schweren Augenlider und die merkwürdige Haarlosigkeit seines Gesichts. Es schauderte sie ein wenig, denn sie hatte für ihren Seelenfrieden zuviel in seinem Gesicht gelesen.

Der Anwalt war sich ihrer prüfenden Blicke nicht bewußt, denn das Buch nahm ihn ganz in Anspruch, eine Seite las er nach der anderen.

»Glauben Sie nicht, daß es besser wäre, wir gingen nun?« fragte Kathleen schüchtern.

Spedding sah auf, und sein starrer Blick entsprach seinen Worten.

»Wenn ich fertig bin, gehen wir,« sagte er grob und fuhr fort zu lesen.

Kathleen mußte vor Staunen ein wenig nach Luft schnappen, denn trotz all ihres Argwohns war sie doch nicht darauf gefaßt, daß er seine liebenswürdige Maske so schnell und so vollkommen fallen lassen würde. Dunkel begann sie die Gefahr zu ahnen, aber es konnte ja nichts geschehen: draußen wartete der Chauffeur; er war ihr ein Sinnbild für Recht und Ordnung. Sie machte einen zweiten Versuch.

»Ich muß darauf bestehen, Herr Spedding, daß Sie dies Buch anderswo zu Ende lesen. Ich weiß nicht, ob Sie sich der Tatsache bewußt sind, daß Sie auf dem einzigen Stuhl in diesem Zimmer sitzen,« fügte sie aufgebracht hinzu.

»Ich bin mir der Tatsache sehr wohl bewußt,« erwiderte ruhig der Anwalt, ohne die Augen zu erheben.

»Herr Spedding!«

Müde blickte er auf.

»Darf ich Sie ersuchen, sich ruhig zu verhalten, bis ich zu Ende bin,« sagte er in einem nicht zu verkennenden Ton; »und sollten Sie noch irgendeinen Zweifel hegen, daß ich nicht in Ihrem, sondern in meinem eigenen Interesse nach dem Wort suche, so darf ich Ihnen vielleicht mitteilen: wenn Sie mich durch Heulerei oder irgendeine Szene aufbringen und ärgern, so hab ich etwas bei mir, das Sie zur Ruhe bringen wird,« und damit las er weiter.

Kalt und weiß und schweigend stand das Mädchen da, wild klopfte ihr Herz, und allerlei Fluchtpläne gingen ihr durch den Kopf.

Nach einer Weile sah der Anwalt auf und klopfte mit dem Zeigefinger auf das Buch.

»Ihr kostbares Geheimnis ist kein Geheimnis mehr,« sagte er mit einem harten Lachen. Kathleen antwortete nichts. »Wäre ich kein solcher Narr gewesen, so hätte ich es schon längst durchschaut,« fügte er hinzu und sah das Mädchen nachdenklich an.

»Ich habe zwei Vorschläge zu machen,« fuhr er fort, »und ich brauche Ihre Hilfe.«

»Erwarten Sie keine Hilfe von mir, Herr Spedding,« erwiderte sie kalt. »Morgen wird man eine Erklärung für Ihr sonderbares Betragen von Ihnen fordern.«

Er lachte.

»Morgen, und wer? Engel vielleicht oder der vornehme junge Gauner, der halb in Sie verliebt ist?«

Er lachte noch einmal, als er sah, wie dem jungen Mädchen die Röte in die Wangen stieg.

»Aha! ich hab's getroffen!«

Sie nahm seine Worte mit verächtlichem Schweigen auf.

»Morgen bin ich weg – weit weg, hoffe ich, aus der Reichweite der beiden erwähnten Herren. Das Morgen interessiert mich lange nicht so wie das Heute.« Es fiel ihr ein, daß es nur noch eine Stunde bis Tagesanbruch war. »Heute ist ein schicksalsschwerer Tag für mich – und für Sie.« Er betonte die letzten Worte.

Sie verharrte in eisigem Schweigen.

»Wenn ich meinen Fall in ein paar Worten erklären soll,« fuhr er mit all der früheren Liebenswürdigkeit fort, »so darf ich wohl sagen, daß es für mich eine Notwendigkeit ist, das Geld in jenem lächerlichen Safe zu beschaffen.« Sie unterdrückte einen Ausruf. »Ah! Sie begreifen? Ich will mich näher erklären. Wenn ich sage: das Geld zu beschaffen, so meine ich: es für mich zu beschaffen, bis auf den letzten Pfennig, und es für meinen Privatgebrauch zu verwenden. Sie können sich nicht vorstellen,« fuhr er fort, »wie wohltuend es ist, endlich die unausgesprochenen Gedanken eines ganzen Jahres frei herauszusagen, einem menschlichen Wesen die geheimsten Dinge mitzuteilen, die solange hier verborgen waren.« Er schlug sich an die Brust. »Als der Auftrag des alten Reale mir anvertraut wurde, glaubte ich, die Erben seien ganz gewöhnliche Alltagsnarren, die mir Tag für Tag die Ergebnisse ihrer Nachforschungen zu meinem Vorteil mitteilen würden. Auf Sie hatte ich dabei nicht sehr gezählt, denn Frauen sind von Natur verschwiegen und mißtrauisch, aber ich hatte mich auf die beiden Verbrecher verlassen. Meine Erfahrungen mit der Verbrecherwelt – recht ausgedehnte Erfahrungen – verleiteten mich zu der Annahme, daß ich mit diesen Herren keine Schwierigkeiten haben würde.« Er spitzte den Mund. »Ich hatte ohne meinen Jimmy gerechnet,« sagte er kurz. Er sah die Augen des Mädchens aufleuchten. »Ja,« fuhr er fort, »Jimmy ist kein gewöhnlicher Mensch, und Engel ist ein leuchtendes Beispiel für unpassende Namen. Einmal hab ich Jimmy beinah schon gehabt. Hat er Ihnen erzählt, wie er zu dem roten Kuvert gekommen ist? Ich seh schon, er hat's nicht erzählt. Na, jedenfalls hatte ich ihn beinahe. Am nächsten Morgen suchte ich nach seiner Leiche und fand nichts. Später am Tag erhielt ich eine Ansichtskarte von ihm, die ganz besonders frivol und gemein war.« Er hielt inne, als erwarte er eine Äußerung von ihr.

»Ihre Bekenntnisse haben wenig Interesse für mich,« sagte das junge Mädchen ruhig. »Mein einziges Bestreben ist es, mich von Ihrer Gegenwart zu befreien.«

»Dazu komme ich gleich,« erwiderte der Anwalt. »Ich bin vor einer Weile sehr unhöflich gegen Sie gewesen, aber ich war sehr beschäftigt, und außerdem wollte ich Ihnen eine künstlerische Einführung in die veränderte Lage der Dinge geben. Weit entfernt davon, unhöflich zu sein, möchte ich mich jetzt vielmehr als ganz besonders nett erweisen.«

Trotz ihrer äußerlichen Ruhe zitterte sie bei dem aalglatten Ton, den der Rechtsanwalt jetzt anschlug.

»Ich bin in folgender Lage,« fuhr er fort; »wir haben da eine enorme Summe, die von Rechts wegen Ihnen gehört. Das Gesetz und die Neigung Ihres Mitbewerbers – Connor wollen wir aus dem Spiel lassen, denn er zählt nicht – sprechen Ihnen das Geld zu. Es trifft sich sehr unglücklich, daß auch ich, der nicht den geringsten Anspruch darauf hat, dieses Geld begehre, und die endgültige Frage spitzt sich nun darauf zu: soll es Spedding sein, oder Kathleen Kent? Ich sage: Spedding –, und die Umstände sind für mich, denn ich habe Sie hier – entschuldigen Sie die Wendung ins Tragische – so ziemlich in meiner Gewalt. Ob ich die zwei Millionen, Ihre zwei Millionen, ohne Störung an mich nehmen werde, hängt ganz von Ihnen ab.«

Wieder hielt er inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten. Das junge Mädchen gab keine Antwort, aber er konnte das Entsetzen in ihren Augen sehen.

»Hätte ich auf Ihre Dienste verzichten können, oder hätte ich Grips genug gehabt, um von selber auf die einfache Lösung dieses verwünschten Rätsels zu kommen, so würde ich Sie nicht im geringsten behelligt haben; aber wie die Dinge nun liegen – muß ich Sie zum Schweigen bringen.«

Er hatte seine Worte mit äußerster Kälte vorgebracht, und Kathleen überkam ein Schwindel, als ihr klar wurde, was hinter diesen Worten steckte.

»Ich kann Sie zum Schweigen bringen, indem ich Sie töte,« sagte er einfach, »oder indem ich Sie heirate. Wüßte ich einen wirksamen Weg, der es mir ermöglichte, Sie auf zwei Tage absolut verschwinden zu lassen – ich würde ihn gern einschlagen; aber Sie sind ein Menschenweib, und das hieße zuviel erwarten. Nun, welche Alternative ziehen Sie vor?«

Sie wich bis an das verschlossene Fenster zurück, die Augen fest auf den Mann gerichtet.

»Sie denken zweifellos an den Chauffeur,« sagte er liebenswürdig, »aber auf den können Sie nicht rechnen. Wären Ihre Ohren scharf, so hätten Sie das Auto vor einer halben Stunde zurückfahren hören – der Chauffeur erwartet unsere Rückkehr eine halbe Meile von hier. Wenn ich allein komme, wird er zweifellos überrascht sein, aber wissen wird er nichts. Können Sie sich das Bild nicht vorstellen: er fährt mich weg, und ich, neben ihm, drehe mich um und winke lächelnd, abschiednehmend einer nicht vorhandenen Frau zu, die für den Chauffeur unsichtbar wäre. Stellen Sie sich vor, wie sein unbehagliches Gefühl bei diesem feinen Zug schwinden würde. Zwei Tage später befände er sich mit mir auf hoher See, ohne die leiseste Ahnung von dem Mord; und seltsame Dinge geschehen auf hoher See. Sag, Kathleen, soll es Heirat sein –?«

»Tod!« rief sie heiser, und als seine rasche Hand sie an der Kehle packte, schrie sie auf.

Sein Gesicht blickte in ihres nieder, ohne auch nur einen Muskel zu verziehen. Sie sah, wie die Pupillen seiner erbarmungslosen Augen starr, reglos, ganz erfüllt von seinem schrecklichen Vorsatz, sich langsam verengten.

Dann plötzlich ließ er sie los: sie taumelte gegen die Wand.

Sie hörte seinen raschen Atem gehen und wartete mit geschlossenen Augen.

Nach einer Weile blickte sie langsam auf. Sie sah einen Revolver in seiner Hand, und trotz ihrer halben Betäubung wurde ihr klar, daß dieser Revolver nicht auf sie gerichtet war.

»Hände hoch!« Sie hörte Speddings rauhen Schrei. »Hände hoch, ihr beiden!«

Dann hörte sie ein unverschämtes Lachen.

Nur zwei Männer gab es auf der ganzen Welt, die im Angesicht des Todes so lachen würden, und beide standen sie in der Tür: Engel, die Motorbrille um den Hals, und Jimmy, langsam die Handschuhe abstreifend.

Dann blickte sie zu Spedding hinüber.

Die Hand, die den Revolver hielt, zitterte nicht; er war ebenso gefaßt, wie er es vor ein paar Minuten gewesen war.

»Wenn sich einer von euch rührt, erschieße ich das Mädel, bei Gott!« zischte Spedding zwischen den Zähnen.

Sie standen in der Tür, und Jimmy sprach. Er sprach nicht laut, aber sie hörte die schlummernde Leidenschaft durch seine ruhigen Sätze zittern.

»Spedding, Spedding, mein Freund, Sie erschrecken mir das Kind; legen Sie Ihre Flinte hin und lassen Sie uns reden. Hören Sie? Jetzt beherrsche ich mich, Spedding, aber wenn Sie dem Mädchen was zuleide tun, falle ich wie ein Teufel über Sie her. Hören Sie? Wenn Sie ihr was antun, packe ich Sie mit meinen bloßen Händen und komme Ihnen indianisch, Spedding, mein Freund, binde Sie, pfähle Sie und schmore Sie langsam bei lebendigem Leibe. Ja, und bei Gott, wenn sich jemand einmengt, und sei es selbst Engel, ich bring ihn um. Hören Sie das?«

Er atmete schwer vor Anstrengung, sich zu beherrschen, und Spedding, dem die wilde Wut im ganzen Auftreten des Mannes ein Grausen einjagte, senkte seinen Revolver.

»Also reden wir,« sagte er heiser.

»So ist's recht,« meinte Engel, »und lassen Sie mich zuerst reden. Ich suche Sie.«

»Nehmen Sie mich,« erwiderte Spedding.

»Das Risiko ist mir zu groß,« gestand Engel offen ein, »und außerdem kann ich's mir leisten zu warten.«

»Nun?« fragte der Anwalt herausfordernd nach einer langen Pause. Er hielt die Waffe in die Nähe des Mädchens gerichtet.

Engel wechselte ein halblautes Wort mit seinem Gefährten, dann sagte er:

»Sie können gehen,« und trat zur Seite.

Spedding winkte ihm, weiter zurückzutreten. Dann schob er sich langsam bis zur Tür. Einen Augenblick blieb er stehen, als wolle er noch etwas sagen, dann hob er blitzschnell den Revolver und feuerte zweimal hintereinander.

Engel spürte das Pfeifen der Kugeln im Gesicht und sprang los, gerade als Jimmys Arm vorschnellte.

Knack, knack, knack! Drei Schüsse aus Jimmys Revolver, so schnell hintereinander, daß fast nur ein einziger Knall zu hören war, jagten hinter dem Anwalt her – aber zu spät; die schwere Tür fiel Engel vor der Nase zu, und das Einschnappen des Schlosses sagte ihnen, daß sie Gefangene waren.

Mit einem Satz war Engel am Fenster, aber das Fenster war mit Läden verschlossen, vernagelt und ganz unbeweglich.

Er blickte Jimmy an und brach in schallendes Gelächter aus.

»In der Falle, bei Gott!« sagte er.

Jimmy kniete neben dem Mädchen. Sie war nicht ohnmächtig geworden, aber mit einem Male war ihr die schreckliche Gefahr zum Bewußtsein gekommen, und die Erregung und Übermüdung durch das nächtliche Abenteuer hatten sie zitternd in die Knie sinken lassen. Sehr zart stützte sie Jimmys Arm. Sie fühlte die Kraft des Mannes, und, durchschauert von seiner Berührung, ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken und fühlte sich geborgen.

Engel war eifrig damit beschäftigt, die Fenster zu untersuchen, als ein lauter Knall vor dem Haus seine Aufmerksamkeit fesselte.

»Was ist das?« fragte Kathleen mit schwacher Stimme.

»Entweder ist es Herrn Speddings sehr angebrachter Selbstmord, was, fürchte ich, zuviel erwartet wäre,« bemerkte Engel höchst philosophisch, »oder es ist derselbe Herr Spedding, der den Motor unseres Autos zerstört. Ich fürchte, es ist das letztere.«

Er schritt im Zimmer auf und ab, untersuchte den kleineren Raum am anderen Ende und schnupperte unruhig.

»Fräulein Kent,« sagte er eifrig, »fühlen Sie sich wohl genug, um mir eine Auskunft zu geben?«

Sie fuhr errötend zusammen und machte sich aus Jimmys Armen los; dann erhob sie sich ein wenig unsicher.

»Ja,« erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln, »ich glaube, ich bin wieder ganz in Ordnung.«

»Was ist hier drunter?« fragte Engel und zeigte auf den Fußboden.

»Eine alte Werkstatt, eine Art Lagerraum,« erwiderte sie überrascht.

»Was ist drin?« Der Ernst in Engels Stimme ließ sich nicht verkennen.

»Alte Möbel.«

»Matratzen?«

»Ja, ich glaube auch Matratzen, und Farbtöpfe, und allerlei Gerümpel. Warum fragen Sie?«

»Jimmy,« sagte Engel rasch, »riechen Sie nichts?«

Jimmy schnupperte.

»Ja,« sagte er hastig. »Schnell, die Fenster!«

Eilig durchsuchten sie das Zimmer. Aus einer Ecke zog Jimmy einen verrosteten Kavalleriesäbel hervor.

»Das ist das Wahre,« meinte Engel und machte sich daran, die soliden Fensterläden aufzubrechen; aber das Holz gab nicht nach, und gerade als sie den Säbel zum Hebeln angesetzt hatten, zerbrach die Klinge.

»Im Schrank liegt eine alte Axt,« rief das Mädchen, die verborgene Gefahr ahnend.

Mit einem Freudenschrei zerrte Engel eine altmodische Streitaxt hervor und ging von neuem auf die Fensterläden los. Bei jedem Hieb flog das Holz in großen Splittern, aber so schnell er auch arbeitete – etwas anderes war noch schneller. Engel hatte sich über den Benzingeruch nicht getäuscht, und jetzt drang Rauch in einer kleinen Wolke unter der Tür hervor und in winzigen Spiralen durch die Dielenritzen. Erschöpft hielt Engel inne, aber Jimmy nahm die Axt und schlug mit aller Kraft drauflos; nach einem einzigen gewaltigen Hieb auf den Fensterladen zeigte sich ein schmaler Streifen Tageslicht. Das Zimmer war jetzt unerträglich heiß; nun ergriff Engel die Axt von neuem und hackte auf das eichene Hindernis ein, das sie vom Leben trennte.

»Wird es uns gelingen?« fragte das Mädchen ruhig.

»Ja, ich glaube,« sagte Jimmy fest.

»Ich werde die heutige Nacht nicht bedauern,« stammelte sie.

»Ich auch nicht,« erwiderte Jimmy mit leiser Stimme, »wie es auch ausgehen mag. Es ist sehr gut, ein einziges Mal im Leben zu lieben, – sei es auch am Rande des Grabes.«

Ihre Lippen zitterten, und sie versuchte zu sprechen.

Engel hatte harte Arbeit mit dem Fenster; er wandte ihnen den Rücken zu; da beugte sich Jimmy nieder und küßte das Mädchen auf die Lippen.

Das Fenster war frei! Engel drehte sich um, glänzend vor Schweiß und Triumph.

»Jetzt raus, schnell wie der Teufel!« rief er.

Engel hatte bei seinen früheren Nachforschungen in dem kleineren Zimmer einen Strick gefunden, den er jetzt dem Mädchen um die Taille schlang. »Wenn Sie unten sind, laufen Sie, was Sie können, aus dem Rauch,« wies er sie an; eine Minute später fühlte sie sich frei in der Luft schweben in einer wirbelnden Rauchwolke, die sie blendete und fast erstickte. Als sie Boden unter den Füßen fühlte, knüpfte sie nur rasch den Strick los, dann lief sie davon und fiel erschöpft auf einer grasigen Böschung nieder.

In ein paar Minuten waren die beiden Männer neben ihr.

Schweigend betrachteten sie alle drei die Feuersbrunst – da fiel Kathleen plötzlich etwas ein.

»Das Buch, das Buch!« rief sie.

»Es ist unter meinem Hemd,« sagte der schamlose Engel.

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