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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid2faee9aa
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11.
Auf der Suche nach dem Buch

Um die Stunde, da Piccadilly Circus die von den Theatern ausgespienen Menschenmassen mit seinem Lichtermeer überflutet, schob sich ein Auto vorsichtig durch das Gedränge, fuhr die Regent Street hinunter, glitt Pall Mall entlang und schlug einen südlichen Kurs über Westminster Bridge ein.

Der Regen hatte aufgehört, aber die Straßen waren durchweicht, und das Auto bespritzte seine Insassen mit schwarzem Schmutz.

Als der Wagen, der Tramlinie folgend, ungehindert durch die Old Kent Road fuhr, drehte sich der Chauffeur am Steuer um und stellte eine Frage, worauf einer der beiden Männer im Fond des Wagens den andern um Rat fragte.

»Wir fahren zuerst zu Cramer,« sagte der Mann.

Old Kent Road war eine flüchtige Vision von geschlossenen Läden und kleinen Menschengruppen, die auf des Hausknechts schrille Anweisung hin die Wirtshäuser verließen; Lewisham High Road lag in züchtigem Schlaf, wie es dieser höchst anständigen Straße geziemt; Lea, wo die Hecken beginnen, war still und ruhig; und Chislehurst war ein Kirchhof.

In der Nähe des Hauptplatzes hielt das Auto vor einem großen Hause, das in düsterer Ruhe dastand; die beiden Insassen des Autos stiegen aus, schritten durch ein widerspenstiges Tor einen Kiesweg entlang und blieben vor dem breit überdachten Vorbau stehen.

»Ich weiß nicht, was der alte Mauder sagen wird,« meinte Engel, während er nach der Klingel suchte; »er ist ein pedantischer alter Bursche.«

In der Stille konnten sie das Schrillen der elektrischen Glocke hören. Sie warteten ein paar Minuten und läuteten noch einmal. Dann hörten sie ein Fenster aufgehen und eine verschlafene Stimme fragen:

»Wer ist da?«

Engel trat von dem Vorbau weg und blickte hinauf.

»Hallo, Mauder! ich brauche Sie. Hier ist Engel.«

»Zum Teufel!« ließ sich eine überraschte Stimme vernehmen. »Warten Sie ein bißchen. In einem Augenblick bin ich unten.«

Der alte Herr mit dem freundlichen Gesicht, der ihnen in Schlafrock und Pyjama die Tür aufmachte und sie in ein behagliches Arbeitszimmer führte, war Herr Ernest Mauder in eigener Person. Es ist überflüssig, dem Leser diesen weltberühmten Verleger vorzustellen, besonders im Hinblick auf den stürmischen Streit, der um seine kräftige Gestalt entbrannte, als kürzlich die peinliches Aufsehen erregenden ›Memoiren‹ des Grafen Lehoff veröffentlicht wurden. Er winkte den beiden Männern, Platz zu nehmen; dabei nickte er Jimmy wie einem alten Bekannten zu.

»Es tut mir schrecklich leid, Sie zu dieser unmöglichen Stunde stören zu müssen,« begann Engel, aber der andere unterbrach seine Entschuldigungen mit einer Handbewegung.

»Ihr Detektive überfallt uns unintelligente Laien so gern mit Überraschungen,« sagte er mit einem leisen Augenzwinkern, »daß ich mich beinah versucht fühle, Sie zu verblüffen.«

»Es gehört ziemlich viel dazu, mich zu verblüffen,« meinte Engel gelassen.

»Sie haben es sich selber zuzuschreiben,« warnte der Verleger, dem lächelnden Engel leicht mit dem Zeigefinger drohend. »Ich will Ihnen jetzt erzählen, warum Sie in dieser scheußlichen Nacht in einer recht aussichtslosen Sache von London hierher geautelt sind.«

»Eh?« Das Lächeln erstarb in Engels Zügen.

»Hab mir schon gedacht, daß Sie das verblüffen würde! Sie kommen wegen eines Buches?«

»Ja,« sagte Jimmy erstaunt.

»Ein Buch, das unser Verlag vor neun Jahren herausgebracht hat?«

»Ja;« das Staunen auf den Gesichtern der beiden Männer wuchs.

»Der Titel,« sagte der Verleger mit Nachdruck, »lautet: ›Kurze Studie über den Ursprung des Alphabets‹, und der Verfasser ist ein halbverrückter alter Professor, den sie in Oxford wegen Trunksucht hinausgeschmissen haben.«

»Mauder,« sagte Jimmy und blickte seinen Gastgeber starr vor Staunen an, »Sie haben's getroffen – aber –«

»Dacht ich mir's doch,« meinte der Verleger triumphierend. »Nun, Ihr Suchen ist umsonst. Wir haben damals nur fünfhundert Exemplare gedruckt; das Buch war ein glatter Mißerfolg – bessere Bücher hatten dasselbe Gebiet weit wirksamer behandelt. Vor ein paar Jahren hab ich mal ein verstaubtes altes Exemplar gefunden und meiner Sekretärin geschenkt. Soviel ich weiß, ist es das einzige Exemplar, das jetzt noch existiert.«

»Aber Ihre Sekretärin?« fragte Engel begierig. »Wie heißt sie? Wo wohnt sie?«

»Hätten Sie mich das früher am Abend gefragt, so wäre ich nicht imstande gewesen. Ihnen zu antworten,« sagte Mauder, dem die selbstgeschaffene geheimnisvolle Situation offensichtliche Freude machte, »aber seitdem ist mein Gedächtnis aufgefrischt worden. Die Dame – übrigens ein ganz reizendes junges Mädchen – war zwei Jahre lang meine Sekretärin. Ich weiß nicht, was sie veranlaßt hat, einen Beruf zu ergreifen, aber ich glaube, sie unterstützte ihren leidenden Vater.«

»Wie heißt sie?« fragte Engel ungeduldig.

»Kathleen Kent,« erwiderte der Verleger, »und sie wohnt –«

»Kathleen Kent!« wiederholte Jimmy in hellem Staunen. »Alle guten Geister stehn uns bei!«

»Kathleen Kent!« wiederholte Engel, und der Atem blieb ihm weg. »Nein, das ist die Höhe! Aber,« fügte er rasch hinzu, »wie kommt es, daß Sie von unserer Absicht wußten?«

»Tja,« sagte der alte Mann langsam und kuschelte sich behaglich in seinen Schlafrock, »eigentlich war's nur eine Vermutung. Wissen Sie, Engel, wenn man schon einmal mitten aus dem Schlaf geholt worden ist, um geheimnisvolle Fragen nach einem alten Schmöker zu beantworten –«

»Was,« schrie Jimmy aufspringend, »es ist schon jemand dagewesen?«

»... so ist es ganz natürlich,« fuhr der Verleger fort, »diese Angelegenheit mit der des zweiten mitternächtlichen Besuchs in Verbindung zu bringen.«

»Wer ist hier gewesen? Um Gottes willen, machen Sie keine Scherze; es geht um eine ernste Sache.«

»Niemand ist hier gewesen,« sagte Mauder, »aber vor einer Stunde hat mich jemand telephonisch angerufen –«

Jimmy sah Engel an, und Engel sah Jimmy an.

»Jimmy,« sagte Engel reuevoll, »betrachten Sie mich als einen Schafskopf. Telephon! Gott im Himmel, ich wußte doch nicht, daß Sie Telephon haben!«

»Hatte ich auch nicht bis vorige Woche,« sagte der Verleger, »und werde es ab morgen auch nicht mehr haben. Schlaf ist eine zu kostbare Sache, um verschwendet zu werden –«

»Wer war der jemand?« fragte Engel.

»Ich konnte den Namen nicht richtig verstehen. Er bat tausendmal um Entschuldigung. Soviel ich entnehmen konnte, war es ein Zeitungsmensch, der besondere Einzelheiten zu erfahren wünschte, weil der Verfasser des Buches gestorben sei.«

Engel lächelte.

»Der Verfasser ist ganz vergnügt am Leben,« sagte er grimmig. »Wie klang die Stimme – 'n bißchen wichtigtuerisch, und vor jedem Satz so 'n Räuspern?«

Der andere nickte.

»Spedding!« sagte Engel sich erhebend. »Wir haben keine Minute zu verlieren, Jimmy.«

Mauder begleitete sie ins Vestibül.

»Eine Frage noch,« sagte Jimmy, während er den Kragen seines Automantels zuknöpfte. Können Sie uns irgendeinen Begriff von dem Inhalt des Buches geben?«

»Nein,« kam die Antwort. »Ich habe die dunkle Erinnerung, daß es zum größten Teil rein konventionell geschrieben war und ein paar rohe Zeichnungen und Abbildungen von frühen Formen des Alphabets enthielt – das Zeug, wie man's in Konversationslexikas und hinten in alten Lehrerbibeln findet.«

Nachdem die beiden Männer ihre Plätze im Auto eingenommen hatten, wendete es und richtete seine hellen Kopflichter wieder auf London.

»›Dies Rätsel stammt aus einem Buch,
Das uns gebracht des Heils genug‹,«

flüsterte Engel seinem Gefährten ins Ohr, und Jimmy nickte. Mit keinem Gedanken kümmerte ihn in diesem Augenblick das Vermögen, das in dem großen Safe in der Lombard Street auf ihn und seinen Freund wartete. Er war erfüllt von Angst um das Mädchen, die, ohne es zu ahnen im Besitz des Wortes war, das sie morgen zur reichen Erbin machen konnte. Spedding hatte rasch gehandelt, und – daran zweifelte er nicht – Connor und die ›Stadtbande‹ würden ihm helfen. War das Buch noch im Besitz des Mädchens, so hatte Spedding es jetzt in Händen und würde sofort sein Glück versuchen.

Dunkle Ahnungen bedrückten ihn, und obwohl das Auto mit höchster Geschwindigkeit durch die Nacht sauste, obwohl der wieder einsetzende Regen sein Gesicht peitschte und die Stöße der mächtigen Maschine ihm den Atem raubten, ging ihm alles noch viel zu langsam.

Ein kleines Ereignis unterbrach die Eintönigkeit der Fahrt. Als der Wagen auf einem besonders engen Wege um die Ecke flog, wäre er beinah in ein anderes Auto hineingesaust, das mit halsbrecherischer Geschwindigkeit aus der entgegengesetzten Richtung kam. Ein hastiger Austausch von Flüchen zwischen den beiden Chauffeuren, und die Wagen rasten davon.

In gegenseitigem Einverständnis fuhren sie zunächst zu Kathleens Wohnung. Streatham war öde und menschenleer. Als sie um die Ecke der stillen Straße bogen, wo das junge Mädchen wohnte, ließ Engel den Wagen halten und stieg aus. Er hob eine der großen Lampen aus dem Halter und leuchtete den Boden ab.

»Vor weniger als einer halben Stunde ist ein Auto hier gewesen,« sagte er und zeigte auf nicht zu verkennende Räderspuren; sie führten bis zur Tür des Hauses.

Er klingelte, und beinah sofort erschien eine ältliche Dame in einem lose umgeworfenen Schlafrock, die ihn bat einzutreten.

»Heut nacht scheint kein Mensch überrascht, uns zu sehen,« dachte Engel mit bitterem Humor.

»Detektiv Engel von Scotland Yard,« stellte er sich vor, aber das schien auf die ältliche Dame keinen Eindruck zu machen.

»Kathleen ist nicht da,« teilte sie ihm fröhlich mit.

Jimmy wurde es bei ihren Worten schwer ums Herz.

»Ja,« sagte die alte Dame, »Herr Spedding, der berühmte Rechtsanwalt, hat sie vor einer Stunde abgeholt und« – sie wurde zutraulich – »da ich das Interesse der Herren für den Fall kenne, kann ich Ihnen ja mitteilen, daß alle Hoffnung besteht, meine Nichte noch heut in den Besitz ihres Vermögens zu bringen.«

Jimmy stöhnte.

»Bitte erzählen Sie weiter,« sagte Engel.

»Dies stellte sich heraus, als von einem Buch die Rede war, das meine Nichte vor Jahren geschenkt erhielt und das ohne meine Sorglichkeit bestimmt verloren gegangen wäre.«

Jimmy verwünschte leise ihre ›Sorglichkeit‹.

»Als wir nach dem Tode von Kathleens armem Vater hierher gezogen sind, mußte ich eine Menge Sachen einstellen, darunter Massen von Büchern, die Kathleen verkaufen wollte, aber ich dachte –«

»Wo sind die Bücher eingestellt?« fragte Engel rasch.

»Auf einem alten Grundstück von uns – dem einzigen, das meinem armen Bruder noch blieb,« erwiderte sie traurig, »und auch nur, weil es zu sehr heruntergewirtschaftet war, um Käufer anzulocken.«

»Wo? Wo?« Engel war sich bewußt, wie unhöflich seine Ungeduld war. »Verzeihen Sie mir, gnädige Frau,« sagte er, »aber es ist unbedingt erforderlich, daß ich Ihrer Nichte sofort nachfahre.«

»Es liegt an der Straße nach Tonbridge,« antwortete sie steif. »Soviel ich mich erinnere, ist es irgendwo zwischen Crawley und Tonbridge, aber genau weiß ich es nicht. Kathleen kennt sich dort gut aus; deshalb ist sie mitgefahren.«

»Irgendwo an der Straße nach Tonbridge!« wiederholte Engel hilflos.

»Wir könnten den Spuren des Autos folgen,« meinte Jimmy.

Engel schüttelte den Kopf.

»Wenn es überall so regnet wie hier, sind die verwischt,« erwiderte er.

So standen sie eine Weile, Jimmy an einem feuchten Handschuhfinger kauend, Engel ins Leere starrend. Dann fragte Jimmy unvermittelt:

»Haben Sie eine Bibel?«

Die alte Dame ließ sich ihre Verwunderung über diese Frage deutlich merken.

»Ich habe mehrere.«

»Eine Lehrerbibel, mit Anmerkungen?« fragte er.

Sie dachte nach.

»Ja, wir haben so eine im Haus. Wollen Sie einen Augenblick warten?«

Sie verließ das Zimmer.

»Wir hätten dem Mädchen die Sache mit Spedding sagen sollen – wir hätten es ihr sagen sollen,« rief Engel ganz verzweifelt.

»Was geschehen ist, läßt sich nicht ändern,« sagte Jimmy ruhig. »Jetzt ist die Hauptsache, Spedding zuvorzukommen und das Mädchen zu retten.«

»Wird er es wagen –?«

»Er wird es wagen. O ja, er wird es wagen,« sagte Jimmy. »Er ist schlimmer, als Sie denken, Engel.«

»Aber er ist doch schon ein ruinierter Mann.«

»Ein Grund mehr, noch einen Schritt weiter zu gehen. Seit Monaten steht er am Rande des Abgrunds, das habe ich herausgekriegt. Ich habe neulich mal Nachforschungen angestellt und dabei entdeckt, daß er ganz arg in der Klemme sitzt. Er ist Treuhänder oder so was Ähnliches von einer Handelsgesellschaft, die ihn schon lange dringend um Geld ersucht. Spedding wagt alles« – er hielt inne – »aber wenn er es wagt, dem Mädchen was zuleide zu tun, ist er 'ne Leiche.«

In diesem Augenblick kam die alte Dame mit dem Buch; hastig durchblätterte Jimmy die Seiten.

Ganz hinten am Schluß stieß er auf irgend etwas, das sein Auge aufleuchten ließ.

Er griff in die Tasche und zog ein Notizbuch heraus. Nicht einmal die Zeit nahm er sich, einen Stuhl heranzuziehen, sondern neben dem Tisch sank er auf die Knie und begann hastig zu schreiben, immer wieder den Text mit den Zeichnungen im Buche vergleichend.

Engel hatte sich über ihn gebeugt und folgte atemlos seinem Tun.

»Da – und da – und da!« rief Engel frohlockend. »Was sind wir doch für Schafsköpfe gewesen, Jimmy, was sind wir doch für Schafsköpfe gewesen!«

Jimmy wandte sich zu der alten Dame.

»Würden Sie mir dies Buch leihen?« fragte er. »Ich werde es Ihnen später zurückgeben. Danke sehr. Na, Engel,« er sah nach der Uhr und machte einen Schritt auf die Tür zu, »wir haben zwei Stunden. Bei Morgengrauen werden wir die Tonbridger Straße hinausfahren.«

Nur noch einen einzigen Menschen störten sie in dieser ereignisvollen Nacht, und das war ein hitziger alter Marineoffizier, wohnhaft in Blackheath.

Dort, vor dem alten Offizier, der eilig in seine Kleider gefahren war, erklärte Engel bei Tagesanbruch, was er vorhatte; dann schrieb er in fieberhafter Eile und unterzeichnete die schriftlichen Erklärungen mit einer eidesstattlichen Versicherung. Worauf ihm der Friedensrichter eine Vollmacht ausstellte zur Verhaftung von Joseph James Spedding, Rechtsanwalt, unter Anklage wegen Kapitalverbrechens.

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