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Der verteufelte Herr Engel

Edgar Wallace: Der verteufelte Herr Engel - Kapitel 10
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer verteufelte Herr Engel
publisherVerlag Martin Maschle
yearo.J.
translatorEva Schumann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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9.
Der große Coup

Es gibt oberflächliche Kritiker, die über Scotland Yard lästern. Das sind natürlich ganz unoffizielle Kritiker, Verfasser von Geschichten, in denen Amateur-Detektive von unerhörtem Scharfsinn vorkommen, die mit größter Leichtigkeit die schwierigsten Geheimnisse enträtseln, welche der Polizei jahrelang zu schaffen gemacht haben. Tatsächlich ist Scotland Yard noch immer die großartigste Polizeiorganisation der Welt. Wer leichthin von ›Polizei-Irrtümern‹ spricht, sollte eine merkwürdige Tatsache nicht vergessen: in den letzten fünfundzwanzig Jahren hat nur ein einziger, der unter der Anklage eines Kapitalverbrechens in den Schranken von Old Bailey stand, dem gefürchteten Spruch des Gesetzes entwischen können.

Scotland Yard ist beharrlich in seiner Langsamkeit und furchtbar in seiner Treffsicherheit.

Engel in seinem kleinen Zimmer erhielt einen Brief in einer unordentlichen, ungebildeten Handschrift; unzusammenhängend, tränenbefleckt, jedes Wort von Anfang bis zu Ende unterstrichen. Er las den Brief, sah nach dem Datum des Poststempels und läutete.

Der herbeieilende Bote fand ihn über einen Plan von London gebeugt. »Holen Sie aus dem Archiv E. B. 93,« sagte er; und nach fünf Minuten kam der Bote mit einer dicken Mappe voller Papiere zurück.

Da gab es Zeitungsausschnitte, und Stadtpläne, und schreckliche Photographien, wie sie die Welt draußen nie zu Gesicht bekommt, und da war auch ein kleiner etikettierter Schlüssel. Engel ging die Mappe sorgfältig durch, dann las er noch einmal den Brief der Frau ...

 

Vinnis, der Mann mit dem totenbleichen Gesicht, hatte sein spätes Frühstück beendet und schlenderte nun, in der Tasche das vergnügliche Knistern neuer Banknoten, durch die Commercial Road im Osten Londons. An einer Kneipe lehnte ein Bekannter und begrüßte ihn mit einem kurzen Kopfnicken; ein schmutziges Mädchen, die rasch heimeilte, das Frühstück für ihren jungen Mann in der Schürze, drückte sich eng an die Mauer, da sie Vinnis zu ihrem Leidwesen kannte; ein streunender Köter kroch zu ihm hin, als er einen Augenblick am Straßenrande stehenblieb, und bekam zum Lohn einen Fußtritt.

Vinnis war durchaus nicht sentimental, aber trotzdem das Geld in seiner Tasche vieles aufwog, beunruhigte ihn der Gedanke an den alten George und dessen törichtes Geschwätz.

Jemand auf der andern Seite der Straße erregte seine Aufmerksamkeit. Es war eine Frau, und er kannte sie sehr gut, deshalb übersah er ihr Winken. Zwei Tage zuvor hatte sie ihm Ursache zum Tadel gegeben, und er hatte diese Gelegenheit benutzt, um kurzerhand das formlose Band zu lösen, das die beiden fünf Jahre hindurch verbunden hatte. Deshalb rührte er sich nicht, als die Frau mit dem verschwollenen Gesicht ihn anrief, sondern drehte sich abrupt um und ging in der Richtung von Aldgate von dannen.

Er sah sich nicht um, aber nach einer Weile hörte er klappernde Füße hinter sich, und einmal wurde mit heiserer Stimme sein Name gerufen. Er bog in eine Seitenstraße ein, innerlich schäumend vor Wut; und als es menschenleer um ihn geworden war, stellte er sie.

Sie sah den Teufel in seinen Augen und versuchte zu sprechen. Jetzt kam sie als reuige Sünderin, in ihrer Erregung zu jedem Bekenntnis bereit; doch die wilddrohende Haltung des Mannes verschlug ihr die Sprache.

»So,« sagte er mit verkniffenen dünnen Lippen, »also nach allem, was ich dir gesagt und getan habe, läufst du mir auch noch nach. Machst mich lächerlich vor den Leuten, du!«

Er rückte näher an sie heran, seine Hand ballte sich zur Faust; und sie, das arme Wurm, wie gebannt unter dem Schlangenblick seiner stumpfen Augen, stand wie angewurzelt. Wutknurrend schlug er auf sie los – einmal, zweimal – bis sie, ein haltloses, stöhnendes Bündel, auf dem Pflaster zusammenbrach.

Man darf in Commercial Road, wenn einmal die Laternen angezündet sind, gewisse Dinge tun, die bei hellem Tageslicht nicht gestattet sind, es sei denn an Samstagen; die wenigen Leute, welche die Hoffnung auf eine Keilerei angezogen hatte, sahen entrüstet, aber untätig zu, wie es beim Londoner Volk üblich ist. Anders ein ruhiger Mann mittleren Alters, der Vinnis den Weg vertrat, als er weitergehen wollte.

»Das war eine ganz besonders rohe Tat,« sagte der ruhige Mann.

Vinnis maß ihn prüfend und erkannte, daß dieser Mensch nicht mit sich spielen ließ.

»Ich hab Ihnen nichts zu sagen,« erwiderte er grob und versuchte vorbeizukommen, aber ein eiserner Griff hielt seinen Arm gepackt.

»Wart ein bißchen, mein Freund,« sagte der andere gelassen, »nicht so eilig; so ein roher Überfall auf offener Straße darf nicht ohne Bestrafung hingehen. Ich muß Sie ersuchen, mich zur Wache zu begleiten.«

»Und wenn ich nicht mitgeh?«

»Dann führe ich Sie ab,« sagte der andere. »Ich bin der Detektiv-Wachtmeister Jarvis von Scotland Yard.«

Vinnis überlegte blitzschnell. Entwischen war kaum möglich; die Straße, in der sie sich befanden, war eine Sackgasse, und an dem freien Ende waren zwei Polizisten aufgetaucht. Schließlich war Mißhandlung einer Frau keine ernste Sache, und das Frauenzimmer – na, die würde schwören, es sei ein Zufall gewesen. Er beschloß, ruhig mitzugehen; schlimmstenfalls würde es einen Monat geben; achselzuckend begleitete er den Detektiv. Ein paar Müßiggänger folgten ihnen auf die Wache.

In der kleinen Stahlzelle stand er in bloßen Strümpfen, während ein Gefängniswärter mit geübter Hand ihn durchsuchte. Mit einem unterdrückten Fluch dachte er an das Geld, das er bei sich hatte; es waren nur zehn Pfund, denn das andere hatte er eingeschlossen, aber zehn Pfund ist eine Menge Geld, wenn es bei einem Mann seines Schlages gefunden wird, und führt meist zu peinlichen Fragen. Zu seiner Verwunderung schien der Wärter, der ihm die Noten abnahm, keineswegs überrascht, und auch der Inspektor an seinem Schreibtisch nahm die Entdeckung als etwas Selbstverständliches hin. Vinnis bemerkte die überraschende Anzahl von Polizisten, die im Untersuchungszimmer Dienst taten.

»Wie lautet die Anklage?« fragte der Inspektor und tauchte die Feder ein.

»Vorsätzlicher Mord!« sagte eine Stimme, und Meister Engel trat aus dem Büro des Inspektors ins Zimmer herein. »Ich klage diesen Menschen an, in der Nacht zum 18. Februar ...«

Stumm vor Wut und Schrecken, lauschte Vinnis der hellen Stimme des Detektivs, der alle Einzelheiten eines fast schon vergessenen Verbrechens aufzählte. Es handelte sich um den Einbruch in ein Landhaus: ein Diener hatte den Dieb überrascht – ein Kampf im Finstern – ein Schuß – und ein Toter lag in dem großen Salon. Es war eine der üblichen kleinen Tragödien, vergessen von aller Welt, nur nicht von Scotland Yard; Jahr für Jahr hatten unbekannte Männer die Fetzchen des erreichbaren Beweismaterials zusammengesetzt; Faden für Faden war der Strick gedreht worden, an dem ein kaltblütiger Mörder hängen sollte; zuletzt kam noch der zusammenhanglose Brief einer eifersüchtigen Frau – Scotland Yard wartet immer auf eine eifersüchtige Frau –, und das Beweismaterial war vollständig.

»Stecken Sie ihn in Nr. 14,« sagte der Inspektor. Da wachte Vinnis auf, und die sechs diensttuenden Polizisten im Untersuchungszimmer hatten alle Hände voll zu tun.

 

Vinnis war, wie Meister Engel es ausdrückte, ›im üblichen Geschäftsverlauf‹ verhaftet worden. Hunderte kleiner Ereignisse geschehen täglich in Scotland Yard ›im üblichen Geschäftsverlauf‹, die anscheinend keinen Zusammenhang haben und doch auf irgendwelche eigentümliche Art miteinander in entfernter Verbindung stehen. Ein Einbruch in Clapham war dadurch bemerkenswert, daß neben anderer Beute auch ein kompliziertes mechanisches Spielzeug abhanden gekommen war. Ein Straßenunfall in der Kingsland Road führte zur Verhaftung eines betrunkenen Wagenführers. In der Erregung des Augenblicks entwendete ein Dieb ein Paket aus dem Wagen, wurde verfolgt und ergriffen. Eine weinende Frau stellte ihm auf der Polizeiwache ein gutes Zeugnis als Gatte und Vater aus. »Erst vorige Woche hat er meinem Jungen 'nen Esel mitgebracht, der lauter Kunststückchen machen konnte.« Ein scharfsinniger Detektiv begleitete sie nach Hause, erkannte nach der Beschreibung das mechanische Spielzeug und brachte so die berüchtigte ›Kingsland Road-Bande‹ ins Kittchen.

Vinnis' Verhaftung stand in keinerlei Zusammenhang mit Engels Untersuchungen wegen der geheimnisvollen Realeschen Millionen. Er kannte ihn nur als einen von der ›Stadtbande‹, brachte ihn aber nicht mit der Suche nach dem Safe-Wort in Verbindung.

Nichtsdestoweniger gibt es gewisse Formalitäten, die bei der Verhaftung aller Schwerverbrecher eingehalten werden. Meister Engel übergab ein paar weniger wichtige Angelegenheiten seinen Untergebenen, und zwei Tage später trat einer von ihnen in sein Büro.

»Die Banknoten sind Herrn Spedding am Montagmorgen aus seinem Privatkonto ausbezahlt worden,« sagte der Mann. »Herr Spedding ist ein Rechtsanwalt von der Firma Spedding, Mortimer und Larach.«

»Haben Sie Herrn Spedding aufgesucht?«

»Jawohl. Herr Spedding erinnert sich, das Geld abgehoben und einem Herrn ausgezahlt zu haben, der eben im Begriff stand, nach Amerika zu fahren.«

»Ein Klient?«

»Soviel ich erfahren konnte,« fuhr der Beamte fort, »wurde das Geld im Auftrag eines Klienten für geleistete Dienste ausgezahlt. Weitere Einzelheiten wollte Herr Spedding nicht angeben.«

Meister Engel verzog das Gesicht.

»Rechtsanwälte tun doch manchmal sonderbare Dinge,« sagte er trocken.

»Hat Herr Spedding irgendwelche Vermutungen, wie das Geld in den Besitz des Mannes gekommen ist?«

»Nein, Herr Engel. Er denkt, er hat es vielleicht auf ganz ehrliche Weise erworben. Nach seinen Andeutungen war der Empfänger des Geldes ein etwas zweifelhafter Kunde.«

»Das kann ich mir denken,« sagte Meister Engel.

Allein geblieben, zeichnete er in tiefen Gedanken allerlei Gesichter auf sein Löschblatt.

Dann läutete er.

»Schicken Sie mir Herrn Carter,« gebot er, und ein paar Minuten später erschien ein fröhlich dreinblickender Jüngling mit den ersten Anzeichen eines Schnurrbarts, um Engels Befehle entgegenzunehmen.

»Carter,« versuchte er es vorsichtig, »es muß doch in der Abteilung für Daumenabdrücke 'n recht langweiliges Arbeiten sein.«

»Wie man's nimmt, Herr Engel,« erwiderte der andere, ein mäßig begeisterter Anthropometer, »wir haben –«

»Carter,« sagte Engel noch vorsichtiger, »hätten Sie Lust auf eine kesse Sache?«

»Und ob, Herr Engel!«

»Ich brauche ein Dutzend Männer von der Art, die sich nicht mit Reportern einläßt und gänzlich ›unoffiziell‹ bleibt, solang es mir beliebt,« sagte Engel und entwickelte seinen Plan.

Als der junge Mann gegangen war, malte Engel ein Dreieck auf sein Löschpapier.

»Spedding hält's mit der ›Stadtbande‹,« er machte ein Kreuz an die eine Ecke. »Spedding weiß, daß ich es weiß,« er machte ein Kreuz an die Spitze. »Ich weiß, daß Spedding weiß, daß ich es weiß,« er bezeichnete die dritte Ecke. »Spedding ist am Zug, und er wird verdammt schnell spielen.«

In diesem Augenblick trat der Unterkommissar ins Zimmer.

»Hallo, Engel!« sagte er mit einem Blick auf die Figuren. »Was ist denn das da? Ein neues Spiel?«

»Es ist ein sehr altes Spiel,« sagte Engel wahrheitsgemäß, »nur auf eine ganz neue Art gespielt.«

 

Engel war nicht weit von der Wahrheit entfernt, als er vermutete, Speddings nächster Zug werde unmittelbar erfolgen; und obwohl der Detektiv mit einem ihm unbekannten Faktor, der Person des alten George, nicht gerechnet hatte, trugen doch mehrere Umstände dazu bei, das von Engel vorausgesehene Unternehmen zu beschleunigen.

Nicht der geringsten einer war Vinnis' Verhaftung. Nach seiner Unterhaltung mit dem alten George hatte sich Spedding zu einer abwartenden Politik entschlossen. Der alte Mann war in das Haus nach Clapham gebracht worden. Spedding war darauf gefaßt, geduldig zu warten, bis irgendein wunderlicher Einfall dem Alten die Art des angeratenen Kryptogramms wieder ins Gedächtnis zurückrief. Ein dutzendmal am Tage fragte er ihn:

»Wie heißen Sie?«

»Der alte George, weiter nichts, nur der alte George,« war die unvermeidliche Antwort, begleitet von vielem Grinsen und Nicken.

»Aber Ihr wirklicher Name, wie Sie hießen, als Sie – Professor waren!«

Daraufhin jedoch verlor sich der alte Mann nur in weitschweifigen Erinnerungen an seinen ›freigebigen Gönner‹.

Connor kam heimlich nach Clapham, um sich Anweisungen zu holen. Es war die Nacht nach Vinnis' Verhaftung.

»Wir müssen sofort losschlagen, Herr Connor,« sagte der Anwalt. Connor saß in dem Stuhl, der ein paar Tage vorher Jimmy beherbergt hatte. »Es hat keinen Sinn zu warten, bis der Alte redet; der erste Plan war der beste.«

»Is irgend was geschehn?« fragte Connor. Seine einstige Scheu vor dem Rechtsanwalt war der Vertraulichkeit unter Mitverschworenen gewichen.

»Heute war ein Detektiv in meinem Büro, um sich nach einigen Banknoten zu erkundigen, die sie bei Vinnis gefunden hatten. Meister Engel wird seine Schlüsse ziehen und wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Wir sind soweit,« sagte Connor.

»Dann wollen wir's morgen nacht machen. Ich werde die Polizeiwache am Safe abbestellen. Später kann ich mich leicht rechtfertigen.«

Connor hatte eine Idee.

»Könnten wir nicht andere Leute zur Ablösung schicken? Ich kann 'n paar von den Jungens so herrichten, daß sie wie Polizisten aussehn.«

Spedding kniff die Augen zusammen.

»Ja,« sagte er langsam, »das ließe sich machen – ein ausgezeichneter Gedanke.«

Mit langen, federnden Schritten ging er im Zimmer auf und ab, die Stirn in Falten.

»Es wird zweimal abgelöst,« sagte er, »einmal morgens und einmal abends. Ich könnte dem Wachtmeister der Morgenablösung ein paar Zeilen schreiben, daß infolge einer anderen Vereinbarung eine Anzahl neuer Leute geschickt werden sollte – ich habe sie schon zweimal auswechseln lassen, denn man kann nie vorsichtig genug sein – und Ihnen könnte ich die nötige Vollmacht geben, die Ablösung vorzunehmen.«

»Besser wär's,« sagte Connor, »Sie wiesen sie bloß an, sich zurückzuziehen und das Haus unbewacht zu lassen, dann wird unsere Ankunft gar nicht bemerkt. Lombard Street muß ja an das Kommen und Gehen der Polizisten gewöhnt sein.«

»Ein guter Gedanke,« sagte Spedding und setzte sich hin, um den Brief zu schreiben.

Die Nacht, welche für den großen Coup ausersehen war, erwies sich als elend naß und regnerisch.

»Um so besser,« murmelte Connor, der die Welt aus seiner Kensingtoner Vornehmheit heraus betrachtete. Das Zimmer, welches der Herr des Hauses bewohnte, war sehr einfach eingerichtet; auf den blanken Holztisch hatte Connor seinen Whisky gestellt, und nun starrte er durch die regennassen Scheiben auf die triefende Straße hinaus.

»England für die Arbeit und Ägypten fürs Vergnügen,« murmelte er; »wenn ich erst meinen Anteil von dem Geld habe – und ein größerer Anteil wird das sein, als mein Freund Spedding sich denkt – dann kriegt dieses verwünschte Land von Herrn Patrick Connor nicht mehr viel zu sehen.«

Er goß seinen Whisky auf einmal hinunter, wischte den Dunst von den Scheiben und blickte auf die öde Straße hinab. Zwei Männer kamen auf das Haus zu. Der eine, wohlverwahrt in einem schweren Gummimantel, ging mit langen Schritten; neben ihm wackelte der andere in einem neuen Überzieher daher, ängstlich bemüht, mit seinem energischeren Gefährten Schritt zu halten.

»Spedding und der alte George,« sagte Connor. »Warum er ihn nur hierher bringen mag?«

Er lief hinunter, um sie einzulassen.

»Nun?« fragte Spedding und warf seinen dampfenden Mantel ab.

»Alles bereit,« erwiderte Connor. »Warum haben Sie den Alten mitgebracht?«

»Ach, nur so zur Gesellschaft,« antwortete der Anwalt ausweichend.

In Wirklichkeit hoffte Spedding immer noch, der Alte würde sich besinnen. An diesem Tag war er ganz besonders geschwätzig gewesen, und manchmal hatte er beinah lichtvolle Augenblicke gehabt. Herr Spedding klammerte sich an die schwache Hoffnung, die Enthüllungen des Alten würden die Hilfe der ›Stadtbande‹ und, was weit wichtiger war, ihre Beteiligung an der Beute überflüssig machen.

Was diesen letzten Teil des Programms betraf, so hatte Herr Spedding gewisse Absichten, die Connor sehr erstaunt haben würden, hätte er sie nur gekannt.

Aber die Geschwätzigkeit des alten George hatte an dem einzig wichtigen Punkt versagt, nämlich wenn es sich darum handelte, dem Anwalt über das Kryptogramm Auskunft zu geben. Spedding hatte ihn mitgebracht in der Hoffnung, daß er noch in letzter Stunde offenbaren würde, wer er eigentlich sei.

Ohne etwas zu ahnen von der Verantwortlichkeit, die auf seinem armen törichten Haupte lag, saß der alte Mann in dem oberen Zimmer und schwatzte vor sich hin.

»Wir wollen ihn hier lassen,« sagte der Anwalt, »da ist er sicher.«

»Ganz sicher; ich kenn ihn ja schon ewig. Stundenlang bleibt er so sitzen und amüsiert sich.«

»Und wie steht's mit den andern?« fragte der Anwalt. »Wo treffen wir uns mit ihnen?«

»An der Ecke von Lombard Street, und dann folgen sie mir zum Safe-Depot.«

»Ah!«

Rasch drehten sie sich nach dem Alten um, der sie mit hochgerecktem Kopf und pfiffigem Gesicht betrachtete.

»Safe-Depot, Lombard Street,« murmelte er. »Wirklich ein ganz ausgezeichneter Plan – ein ganz ausgezeichneter Plan.«

Die beiden Männer hielten den Atem an.

»Und ein äußerst geistreicher Einfall, verehrter Herr. Sagten Sie nicht Lombard Street – ein Safe?« murmelte er. »Ein Safe mit einem Wort? Aber wie das Wort verborgen werden soll, das ist die Frage. Ich bin ein Ehrenmann, Sie können sich auf mich verlassen.« Er machte eine tiefe Verbeugung vor irgendeinem unsichtbaren Anwesenden. »Könnten Sie Ihr Wort nicht auf diese Art verbergen?«

Mit seinem schmutzigen Zeigefinger tippte sich der Alte in die Hand.

»Ginge das nicht? Haben Sie mein Buch gelesen? Es ist nur ein kleines Buch, verehrter Herr, aber aufschlußreich, äußerst aufschlußreich. Ein hervorragender Herr am Britischen Museum ist mir bei den Vorarbeiten behilflich gewesen. Es heißt – es heißt –« Müde strich er sich über die Stirn und sank wieder in seinen Stuhl zurück, ein kläglicher alter Mann, der dummes Zeug durcheinanderschwatzte.

Spedding wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Beinah, beinah!« sagte er heiser. »Großer Gott, beinah hätte er's uns gesagt.«

Connor sah ihn argwöhnisch an.

»Was bedeutet das ganze Gerede über das Buch?« fragte er. »'s ist nun schon das zweitemal, daß der alte George so daherschwatzt. Es hat mit dem alten Reale zu tun, nicht wahr?«

Spedding nickte.

»Kommen Sie,« sagte Connor nach einem Blick auf seine Uhr, »'s ist Zeit zum Gehen. Der Alte mag das Haus hüten. Heda, George.«

Der alte George sah auf.

»Du bleibst jetzt hier und gehst nicht fort, bis wir wieder da sind. Verstanden?«

»Jawohl, ich verstehe schon, Herr Connor,« sagte der Alte mit seiner sonderbaren Würde, »und da ich es verstanden habe, gehorche ich.«

Als die beiden Männer in die Nacht hinaustraten, goß es in Strömen, und ein stürmischer Nordwest blies ihnen ins Gesicht.

»Den alten George,« sagte Connor in Erwiderung einer Frage, »ach, den haben wir schon lange. Einer der Jungens hat ihn mal halbnackt in der Gegend von Limehouse herumirren gefunden, und da hat er ihn mitgebracht. Das war schon, eh ich die ›Stadtbande‹ kannte, aber jetzt benutzen sie ihn als Strohmann. Er ist sein Futter wert.«

Spedding ließ den andern warten, während er vom Postamt Westbourne Grove ein langes Telegramm absandte. Es war an den Kapitän der ›Polecat‹ gerichtet, die in Cardiff vor Anker lag, und blieb dem Beamten gänzlich unverständlich.

An der Ecke von Queens Road nahmen sie eine Hansom-Droschke und fuhren bis zur Bank; hier stiegen sie aus und gingen zur Börse hinüber. Einige Männer in Uniformmänteln, die zufällig herumzustehen schienen, tauschten Blicke mit Connor, und als die beiden Führer auf Umwegen nach Lombard Street zurückgingen, folgten sie ihnen in einiger Entfernung.

»Die Wache ist um vier Uhr weggegangen,« sagte Spedding, als er die schwere äußere Tür aufschloß. Er wartete ein paar Minuten in der pechschwarzen Finsternis des Vestibüls, bis Connor die sechs Uniformierten eingelassen hatte, die ihnen nachgekommen waren.

»Sind wir alle da?« fragte Connor leise. »Bat? Hier! Goyle? Hier! Lamby? Hier!«

Einen nach dem andern rief er auf, und sie antworteten.

»Wir können ebensogut Licht machen,« sagte Spedding und tastete nach dem Schalter.

Der Glanz der elektrischen Lampen enthüllte Spedding die gediegenste Auslese von Schurken, welche je die Uniform einer tapfern Truppe geschändet hat.

»Sind die notwendigen Werkzeuge alle da?« fragte Spedding gleichmütig.

Bats Grinsen gab ihm die Antwort.

»Wenn wir Anschluß an den elektrischen Strom kriegen, dann brennen wir das Schloß am Safe in einer halben –«

Spedding war an die innere Tür getreten, die zur großen Halle führte, und probierte den Schlüssel. Plötzlich fuhr er zurück.

»Horcht!« flüsterte er. »Ich hab einen Schritt in der Halle gehört.«

Connor lauschte.

»Ich höre nichts,« begann er, als plötzlich die innere Tür aufflog und ein Polizist mit erhobenem Revolver auf ihn zutrat.

»Stillgestanden!« rief er. Doch als er Spedding erkannte, ließ er den Revolver sinken.

Weiß vor Wut stand Spedding unter seiner schlechtassortierten Leibwache. Im forschenden Licht der elektrischen Lampen ließ sich ihr Charakter nicht verkennen. Spedding sah, wie der Polizist sie befremdet musterte.

»Ich dachte, die Wache sei zurückgezogen worden,« sagte Spedding langsam.

»Nein, Herr,« erwiderte der Mann, und die Gruppe uniformierter Polizisten an der Tür der inneren Halle bestätigte es.

»Ich habe heute nachmittag die Anweisung geschickt,« sagte Spedding zwischen den Zähnen.

»Wir haben keine Anweisung erhalten, Herr;« der Anwalt sah den prüfenden Blick des soldatischen Wachtpostens über seine Gefährten gleiten.

»Ist das die Ablösung?« fragte der Polizist, ohne die Verachtung in seinem Ton zu verbergen.

»Jawohl,« entgegnete der Anwalt.

Nachdem die Wache salutiert hatte und in der Halle verschwunden war, zog Spedding Connor beiseite.

»Das ist das Ende,« sagte er hastig. »Der Safe muß noch heute nacht ausgeräumt werden. Morgen bin ich nicht mehr in London.«

Die Wache erschien wieder an der Tür und winkte ihnen einzutreten. Sie schoben sich in die große Halle, wo im Halbdunkel der Safe auf seinem steinernen Postament hoch aufragte, geheimnisvoll und unheimlich. Spedding bemerkte, wie Bat Sands sich in dem hohen düstern Raum unbehaglich umsah, und ein Gefühl von Einsamkeit überkam ihn.

Ein Mann mit den Abzeichen des Oberwachtmeisters trat auf ihn zu.

»Sollen wir gehen, Herr?« fragte er.

»Ja,« antwortete Spedding kurz.

»Würden Sie uns eine schriftliche Anweisung geben?« fragte der Mann.

Spedding zögerte; dann zog er ein Notizbuch heraus, schrieb ein paar hastige Worte auf ein Blatt, riß es ab und reichte es dem Mann.

Der Oberwachtmeister betrachtete es sorgfältig.

»Es steht weder Unterschrift noch Datum darauf,« sagte er respektvoll und gab es wieder zurück.

Spedding verwünschte ihn zwischen den Zähnen und holte das Versäumte nach.

»Jetzt können Sie gehen.«

Im Halblicht – denn nur ein einziger elektrischer Kronleuchter erhellte den riesigen Raum – glaubte er den Polizisten lächeln zu sehen. Es konnte auch das Spiel der Schatten sein, denn das Gesicht ließ sich nicht deutlich erkennen.

»Und soll ich Sie allein lassen?« sagte der Oberwachtmeister.

»Jawohl.«

»Ist es auch sicher?« fragte der Polizist ruhig.

»Zum Teufel, was meinen Sie denn?« schrie der Anwalt.

»Nun,« sagte der andere leichthin, »ich sehe, Sie haben da Connor bei sich, einen notorischen Dieb und Erpresser.«

Der Anwalt stand stumm.

»Und Bat Sands. Wie gehts, Bat? Wie haben sie dich denn in Borstal behandelt – oder war es diesmal Parkhurst?« fragte der Polizist gemächlich. »Und da haben wir den sanften Lamby, wie er sich schrecklich anstrengt, militärisch auszusehen in einem Mantel, der ihm viel zu groß ist. Das ist nicht die Uniform, an die du sonst gewöhnt bist, was, Lamby?«

Aus der Gruppe der Polizisten an der Tür erklang ein herzlich belustigtes Lachen.

»Einer von euch soll die äußere Tür bewachen,« sagte der Oberwachtmeister, und dann wieder zu Speddings Leuten gewandt: »Hier haben wir unsern verehrten Freund Curt Goyle.«

Er bückte sich und hob einen Sack auf, den Bat behutsam auf den Boden gestellt hatte.

»Was für reizende Sächelchen,« gurrte der Polizist, »Diamantsplitter und Dynamitpatronen – was ist denn das da für 'n niedliches Ding, Bat – 'ne wahre Arche Noah von einem Koffer! Wahrhaftig, ich gratuliere dir zu dem Kramladen.«

Spedding hatte sich wieder gefaßt und trat vor. Es ging ums Ganze.

»Sie werden für diese Unverschämtheit bestraft werden,« tobte er.

»Durchaus nicht,« sagte der unerschütterliche Polizist.

Jemand an der Tür sprach:

»Hier ist noch einer, Herr Oberwachtmeister,« und schob eine seltsame alte Gestalt in die Halle, eine Gestalt, die von einem zum andern blinzelte und glotzte.

Er erspähte Spedding und lief beinahe unterwürfig auf ihn zu.

»Das Safe-Depot – in Lombard Street,« gackerte er erfreut. »Ich habe mich daran erinnert, wie Sie sehen, lieber Freund; und ich bin gekommen, um Ihnen das mit dem Buch zu erzählen – mein Buch, Sie wissen schon. Mein freigebiger Gönner hat auf der Suche nach einem Vexierwort –«

Der Oberwachtmeister sprang vor.

»Mein Gott!« rief er, »der Professor!«

»Ja, ja,« kicherte der Alte, »so hat er mich immer genannt. Er hat ein Exemplar meines Buches gekauft – kostete zwei Goldstücke, und vier hat er mir gegeben. Das Buch – wie hieß es doch?«

Der alte Mann stockte und griff sich mit beiden Händen an den Kopf.

» Studie – Studie,« sagte er mühsam, » über den Ursprung des – des Alphabets. Ah!«

Einer der Polizisten war herangetreten, als der alte Mann zu sprechen begann, und zu ihm wandte sich der Oberwachtmeister.

»Schreiben Sie das auf, Jimmy,« sagte der Oberwachtmeister.

Spedding wankte, als hätte er einen Schlag bekommen.

»Engel!« keuchte er.

»In eigner Person,« lautete die Antwort.

Zerschmettert, geschlagen, eingeschüchtert und ohnmächtig erwartete Spedding sein Schicksal. Welche Form es annehmen würde, ahnte er nicht, aber daß es seinen unwiderruflichen Ruin bedeuten würde, dessen war er gewiß. Der angesehene Anwalt hatte sich selbst gerichtet; seine Gefährten ließen sich durch nichts wegerklären, und über den Zweck ihrer Anwesenheit konnte kein Irrtum bestehen.

»Schicken Sie Ihre Leute fort,« sagte Engel.

Wilde Hoffnung stieg in Spedding auf. Die Leute wurden nicht verhaftet – er hatte noch eine Chance.

Die ›Stadtbande‹ ließ sich den Befehl nicht zweimal sagen; sie trollten sich durch die Tür, begierig, ins Freie zu kommen, ehe Engel seinen Sinn geändert hatte.

»Sie können gehen,« sagte Engel zu Connor, der noch unschlüssig herumstand.

»Wenn der Safe geöffnet wird, bleib ich da,« war die mürrische Antwort.

»Sie können gehen,« wiederholte Engel; »der Safe wird heute nacht nicht geöffnet werden.«

»Ich –«

»Gehen Sie!« donnerte der Detektiv, und Connor schlich davon.

Engel winkte dem Polizisten, der Spedding zuerst ausgefragt hatte.

»Nehmen Sie den Sack da, Carter. Da ist alles mögliche drin, was wir mitnehmen wollen.« Dann wandte er sich an den Anwalt.

»Herr Spedding, es ist sehr viel, was ich Ihnen zu sagen habe, aber es ist wohl besser, wenn wir unsere Unterhaltung noch etwas aufschieben; die richtige Wache wird in ein paar Minuten wieder da sein. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten um zehn wiederkommen.«

»Kraft welcher Autorität?« fragte Spedding großmäulig.

»Sst, sst!« sagte Engel müde. »Über dieses Stadium sind wir jetzt doch gewiß hinaus. Ihre Anweisung, die Wache zurückzuziehen, kam mir nicht unerwartet; ich hielt für den Oberwachtmeister schon einen anderen Befehl bereit.«

»Einen gefälschten Befehl, nehme ich an,« sagte Spedding, der allmählich sein Gleichgewicht wiedergewann. »Jetzt sehe ich, warum Sie meine Leute gehen ließen. Ich habe Ihren Edelmut überschätzt.«

»Der Befehl,« sagte Engel gemessen, »war unterzeichnet vom Staatssekretär des Inneren Seiner Majestät des Königs« – er klopfte dem erstaunten Anwalt auf die Schulter –, »und wenn es Sie interessiert: ich habe eine Vollmacht zur Verhaftung Ihrer ganzen Sippschaft in der Tasche. Daß ich sie jetzt nicht benutze, ist nur eine Frage der Taktik.«

Verblüfft betrachtete der Anwalt das ruhige Gesicht des Detektivs.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte er endlich.

»Ihre Anwesenheit in Jimmys Wohnung morgen früh um zehn Uhr,« erwiderte Engel.

»Ich werde pünktlich da sein,« sagte der andere und wandte sich zum Gehen.

»Noch eins, Herr Spedding,« rief ihm Jimmy nach, als jener schon an der Tür war, »was das Schiff betrifft, das Sie in Cardiff gechartert haben, so brauchen Sie sich in der Sache nicht weiter zu bemühen. Einer meiner Leute interviewt in diesem Augenblick den Kapitän und macht ihm klar, welch hohe Strafe darauf steht, flüchtige Verbrecher nach südamerikanischen Häfen zu befördern.«

»Zur Hölle mit Ihnen!« fluchte Spedding und schlug die Tür hinter sich zu.

Jimmy nahm die Polizistenmütze ab und grinste.

»Eines schönen Tages, Engel, werden Sie Ihr Amt verlieren, wenn Sie den Herrn Staatssekretär des Innern weiter so ins Spiel ziehen. Puuh!«

»Diesmal mußte es sein,« sagte Engel traurig. »Es tut mir förmlich weh zu lügen, allein ich konnte doch Spedding nicht gut sagen, daß der Oberwachtmeister auch einer von meinen Leuten war, nicht!«

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