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Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 12
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
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Sechster Auftritt

Vorige. Valentin. Flottwell.

Valentin. Spazieren Euer Gnaden nur herein! (Hansel geht vom Fenster weg.) Fallen Euer Gnaden nicht über den Buben. Wer hat ihn denn da mitten ins Zimmer hergesetzt? Ich bitt um Verzeihung, es ist alles in Unordnung. Einen saubern Sessel heraus! (Michael lauft ins Kabinett und bringt einen holzernen Stuhl.) Jagts die Gans hinaus! die Hobelschatten weg! (Hiesel tut es. Valentin zu Michael.) Einen Polster bring! (Michael läuft fort und stolpert.) Jetzt wirft er das Leimpfandel um. Wie gfallt Euer Gnaden denn die Wirtschaft? (Michael bringt einen Bettpolster.) Was treibst du denn, hättest gar eine Tuchet gebracht. (jagt ihn fort damit. Zu Flottwell.) Ich bitt, Platz zu nehmen. Lieserl, wo bist du denn? Komm doch herein. Alle Kinder! (Liese, alle Kinder bis auf Hans.) Wo ist denn der Hansel?

Liese. Der ist schon wieder draußen.

Valentin (wirft einen Blick durchs Fenster). Da hab ich die Ehre, meine Familie aufzuführen. Eins – zwei – drei – vier, und der fünfte sitzt auf den Taubenkobel oben. Mein Weib wird gleich nach Haus kommen. Die wird ein Vergnügen haben. Hansel! komm herein geschwind.

Hansel (innen, ruft). Ich kann ja nicht so geschwind heruntersteigen!

Valentin. So fall herunter. Jetzt da gehts her, Kinder. Da stellt euch im Kreis herum! (Hansel kommt.) Da schauts den Herrn an. Das ist mein lieber guter gnädiger Herr, von dem ich euch so viel erzählt hab. Der hat euren Vatern und viel hundert Menschen Gutes getan. Gehts hin und küßt ihm alle die Händ.

(Die Kinder tun es. Unterdessen sagt)

Hansel. Vater, der sieht ja gar nicht aus als wie ein gnädiger Herr.

Valentin. Bist still. Du bist kein Kenner. Was verstehst denn du von gnädigen Herren.

(Hansel tut es auch.)

Pepi. Euer Gnaden, Pepi auch Hand küssen.

Valentin. Das jüngste Kind meiner Laune, Euer Gnaden.

Liese (verlegen). Euer Gnaden! Unser Herr Vater hat uns halt so viel Gutes, Liebes und Schönes von Euer Gnaden gesagt, daß wir uns recht freuen, Euer Gnaden kennenzulernen.

Flottwell. Gott! (Sinkt von Schmerz und Scham überwältigt in den Stuhl und verhüllt mit beiden Händen das Gesicht.)

Liese (leise). Vater, der Herr bedauert mich recht. Dem muß ja gar schlecht gehn!

Valentin (ebenso). Tuts nichts dergleichen, wir werden schon darüber reden! (Liese geht ab.) Gehts jetzt, Kinder, gehts ein wenig in den Hof hinaus. (Zu Hiesel.) Du schaust dich drauß um die fetteste Enten um. (Zu Michael.) Und du suchst dein Mutter auf. Sie soll gleich nach Haus kommen. (Kinder ab.) Mein Gott, die Kinder, die wissen noch nichts von der Welt. (Seufzt.) Ja ja! Sein Euer Gnaden nicht so betrübt. Ich hab selbst nicht zuviel. Aber Euer Gnaden dürfen mir nicht zugrunde gehen. Aber erzählen mir Euer Gnaden doch einmal, wie ist denn das Unglück so gekommen?

Flottwell. Ich lebte durch acht Jahre mit meiner edlen Gemahlin, die mir in London einen Sohn geboren hatte, ganz glücklich. Jedoch auf einer Reise nach Südamerika, von welcher sie mich vergebens abzuhalten suchte, als hätte sie mein Unglück geahnet, entriß mir der Tod beide. Ich ging nach London zurück, suchte Zerstreuung. Mein Aufwand stieg. Ich ließ mich in großartige Spekulationen ein, die mir nur Ruhm, aber keinen Gewinn bringen konnten, und nach mehreren Jahren sah ich mein Vermögen bis auf einen kleinen Rest geschmolzen. Nun ward mir bange, ich beschloß, nach meinem Vaterland zurückzukehren, mit dem festen Vorsatz, mich in jeder Hinsicht einzuschränken. Ich kam nach Deutschland – ein unglücklicher Gedanke hieß mich Wiesbaden besuchen. Hier war die Grenze meines Leichtsinns. Nach zwanzig Jahren spielte ich wieder einmal in der Hoffnung, mein Vermögen zu vermehren, ich gewann, spielte fort und verlor alles. Alles. Mußte meine Garderobe zurücklassen und mit zwanzig Talern die weite Reise nach meiner geliebten Heimat, wohin es mich mit unwiderstehlicher Gewalt zog, zu Fuße machen, und so bin ich zum Bettler nun verarmt.

Valentin. Das ist freilich eine traurige Geschichte, aber es ist halt notwendig, daß man s' erfahrt. Aber verzeihen mir Euer Gnaden, Euer Gnaden sein doch ein bissel selber schuld. Es schickt sich nicht, daß ich das sag. Aber ein Herr, der so dagestanden ist wie Euer Gnaden – Es ist zum Totärgern – Ich kann mir nicht helfen, ich red halt, wie ichs denke.

Flottwell. Du hast recht. Oh, jetzt erst treten alle Warnungen vor meine Seele, die ich aus Stolz und Übermut verschmähte, Cheristane und das grauenvolle Bild des geheimnisvollen Bettlers, der mich so lange Zeit verfolgt und dessen Abkunft ich wohl nie enträtseln werde.

Valentin. Nun sein Euer Gnaden nur beruhigt. Wie ich gesagt hab. Alles, was in meinen Kräften steht. Haben Euer Gnaden nur die Gnad und gehen Euer Gnaden derweil allergnädigst in das andere Zimmer hinein, daß wir da ein wenig zusammenräumen können. Es schaut gar so innobel aus. Schauen sich Euer Gnaden ein wenig um drinnen. Da werden Euer Gnaden etwas darin sehen, was Euer Gnaden gewiß erfreuen wird. (Er geleitet ihn bis an die Tür.)

Flottwell. O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich erst, wenn unsere Sonne untergeht. (Ab.)

Valentin. Das ist eine schöne Rede, aber ich hab sie nicht verstanden. Lisi, Kinder, gehts herein!

(Liese. Hiesel. Hansel.)

Liese. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Habt ihr euren Vatern gern?

Alle drei. Ja!

Valentin. Wollt ihr ihm eine Freude machen?

Alle drei. Ja, lieber Vater!

Valentin. Verdruß habt ihr mir schon genug gemacht. Seid mit dem Herrn da drin recht gut und höflich. Er wird bei uns im Haus bleiben. Ich laß ihn nimmer fort. Und redet der Mutter auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gäh.

Kinder. Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit ihr.

Valentin. So? Ja was die Eltern jetzt den Kindern für Kummer und Sorgen verursachen, das ist außerordentlich. Also geht hinein zu ihm. Ich komm gleich wieder, ich muß nur die Tür in Wirtshaus machen. Und vergeßt nicht, was ich gesagt hab. Er ist unglücklich. Mit unglücklichen Menschen muß man subtil umgehen. Die glücklichen können schon eher einen Puff aushalten.

(Kinder ab ins Kabinett.)

Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch denkt, der Himmel lenkt.

Lied
Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks,
Der eine heißt den andern dumm,
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann
Dem andern viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt s' beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit Gwalt
In allen glücklich sein,
Doch wird man nur ein bissel alt,
Da find man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut.
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm!
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin!
Mach keine Umständ! Geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Adje. (Ab.)

Repetition

Ein Tischler, wenn sein War gefällt,
Hat manche frohe Stund,
Das Glück ist doch nicht in der Welt
Mit Reichtum bloß im Bund.
Seh ich soviel zufriednen Sinn,
Da flieht mich alles Weh.
Da leg ich nicht den Hobel hin,
Sag nicht der Kunst Adje! (Ab.)

Siebenter Auftritt

Flottwell mit einem Bilde in der Hand, sein Bild in jungen Jahren vorstellend. Liese. Hans. Hiesel.

Flottwell. Wie freut mich das, mein Bild in eurem Haus zu finden. Ich könnt es nicht in bessern Händen wissen. Wie ist es an euren Vater gekommen?

Liese. Der Vater hat uns erzählt: Er hats im Schloß gekauft. Wie alles gerichtlich lizitiert ist worden.

Flottwell (seufzt). Ja so!

Hansel. Und es hat nicht viel gekostet. Es hat kein Mensch was geben wollen dafür.

Flottwell (für sich). Schändlich!

Liese (heimlich). Bist still! Weißt du nicht, was der Vater gesagt hat?

Hiesel (deutet an den Rand des Bildes). Da steht der Datum, wenn Euer Gnaden geboren sein.

Liese (sieht nach). Den letzten Julius. (Freudig.) Da ist ja heute Ihr Geburtstag? Ah! das ist schön. Gerade fünfzig Jahr.

Alle drei. Wir gratulieren!

(Liese läuft fort)

Flottwell. Als die Sonne sank, ward ich geboren. Wenn sie wieder sinken wird? Wo werd ich sein? (Versinkt in Nachdenken.)

Hiesel (zu Hans). Du, da bin ich vergnügter, wenn mein Geburtstag ist.

Hansel. Ja, er ist ja schon fünfzigmal geboren. Da gwöhnt mans halt.

Liese (fahrt Pepi herein, der jetzt als Knäbchen reinlich gekleidet ist und einen großen Blumenstrauß trägt). Da bring ich noch einen Gratulanten.

Hansel (sieht zum Fenster hinaus). Just kommt die Mutter! (Läuft hinaus.)

Liese (herzlich). Möchten Euer Gnaden noch viele solche Blumen auf Ihrem Weg erblühen! Das wünschen wir Ihnen alle von ganzem Herzen.

Flottwell (nimmt tief ergriffen den Blumenstrauß, sagt) Ich dank euch, liebe Kinder! (und legt ihn auf den Tisch.) Ach, warum kann ich euch nur mit Worten danken!

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