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Der verrückte Flinsheim

Charlotte Niese: Der verrückte Flinsheim - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorCharlotte Niese
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleDer verrückte Flinsheim
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Keiner der Herren, die nachmittags in der Weinstube saßen und Punsch tranken, wußte soviel Geschichten wie der alte Geheimrat, und keiner erzählte sie so gut. Aber er war nicht immer in mitteilsamer Stimmung. Besonders in seinen letzten Lebensjahren konnte er lange schweigend und anscheinend teilnahmlos vor seinem Glase sitzen. Dann durfte ihn niemand anreden, und wer es dennoch versuchte, der tat es auf eigne Gefahr und mußte sich auf eine höfliche, aber kühle Abweisung gefaßt machen. Die Stammgäste, lauter alte, pensionierte Herren, kannten aber seine Eigenheiten und achteten sie. Wenn der Geheimrat so starr vor sich hinblickte und wie geistesabwesend seinen Punsch trank, so wußten sie, daß es besser sei, sich heute gar nicht um ihn zu kümmern, und sie unterhielten sich miteinander über die Neuigkeiten des Städtchens, von denen es immer einige gab. Besonders für genügsame Gemüter; und die Stammgäste hatten gelernt, genügsam zu sein. Wer jahraus, jahrein in einem kleinen, weltvergessenen Orte wohnt, der lernt es schon, jeden Tag über das Wetter zu sprechen, der lernt es auch, darüber nachzudenken, ob die Frau Professorin den neuen Sonnenschirm, mit dem sie Sonntags ausgeht, von ihrem Manne oder von ihrem Bruder geschenkt bekommen hat. Ja, die alten Herren konnten über die größten Kleinigkeiten lange und sehr viel nachdenken und sprechen; aber manchmal fiel doch auch in die Einförmigkeit ihres Daseins ein Ereignis, das des Besprechens würdiger war, als der Sonnenschirm der Frau Professorin. Wenn z. B. einer von ihnen starb, dann hatten die Überlebenden sehr viel zu reden, erst von den guten Eigenschaften des Verstorbnen; dann, leise und ganz allmählich, damit es keinen allzu schlechten Eindruck machte, auch von seinen vielen Fehlern und seinen ganz absonderlichen Eigenheiten.

Heute war auch ein solcher Tag, wo man von einem Toten mit dem behaglichen Gefühl sprechen konnte, daß man selbst noch lebte. Soeben war der Baron von Flinsheim beerdigt worden. Die meisten Herren trugen noch die schwarzen Röcke und die Ordensbänder, die sie zu diesem feierlichen Akt nötig gehabt hatten. Nun saßen sie wieder alle zufrieden in der kühlen Weinstube, blickten in den Sonnenschein, der auf den grünen Büschen des Gartens seine zitternden Lichter warf, und freuten sich, daß sie ein ergiebiges Gesprächsthema hatten. Bei seinen Lebzeiten war von Baron Flinsheim nicht viel die Rede gewesen, aber das hinderte natürlich nicht, daß man jetzt über sein Begräbnis sprach. Einige Herren, meinten, es sei doch schade, daß er es selbst nicht habe mit ansehen können, weil es wirklich stattlich und ehrenvoll gewesen war, gerade so, wie es sich für einen Baron Flinsheim schickte, dessen Ahnen bis zu den Kreuzrittern zurückreichten. Der ganze Adel des Landes war dagewesen, und wer den Leichenkondukt gesehen hatte, hätte glauben können, es würde ein Mann zu Grabe getragen, der sich der allgemeinsten Beliebtheit erfreut und sich vielleicht auch einige Verdienste um das Land erworben hätte. Das war nun freilich nicht der Fall, und selbst der Stammtisch, an dem der Baron einige Jahre gesessen hatte, bemühte sich vergebens, etwas Lobendes über ihn zu sagen.

»Er hatte ja den Roten Adlerorden,« bemerkte einer der alten Herren in wohlwollendem Tone.

Ein andrer nickte: »Jawohl, den erhielt er, als er die Postmeisterstelle in H. aufgab. Sie wissen doch, er ärgerte sich immer so über die vielen Briefe, die er besorgen sollte.«

»Er konnte auch das Telegraphieren nicht lernen,« sagte der erste wieder. »Ja ja, die neue Zeit macht mehr Ansprüche als die alte.«

Dabei seufzte der Sprechende, und die andern seufzten mit. Denn sie waren eigentlich alle Opfer der neuen Zeit und des neuen Regiments.

»Hat Flinsheim eigentlich etwas hinterlassen?« fragte der Geheimrat, der bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

»Gewiß,« antwortete ein alter Offizier. »Gewiß hat er etwas hinterlassen. Einige Gewehre, zwei Anzüge, mehrere freiheitliche Taschenbücher und einen sehr nett gemalten Stammbaum. Ich bin heute schon in seiner Wohnung gewesen, und sein Neffe, der junge Baron, hat mir alles gezeigt.«

Man konnte den Mienen des Sprechenden nicht ansehen, ob er die Hinterlassenschaft großartig fand oder nicht. Aber die Zuhörer lachten und schienen den Augenblick für gekommen zu halten, von den allgemeinen Redensarten nun zum Tadel überzugehen.

»Er war ein öder Kerl!« bemerkte ein Konferenzrat; »Gott mag wissen, weshalb solche Geschöpfe geboren werden. Flinsheim hat gewiß niemals etwas getan, was andern Leuten genutzt oder gefallen hätte.«

»Er war ein Baron!« sagte ein andrer spöttisch. »Daß er sich die Mühe gegeben hatte, als solcher auf die Welt zu kommen, das war für ihn genug. Daher las er auch immer im freiherrlichen Taschenbuch und betrachtete seinen Stammbaum.«

Da der Spötter selbst einen vornehmen adligen Namen trug, so wurden seine Bemerkungen von den andern mit beifälligem Nicken aufgenommen, und nun fing jeder an, den Verstorbenen auf seine Weise zu beurteilen. Viel Gutes kam dabei nicht heraus. Der Baron Flinsheim konnte froh sein, daß er so still und friedlich in seinem Grabe lag und von all diesen Dingen nichts hörte.

Nur der alte Geheimrat sagte wieder kein Wort. Er hörte zwar sehr genau zu, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder zum Sprechen entschloß.

»Ja, meine Herren,« sagte er endlich, »da sprechen Sie nun über den armen Flinsheim und lassen kein gutes Haar an ihm, obgleich er noch vor acht Tagen neben Ihnen saß und mit Ihnen Punsch trank. Sie haben ihn nie leiden könne», – ich weiß es, weil er hochmütig und dumm war, zwei unangenehme Eigenschaften, die gewiß die Beliebtheit nicht verstärken. Aber ich habe doch immer Mitleid mit ihm gehabt. Er war ein armer Kerl – glauben Sie mir!«

Der Geheimrat schwieg und betrachtete nachdenklich die gelbe Flüssigkeit in seinem Glase.

»Exzellenz haben seinen Vater gekannt?« fragte der Offizier.

Der Gefragte nickte. »Gewiß, ich habe seinen Vater gekannt und die ganze Familie. Es waren alles keine übeln Menschen, sie waren nur zu zahlreich, und dann vergötterten sie sich gegenseitig. Das fing schon beim Großvater an, dem alten Baron auf Flinshausen. Der hatte acht Kinder, und jedes fand das andre süß und reizend, die ältern Geschwister verzogen die jüngern, und die Eltern konnten sich vor Entzücken über ihre jüngsten Kinder gar nicht lassen, bis die jüngsten denn allemal so unausstehlich geworden waren, daß sie kein Mensch leiden konnte, auch die ältern Geschwister nicht. So ist es dem verstorbnen Flinsheim auch gegangen. Ich sehe ihn noch vor mir in Sammet und Seide gehüllt und den Eltern und den erwachsenen Geschwistern als Spielzeug dienend. Damals war er wirklich niedlich; und daß er den Hofmeister mit Wasser begoß und dem Kammerdiener die Haare ausriß, galt als Zeichen eines energischen Charakters. Später ist das Jüngelchen der ganzen Familie, besonders dem ältesten Bruder sehr unbequem geworden. Er hatte gar nichts gelernt und wollte, auch als er schon lange erwachsen war, noch immer verzogen und belacht werden. Das ging natürlich nicht, und so ist er denn allmählich ein langweiliger, verdrossener Mann geworden, der seinen Platz in der Welt nicht ausfüllen konnte. Aber er hat mir immer leid getan, denn ich glaube, daß seine Anlagen gut waren.« Der Geheimrat setzte sich zurück, als hätte er genug gesprochen. Dann bestellte er sich ein frisches Glas.

»Sie haben immer eine gewisse Schwäche für die Flinsheimsche Familie gehabt,« sagte jetzt der Spötter.

Der Geheimrat rückte wieder etwas näher an den Tisch. »Nun ja,« erwiderte er, »die Flinsheim erwecken eben immer Erinnerungen in mir. Sie wissen ja selbst, lieber Graf, auch traurige Erinnerungen werden durch die Vorstellung verschönt, daß man damals, als man das und jenes erlebte, jung und frisch war. Und wenn man über achtzig Jahre alt ist – Louis, Sie müssen mir noch ein Stück Zucker bringen; der Punsch ist nicht süß genug!«

»Sie haben natürlich auch den verrückten Flinsheim gekannt!« warf der Graf dazwischen, während der Kellner eine Zuckerschale brachte.

»Den verrückten Flinsheim? –« der Geheimrat sah plötzlich sehr unnahbar aus. »Ich weiß nicht, wen Sie mit dieser Bezeichnung meinen!«

»Nun, den Ludolf, oder wie er hieß! Den, der Pastor wurde, und der dann – nun, Sie wissen doch! Mein Vater hat ihn immer den verrückten Flinsheim genannt.«

»Das Andenken Ihres Herrn Vaters in Ehren, aber Ludolf Flinsheim war ebenso wenig verrückt, wie Sie oder ich, mein Lieber.«

»Aber man nannte ihn doch allgemein so,« rief der Graf verdrießlich.

Der Geheimrat zuckte die Achseln. »Wer ist man?« fragte er spöttisch. »Ich will zugeben, daß Flinsheim anders war als andre Leute. Vielleicht war er auch verrückt, weil er nicht, wie die andern jüngern Söhne seiner Familie, vegetieren und sein Leben mit Jagen, Rauchen und der Lektüre des Adelshandbuchs verbringen wollte. Gewiß, es wird mir jetzt deutlich, er war verrückt, weil er nicht so leben wollte, wie die andern seines Standes – zum Beispiel wie sein heute bestatteter Neffe. Aber –« und hier erhob der alte Herr ein wenig die Stimme – »ich habe Ludolf Flinsheim immer beneidet, nicht allein um seines Lebens, sondern auch um seines Todes willen, obgleich er begraben wurde wie ein ganz gewöhnlicher Mensch, und obgleich kein einziger seiner vielen Vettern es der Mühe für wert hielt, zu seiner Beerdigung zu kommen.«

»Sie haben ihn gut gekannt?« fragte jetzt der Graf.

Der Geheimrat schwieg einen Augenblick und tat einen kleinen Schluck aus seinem Glase, während die andern Herrn des Stammtisches die Pause benutzten, um sich frische Zufuhr zu bestellen. Denn obgleich sie zur alten Zeit gehörten, machten sie der Neuzeit auch insofern Zugeständnisse, daß sie das trockne Zuhören auf die Länge nicht aushalten konnten. Als aber der Geheimrat die vollen Gläser erscheinen sah, setzte er sich behaglich in seiner Ledersofaecke zurecht und begann zu erzählen.

Was der alte Geheimrat erzählte.

»Wir sind viel zusammengewesen, schon von unsrer Kindheit an. Meine Mutter war mit den Flinshausenern entfernt verwandt, und daher sahen wir uns dann und wann. Ludolf war einer von den jüngsten Söhnen, aber er wurde nicht verzogen, denn hinter ihm her kamen noch Kurt und Knud, und die waren nach Aussage der ganzen Familie liebenswürdiger als er. Sie machten die bekannten tollen Junkerstreiche, die sich in jeder Generation wiederholen und immer von neuem belacht werden. Da er außerdem noch zwei ältere Brüder und mehrere Schwestern hatte, so war es ganz natürlich, daß er bei seiner absonderlichen Anlage zum Ernst ziemlich unbeachtet blieb. Er konnte nämlich nicht darüber lachen, wenn die Junker vor das Zimmer der alten französischen Gouvernante dicht über dem Fußboden einen Strick befestigten, so daß die arme Dame am Morgen einen Purzelbaum und sich ein Loch in den Kopf schlug. Er fand es auch nicht lächerlich, im Zimmer des Hauslehrers zwanzig lebendige Mäuse los zu lassen, und in den Wein des Verwalters ein Brechpulver zu schütten. Er schalt über solche Geschichten, prügelte die jüngern Brüder und wurde dann selbst vom Vater geprügelt, weil er so duckmäuserig sei, wie man damals sagte.

Wir beide vertrugen uns sehr gut. Ich hatte zwar auch die Erziehung erhalten, die überall bei uns gang und gäbe war, nämlich auf glatte und verbindliche Formen gegen Höher- und Gleichgestellte den größten Wert zu legen, gegen Niedrigergeborne jedoch sich möglichst gehen zu lassen. Aber Ludolf gefiel mir doch. Er war ehrlich, er quälte kein Tier; er war freundlich gegen jedermann, und seine Lehrer vergötterten ihn, obgleich er schwer lernte und für manche Dinge gar kein Interesse hatte. Hübsch war er nicht; er hatte lange, ungeschickte Glieder, die mit jedem Jahre länger und ungeschickter wurden; dazu trug er den Oberkörper vornübergebeugt, und in dem blassen, scharfgeschnittnen Gesicht blinzelten ein Paar helle, kurzsichtige Augen. Wenn der alte Flinsheim böse auf ihn war, dann behauptete er, sein Sohn sehe aus wie ein Dorfküster, und mehr würde auch in seinem ganzen Leben nicht aus ihm werden. Die Brüder sagten natürlich dasselbe, und die alte Baronin seufzte darüber. Denn obgleich sie die leibliche Mutter war, so erklärte sie doch häufig, nicht begreifen zu können, wie sie zu dem sonderbaren Sohn gekommen sei. Er war auch ein unbequemer Sohn. Wenn die alte Baronin in der Bibel las und heiße Tränen über die Bergpredigt weinte, gleich darauf aber ihre Kammerjungfer ohrfeigte, weil sie knarrende Schuhe hatte, dann konnte Ludolf die Mutter bitten, ihm doch noch einmal das vorzulesen, worüber sie eben geweint hatte. Er konnte sie auch fragen, was sie eigentlich unter Nächstenliebe verstünde, von der doch der Heiland soviel redete. Solche Sachen ärgerten die Mutter. Sie war eine lebhafte Natur, und da sie zu ihren Nächsten nur die Leute rechnete, die sechzehn Ahnen hatten, so wurde sie über Ludolfs Fragen fast immer gereizt. Und er fragte oft. Von seinem zehnten bis zu seinem zwanzigsten Jahre ärgerte er die Familie beständig. Nicht durch schlechte Streiche und Bosheit, sondern durch solche und ähnliche Fragen. Er konnte keine Ungerechtigkeit ertragen, und er meinte, oft welcher zu begegnen; er konnte nicht hören, wenn die andern über die Schwächen und Leiden ihrer Mitmenschen lachten und sie womöglich durch Übermut noch vermehrten. Mit einem Wort: er paßte nicht in die Familie Flinsheim, vielleicht war er verrückt, aber doch nur auf eine Weise, die andern nicht schadete. Ich ließ nämlich auch schon damals nichts auf ihn kommen und habe ihn schon damals in Schutz genommen, als wir beide noch jung waren, nicht seiner Sünden, sondern seiner guten Eigenschaften wegen, die man nicht verstand.

Wir sind dann auch zusammen auf die Universität gegangen. Wir sollten beide Jura studieren; denn der alte Baron hatte den Dorfküster natürlich niemals ernst gemeint und hoffte sehr, daß Ludolf ein guter Jurist und in kurzer Zeit irgendwo Amtmann werden würde. Es war auch wünschenswert, daß die Flinsheimschen Söhne in irgend eine gute Stellung kämen, denn die Finanzen der Familie waren in recht schlechter Verfassung. Die zwei ältesten Söhne, von denen der eine in Heidelberg studierte, der andre am dänischen Hofe angestellt war, verbrauchten große Summen, und die zwei jüngsten eiferten ihnen nach. Sie waren als Junker bei den Gardereitern eingetreten und benahmen sich da, als ob jeder von ihnen eine Million zu erben hätte. Und doch war gar nichts zu erben. Ich merkte das deutlich, als ich in den Sommerferien Ludolf nach Flinshausen begleitete. Wir kamen beide aus Kiel und hatten ganz solid gelebt, so daß wir uns für berechtigt hielten, vergnügt zu sein. Aber die Stimmung der Eltern war nicht heiter. Der Baron saß den halben Tag am Schreibtisch und rechnete über seinen Büchern; die Baronin las fortwährend in der Bibel und benutzte nur einige Mußestunden, um im Hause herumzufliegen und das Dienstpersonal durch plötzliche Sparsamkeit zur Verzweiflung zu bringen. Es war schon die Jahre vorher ungemütlich auf Flinshausen gewesen; jetzt war es so schlimm, daß ich beschloß, bald wieder abzureisen. Ludolf hielt mich auch nicht davon zurück. Es kam mir sogar so vor, als wäre er selbst im Schloß seines Vaters ein Fremder, und als würde er auch als solcher betrachtet. Wenn er irgend eine Meinung über die verschwenderischen Brüder äußerte und über die Art, wie ihnen zu helfen sei, dann hieß es bei beiden Eltern: Davon verstehst du nichts; du hast keine Einsicht in solche Dinge; du weißt nicht, was sich für unsre Familie schickt! Es war gerade, als hätten ihn die Alten keinen Einfluß auf sich gewinnen lassen wollen; er war ihnen zu fremdartig, zu absonderlich, und an dem Tage, wo ich von Flinshausen abreisen wollte, schüttete mir die Baronin noch ihr Herz aus.«

rsaquo;Lieber Erich,rlsaquo; sagte sie zu mir, rsaquo;der Ludolf ist wirklich zu eigentümlich; mich wundert, daß du noch mit ihm verkehrst, du mit deinen guten Manieren und deinem gleichmäßigen Wesen!rlsaquo;

Ich verbeugte mich für das Kompliment und sagte dann, wie es auch meine Meinung war, daß Ludolf einer der besten Menschen sei, die ich kennen gelernt hätte.

Die Baronin sah mich überrascht an. rsaquo;Ist das wirtlich dein Ernst? Nun ja, es mag sein, daß er keine groben Fehler hat; aber er ist gar kein Flinsheim, und von meiner Familie hat er auch nichts. Er ist so schrecklich aufrichtig. Er macht uns fortwährend auf Fehler aufmerksam, die doch für Menschen unsers Standes gar keine Fehler find. Kurt und Knud können doch nichts dafür, daß sie Schulden machen. Sie sind eben mit einem weiten Blick erzogen, und der liebe Gott wird schon weiter für sie sorgen. Ach, und beim lieben Gott fällt mir ein, daß ich mit Ludolf auch in religiöser Beziehung gar nicht übereinstimme. Er will immer, daß man so leben soll, wie es die Bibel vorschreibt, Wort für Wort: Nächstenliebe, Gleichheit vor Gott, und so weiter, gerade als wenn die Bibel heute und nicht vor so und so viel Jahrhunderten geschrieben wäre, wo man noch gar keine Ahnung von den Flinsheim und den guten alten Familien hatte. Ich bin wirklich außerordentlich fromm und eine sehr gute Christin; aber daß zwischen Adel und Bürgerstand auch im Himmel eine Kluft bestehen wird, davon bin ich doch fest überzeugt. Wofür hat Gott überhaupt verschiedne Stände erschaffen, wenn er es nicht auch im Himmel für uns behaglich einrichten will? Ich weiß, lieber Erich, daß auch du dieser Ansicht bist. Aber Ludolf behauptet, vor Gott wären alle Menschen gleich, und wir müßten uns alle genau nach seinen Worten richten, sonsten würden wir nicht selig.rlsaquo;

Ich begnügte mich, zu der Rede der Baronin manchmal ach und o zu sagen. Denn sie konnte keinen Widerspruch vertragen. Auch war ich noch zu jung und zu schüchtern, mich mit der rsaquo;Tanterlsaquo; in einen Streit einzulassen. Aber ich wiederholte doch zum Schluß meine erste Behauptung, daß Ludolf viel besser sei als ich selbst.

Noch an demselben Tage brachte mich der Flinshausener Wagen einige Meilen ins Land hinein; dann nahm ich mein kleines Felleisen auf den Rücken und marschierte der Stadt Schleswig zu, wo meine Mutter ein eignes Haus hatte. Ludolf begleitete mich eine Strecke. Er war still und in sich gekehrt, wie ich ihn immer kannte, und wie er so neben mir fortschritt mit seiner schlechten Haltung und den ungeschickten Bewegungen, da mußte ich doch darüber nachdenken, wie er sich wohl später einmal in der roten Amtmannsuniform und dem Kammerherrnfrack ausnehmen würde. Denn daß er beide Würden mit der Zeit erlangen würde, davon war ich überzeugt. Die Flinsheim waren immer Amtleute und Kammerherren geworden, auch wenn sie nichts leisteten. Er aber war klug, und ich wußte, daß er sein Bestes tun würde; also mußte er doch auch eine Stellung erlangen, die manche seiner Verwandten nur sehr notdürftig bekleidet hatten. Übrigens hatte ich auch noch andre Gedanken auf diesem Wege. Wenn ich mir überlegte, was die alte Baronin mit mir gesprochen hatte, dann kam es mir so vor, als wäre ich selbst im unklaren über Ludolf. Wir hatten ja immer sehr freundschaftlich miteinander verkehrt, aber seine eigentlichen Ansichten kannte ich trotzdem so wenig, als wäre er mir ganz fremd. Wenn man aber jung ist, dann denkt man nicht gern allzulange über einen Gegenstand nach, besonders wenn er einem unbequem ist; und ich kann nicht leugnen, daß mir Ludolf plötzlich etwas unbequem wurde. Auf dem Landwege, den wir gingen, grüßte er jeden Begegnenden zuerst; die kleinen Dorfkinder, die, den Finger im Munde, den feingekleideten Studenten anstaunten, schob er mit einem freundlichen Wort zur Seite, oder er gab ihnen einen Schilling. Kurz, er benahm sich, als wenn ihn diese gewöhnlichen Menschenkinder geradezu interessierten, als ob er sie nicht wie das langweilige Volk betrachtete, das zwar auf der Welt sein muß, aber keinen edel gebornen Menschen etwas angeht. Schließlich trennte ich mich von Ludolf in dem Gefühl, daß ich ihn nicht mehr recht verstünde; ich hatte ihn sehr gern, aber ich empfand doch kein besondres Verlangen, ihn bald wiederzusehen, und bedauerte es daher gar nicht, daß uns das Leben für längere Zeit auseinanderführte.

Nach den Sommerferien ging ich auf eine süddeutsche Universität, und da ein Onkel von mir bei der Gesandtschaft in Paris angestellt war, so besuchte ich den in den großen Ferien des nächsten Jahres. Nach dem Examen wollte meine Mutter, daß ich zunächst etwas von der Welt sehen sollte. Ich ließ mich bei der Gesandtschaft in Wien attachieren, und es vergingen wohl vier oder fünf Jahre, bis ich wieder einmal nach Hamburg kam. Aber wie ich im Hamburger Gasthof die Fremdenliste durchblättere, finde ich zu meiner Freude darin auch den Baron Flinsheim auf Flinshausen. Er war an demselben Tage angekommen wie ich, und ich ließ mich, obgleich es schon ziemlich spät am Abend war, gleich bei ihm melden. Aber es war nicht der alte Majoratsherr, der mich empfing, sondern Bruno, der älteste Sohn und nunmehriger Besitzer, derselbe, dessen jüngsten Sohn wir heute begraben haben. Er saß hinter einer ganzen Batterie von Flaschen und bewillkommnete mich mit großer Heiterkeit.

rsaquo;Sieh da, Erich, bist du auch einmal hier? Mach doch nicht ein so trübseliges Gesicht, Mensch! Alle Menschen müssen einmal sterben! Mein Alter hat auch dran glauben müssen. Er war ein guter Kerl, und ich habe ihm riesig nachgetrauert. Aber es hat alles ein Ende. Das Leben tritt mit ernsten Pflichten an uns heran, und der Vater liegt still und friedlich in unsrer Familiengruft. Ich habe sie neu tünchen lassen, sie sieht sehr anständig aus. Mama ist viel dort, wie du dir denken kannst, sie ist womöglich noch frömmer geworden.«

In diesem Tone schwatzte er eine ganze Weile fort. Er hatte augenscheinlich sehr viel Wein getrunken und freute sich nun meiner Gesellschaft.

»Wie geht's denn, Ludolf?« fragte ich, während er eine Flasche Champagner bestellte.

Da lachte er und sagte: »Ludolf? Weißt du denn noch nicht, daß der verrückt geworden ist?«

»Verrückt?« wiederholte ich.

»Nun, in einer Anstalt ist er noch nicht; aber viel fehlt nicht dran. Er hat umgesattelt und ist Kandidat der Theologie geworden.«

Ich war so überrascht, daß ich kein Wort herausbrachte.

»Also du hast nichts davon gehört? Ja ja, der heilige Geist kam eines Tags über ihn, und da erklärte er Papa, daß er die Bibel mehr schätze als das Corpus juris. Wir wären alle Sünder und Heuchler; mit uns wolle er nichts mehr zu tun haben, er wolle den Armen das Evangelium predigen!«

Das alles sagte Bruno in sehr leichtfertigem Ton, aber dann wurde er doch etwas nüchterner. Er erzählte mir, es hätte große Szenen zu Hause gegeben. Mama habe sich über die Sache sehr aufgeregt, weil sie sich keinen Flinsheim als Dorfpfarrer habe denken können.

»Weshalb denn nicht?« fragte ich. »Wenn er nun Hofprediger wird, vielleicht Bischof oder Professor an der Universität, dann hat er doch eine sehr hübsche Stellung.« »Das will er aber alles nicht werden,« rief Bruno ärgerlich. »Ja, wenn er seine fünf Sinne beisammen hätte, aber er ist eben verrückt. Sein Ideal ist, Pastor in einem Heidedorfe zu werden, wo es keinen einzigen anständigen Menschen gibt, sondern nur lauter dumme Bauern. Solche Leute müßten auch das Wort Gottes hören, man sollte nicht immer nach hohen Dingen trachten.«

Da kam mir denn wirklich selber das Wort »verrückt!« über die Lippen.

Bruno sah mich nachdenklich an. »Wir sind gleicher Meinung über ihn, Erich,« sagte er, »und doch muß ich dir gestehen, daß mir die andern Brüder mehr Sorgen machen als Ludolf. Du glaubst nicht, wie verwöhnt Knud und Kurt sind, wieviel Geld sie von mir verlangen, und mein zweiter Herr Bruder ist ebenso. Alles soll ich bezahlen, und sie wollen keine Gegenleistung tun, nicht einmal die Mädchen heiraten, die ich ihnen aussuche. Dabei ist mein Besitz schon mit Schulden belastet – wenn ich nicht streng bin, kann ich nächstens selber betteln gehen! Der Alte hat ganz abscheulich gewirtschaftet und den jüngern Brüdern viel zuviel Freiheit gelassen.«

Nach diesen Klagen trank Bruno in großen Zügen, und sein Gesicht sah sehr finster aus.

rsaquo;Also Ludolf kostet dich weniger?rlsaquo; fragte ich.

rsaquo;Er kostet mich gar nichts. Seit zwei Jahren, wo er irgendwo Pfarradjunkt geworden ist und vielleicht einen Gehalt von fünfzig Taler bezieht, hat er mir kein Geld mehr abverlangt. Er hat Anspruch auf ein kleines Fahrgeld; als er aber zur Beerdigung des Vaters kam, sagte er mir, er wolle nichts von mir haben, ich möchte nur einfach und sparsam leben, und sehen, daß Flinshausen wieder aus den Schulden käme. Nun, er als mein jüngerer Bruder hat mir natürlich nicht das geringste zu sagen, es ist auch unbescheiden, solche Äußerungen zu tun, und ich werde mich nicht danach richten; aber als der Junge nachher am Sarge meines Vaters ein Gebet sprach, da lief es mir doch kalt über den Rücken. Donnerwetter, Erich, wir Flinsheim sind gewiß alle nicht auf den Mund gefallen, aber wie den Ludolf habe ich noch keinen Menschen sprechen hören.«

Bruno seufzte und fuhr sich über die kahle Stirn. »Karriere könnte der Bengel machen,« brummte er vor sich hin; »aber er will nicht. Er ist eben verrückt!«

Mittlerweile war es spät geworden, und als ich mit schwerem Kopfe mein Lager aufsuchte, war ich auch so ziemlich davon überzeugt, daß Ludolf übergeschnappt sei.

Am andern Morgen ging die Diligence sehr früh von Hamburg nach Kiel, und ich sah Bruno Flinsheim nicht wieder, was mir kaum leid tat. Mir schien, als hätte ich für mehrere Jahre hinaus genug mit ihm gesprochen. Vielleicht kam dieses Gefühl daher, daß mir der Gedanke an Ludolf anfing, ein wenig lästig zu werden. Es ist wahr, ich hatte jahrelang nur flüchtig an ihn gedacht und seine Eigenheiten vergessen. Nun fiel mir plötzlich ein, daß wir doch befreundet gewesen waren, und daß mir seine Absonderlichkeiten nicht ganz gleichgültig sein sollten. Aber es gelang mir bald, mir die gestrige Unterhaltung über Ludolf aus dem Sinne zu schlagen, und als ich zu Hause bei meiner Mutter ankam, hatte mir die soviel Vettern- und Basengeschichten zu erzählen, daß sie gar nicht daran dachte, von Ludolf zu reden, den sie überhaupt nur wenig kannte.

Ich ging dann nach Kopenhagen, und da mir der alte König gewogen war, wurde ich bald Amtmann. Zuerst in Jütland, dann in Schleswig, und zwar in einem Bezirk, von dem die Leute sagten, daß er nicht sehr angenehm sei. Er lag in der Mitte des Herzogtums und erstreckte sich bis zur Westsee. An der Küste wohnten Bauern friesischer Abkunft, trotzige Gesellen, die nur widerwillig dem König Steuern zahlten und seinem Vertreter, dem Amtmann, gelegentlich den Gehorsam verweigerten. Mein Vorgänger, ein ehemaliger Offizier, hatte sehr viel Streit mit ihnen gehabt; auf einige Dörfer war er endlich so böse gewesen, daß er getan hatte, als wären sie gar nicht mehr auf der Welt. Nur der Amtsverwalter war regelmäßig in die rebellischen Dörfer gefahren, um Steuern zu erheben, und der war das einemal von den Friesen beinahe totgeschlagen worden. So erzählten mir die Beamten in der kleinen Stadt, wo das Amthaus und also meine Dienstwohnung lag. Sie berichteten noch mehr von allerhand Gewalttätigkeiten, die in einem Dorfe geschehen waren, wo die Bevölkerung ganz besonders wild und ungebärdig war. Ich hörte die Berichte mit dem behaglichen Gefühl an, daß unter meiner Regierung alles anders und besser werden würde. In Jütland hatte ich einmal einen Streit mit Bauern gehabt, der zu meinen Gunsten beendet worden war; mit den Friesen hoffte ich auch fertig zu werden. Und weil ich so selbstbewußt und selbstzufrieden war, hörte ich nur mit halbem Ohr auf das, was mir gesagt wurde, und Ratschläge nahm ich überhaupt nicht an.

Nun, zuerst ging auch alles ganz gut. Mein Vorgänger hatte mir viel Arbeit hinterlassen, und mein Sekretär und ich taten unser möglichstes, um in einem entsetzlichen Aktenwust nach und nach Ordnung zu schaffen. Sie wissen ja, meine Herren, daß ein Amtmann in dänischer Zeit nicht bloß der erste Verwaltungs-, sondern auch der erste Justizbeamte seines großen Bezirks war. Er konnte fast über Leben und Tod seiner Untertanen entscheiden, jeder größere Diebstahl, jedes Verbrechen kam vor ihn, und im Laufe des Jahres hätte er einen hübschen kleinen Band voll Kriminalnovellen schreiben können. Aber wir saßen nicht bloß zu Gericht; wir hatten auch das Kirchenregiment, und alle Jahre visitierten wir einmal unsre Pastoren. Ich hatte etwa zwanzig Gemeinden unter mir, und bei allen zwanzig Pastoren mußte ich nicht bloß einmal im Jahre zu Mittag essen, ich mußte auch zwanzig verschiedne Predigten und dann die Ansprache des Propsts an die Gemeinde mit anhören. Das letztere war die schlimmste Aufgabe, denn der gute Propst – er ist lange tot! – sagte immer dasselbe. Er bereitete sich nicht mehr vor, weil er, wie er sagte, es soviele Jahre getan und doch keinen Nutzen davon verspürt hätte.

Propst Madsen wohnte mit mir in derselben Stadt. Er war ein Rationalist vom reinsten Wasser, und in seinen Predigten sprach er eigentlich nur vom Wetter. Aber er kannte seine Pastorate in- und auswendig und wußte mir ganz genau anzugeben, was die eine Pastorin am besten kochte, und was man bei der andern vorbeigehen lassen sollte.

Ich war im Frühjahr in mein Amt gekommen, und vom Juni an mußte ich jeden Sonntag mit dem Propst visitieren. Da die Wege schlecht waren, mußten wir in die entfernt gelegnen Dörfer gewöhnlich schon am Abend vorher fahren. Das war zeitraubend und angreifend zugleich, und anfangs rebellierte ich gegen diese Einrichtung. »Weshalb können wir nicht im Herbst visitieren!« fragte ich ärgerlich den Propst.

Aber er schüttelte ernsthaft den Kopf. »Lieber Herr Amtmann,« sagte er in dem begütigenden Tone, mit dem man etwa mit kleinen Kindern spricht, »wir müssen hier im Sommer visitieren. Sonst gibt's überall Gänse- oder Schweinebraten, und das kann ich beides nicht vertragen, während mir junge Hähne, Erdbeeren oder rote Grütze gut bekommen.«

Da ergab ich mich denn allmählich in mein Schicksal und ließ mir die geistlichen Mittagessen, deren Hauptbestandteile die vom Propst erwähnten Genüsse bildeten, gut schmecken. Mir haben auch manche Pastorate sehr gefallen, besonders die, in denen hübsche Töchter waren; aber die Namen aller der Geistlichen, die ich so schnell besuchen mußte, konnte ich nicht behalten, kaum die Namen der Kirchendörfer, und ich wußte es dem Propst Dank, daß er die Visitationsberichte immer schon vorher abgefaßt hatte und ich nur meinen Namen drunterzusetzen brauchte. Später sind solche Sachen nicht mehr vorgekommen; aber wie gesagt, der große Bezirk mit seiner Arbeitslast wollte erst allmählich kennen gelernt sein. »Wohin geht's denn heute?« fragte ich an einem Sonnabend den Propst, als wir wieder einmal in meiner Kalesche durch den weichen Heidesand nach Westen fuhren.

Er sah etwas verdrießlich aus. »Wenn's anginge,« sagte er, »könnten wir zwei Kirchen auf einmal abtun, Stövesandt und Windbergen; aber es wird nicht gehen, sie liegen vier Meilen auseinander.« Dabei gebrauchte mein geistlicher Mitvisitator ein sehr ungeistliches Wort, so daß ich lachen mußte.

»Was haben Sie denn gegen Stövesandt?« fragte ich. »Ist der Pastor bei Ihnen in Ungnade gefallen?«

»In Stövesandt gewiß nicht!« versicherte der Propst. »Es sind gute, liebe Leute. Die Frau hat immer einen sehr guten Quittenlikör und weiß genau, wie man die Küken in dieser Jahreszeit zu behandeln hat. Aber der Windbergner Pastor – ein unangenehmer Mensch, sage ich Ihnen!« »Wie heißt er?«' fragte ich.

Aber der Propst schien meine Frage zu überhören. »Ein ganz unangenehmer Mensch, und ein ungeschickter Pastor! Mit seinen Bauern lebt er immer in Streit, weil er nicht will, daß sie sich betrinken und dann prügeln. Lieber Gott, der Bauer ist doch ein Bauer, und es geht schließlich den Pastor nichts an, wenn sie sich die Köpfe blutig schlagen oder sich totstechen. Die Windberger sind Friesen, die gehen mit dem Messer zu Bett und stehen mit dem Messer wieder auf; die können nicht von ihrer Art lassen. Wenn sie nur den Zehnten an den Pastor liefern und dafür Sorge tragen, daß das Kirchendach ausgebessert wird, dann kann er sie im übrigen in Ruhe lassen.«

Der Name Windbergen war mir schon öfter in meinen Akten begegnet, und soviel ich bemerkt hatte, hatten sich die Windberger nicht gerade durch liebenswürdiges Benehmen ausgezeichnet. Sie waren es auch besonders gewesen, die schon öfter die Steuern verweigert hatten, und mit denen mein Vorgänger in ewigem Streit gelebt hatte.

Ich hätte gern noch etwas mehr über diese übermütige Bauerngesellschaft erfahren; aber Propst Madsen erklärte, daß er Kopfschmerzen habe und notwendig ein wenig schlafen müsse. Er setzte sich also in die tiefste Ecke des Wagens und war bald in festen Schlaf versunken.

Es war eine lange Fahrt nach Windbergen. Zweimal mußte der Kutscher anhalten und die Pferde füttern, ehe wir das Kirchdorf erreichten, und dann war es schon spät geworden. In einem Dorfkruge, wo der Wirt sehr unfreundlich und die Wirtin verschlafen war, fanden wir ein sehr bescheidnes Unterkommen, und als ich in einem Alkoven verschwand, der voll dumpfig riechender Federbetten war, verwünschte ich alle Kirchenvisitationen der Welt. Ich konnte auch die ganze Nacht nicht schlafen. Zuerst nicht, weil mir die Betten die Luft nahmen, dann nicht, weil es im ganzen Zimmer beklommen war, und endlich nicht, weil ein klappender Laden beständig an ein Fenster schlug.

Als der Tag graute, stand ich auf und warf mich in die Kleider. Ich war schlechter Laune und wollte mich in der frischen Morgenluft wieder etwas erholen. Mein Zimmer lag zu ebner Erde, die Haustür war nicht verschlossen, so stand ich gleich im Freien, und der Morgenwind blies mich an. Das Wirtshaus lag an der einen Seite der schlecht gehaltnen Dorfstraße, an der andern stieß es an den Kirchhof, in dessen Mitte die aus Felsstücken erbaute Kirche stand. Der Wind fegte über das gelbliche Gras des Friedhofs, und der Wetterhahn am Turm drehte sich knarrend in seinen Angeln. Es war immer Wind in Windbergen, man brauchte nur die Pappeln und Birken anzusehen, die alle schief gewachsen waren. Sie standen um den Kirchhof gepflanzt, und jede von ihnen sah aus, als hätte sie sich zuerst gegen ihr Schicksal gesträubt, nur nach Osten zu wachsen, bis sie sich endlich in das unabänderliche gefügt hatte. Ich ging auf dem Kirchhofe herum – die rote Morgensonne schien mir ins Gesicht, und der Wind riß mir fast den Hut vom Kopfe. Von Westen her aber kamen mit lautem Geschrei Möven geflogen, und wie ich dorthin blickte, sah ich in der Ferne die graue Nordsee aufleuchten. Da begriff ich plötzlich, daß in diesem ewigen Wind und auf diesem trockenen Boden ein hartes, trotziges Geschlecht aufwuchs, das den Kopf vor niemand beugte. Im Sande standen oder lagen mächtige Grabsteine. Sie waren alle aus roh behauenem Granit und trugen eine kleine Inschrift, einige deutsch, andre friesisch. Aber auch hier hatte der Sturm gearbeitet; sie waren alle nach einer Seite gedrückt.

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