Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nataly von Eschstruth >

Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
Schließen

Navigation:

I.

Man nannte sie einen wunderlichen Charakter. – Viele behaupteten, sie sei unliebenswürdig und kaltherzig, wenige nahmen sie in Schutz und versicherten, hinter ihrem kühlen, schroffen Wesen berge sich ein tiefes Gefühl, ein warmes und großes Empfinden, welches jedoch ängstlich versteckt werde, wie ein Licht unter dem Scheffel.

Wer in seinem Elternhause nur militärische Präzision, Kommandos und soldatischen Drill gewöhnt sei, müsse ja jede weichere und zärtlichere Regung des Herzens als Gefühlsduselei und lächerliche Sentimentalität erachten.

Fräulein Malwine von Ries sei das Ebenbild des Vaters, ein Soldat in Mädchenkleidern. Was Pflichtgefühl, Ehre, Rechtschaffenheit bedeute, sei ihr voll bewußt, aber die Passionen ihrer Altersgenossinnen, ein lyrisches Gedicht zu lesen, abends an dem geöffneten Fenster in Lenzesduft und Mondenschein hinaus zu schwärmen, ein Ballkleid entzückend und ein totes Vögelchen zum Herzbrechen traurig zu finden, diese schwärmerischen Anwandlungen seien ihr geradezu unverständlich und wohl auch in tiefster Seele zuwider.

Ob Fräulein Malwine sich wohl jemals verlieben könne und werde?

Man lächelte bei diesem Gedanken ebenso ungläubig wie bei dem phantastischen Plan eines Sternforschers, zwischen Mars und Erde einen regelrechten Meinungsaustausch zu bewerkstelligen.

Fräulein Malwine als Braut! – welch eine Ironie auf all die lieblichen Traditionen, welche sich mit diesem Worte verknüpfen!

Wenn man das große, breitschulterige Mädchen mit der strammen Haltung, den knappen, wohlgedrillten Bewegungen, dem etwas großen Kopf mit dem frischwangigen Gesicht, aus welchem die Grauaugen so unsagbar nüchtern und tief ernst blickten, – wenn man dieses Mädchen voll eisernen Fleißes wirtschaften und zwischen Kochtöpfen, Besen und Waschwanne hantieren sah, dann kam es selbst dem phantasiebegabtesten Menschen nicht in den Sinn, sich Fräulein von Ries als kosende, wonnig blickende, innig anschmiegende Herzliebste zu denken!

Wie hätte der so herbe und resignierte Mund wohl Worte der Liebe und Zärtlichkeit finden, wie hätte er sich wohl voll bebenden Entzückens in süßem Kusse hingeben können! Wie hätten diese, wohl schön und edel geformten, aber doch so fest und rücksichtslos zugreifenden Hände in holder Tändelei durch eines Jünglings Locken streichen, seine Rechte voll lieblicher Bangigkeit schutzheischend umschließen können!

Solch eine Idee war einfach lächerlich, und darum kam sie auch keinem Menschen, obwohl einmal ein ganz junger Leutnant bei dem Anblick der hohen, imponierend stattlichen Erscheinung in dem bleifarbenen Seidenkleid jählings ausgerufen hatte: »Donnerwetter! Die wäre eigentlich eine Frau für einen kommandierenden General! Wenn die einen so von oben bis unten mustert, fährt einem schon ganz unwillkürlich der Daumen an die Hosennaht!«

»Hm – so übel nicht!« nickte sein Nachbar lächelnd, »sie würde ihre Divisionen sicher ebenso gut im Zuge haben, wie daheim ihren Haushalt! Fräulein Malwine ist fraglos ein Edelstein – aber doch ein etwas ungeschliffener, ebenso wie ihr Vater, der hünenhafte Pensionär dort, mit dem blauroten Gesicht, dem forschen weißen Schnauzbart und der dröhnenden Baßstimme! So uranständig, vornehm denkend und vortrefflich der Mann zeitlebens gewesen ist, – eine gewisse Härte und Schroffheit hat er nie überwunden, und ebenso ergeht es der Tochter! Ein famoser Charakter, – man kann Häuser auf sie bauen, aber kühl bis ans Herz hinan – und im Kommandieren sehr viel leistungsfähiger als im Kosen!«

So hatte man schon über sie geurteilt, als sie noch ein ganz junges Mädchen war und ihre ersten Bälle besuchte.

Sie sprach wenig, kurz angebunden und anscheinend sehr gleichgültig, dabei sah sie den Betreffenden mit den klaren, kalten Augen an, als erteile sie ihm einen strengen Tadel.

Es sah aus, als tanze sie nur aus Pflichtgefühl, weil es ein Ball nun mal so mit sich bringe. Wenn sie einmal nicht tanzte, war es ihr ebenfalls gleichgültig. Sie stand dann hoch und stolz aufgerichtet und blickte über die lustig wirbelnde Menge hinweg, als wollte sie sagen: »Ihr scheint sämtlich verrückt zu sein! Was für einen moralischen Zweck und Sinn hat dieses einfältige Im-Kreise-Herumdrehen?«

Und dann setzte sie sich in die Nähe ihrer Mutter, einer wortkargen, blassen Frau, welche unheilbar an tiefer Erbitterung krankte, weil ihr Gatte es nicht zum Exzellenzentitel gebracht, und unterhielt sich mit den alten Damen sehr unterrichtet und sehr ehrbar über Marktpreise, schlechte Dienstboten und erprobte Kochrezepte, sehr unbekümmert, ob sie darüber die schönsten Tänze versäumte und die Kotillonsträußchen im Stiche ließ.

»Sie ist die geborene alte Jungfer!« schüttelte selbst Frau von Ries den Kopf, und nur der Vater zog die Brauen noch struppiger zusammen und sprach grob: »Blödsinn! – Malwine ist das einzige Frauenzimmer, welches sich anständig benimmt und nicht nach den Männern angelt! Darum wird sie die einzige sein, welche mal eine gute Heirat tut!«

»Das wäre!« hohnlächelte die Frau Oberst und sah verbitterter und sauertöpfischer drein als sonst. »Von nichts – wird nichts. Aus Liebe nimmt sie keiner und um des Geldes willen auch nicht! Meine arme Malwine müßte eben nicht mein Kind sein, wenn sie Glück haben sollte! – Das ist nie bei uns zu Hause gewesen, das hat uns ewig stiefmütterlich behandelt! Wenn ich allein bedenke, wie sie dir damals den Abschied ins Haus geschickt haben! Ohne allen Grund! Ohne jede Veranlassung! Dein Regiment war das beste im ganzen Korps ... sie mußten dich zum General machen, wenn es noch Gerechtigkeit im militärischen Leben gäbe ...«

Herr von Ries hob mit drohendem Blick das graue Haupt. »Himmelkreuzdonnerwetter! Schon wieder die alte Litanei! Ich sage dir, daß ich absolut kein Stratege bin, daß ich im Manöver die Brigade ganz niederträchtig, ganz unter aller Kritik geführt habe! Potz Wetter noch eins, ich hätte mich selber zum Teufel gejagt! – Eins schickt sich eben nicht für alle, ich habe nie Talent zum Soldaten gehabt! Jäger hätte ich werden sollen, Forstmann – aber der Vater steckte mich ins Korps. Habe mir redlich Mühe gegeben, durch Fleiß und Eifer das Fehlende zu ersetzen, – aber wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren! Danken muß ich, daß sie mir noch ein Regiment gegeben haben! Und das tue ich auch, Alte, und bin zufrieden mit meinem Los, und – Potzbombenelement! – du sollst das auch sein und das ewige Räsonnieren lassen! Verstanden?« – und damit warf er die Tür krachend hinter sich zu und schritt davon.

Frau von Ries aber kniff die schmalen Lippen noch schmaler zusammen, neigte sich stumm über ihre Flickarbeit und sah noch um einen Schein blässer und hagerer aus als sonst.

Malwine stand unterdessen in der Plättstube, tadelte in ihrer ruhigen, gelassenen Weise das Mädchen, welches Schmutzstreifchen in die Vorhemdchen des gnädigen Herrn geplättet hatte, und steckte voll kühler Gewissenhaftigkeit die unsauberen Stücke in den Waschkessel zurück, mochte die Dore das Gesicht noch so weinerlich und übellaunig verziehen, dann aber griff sie stumm zu dem Bolzen, trat an das Bügelbrett und nahm der gescholtenen Magd gutwillig die Hälfte der Arbeit ab.

Sie streifte die Ärmel an den vollen, kräftigen Armen empor, griff in den Korb und sprengte die Wäsche ein, und dabei flog kein Tropfen auf die große, weißleinene Hausschürze, und an dem schlichtgescheitelten Haar verschob sich kein Strähnchen, das Bild ruhigen, tadellosen Fleißes stand sie inmitten der Arbeit, so ernst und still, als existiere kein anderes Glück in der Welt als das Waschen, Scheuern und Plätten.

Und doch klopfte ein Herz in ihrer Brust, so bang und unruhig, wie noch nie zuvor im Leben, und die kühlen Augensterne, welche anscheinend nur ihre Arbeit sahen, hoben sich verstohlen mit beinah schüchternem Blick zum Fenster, wenn ein schneller Schritt vor dem Souterrain ertönte.

Und dann ging es plötzlich wie ein lichter Schein über das strenge Mädchengesicht, die Lippen öffneten sich wie bei einer Dürstenden, und durch die Hände, welche so emsig schafften, ging ein seines, kaum merkliches Beben.

Groß und starr ward der Blick, als schaue er zurück, – weit hinweg über die Wäsche und das zischende Plätteisen bis hinein in die dämmerig stille Stunde des gestrigen Abends. Was war ihr Seltsames geschehen?

Nichts, o gar nichts Absonderliches. Sie hatte eine Teeeinladung zu der Familie ihres Hausarztes angenommen; sie war so ungern und unlustig hingegangen wie zu allen Gesellschaften.

Anfänglich war es auch nicht anders gewesen als sonst. Dann hatte man sich zu Tisch gesetzt und der Neffe des Hausherrn, ein junger Komponist, hatte ihr den Arm geboten.

Sie unterhielten sich, anfangs etwas steif und langweilig, mit dem unsicheren Tasten nach einem guten Gesprächsthema, welches zwischen zwei wildfremden, wortkargen Menschen nicht leicht zu finden ist. – Dann aber fand es sich doch, die Musik war die goldene Brücke. Seine dunklen, schwärmerischen Augen leuchteten wie verklärt, wenn er von seinen Idealen, seinen Plänen, seinen Kompositionen sprach. Er entwickelte ihr seine Ansichten über verschiedene Meister der Kunst, er suchte ihr Interesse für Wagner zu wecken, von welchem sie ehrlich eingestand, daß er ihr absolut unverständlich sei. Er erzählte von den Aufführungen seiner ersten Oper, von der bunten, seltsamen, wunderlichen Welt hinter den Kulissen, welche ihm eigentlich sehr unsympathisch sei.

»Sie glauben gar nicht, mein gnädiges Fräulein,« sagte er mit einer nervösen Bewegung seiner sehr bleichen, feingegliederten Hand nach dem leicht über die Stirn fallenden Haar, »wie es mir ein moralischer Schmerz war, die Gestalten meiner Oper, welche ich im Geist in höchster, idealster Vollkommenheit geschaut, plötzlich geschminkt und flitterbehängt, so entsetzlich prosaisch mit der Rolle in der Hand, oder ein paar Backpflaumen zwischen den Zähnen, vor mir zu sehen! So schön die Trägerin der Titelrolle auch war, und so hinreißend sie sang, – sie war hinter der Szene doch nur das Fräulein X. X., welches mir von den banalsten Alltäglichkeiten erzählte und ihren Glückwunsch zu dem schönen Erfolg der Oper in den wohl sehr gut gemeinten, in meinen Ohren aber gräßlich klingenden Worten gipfeln ließ: ›Mit der Sache hier werden Sie Geld machen, Doktorchen! Heidengeld! – Na, wenn ich mal in der Tinte sitze, komme ich und pumpe Sie an!‹ Sie scherzte in übermütiger Laune – und jeden anderen hätte ihr Lächeln wohl entzückt, ich bin aber ein komischer Kauz in dieser Beziehung – ihr Scherz tat mir in jenem Augenblick höchster und reinster Begeisterung weh!«

Malwine starrte den Sprecher ein wenig betroffen an, denn sie hatte sich bisher gedacht, daß bei allem Schaffen das »Verdienen« doch die Hauptsache sei, nun errötete sie beinah über diesen ketzerischen Begriff und ihre hausbackene Ansicht über die Kunst.

In ihrer Verlegenheit sagte sie teilnehmend: »Dann erleben Sie sicher viel Enttäuschungen als Künstler, denn nirgends ist wohl Prosa, Unnatur und niedere Gesinnung – ich meine Neid, Kabale und Eifersucht – stärker ausgeprägt als auf den Brettern, welche die Welt bedeuten!«

Er nickte, seine großen, leuchtenden Augen verschleierten sich. »Ich bin für meinen Beruf nicht sehr glücklich beanlagt und denke wohl viel zu kindlich in dieser Zeit des bittersten Realismus, um mich ohne Wunden und schlimme Erfahrungen durch all ihre Dornen und Nesseln zu winden! Glauben Sie wohl, daß es mir einen Stich ins Herz gibt, wenn ich auf der Bühne stehe und sehe den Wald, den ich während meines Schaffens in zart-duftige Himmelsluft getaucht, in Sonnengold gebadet, flüsternd und raunend wie von Geisterstimmen, von Vogelfang durchhaut und Blütendurst durchzogen vor mir sah, als staubige Papierkulisse ragen, zusammengeleimt und numeriert als Stücklein Dekoration, – Gasgeruch, Getrampel und Geklingel? Anstatt Duft, Licht und Blattgeflüster der Jargon und die faulen Witze der Kulissenschieber – und der schwüle Theaterodem! ... Warum lachen Sie nicht, gnädiges Fräulein? Man hat mich schon oft ausgelacht, wenn ich dieses Glaubensbekenntnis zum besten gab, und mich einen Phantasten genannt, welcher seine Werke demnächst unter Gottes freiem Himmel aufführen lassen würde!«

Nein, Malwine lachte nicht, sie war viel, viel zu überrascht und erstaunt über Ansichten, welche ihr zeitlebens so fern gelegen wie der Himmel von der Erde!

Sie hatte sich niemals über geschminkte Schauspieler und gemalte Dekorationen alteriert, sondern im Gegenteil die enorme Kunst und Technik der modernen Bühne angestaunt wie ein Wunder.

Trug und Schein gab's ja überall in der Welt, nicht nur in dem Theater allein, und sie hatte stets solch resignierte, praktische und schrecklich prosaische Ansichten gehabt, daß ihr die Kulissenwelt mit all ihrem Schimmer und Glanz noch wie ein Paradies auf Erden erschien.

Und nun hört sie aus dem Mund eines Mannes die beinahe naive Klage, daß ihm seine Illusionen zerstört, seine Ideale auf der Bühne genommen werden!

Das war etwas ganz Außergewöhnliches, aber fraglos etwas Wahres, Schönes und Echtes, eine Künstlerseele, welche so hoch über allem Erdenstaub, allem Lug und Trug, allem Falsch und aller Verstellung, allem Niederen und Unlauteren, wie ein bunter Falter im Sonnenglanz, welcher es nicht ahnt und nicht wissen mag, daß unter den leuchtenden Blüten der Staub und Schmutz der Erde lagert, daß Spinnen ihre gefährlichen Netze gezogen und giftige Würmlein lauern, daß die lockendsten Früchte innen faul und die üppigste Wiese ein Sumpf ist!

Wie in atemlosen Staunen und Forschen trifft der Blick der nüchternen grauen Mädchenaugen das Antlitz ihres Nachbars, und es ist ihr, als sei sie bisher blind gewesen und schaue nun zum erstenmal etwas Schönes auf der Welt. Und als er weiter redet, und seine milden, seelenvollen Augen aufleuchten bei dem Gedanken an all das wahrhaft Künstlerische und Schöne, das er schaffen möchte und zu vollenden hofft, da wird es ihr warm, ganz wundersam warm um das Herz, und sie begeistert sich plötzlich für Dinge, welche ihr sonst ganz fern lagen; sie begreift es selber nicht, wo sie mit einemmal alle Worte und Ansichten über Musik und Dichtung hernimmt. Es regt sie an und entzückt sie, daß er ihre Meinung so ernst nimmt, daß er ihr beipflichtet, daß er sich ihres Harmonierens freut, – das ist alles so neu, so eigenartig und fesselnd für sie!

Wie schön er spricht! Seine Stimme klingt so weich und melodisch, als sei sie extra geschaffen für die idealen Gedanken, welche doch so voll tiefen, reellen Wissens sind und es so heilig ernst mit der Kunst meinen.

Welch eine neue Welt erschließt sich ihr! – Vor ein paar Stunden noch hat sie geglaubt: Musik ist eben Musik – und wenn man sie klassifizieren will, so teilt man sie ein in ernste und heitere Melodien, Tänze oder Choräle, Liebeslieder oder Clementis Sonaten, welche sie ehedem sogar gehaßt hat und nur aus Pflichtgefühl übte, weil zu der Bildung einer jungen Dame nun einmal »das bißchen Musik für den Hausbedarf« gehört!

Jetzt erschienen ihr plötzlich auch diese Sonaten und alle ihnen vorausgegangenen Fingerübungen als etwas Höheres, Besseres, als ein kleiner, goldheller Strahl, welcher durch das Schlüsselloch des Kunsthimmels fällt.

Als die Tafel aufgehoben wurde, glühten ihre Wangen, obwohl sie so gut wie keinen Wein getrunken, und sie umschloß die weiche, schlanke Künstlerhand, welche so heiß und nervös die ihre faßte, mit festem Druck. Da flog sein Blick wie in ehrlicher Bewunderung über ihre blühende, kraftvolle Gestalt.

»Welch eine Walküre sind Sie, mein gnädiges Fräulein!« lächelte er mit einem feinen Schimmer der Wehmut, »und wie schön muß es sein, über die Urkraft solch einer Wotanstochter zu verfügen! Was würden Ihnen die paar schlaflosen Nächte, welche mir am Mark des Lebens zehren, bedeuten?«

»Schlafen Sie so wenig und so schlecht?«

Wieder zuckte ein Lächeln um seine Lippen, und das marmorblasse Gesicht mit den schmalen, durchgeisteten Schläfen lehnte sich einen Augenblick wie müde in den Nacken zurück.

»Wer zu viel träumt, versäumt in der Regel den Schlaf darüber!« scherzte er. «Es ist seltsam, daß alle bleichen Schatten, alle Musen und Genien ihre Besuche zur Nachtzeit abstatten! Welch ein Singen und Klingen und Denken und Reimen ist's dann hinter solch einer Künstlerstirn! Der Himmel steht offen, und die Erde mit ihren schwülen Rissen und schläfrigen Mohnblumen ist vergessen! Ja, wenn man auch die Nerven und Kräfte eines Gottes hätte, um schon hier in dieser Welt ein Gott zu sein!«

Der Hausherr war hinzugetreten und legte lachend die Hand auf die Schulter des Sprechers. »Die haben wir aber leider nicht, und du, mein lieber Helmut, am wenigsten! Sie müssen nämlich wissen, mein gnädiges Fräulein, daß sich unser künftiger Klassiker hier in unveranwortlicher Weise überarbeitet hat, und darum habe ich ihn mir hierher unter meine ärztliche Kontrolle geholt, um ihm die ›schläfrigen Mohnblumen‹ und ihr giftiges Säftlein abzugewöhnen! Komponiert wird jetzt ein Vierteljahr lang gar nicht; der Erfolg der ersten Oper war so bombenmäßig, daß er noch für eine lange Zeit anhält!«

»Das ist ein Mord, Onkel! Ich kann ohne Musik nicht leben!«

»Musik sollst du schon haben, mein Junge! Wir gründen ein stilvolles Kränzchen und spielen Skat! Da liegt noch Melodie drin! Und nun seien Sie mir nicht böse, mein gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen Ihren Schleppenträger für ein Weilchen entführe! Die Frau Geheimrat will in nächster Zeit nach Mentone reisen, und da unser Künstler von Gottes Gnaden den vergangenen Winter zum größten Teil dort zugebracht hat, soll er Rapport erstatten! – Also vorwärts, mein Junge, mache der gnädigen Frau mal tüchtig den Mund wässerig!«

Er ging, und Malwine setzte sich ihrer Gewohnheit gemäß zu den älteren Damen und wollte wie gewöhnlich über Butter- und Eierpreise, über Spinat und Grünkohl sprechen, aber seltsam, es war, als ob all ihre Gedanken einem Vogelschwarm glichen, welcher lange Zeit still und zahm auf staubiger Tenne die Körnlein gepickt, und mit einemmal, jäh aufgescheucht, hinausgeflattert sei, – zuerst scheu und lichtgeblendet, bald aber zuversichtlich einen höheren Flug nehmend, weit hinaus und hoch empor in lichte, sonnige Helle, da, wo die Erde tief drunten verschwindet und der Himmel anfängt!

Sie war zerstreut, still und einsilbig, und ihr Blick flog wie magnetisch angezogen hinüber nach dem anderen Salon, wo sie durch die geöffnete Tür just den jungen Komponisten neben dem Sessel der Geheimrätin stehen sah. Er sprach wieder lebhaft und begeistert, er schien die Wunder einer warmen, südlichen Welt mit Worten zu malen, seine Augen glänzten und sein Blick bekam etwas Sehnsuchtsvolles, als flöge er zurück zu den duftenden Orangen und dem blau schimmernden Meer.

Wie seltsam war dies alles für Malwine? Sie hatte auch Reisen gemacht, auch manch Schönes gesehen und angestaunt, aber ein solch schwärmerisches Entzücken war ihr nie in den Sinn gekommen, und zurückgesehnt nach irgendeinem schönen Erdenfleckchen hatte sie sich auch nicht. Warum das? Es gab Arbeit, Pflichten und Plackerei überall. Jetzt mit einemmal war es ihr zu Sinn, als habe sie viel, sehr viel versäumt, als habe sie jene Zeiten nur halb durchlebt. Sie hörte nicht den Stoßseufzer ihrer Nachbarin über die so unerschwinglich hohen Kohlenpreise, sie starrte wie geistesabwesend in den Nebensalon, wo ein junges Mädchen das Klavier öffnete und alsdann mit unwiderstehlichen Blicken und Worten zu dem Komponisten trat.

Die Majorin, welche von Fräulein von Ries keine Antwort erhalten, war ihrem Blick gefolgt. »Ah, das ist schön!« sagte sie und bewegte den Fächer behaglich auf und nieder, »Doktor Novalla soll uns etwas zum besten geben! Hoffentlich aus seiner neuen Oper. Man hört jetzt so viel davon sprechen und möchte doch auch ein wenig über die Musik mitreden können! Vortrefflich! Er scheint sich erweichen zu lassen. Seine Tante sagte mir vorhin, er sänge so schön, solle es aber nicht mehr, da seine Gesundheit so angegriffen sei. Na, das sieht man auf zehn Schritt weit, daß der arme Mensch in keiner festen Haut steckt. Wie Wachs so bleich und die Augen wie in permanentem Fieber leuchtend! Es ist seltsam, daß die Musiker meistens an ihren Schöpfungen zugrunde gehen. Wenn ich denke, der arme Bizet! So jung und so talentvoll, und doch gestorben! Wissen Sie, liebes Fräulein Malwine, ich muß bei Novalla immer an diesen Bizet denken! Die Musik soll ja auch so viel Gleiches haben, – klingendes Herzblut! Du lieber Gott, es wäre schrecklich, wenn der Doktor mit seinem ersten Werk auch schon sein Schwanenlied gesungen hätte! – Noch hoffe ich, daß unser wackerer Doktor hier ihn wieder hoch päppelt, – es war die höchste Zeit, daß er in seine Behandlung kam!«

Malwine hatte die Sprecherin mit weit offenen Augen angestarrt.

Es war ihr plötzlich, als griffe eine kalte Hand nach ihrem Herzen.

Sie nickte nur und sagte leise: »Das wäre schrecklich!«

Im Nebenzimmer hatte der junge Komponist währenddessen die Klavierlichter wieder ausgelöscht und den Stoß Noten, welchen seine kleine Kusine diensteifrig herangeschleppt hatte, auf einen Seitentisch geschoben.

»Ich kann's auswendig und finde die Noten auch bei Nacht!« scherzte er.

»Aus deiner Oper, Helmut! Ach bitte, die Romanze und das Liebesmotiv!«

Er nickte. »Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen!«

And dann neigte er das bleiche, schmale Antlitz einen Augenblick tief zur Brust und seine Hände glitten leise präludierend über die Tasten.

»Man hört es hier besser, als da drinnen!« sagte die Majorin und lehnte sich wohlgefällig in den Sessel zurück, Malwine aber erhob sich und trat, wie von unsichtbaren Gewalten getrieben, in die Tür, zog lautlos einen Stuhl heran und setzte sich nahe dem Klavier nieder.

Ein schneller Blick aus den dunklen Augen traf sie, – Novalla lächelte ihr zu, und das sonst so ernste, nüchterne und gleichgültige Mädchen von sechsundzwanzig Jahren fühlte plötzlich, wie ihr Herz schlug – schneller und schneller, so schnell, wie noch nie zuvor.

Dann klangen die süßen, wunderholden Melodien, eine Flut von zauberischen Tönen durch das Zimmer, leise wie Blattgeflüster, anschwellend wie Meereswogen und leidenschaftlich dahinbrausend wie der Sturmwind, welcher den Lenz auf seinen Schwingen trägt.

Malwine regte sich nicht, sie lauschte wie im Traum, und ihr Blick hing an dem blassen Gesicht des Künstlers. Die Erregung spiegelte sich darin, warm und rot leuchtete es durch die wachsfarbenen Schläfen, die Augen schienen zu wachsen, die lockigen Haare fielen wirr und genial immer tiefer in die Stirn.

»Klingendes Herzblut!« zog es durch Malwines Sinn; – ja, das ist klingendes Herzblut...

Und dann sang er, mit weicher, mäßig lauter, wundersam melodischer Stimme. Eigenartige Worte und eigenartige Töne, eine Welt voll fremden, leidenschaftlichen Empfindens, wie es in das graue, schwerfällige Alltagsleben Malwines noch nie gedrungen war.

»Verstehst du mich, Weib,
Kannst du's begreifen,
Was flammenauflodernd
Und göttergewaltig
Die Brust mir durchzieht?...«

Seine Stimme schwoll an, wie ein Feuerstrom floß sie dahin in die Herzen der Zuhörer, und seine dunklen Wimpern hoben sich abermals und ein Blick traf Malwine – o Herr des Himmels, welch ein Blick!

«Verstehst du mich, Weib?«

Sprach er zu ihr? – Allein zu ihr?

Wie ein Zittern geht es plötzlich durch ihre Glieder, sie fühlt, wie ihr alles Blut siedend in die Wangen steigt, – ja, ja, sie versteht ihn! Und wenn sie seine ganze, volle Genialität noch nicht fassen und begreifen kann, so wird sie es lernen, das weiß, das fühlt sie.

»Todesschatten umwallen mein Haupt –
Schon reißt in den Händen der Norne der Faden,
Ein letzter Pulsschlag braust mir zum Herzen –
Liebe erfüllt ihn, Liebe, du Hohe, du Reine, zu dir!«

Welch ein Ausdruck der Stimme, welch eine herzbezwingende Gewalt zauberischer Harmonien!

«Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

Malwine schaudert zusammen. Ist dies wahrlich ein Schwanengesang? Ihr deucht es selber, daß seine Seele ihr tiefstes, reichstes, innigstes Leben in diesen Klängen ausströmt.

»Klingendes Herzblut ...« – die Worte hallen ihr schrill und todesweh durch den Sinn.

Ein Beifallssturm umbraust den Sänger-Komponisten nach dem sekundenlangen atemlosen Schweigen, welches seinem Vortrag folgte.

Auch Malwine hat ihm gedankt – aber erst spät, ganz zuletzt, als er zu ihr trat und fragte: »Sind auch Sie zufrieden mit mir?«

Was sie auf seine scherzenden Worte erwidert, weiß sie nicht. Aber er hat es wohl in ihren Augen gelesen, wie sie es meinte, denn er blickte lange und forschend hinein.

»Ich möchte Ihnen gern einmal ein paar Partien meines neuesten Werkes, an welchem ich jetzt arbeite, vorspielen, mein gnädiges Fräulein. Haben Sie wohl Zeit für einen fahrenden Sänger?«

Sie versicherte ihn, daß er im Hause ihrer Eltern stets willkommen sein werde, und daß er ihr keine größere Freude bereiten könne, als durch die Erfüllung dieses Vorhabens!

Er dankte sichtlich erfreut und drückte ihre Hand.

»Ich werde kommen!«

Dann umringten ihn die alten Damen aus dem Nebenzimmer, man plauderte noch kurze Zeit, dann verabschiedete man sich. Zum erstenmal schied Malwine ungern aus einer Gesellschaft.

 

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.