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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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9.

Seither drehte ich den Mühlstein. Ich war eingespannt in das Triebwerk und drehte mit verbundenen Augen an einem hölzernen Baum den schweren Mühlstein um und um unter den Peitschenhieben und Knüppelschlägen der erbarmungslosen Aufseher. Endlos, endlos zog ich, lief in der kreisförmigen Furche um und um in der Runde, zog das zentnerschwere Gewicht, unter dem das Korn über den unteren Stein knirschte. Meilen, Meilen legte ich zurück in der engen Runde. Trotz der Augenbinde war mein Hirn stumpfsinnig und betäubt. Es ward mehr und mehr zu einem Eselshirn und schien jegliches Bewußtsein von Menschlichkeit zu verlieren. Ich drehte, drehte mich stets in dem gleichen engen Kreise, während der obere Stein sich mit mir herumdrehte und über dem unbeweglichen unteren über das zermahlene Korn knirschte. Oftmals durfte ich innehalten. Das Joch wurde mir abgenommen, wenn der Aufseher müde geworden war. Dann blickte ich in dieser kurzen Ruhepause um mich und kaute währenddessen eine Handvoll dürftigen Heues. Ich sah die anderen Mühlsteine unter den Dächern aus Schilf sich regelmäßig um und um drehen. Sie wurden gezogen von anderen als mir, von geschundenen Lasttieren, Eseln und Mauleseln. Hin und wieder auch wurden sie von Missetätern und bestraften Sklaven vorwärts gestemmt. In der Regel war ihnen das Haupthaar halb abgeschoren, damit sie kenntlich seien, falls sie zu fliehen versuchten. Sie trugen einen Maulkorb, damit sie weder Mehl noch Korn essen konnten, und zum Überfluß hatte man ihnen noch Zahlen und Buchstaben in die Stirn eingebrannt. Die Spuren wiederholter Geißelung waren brutal und in violetter Färbung sichtbar auf ihren Rücken unter den Lumpen, die ihre elende Nacktheit kaum bedeckten. Schwere eiserne Ringe belasteten ihnen die Knöchel, und sie waren völlig mit Mehl bestäubt. So bleich waren sie, als seien sie elende, abgelebte Ringkämpfer, die sich mit Sand eingerieben, um ihren letzten Kampf auszufechten. Sie vermochten kaum aus den Augen zu sehen. Die lohenden Feuer der Öfen hatten ihnen die blinzelnden Augenlider versengt und die Wimpern verbrannt. Ihre Schultern waren gebeugt, mißgeformt ihre Arme und Hände und Füße, und die schwere Arbeit schien sie nur deshalb so langsam aufzuzehren, um sie länger leiden zu lassen in dem Leben, dem kein plötzlicher, wohltätiger Tod ein Ende bereitete. Ich ward gleich meinen menschlichen und auch tierischen Schicksalsgenossen geschunden und war schon am frühen Morgen kaum imstande, die unerträgliche Arbeit zu beginnen, die erst ein Ende nahm, wenn die schwarzen Fledermäuse im orangefarbenen Sonnenuntergang umherzuflattern begannen. Obwohl ich nicht geschoren war, wuchs fast kein Haar mehr auf meiner schorfigen Haut. Tiefe, blutige Wunden eiterten über meinen ganzen Körper, und mein schon krankes Auge tränte immerfort infolge des Mehlstaubes und der Glut der großen Öfen, zu denen ich die schweren Säcke schleppen mußte.

Wie lange diese Folter währte, weiß ich nicht. Der eine Wintertag war dem anderen gleich mit stets gleichem Wind und Regen, mit Schneeflocken hin und wieder, mit der allezeit gleichen Arbeit. Der einzige Trost, den ich mir auszudenken vermochte, war der, daß ich mich totrackerte auf den Besitzungen des Menedemus, meiner Charis Vater. Denn dies hatte ich durch einige Worte der Aufseher in Erfahrung gebracht.

Mein einziger Trost war es, zu wissen, daß ich einen der Mühlsteine wälzte, unter dem das Korn zu Mehl ward, das vielleicht dazu dienen würde, das Weißbrot zu backen, das Charis verzehren sollte. Dieser dürftige Trost war der einzige, den ich besaß. Die Sonne ging auf und unter, und immer, immer war es das gleiche. Der Regen strömte und strömte nicht mehr, und immer war es das gleiche. Die Tage folgten einander und waren immer einander gleich. Die Nächte, in denen ich zu müde war, um zu schlafen, und dastand in dem Stall neben den anderen erschöpften Tieren, Eseln und Mauleseln, waren stets eine der anderen gleich.

Es ist seltsam, daß oftmals die Allerunglückseligsten in der Welt sich gegenseitig helfen, ohne es zu wollen, vielleicht auch ohne es zu wissen. Einer der Missetäter war unter dem heftigen Knüppelschlag eines der Aufseher in den mehlweißen Staub des Weges gestürzt und konnte infolge der schweren eisernen Fesseln, die er an den Füßen trug, nicht sogleich aufstehen. Er lag und stöhnte. Da ging ich gerade vorüber, als ich nach meinem Stalle zurückgeführt wurde. Rot ging die Sonne unter, und die Fledermäuse umflatterten den blutigen Schein. Blut auch schien mir entgegenzusickern vom Rücken des halb ohnmächtigen Sklaven. Es rann rot über den weißbestäubten Weg.

Da leckte ich wie in einer menschlichen Eingebung des Erbarmens mit meiner müden Zunge die Wunde des Sklaven. Er blickte auf, verwundert darüber, daß ein Esel ihn im Vorübergehen leckte, und ahnte vielleicht, daß ich Mitleid mit ihm hatte. In jener Nacht, während alles ruhig lag und alle schliefen, wurde mein Stall vorsichtig geöffnet. Mondschein floß bläulichweiß herein durch schwarze Schatten, und ich erkannte den Sklaven, dessen Wunde ich geleckt hatte. Augenscheinlich war es ihm gelungen, der Gefangenschaft zu entrinnen. Er suchte mich und wählte mich aus unter den Lasttieren, die dort standen und eingeschlafen waren inmitten der dunklen Schatten, die der aufgehende Mond mit seinem bläulichen Weiß kaum durchdrang. Er band mich los und führte mich aus dem Stall hinaus. Er führte mich heraus aus dem Mühlenbetriebe und bis an den Rand des Waldes. Dort bestieg er mich. Er schaute sich um, und ich schaute mich um. Die Schuppen und erloschenen Öfen lagen im Mondhimmel da wie stockdunkle Dächermassen. Auf dem bestaubten Boden glänzte der Mondschein. Niemand regte sich, niemand sah uns in dem Schatten, in dem Licht. Auch im Wald war Schatten und Licht, doch vor allem Schatten. Ich stieg den Weg hinan, den die Spitzbuben vordem mit mir herabgekommen waren. Bald hatten wir uns im Bergwald verloren.

Der entflohene Sklave ritt auf mir. Aber er lag erschöpft und beinahe kraftlos über mir und schlang seine Arme um meinen Nacken. Er trieb mich, er wußte selber nicht wohin, nach links, nach rechts. Ein Ziel schien mein neuer Gebieter nicht zu haben, nicht zu kennen. Schritt für Schritt kletterte ich empor und stieg wieder hinab. Plötzlich klangen mir durch die Lüfte bekannte Schreie, bekanntes Stöhnen entgegen. Wo hatte ich dieses Stöhnen bereits gehört? Wo diese Schreie? Plötzlich wußte ich es. Die Schreie wurden von Hexen ausgestoßen, und das Stöhnen, das Stöhnen hatte ich gehört in jener Nacht zu Delphi in den Blättern der windbewegten Platanen auf dem Platze vor der Herberge. Es hatte mir geschienen, als sei es das Stöhnen irrender Seelen von klagenden, ermordeten Kindern. Eine Ebene breitete sich plötzlich vor uns aus, eine weite Hochebene. Weiß vom Mondlicht lag sie da in der weiten Nacht. Eine Gruppe von Hexen tanzte umher, und über ihnen in den Lüften schwang sich eine zweite Gruppe rundum. Eine dritte Gruppe schwebte darüber. Ich begriff. Es waren Hexenbeschwörungen, um den Mond aus seiner Bahn zu ziehen, aus seinen silbernen Kreisen der Notwendigkeit. Hin und wieder gelang es den Hexen, und wenn es ihnen gelang, hatten sie in diesem Monat Macht über die Elemente, die ihrem verderblichen Wirken dann günstig waren. Während sie rundum tanzten Hand in Hand, sah ich – abscheulich! – daß sie drei bis an den Kopf begrabene Kinderchen umtanzten, die schrien und in dieser Nacht sterben sollten. Mitten auf der Ebene stand der ungeheure kupferne Kessel auf einem schwelenden Feuer aus Zweigen, und die tanzenden Hexen warfen, während sie sich ringsum schwangen, allerhand hinein. Ich erkannte eine Schlange, eine Kröte, einen blutbefleckten Schleier, Stücke Wrackholz von einem gestrandeten Schiffe, das Seil eines Gehenkten und besprochene Gliedmaßen, ich weiß nicht welche. Inzwischen schien es, als wollten sie den Mond herabziehen zwischen den wilden Wolken hervor, hinter denen allerlei Wesen sich zu verbergen und wieder sichtbar zu werden schienen, und sie riefen: »Hekate, Hekate!«

Auf meinem Rücken hatte mein Reiter sich aufgerichtet, sicherlich um besser zu sehen. Doch sobald er des Schauerlichen gewahr ward, stieß er einen fürchterlichen Schrei des Abscheus aus, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden in das Gesträuch. Ich iahte, beugte mich über ihn und bemerkte, daß er bewußtlos dalag, wenn er nicht gar im nämlichen Augenblick vor Entsetzen gestorben war. Aber sein Schrei und mein Iahen hatten genügt, um die Hexen, die in ihren Beschwörungen gestört wurden, mit wildem Aufschrei vor Wut rasen und alle gleich einer einzigen Horde auf uns zustürzen zu lassen. Der Dampf des Kessels schlug nach unten, die drei bis an die Hälschen begrabenen Kinderköpfchen sah ich ohnmächtig werden. Der Mond schien aufzugehen, der Zauber schien gebrochen, und die Hexen stürzten sich auf uns in höllischer Wut. Ich entfloh. Wollüstig warfen sich die Hexen auf den Sklaven, und ich hörte ihre Schreie, während sie seinen Körper auseinanderrissen.

»Mir seine noch zuckende Wunde! Mir sein Brandmal! Mir seine Geißelstriemen!«

Ich entfloh. Durch den Hexenwald entfloh ich. Der Mond am Himmel schien mit mir zu fliehen. Die Hexen verfolgten mich nicht. Ich schaute mich um und sah die thessalischen Teufelinnen sich wiederum über ihren Zauberkessel schwingen, und sah, wie sie die Gliedmaßen des Sklaven hineinwarfen, wie sie ihre Beschwörungen mit noch wilderen Schreien von neuem begannen, und hörte die Schreie der gefolterten Kinder wiederum durch die Nacht gellen.

Ich floh. An schwarzen Baumstämmen entlang, über schlangenähnliche Baumwurzeln floh ich stolpernd, strauchelnd. Ich taumelte auf unsicheren Hufen das Felsgestein hinab. Der unheimliche Wind wehte über mir, der ganze Wald schien belebt zu sein von riesengroßen Holzhackern und Reisigbündeln, von ungeheuren Mühlsteinen, die schwindelnd schnell sich drehten, von Eulen und Vampiren. Sowohl die hochschnellenden Zweige wie auch die jagenden Wolken schienen von kreischenden Kinderköpfchen erfüllt zu sein. Ich floh, ich floh davon.

Ich floh voll Entsetzen die ganze Nacht. Der Morgen erwachte mit bleichem Schein. So bleich war er und so leichenähnlich, wie nur in Thessalien der Morgen nach einer Hexennacht dämmert. Es war ein Schein, so geisterbleich, als scheue sich der Tag, zu erwachen, als sei die rosige Eos erblaßt durch das, was zu schauen sie sich fürchtete. Ich war den Bergwald hinabgeirrt. Plötzlich sah ich eine weite Ebene. Ein Strahl von Sonnengold zog sich quer durch den grauen Morgenhimmel. Wiesen, über denen noch der Nebel hing, strebten auseinander und verloren sich dem fernen Horizonte zu. Ein zartes Lenzesversprechen schimmerte am weiten Himmel.

In meinem Hirn lebte Verwunderung auf. Wo war ich? Wer war ich? Was hatte ich durchgemacht? War dieser Winter vorüber? Ich fühlte mich bis zur Ohnmacht müde, erschöpft. Ich war geschunden worden, Stachel hatten meine Wunden noch weiter aufgerissen, das Blut sickerte an meinen Beinen entlang. Doch Vögel sangen in den Zweigen, an denen die Blätterknospen in bleichem Grün und Gold prangten. Ein Duft von Kräutern stieg auf, etwas seltsam Liebliches zitterte zart wie äolische Klänge durch die Lüfte.

Ich lief weiter, müde, krank, mit einem hinkenden Bein, mager und mit Blut bedeckt. Ein Nebenfluß des Spercheios strömte quer durch die Ebene. Iris schoß daraus hervor. Die ersten Irisblüten gingen auf, weiß und mattgelb. Dann folgte ein See. Er war überladen mit Lotos und erinnerte mich an einen anderen See, an jene Bucht, wo ich am gegenüberliegenden Ufer Charis gesehen hatte vor Monden, vor vielen Monden. Durch das hohe Schilf und die Lotosblumen durchquerte ich das seichte Wasser. Ich weiß nicht, warum ich es tat. Ich ging ziellos. Aber doch war da etwas, das mich lockte.

Triefend entstieg ich dem Wasser. Da waren wiederum die Wiesen, und sie waren mit Maßliebchen übersprenkelt. Wahrlich! Dies war der Lenz, der frohe Lenz. Wie eine Äolsharfe des Lenzes rauschte es durch die Lüfte. Ich empfand kaum noch die Müdigkeit, das Geschundensein des Lasttieres und gewahrte zu meiner Überraschung in der Ferne zwischen zwei langen Reihen blätterreicher Ulmen und Pappeln etwas wie ein fürstliches Landhaus, das schimmerte in dem fernen Morgennebel, der in der jungen Sonne aufstieg. Das Haus bildete einen Halbkreis aus weißen Säulen und war ganz umgeben von Teichen. Auf den rosiggrauen Wasserflächen schwammen überall und überall Lotosblumen, und ich sah, wie sie sich öffneten eine nach der anderen. Aus dem Landhause trat eine große Anzahl von Jungfrauen und Männern. Sie schritten über den weiten Grasteppich.

Ich war stehengeblieben vor einem Zaun, der das Besitztum abschloß. Winden mit weißen Kelchen rankten sich durch die kreuzweise verschlungenen hölzernen Stäbe des Zaunes. Ich sah zu, bezaubert von einer Neugierde, die ich kaum begriff. Doch plötzlich erkannte ich die Jungfrau inmitten der Mädchen, die weiße Blumenkränze windend sie rings umtanzten.

Es war Charis. Ich sah sie sehr deutlich. Aber sie schien müde und matt vor Kummer und wehrte sich ebenso, wie sie sich gewehrt hatte damals, als ich sie sah vor Monaten von der Landstraße aus, wo ich mitten im Schilf in einen Esel verwandelt ward. Atemlos, seltsam glückselig starrte ich und starrte.

Plötzlich schienen die würdigen Männer, die hinter den Jungfrauen herschritten, meiner gewahr zu werden, und ich sah, wie sie sehr erschraken und Befehle erteilten. Sklaven eilten auf mich zu mit Knüppeln bewaffnet. Schon von weitem versuchten sie mich mit ihrem Schreien zu erschrecken und zu verscheuchen. Ich indessen rührte mich nicht. Ich starrte. Der Lärm, den die Sklaven vollführten, veranlaßte die Jungfrauen um Charis, sich umzuschauen, und alle sahen mich. Auch Charis sah mich.

Sie stieß einen jubelnden Schrei aus, klar wie ein goldener Glücksruf, der sich in der leichten Luft verlor. Dann eilte sie leicht wie eine Nymphe vorwärts, eilte, eilte, hielt die Sklaven zurück mit einer befehlenden Gebärde und rief, während sie die Arme emporwarf und ihre Schleier sie umflatterten: »Endlich! Endlich! Mein Bräutigam! Mein langersehnter Bräutigam, der aus dem Kampf zu mir zurückkehrt! Komm, komm! Öffnet die Gitter, Sklaven! Tanzet euren Reigen, meine Spielgenossinnen! Er ist gekommen! Mein Charmides ist gekommen!«

Während ich noch sah, wie die Männer und die Jungfrauen ein Ekel erfaßte beim Anblick des abscheulichen, abgearbeiteten, aus vielen Wunden blutenden Esels, der da vor dem Zaune stand und zwischen den Kelchen der Winden hindurchstarrte, näherte Charis sich mir, und ich fühlte, während mir vor Glück und Staunen die Sinne schwanden und der Zaun uns noch trennte, ihre Arme und ihren Schleier in der Umarmung, mit der sie meinen Eselsnacken umschlang.

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