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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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7.

Jetzt also war ich in Hypata. Die Herberge dort war groß, schon mehr ein ansehnliches Diversorium, und ich knüpfte dort in Erinnerung daran, daß ich Handelsreisender sei, zu verschiedenen Händlern Beziehungen an. Sie kamen zu mir, um meine Proben von Purpur, meine Muster von Perlen, die Körnchen meines Weihrauchs und meines Duftwerkes in Augenschein zu nehmen. Ich machte keine schlechten Geschäfte. Im übrigen lebte ich dort während der ersten zwei, drei Tage wie ein vermögender junger Mann, besuchte am Mittag die Thermen und am Abend die Portiken und sah mich infolge meiner Beziehungen sogleich von einem Kreise von Freunden und Bekannten umringt. Die Stadt selber erschien mir lebenslustiger und schöner als Korinth, das eigentlich schon langsam in Verfall geriet. Welch prickelnder Reiz lag doch in der Luft von Hypata, gleich einer geheimen Trunkenheit, die nach Bechern und allen andern Lebensgenüssen greifen hieß!

Es war seltsam, aber in dieser lebenslustigen Stimmung verliebte ich mich nicht. Während der ersten drei Tage beteiligte ich mich des Abends mit den neuen Freunden an Festgelagen, und um uns waren schöne Frauen, die sangen, tanzten und die Flöte spielten. Ich lächelte ihnen gleichgültig zu. Eine Art ungekannter Keuschheit erfüllte meine Seele und verlieh meinem ganzen Wesen eine gewisse Ruhe. Sogar wenn mich die Verführerinnen umarmten, während ein Rosenkranz meine Schläfen schmückte und die Schale zwischen meinen Fingern überfloß, empfand ich inmitten ihrer liebeskundigen Verführungen nur eine gelassene Teilnahmlosigkeit. Zugleich quälte mich stets von neuem die Furcht, ob ich wirklich, falls ich mich wieder verliebte ...? An Charis dachte ich häufig, aber eigentlich nur wie an eine unerreichbare, entschwundene Erscheinung. Ich erfuhr nun, daß Menedemus der reichste Grundbesitzer Thessaliens sei, daß er ausgedehnte Güter besitze und daß seine Frau, die gestorben, von fürstlicher Herkunft gewesen sei und sich zu den Nachkommen des großen Alexander von Mazedonien gezählt habe, so daß die liebliche Charis häufig die kleine Prinzessin oder die kleine Fürstin genannt wurde. Ich erfuhr auch, daß ihr Vater bereits verschiedene ansehnliche Bewerber in ihrem Namen abgewiesen hatte und daß er für seine Tochter heimlich einen asiatischen Königssohn erhoffte. Ich erfuhr auch, daß Chersonesus, der ebenfalls ein steinreicher Grundbesitzer fürstlichen Geblütes war, wohl die meiste Aussicht habe, eine so reiche, schöne und beinahe fürstliche Braut zu ehelichen. Zugleich aber raunte man sich zu, daß er um üble Dinge wisse und mit Hekate und ihren Hexen Umgang pflege. Dieses Gerücht indes zog sich nur wie ein Gemurmel durch die festliche Freude. Denn eigentlich wurde von Hexen und Verzauberung nicht gesprochen, und auch ich sprach aus Scham und Keuschheit nicht von dem, was mir widerfahren war.

Der vierte Tag war angebrochen, als mich am Nachmittag ein Zwerg in den Thermen aufsuchte.

»Charmides, des Lysias Sohn aus Epidaurus?« fragte der Zwerg, der bunt geschmückt war, während ich von meinen Freunden umringt und noch in den weiten Bademantel gehüllt in einer Rosenlaube saß.

»Der bin ich. Was willst du, Zwerg?«

»Eine Einladung überbringen von meiner Herrin Meroë für den heutigen Abend und zugleich für alle diejenigen, die Ihr in Eurem Gefolge mitbringen wollt,« sagte der Zwerg.

Ich nahm an und schickte Davus mit einem Geschenk zu Meroë: mit einer goldenen Schale, die gefüllt war mit kostbaren Narduskügelchen aus Taprobane, zwei Trauben aus Amethyst – jede Traube enthielt einige Tropfen Duft – und einem Schweinchen, das aus kalchedonischem Smaragd geschnitten war. Es war ein zierliches Geschenk, und als ich mit meinen Freunden an jenem Abend zu Meroë kam, war sie sehr zufrieden und empfing uns strahlend, schön wie Circe, ihre Schutzherrin, die sie anbetete.

»Nehmt Euch in acht, Herr!« flüsterte Davus, der immerfort in Angst war, mir zu. Hatte er denn erraten?

»Davus!« sagte ich zu ihm, während die Musik der Doppelflöten zu uns herübertönte. »Warum warnst du mich so häufig? Habe ich nicht schon öfter schöne Frauen, Matronen, Hetären und Jungfrauen gesehen? Bin ich ein Kind geworden?«

»Nein, Herr,« sagte Davus. »Ein Kind seid Ihr nicht geworden. Aber was Ihr geworden seid, als Ihr plötzlich vor dem Stadttor verschwandet und am nächsten Tage wieder erschienet, als sei Euch nichts Seltsames widerfahren, wage ich nicht zu sagen, obwohl die seltsamsten Vermutungen meinen armen Kopf quälen. Wenn ich Euch warne, geschieht es nur, um Euch, wenn möglich, davor zu bewahren, daß Ihr wieder meinen Blicken entschwindet, sobald Ihr ein schönes Weib seht.«

Ich lachte. Um uns war das Fest. Meroë lächelte mir lockend und verführerisch zu. Sie ruhte in Circes Gewand auf einem Lager aus Sonnenblumen, während die beiden Schweine in ekelhafter Anbetung zu ihren Füßen grunzten. Sonnenblumen aus Juwelen – Chrysolith, mit Herzen aus Blutstein – glänzten an ihren Schläfen, auf ihrem Busen. Eine Sonnenblume aus Edelstein strahlte an ihrem Circezepter. Um sie her leuchteten zwischen den Säulen und den Vorhängen und weiterhin in einer unwirklichen Zauberlandschaft, über der ein sonnengroßer Mond aufging, die Sonnenblumen und wichen zurück in strahlender Blüte einem Horizont entgegen, an dem sie verglühten. Ich legte mir bereits die Frage vor, ob es heilige oder unheilige Blumen seien.

»Charmides!« Mit verführerischem Lächeln forderte mich Meroë auf, näher zu treten. »Sandtest du mir ein Schwein aus kalchedonischem Smaragd, weil du fürchtetest, dich hier in ein Schwein aus Fleisch und Blut zu verwandeln?«

»Ich bin nicht furchtsam und war es nie,« antwortete ich.

»Ich bin keine Zauberin,« sagte Meroë lachend, »obwohl ich in dieser Nacht der Circe Gewand angelegt habe und die Sonnenblumen liebe, gleich Circe, der Tochter des Helios.«

»Und obwohl zu deinen Füßen zwei Schweine grunzen,« antwortete ich mit spöttischem Lachen, »so wie zu Circes Füßen in den Gärten der unseligen Insel Aiaia.«

»Charmides!« Meroë lockte von neuem. »Was ich begehre, ist nur dein Kuß und wiederum dein Kuß und allzeit dein Kuß.«

Sie streckte die Arme aus, sie erglühte in Liebe, und alle Sonnenblumen erglühten wie ein Feuer aus Tausenden von Flammen. Ich näherte mich ihr betrübt, ich ...

Doch plötzlich sah ich zwischen Meroë und mir ein Bild aufsteigen – Charis – so weiß, so rein, so lieblich. – Ich prallte zurück.

Zornentflammt richtete Meroë sich auf.

»Weigerst du dich,« rief sie, »mir zu geben, was ich wünsche und was du jeder Beliebigen auf deinem Wege gönnst?«

»Ja!« rief ich.

Mit einem Schrei richtete sie sich auf und streckte ihr Zepter aus. Ich hatte ihr die Liebe verweigert und verwandelte mich trotzdem nicht in ein Schwein. Doch während sie in einem Glanze goldenen Schwefels verschwand, sah ich alle Sonnenblumen welken, und über die Zauberlandschaft breitete sich ein fahler Nebel.

Die beiden Schweine grunzten verzweifelt und drehten sich im Kreise.

»Sucht die Gärten mit der roten Amaryllis auf!« rief ich ihnen zu, weil eine Eingebung mir sagte, daß wohl auch diese Blumen gezüchtet würden, wie die Silberastern gezüchtet wurden.

Ich floh davon, hinweg von dem Feste, das so seltsam geworden zu sein schien, so fahl, so gespensterhaft bleich in Unwirklichkeit.

»Warum bist du hier?« rief ich, und meine Stimme klang farblos, als gehöre auch sie einem Gespenst an.

»Ach, Herr! Ach, Herr!« sagte Davus wehklagend, während er zu gleicher Zeit jubelte. »Daß ich Euch wiedersehe! Daß ich Euch wiedersehe! Auf dem Feste waret Ihr plötzlich weit entfernt, und ich sah Euch inmitten vieler Sonnenblumen, die erblühten. Dann bin ich entflohen, Herr, obwohl die anderen Festgenossen und ihre Sklaven mir versicherten, Ihr seiet nicht fern, und diese Sonnenblumen seien immer dagewesen. Aber sie waren berauscht, Herr, und ich war es nicht. Ich konnte es nicht mit ansehen, daß Ihr Euch in ein Schwein verwandeltet, so wie ich Euch bereits in einen Esel verwandelt wußte.«

»Wie weißt du das?« rief ich aus und umklammerte wild seinen Puls.

»Ach, Herr! Ach, Herr!« erwiderte Davus. »Bin ich denn ein so großer Dummkopf? Hörten wir nicht schon in Delphi, was sich in Thessalien ereignet? Habe ich denn kein Hirn, um nachzudenken, wie es geschehen konnte, daß Ihr außerhalb des Stadttores von Hypata verschwandet, als eine schöne Jungfrau vorübergetragen ward, und daß ein Esel erschien, genau so wie ein Esel erschien und wieder verschwand, als sich Nausistrata auf der Landstraße so sehr erschreckte? Herr, ach Herr! Auf solchem Esel bin ich geritten und habe ihn vielleicht sogar geschlagen und mit dem Absatz angetrieben. Ach, Herr! Ich, Davus, Euer getreuer Sklave, der Euch diente von Eurer Kindheit an!«

»Es tut nichts, Davus,« flüsterte ich ihm zu. »Es tut nichts. Nur schweige und sage nie jemandem ein Wort hiervon! Du siehst, ich bin weder Esel noch Schwein und habe in Hypata gute Geschäfte gemacht. Morgen reisen wir ab nach Pharsalus.«

»Noch weiter nach Thessalien hinein?« fragte Davus klagend. »Ach, Herr! Lieber will ich, wenn es sein muß, mich selbst sogleich in einen Esel oder in ein Schwein verwandeln, als daß ich noch weiter ins Innere Thessaliens zöge.«

»Davus!« flüsterte ich weiter. »Der Zauber ist nun gebrochen. Was geschah, ist geschehen und wird nicht wieder geschehen. Denn ich kann es nicht fassen, daß ich mich nicht in Meroë verliebt habe. Sie war so herrlich schön, so verführerisch schön, so verheißungsvoll schön.«

»Herr! Herr! Hütet Euch!« rief Davus. »Es will mir scheinen, als begännet Ihr bereits zu wachsen.«

Ich erschrak, betastete meine Ohren, stieß Davus ungeduldig zurück, sank auf mein Bett und schlief ein, betäubt vor Erregung und Müdigkeit.

 

In der Tat verließ ich am folgenden Tage Hypata. Sollte ich nicht weiter in das Innere Thessaliens reisen? Und dann: waren dort Hexen, gab es Hexen?

Ich mußte mein noch müdes Haupt zu der Erinnerung zwingen, daß mich die Harpyie auf dem Dreiweg behext, daß ich mich zweimal bereits in einen Esel verwandelt hatte. Das war doch wirklich geschehen. War es geschehen? Es dünkte mich so unwahrscheinlich, daß ich kaum daran glauben konnte. Denn es war ein kristallklarer Herbstmorgen, und um mich trieb ein gleichmäßig goldener Schein von Sonne über die weite Landschaft. Der Reisewagen schwankte weiter, von den geduldigen Büffeln gezogen. Des Davus Peitsche klatschte sanft im Takt durch die Luft. Wir setzten unsere Reise fort, als sei nichts geschehen. Ich schlummerte halb und dachte währenddessen an allerlei liebe und schöne Dinge, an Eleusis, an die heiligen Mysterien, in die ich mich wollte einweihen lassen, sobald ich zurückkehrte, an Charis. Ich dachte an sie mit einer zärtlichen Wehmut, weil ich sie vermutlich nie mehr wiedersehen würde, und wurde mir einer schmerzlichen Reue in meiner Seele bewußt. Diese Nacht schliefen wir in einem Dorfe, in der darauffolgenden Nacht in einer Poststelle. Diese lange, eintönige Reise! Was lag mir daran, Purpur zu verkaufen und Perlen? Es gab andere Dinge. Vielleicht gab es auch Hexen.

Auch der dritte Tag, seit wir Hypata verlassen, war in ruhiger Fahrt verstrichen. Wir hatten noch vor der Nacht die Poststelle erreicht. Es war in Xyniae, das an dem See gleichen Namens gelegen ist.

Ich weiß nicht warum, aber in jener Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich stand auf und verließ die Herberge, noch bevor der Tag dämmerte. Eine seltsame, weiche Sehnsucht umfing mich, doch wonach, das hätte ich nicht zu sagen vermocht. Ich schritt die Straße entlang, die einsame, noch nachtbleiche Landstraße. Ich wollte sogleich auf dem nämlichen Wege zurückkehren, wenn Davus die Büffel einspannte. Ich ging weiter. Strahlend ging die Sonne hinter den rosigen, sanft geschwungenen Kämmen der Berge auf. Ein honigfarbener Schein überflutete den Himmel. An der andern Seite des Weges wich das noch von Tau fein übersprühte Wasser des in der Ferne verschimmernden Sees in der windlosen stillen Morgendämmerung zurück.

Der See zog sich längs des Weges in einer langen Bucht hin, aus der an den Ufern das zerknickte Schilf hervorlugte. Grübelnd blieb ich stehen, und mein Grübeln begleitete die wechselnden Färbungen des Wassers, das weiter und blauer ward, je höher die Sonne stieg, je mehr die Nebel sich verflüchtigten. Ich sah, daß in der Bucht weiße Lotosblumen in Fülle wuchsen. Wie blanke Becher, die das Morgenlicht in ihrem soeben erschlossenen, fleckenlosen Erblühen auffingen, lagen die Blumenschalen auf dem Wasser, das sanft aufleuchtete und wieder verblich. Ein Wind erhob sich und wiegte sich in dem raschelnden Schilf. Reiher stiegen daraus empor und breiteten mit ihrem Flug für einen Augenblick ein leichtes Schattengrau über den honigfarbenen Himmel. Der See wurde weiter hinauf deutlicher sichtbar, und ich sah, daß er bis an den Horizont angefüllt war mit blühenden weißen Lotosblumen, und jede Blume fing einen Strahl, ein Atom des Lichtes auf.

Da plötzlich wurde mein Blick gefesselt von einem weißen Gewimmel auf der Wiese, die sich jenseits der schilfumwachsenen Bucht in dem sanften Schimmer rosiggrauen Sykomorenlaubes verlor. Es waren Jungfrauen. Sie tanzten rings um eine Jungfrau. Sie hielten weiße Blumenkränze in den Händen und sangen leise, gleich als wollten sie die Jungfrau in ihrer Mitte erfreuen. Atemlos schaute ich hin und erkannte Charis. Charis! Da war sie jenseits des mit Lotos überdeckten Wassers, und ich nahm durch das Schilf hindurch ihre Bewegungen wahr, die eine müde Wehmut verrieten, wenngleich sie ihren Genossinnen flüchtig zulächelte. Sie selbst tanzte nicht, und fast schien es, als wolle sie die andern Jungfrauen davon zurückhalten, daß sie tanzten. Ihre Bewegungen waren eine zarte Harmonie von Linien, ihre durchsichtige Gestalt schwebte im Morgenlicht, und ihre Hände versuchten gleichsam flehend die Jungfrauen dazu zu bewegen, daß sie sich nicht mehr rings um sie reihten. Voller Wehmut blickten ihre blauen Augen empor, ihre Augen, die über den tausenden weißer Lotosblumen, die auf dem Wasser ruhten, selbst wie zwei blaue Lotosblumen erglänzten.

Und ich? Ich starrte sie an. Sie sah mich nicht, da ich mich in dem Schilf halb verborgen hielt. Mein Herz klopfte bis in den Hals hinauf. Mit meinen Händen bezwang ich das rasende Pochen. Ich fühlte, wie mir vor lauter Glück schwindelte, wie ich vor Seligkeit das Bewußtsein verlor. Ich öffnete die Lippen und wollte rufen: »Charis!«

Doch ich stieß nur einen rauhen Klang hervor: »Hiha! Hiha!«

Mein Ruf verlor sich über dem Wasser in Luft und Licht. Dort drüben tanzten die Jungfrauen weiter rings um die sich sanft zur Wehr setzende Charis. Sie aber gewahrte es nicht, daß am jenseitigen Ufer ein Esel mit sehnsüchtigen Augen durch das Schilf, durch die wirren Halme spähte.

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