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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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6.

In dem Augenblick, als ich gestoßen und getreten wurde inmitten des dichten Gedränges, blickte Davus vor dem Tore umher und fragte die Torhüter, die ebenfalls zusahen »Habt auch ihr meinen Herrn nicht gesehen?«

»Welchen Herrn?« fragten die Torhüter, und ich hörte alles sehr gut mit meinen langen Eselsohren, die ich spitzte.

»Meinen Herrn, mit dem ich reise,« rief Davus, während er verstört um sich schaute. »Charmides, den Sohn des Lysias aus Epidaurus. Er ist aus dem Wagen gesprungen, als der Zug des Menedemus sich durch das Tor bewegte. Er ist, glaube ich, mitgelaufen, und jetzt sehe ich ihn nicht mehr, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ein Mensch kann doch nicht so ohne weiteres verschwinden.«

Die lebhafte Menge verlief sich jetzt, da sich der Zug auf der Landstraße verlor, langsam wieder in die Stadt und zur Stadt hinaus. Einer der Torhüter und ein paar städtische Wachen hielten mich fest an meiner gesträubten Mähne, während ich unwillig wilde Eselssprünge machte und mich schüttelte und ungeduldig und verzweifelt mit meinem langen Eselsschwanz um mich schlug.

»Davus!« hätte ich rufen mögen. »Ich, dieser Esel, bin dein Herr.«

Aber ich stieß nur ein abscheuliches Geschrei aus: »Hiha!«

»Dein Herr ist wirklich nicht hier,« sagten die Männer ringsum.

»Sicherlich ist er mit dem Zuge mitgegangen,« meinte Davus wehklagend. »Wenn er eine schöne Frau oder Jungfrau sieht, gerät er ganz außer sich und ... die Jungfrau in der Sänfte war wohl ganz besonders lieblich?«

»Es war Charis, des Menedemus Tochter,« sagten die Männer. »Ja! Sie ist in der Tat bezaubernd schön.«

»Gewiß ist er mitgelaufen,« sagte Davus, der jetzt noch verzweifelter wehklagte. »Wächter! Darf ich euch unseren Reisewagen anvertrauen, und wollt ihr mir nun diesen entlaufenen Esel überlassen? So besteige ich seinen ungesattelten Rücken und eile dem Zuge nach, um meinen Herrn zu suchen und ihm zu sagen, wie unverantwortlich er handelt.«

In der Tat willigten die Torhüter und die städtischen Wachen ein. Sie wollten den Reisewagen hinter das Stadttor führen, fort aus dem Getriebe des Verkehrs, und gestatteten, daß Davus meinen Rücken bestieg.

»Es ist doch nur ein herrenloser Esel,« sagten die Torhüter, und die Wachen sagten: »Niemand weiß, wem er gehört.«

Davus schwang sich auf meinen Rücken. Da saß er, mein Knecht, auf dem Rücken seines Herrn, und ich fühlte seinen Absatz in meinen grauen Flanken. Die eigentümlichsten Empfindungen erfüllten die Menschenseele in meinem Eselskörper. Als Mensch im Esel war ich sehr entrüstet, daß mich mein Knecht Davus bestiegen hatte, daß er mich mit seinen Absätzen antrieb und mit mir über die staubige Landstraße davonjagte. Ich trabte eilig, so daß meine Hufe gegen meinen Leib schlugen. Aber trotz dieser Entrüstung war ich selig, daß ich dem Zuge nachlaufen und dadurch eine Gelegenheit erhaschen konnte, die liebliche Charis wiederzusehen, sei es auch nur mit Eselsaugen. Zugleich sehnte ich mich mit heftigem Verlangen zurück nach dem Garten der silbernen Astern. Welche Gemütserschütterungen für einen doppelt verzauberten Menschen in grauem, samtweichem Eselsfell! Wir trabten, wir trabten, wir kamen näher. Davus rief der Nachhut des Zuges etwas zu. Da waren Sklaven und Wachen.

»Ist unter euch vielleicht mein Herr, Charmides, der Sohn des Lysias? Ist er nicht mitgelaufen in eurem Zuge?«

Allein die Sklaven und Wachen riefen, sie wüßten nichts von des Lysias Sohn Charmides.

Plötzlich schaute sich die liebliche Charis um. Doch wehe, mich sah sie nicht an. Sie sah jetzt nur Davus, und ich hörte sie sagen, während sie leise auflachte: »Was wünscht der Reiter auf seinem Esel?«

»Edle Jungfrau Charis!« riefen die Wachen und Sklaven. »Er fragt nach Charmides, des Lysias Sohn.«

»Aus Epidaurus.«

Welch seltsame Seligkeit durchzuckte mich, als Davus, nachdem sie alle bezeugt hatten, von Charmides, des Lysias Sohn, nichts zu wissen, seinen Ritt auf meinem Rücken hemmte! Seltsame Seligkeit, daß Charis von Charmides hörte sowie Charmides von Charis hörte! Welche Seligkeit, daß unser beider Namen in der gleichen Stunde zusammen erklungen waren wie in einer Harmonie der Bezauberung. Niemals würde ich, Esel oder Mann, der lieblichen Charis Namen vergessen. Vielleicht würde auch Charis nicht vergessen, daß vor den Toren von Hypata der Name Charmides an ihr Ohr gedrungen war, des Charmides, der sie anbetete. O möchten doch die seligen Götter von Eleusis einst in einer nämlichen Stunde die beiden Namen Charis und Charmides, Charmides und Charis, wiederum zusammen ertönen lassen!

Indessen sehnte ich mich nicht nach der Stadt zurück. Ich wollte zu dem Asterngarten, und während der Zug des Menedemus einen Seitenweg einschlug, der sicherlich zu dessen Landgütern führte, stemmte ich mich mit den Hufen gegen den Erdboden und hielt eigensinnig die Ohren gespitzt und den Schwanz zwischen den Hinterbeinen eingezogen, während Davus sich alle Mühe gab, mich auf dem Wege umkehren zu lassen. Ich schlug mit den Hinterbeinen aus wie ein echter Esel, Davus taumelte über meinen Kopf. Wie sehr wünschte ich, mich ihm verständlich machen zu können! Allein ich konnte nicht sprechen. Ich versuchte mit meinem rechten Vorderhuf in den Staub des Weges zu schreiben: »Ich bin Charmides.« Allein Davus verstand meine seltsamen Zeichen nicht, und der Staub war zu weiß und zu locker. Als Davus sich fluchend erhoben hatte und mich wieder besteigen wollte, bäumte ich mich, warf ihn von neuem ab und trabte davon, gleich als sei ich ein durchgehender Esel.

»Zu den Silberastern! Zu den Silberastern!« So sauste es in meinem armen Eselskopf. »Zurück zu den Silberastern!« Den ganzen langen Weg zurück, mehr als dreißig Meilen zurück. Ich rannte, ich trabte. Im hereinbrechenden Abend trabte ich zurück. Der Weg war einsam, und ein violetter Dunst hüllte die Wiesen und Felder in eine Düsterkeit, in der viel unbestimmbare Wesen umzugehen schienen. Ein unwirklich anmutender Wind, der, ich wußte nicht aus welcher Windrichtung, blies, hüllte mich ein. Es war, als schlage mich ein Flügel, und plötzlich, da wo der Weg sich in eine Schlucht hinabsenkte, die ich hinuntertrabte, sah ich mich von neuem von Ungeheuern umdrängt. Ich hörte ein grinsendes Lachen und sah ein verzerrtes Lachen.

Die Harpyie! Die Harpyie! Sie umflatterte mich, flog mir auf den Rücken und rief: »Mein Flügel ist schon wieder geheilt, und mein Fuß, mein Fuß ist wieder ganz genesen. Hu! Hu! Nach dem Asterngarten, nach dem Asterngarten, auf daß wir ihn vernichten, auf daß wir ihn vernichten!«

Ich trabte den Weg zurück, während die Harpyie, von der ich mich nicht befreien konnte, rittlings auf mir saß, und ihre Vogelfüße mich wund rieben, ihre Klauen meinen Leib aufrissen und ihre hageren Arme meine Kehle umspannten. Über uns gleich einem Sturmwind staute sich die wüste Horde. Jetzt glaubte ich an Hexen. Alle diese Ungeheuer waren Hexen und wollten Clitiphos seligen Garten mit den Silberastern vernichten.

Wie viele Stunden währte dieser unselige Ritt? Ich weiß es nicht. Ich trabte, trabte immer weiter. Das, was sonst sich nur im Traume abspielt, erlebte ich jetzt in Wirklichkeit durch die Verfolgung der Hexen. Ich trabte, trabte immerfort. Die Nacht war pechschwarz. Oft war es mir, als schwebte ich über dem Boden, als halte die Harpyie ihre weiten Flügel ausgebreitet, als schlügen nicht mehr meine eigenen Hufe auf den Weg, sondern als würde ich ohne eigenen Willen weitergetrieben. Ein Trost war es, daß sie nichts anderes wollte, als ich gewollt hatte: nach dem Asterngarten, nach dem Asterngarten, sei es auch nur, um ihn mit ihrer Horde zu vernichten. Plötzlich leuchtete in der Ferne ein matter Schein. Es waren die Felder der Silberastern in der Hexennacht, und am Ende dieser Felder stand das weiße Haus des Clitipho.

Mit Sturmgewalt kreischend und schreiend wollte die Horde, wollte auch die Harpyie mit mir sich auf den Garten stürzen, als es – o Wunder! – aus einer großen Lampe, die einer Gondel glich und strahlend über dem Hause sichtbar ward, wie ein See silbernen Scheines durch die Unheilsnacht erstrahlte. Geblendet starrte ich in eine Flut weißen Glanzes, der herabfloß. Und gleichzeitig ertönte ein Wohlklang von Sistrensaiten, die in Schwingung versetzt wurden durch silberne Stäbe. Diese Musik war so rein und so heilig, daß die Hexen wie rasend emporstürmten und ich, der Esel, einsam dastand zwischen den silbernen Blumen in dem silbernen Leuchten, um mich die silbernen Klänge. Das war so selig, daß ich nicht den Mut hatte, mich den Blumen mit meinem Maule zu nähern.

Da kam ein weißer Mann auf mich zu, umringt von unzähligen weißen Jungfrauen. Sie zupften die Saiten der Sistren, und der Mann – es war Clitipho – bot mir die silbernen Astern dar.

Ich neigte mich herab. Ich nahm sie entgegen. Ich war wieder ich selber, ich stand als Mensch vor Clitipho.

»Der Weg zurück«, sagte er, gleich als wisse er alles, »ist der Weg, der nutzlos erscheint, der aber für die Buße nützlich ist.«

»Herr!« sprach ich. »Welches ist meine Sünde, für die ich büßen muß?«

Er antwortete nicht. Aber an mir vorüber schritten die Jungfrauen, deren Sistrenklänge verrauschten.

»Schaue sie an!« sagte Clitipho.

Ich sah sie an mir vorüberschreiten.

»Findest du sie schön?« fragte Clitipho.

Es waren schöne Jungfrauen, doch sie erschienen mir wie verworrene Schattenbilder.

»Sie sind schön, Herr,« sagte ich gleichgültig.

»Empfindest du Liebe für eine von ihnen, so daß du sie die Deine nennen möchtest?«

»Nein, Herr,« sagte ich. »Denn ich habe Charis gesehen.«

»So bleibe treu!« sagte Clitipho.

»Die Treue liegt meinem Wesen nicht,« sagte ich abwehrend. »So ich eine schönere Frau sähe, würde ich nicht treu bleiben, Herr.«

Die Hexen waren verschwunden. Die Sistren waren verklungen, der heilige Schein erlosch, und nur die Silberastern schimmerten. Clitipho lächelte mir zu mit einem Mitleiden, das ich nicht begriff.

»Laß mich dich nach Hause führen und ruhe dich aus! Morgen wirst du den Weg der Buße zurückgehen, weiteren Prüfungen entgegen.«

Ich ließ mich einem Kinde gleich führen.

 

Am nächsten Morgen reiste ich zu Pferde mit einem Diener des Clitipho, der ebenfalls zu Pferde hinter mir ritt, nach Hypata. Es war ein strahlender Herbstmorgen. Die Sonne breitete einen selig goldenen Schein über die azurnen Abhänge der Berge, wo die Morgenschatten einer nach dem andern erwachten und in dem ringsum sich verbreitenden Licht hinwegdämmerten. Wie weit war das alles, und wie üppig prangten die Weingärten, die ihre Reben um Ulmen und Eichen schlangen! Wie ein Traum, wie ein Alpdruck erschien mir die vergangene Nacht, wie ein nicht glaubhafter Zauber. Sollte ich wirklich hier auf dem nämlichen Wege getrabt sein, während eine Harpyie vornüber gebeugt auf meinem Rücken lag? Ich glaubte meiner eigenen Erinnerung nicht. Mein Gemüt war so ruhig, und zwischen der Erinnerung an den Nachklang der Sistrentöne klang es durch meine harmonische Seele »Charis! Charis!«

Ich näherte mich den Toren von Hypata. Sogleich sah ich Davus. Er saß erschöpft bei den Torhütern auf einer steinernen Bank. Als er mich sah, stieß er vor Glück einen Schrei aus: »Herr, Charmides!« rief mein armer Davus. »So seid Ihr denn da! Ich habe Euch gestern den ganzen Tag gesucht auf der Landstraße und in der Stadt. Wo seid Ihr gewesen?«

»Bin ich dir Rechenschaft schuldig?« sagte ich kühl und hart. »In dem Gedränge begegnete ich Clitipho, dem Isispriester, und begleitete ihn. Jetzt bin ich wieder zurück. Jetzt wollen wir eine Herberge suchen.«

Meine Stimme hatte unsicher geklungen, und ich fühlte, daß Davus, die Torhüter und die Wachen mich eigentümlich ungläubig, beinahe ängstlich anschauten. Ich stieg ab und entlohnte den Diener des Clitipho, der mit den beiden Pferden davonging. Davus führte die Postbüffel aus der Scheune bei dem Stadttor und spannte sie vor den Wagen. Wir fuhren durch die Stadt und suchten die Herberge, die die Torhüter genannt hatten.

Eine bunte, wimmelnde Menge füllte die große Stadt, deren breite Straße mit den prächtigen Portiken und den mit vergoldeten Niken geschmückten Palästen zum Forum führte. Plötzlich entrollte sich aus einem dieser Paläste die Stufen der Treppe herab ein Zug, und das Volk drängte sich, um zu sehen. Auf einem Tragbett trugen schwarze Sklaven eine lächelnde Hetäre. Ich sprang aus dem Wagen.

»Herr!« rief Davus. »In aller Götter heiligem Namen! Verschwindet nicht wieder vor meinen Augen, weil Ihr ein schönes Weib seht!«

Ich schaute hin. Um mich hörte ich flüstern: Meroë, Meroë.

Ich erinnerte mich. Dies war Meroë, die Aristomenes, den armen Dichter-Wanderer, in ein Schwein verzaubert hatte, bis er die rote Amaryllis fand. In der Tat führte Meroë, die dort prunkvoll getragen wurde auf einem Lager aus babylonischen Teppichen, unter fünf Schirmfächern aus Pfauenfedern, umringt von einem Schwarm wirbelnder Tänzerinnen, lächelnd mit einer Hand an vergoldeten Ketten zwei Schweine, die leise grunzend mit geringelten Schwänzchen links und rechts von ihrem Tragbett einherwackelten. Währenddessen spielte ihre andere Hand, die von Edelsteinen überglitzert war, mit roter Amaryllis an langen Stielen. Neckend hielt sie die Blumen dicht vor die Schnauzen der Schweine, und all das Volk – o ihr Götter! –, all das Volk wußte nicht oder glaubte nicht, daß da im strahlenden Sonnenschein durch Hypatas Straßen eine Hexe zog, die zwei in Schweine verzauberte Geliebte in ihrem Zuge mit sich führte. Götter von Eleusis! Wohin hatte ich mich verirrt? In welche Unseligkeit?

Meroës Augen begegneten den meinen.

»Herr!« rief Davus, als ob er es erraten hätte. »Habt acht!«

Meine Augen forderten Meroës Augen heraus. Ihre Augen waren wie strahlende, schwarze Karfunkel, die zu bezaubern versuchten mit Verheißungen einer Wollust, wie sie Menschen unbekannt ist. Allein ich empfand noch den Zauber der lotosblauen Augen einer Jungfrau.

Ich verliebte mich nicht.

Ich verwandelte mich nicht in einen Esel.

»Komm!« sagte ich zu Davus, während ich einstieg – der Zug war vorüber –, »wir wollen die Herberge aufsuchen.«

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