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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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5.

Dann kehrte ich auf demselben Wege zurück, und in meinem Gemüt war silberreine Harmonie.

Plötzlich schrak ich aus dieser wohltuenden Stimmung empor. Vor der Poststelle stand eine große Frau. Sie war in eine faltenreiche, dunkelgrüne Palla gehüllt, die sie sich über den Kopf gezogen hatte und die ihren Rücken, den sie mir zugekehrt hielt, mit knappen, wie gemeißelten Linien umschloß und über ihrer gleichfalls faltenreichen Stola hinwegglitt. Ein spitzer Reisehut aus Schilf beschattete das schon von einem Zipfel der Palla umrahmte Antlitz, das in Dreiviertelwendung mir zugekehrt war. Sie sah mich nicht. Als ich mich ihr näherte, bemerkte ich, daß ihre sehr dunklen Locken wie zwei Traubendolden an diesem milchweißen Antlitz herabfielen. Sie hielt nach irgend etwas Ausschau und schützte dabei mit einem großen Reisefächer aus Palmblättern ihre Augen, indem sie den einen Arm hoch emporhob. Die untergehende Sonne zog einen Strahlenkranz aus wimmelndem Staubgold um sie her, dort, wo sie auf dem weißen, staubigen Wege stand. Mein Herz klopfte mir bis an den Hals. Eine so herrlich schöne Frau hatte ich noch nie gesehen. Ihr Busen wogte leicht in dem grünen Mantel, den sie mit dem anderen Arm fest darüber zog, und der golden grünliche Mantel leuchtete weithin.

Was gab es doch für schöne Frauen in der Welt! Und wie bezaubernd schön war diese!

Ich näherte mich ihr. Mein Gemüt war so heftig erregt, daß meine Augen wie geblendet blinzelten, daß meine Lippen und meine Kehle trocken wurden. Ich näherte mich ihr. Verstohlen schaute ich mich um, ob mich jemand beobachte. Da war niemand, weder auf dem Wege noch vor der Herberge, nur sie und ich, den sie nicht bemerkte. Schnell durchschoß mich der Gedanke, ihr zu sagen: Frau, Ihr seid schön, und ich habe Euch lieb. Wollt Ihr die Meine sein?

Ich näherte mich ihr. Ich hatte mich ihr genähert. Ihr Duft betäubte mich heftiger, und schon wollte ich die Lippen öffnen, um ihr zu sagen: Frau! Ihr seid schön, als es mir plötzlich bewußt wurde, daß ich von einer fremden Kraft – in mir? außerhalb meiner selbst? – vornüber gestoßen, gedrückt, gedrängt wurde, so daß ich den Rücken beugen mußte und zu Boden stürzte. Gleichzeitig öffnete ich flüsternd die Lippen, aber anstatt daß ich flüsterte: »Frau! Ihr seid schön,« drang aus meiner Kehle ein rauher, heiserer, seltsamer, mir selbst unbekannter und unangenehmer Laut. Ich iahte gleich einem Esel: »Hiha!« mit einem so fürchterlichen, zugleich gedämpften Kreischen, wie es nur ein verliebter Esel ausstoßen kann, der eine Eselin vor sich auf dem Wege oder auf der Weide sieht.

Die schöne Frau erschrak heftig, stieß einen durchdringenden Schrei aus, entfloh sich umschauend in die Herberge und rief laut: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Ein verliebter Esel!«

Auch ich erschrak heftig. Noch immer stand ich gebückt auf Händen und Füßen – und dann ...?

Dann empfand ich in nicht zu schilderndem, schmerzendem Nachgefühl, daß mein Rücken sich gestreckt, daß mein Kopf sich zu einem Maule verlängert hatte, daß meine Hände zu Hufen, meine starken Arme wie auch meine Beine zu Eselpfoten geworden waren, daß meine Ohren wuchsen und meine Zähne viereckig wurden wie große Mosaiksteine, daß mein Rückgrat sich zu einem Schwanz dehnte, daß mein ganzer Körper sich mit einem gleichmäßig grauen Fell bedeckte, daß eine lange Zunge mir die Lippen leckte. Dies ganze neue Wesen mutete mich seltsam an und unbehaglich wie nicht zu mir gehörig, obwohl doch meine Seele die meine geblieben war.

Ich war ein Esel. Ich hatte mich in einen Esel verwandelt. Ich erinnerte mich, während ein blitzähnlicher Gedanke mein menschliches Hirn in dem Eselskopf durchzuckte, an den Fluch der Harpyie, den ich nur für ein eitles Wort und eine leere Drohung gehalten hatte. Ich hatte mich in einen Esel verwandelt, und von überallher, hinter der Herberge hervor, aus der Herberge, kamen die Knechte und Sklaven, kam auch Davus mit Knüppeln bewaffnet, um mich zu prügeln, mich, den wilden, fremden, verliebten Esel, der Nausistrata, die Frau des Demipho, hatte beißen, vielleicht sogar auffressen wollen!

Ich hob meine Eselshufe vom Boden und begann zu traben. Ich rannte den Postweg herunter. Ich fühlte mich groß, stark, behende, doch als Esel. Ich war ein Esel, aber ein Esel mit menschlichen Gedanken. Denn ich tat etwas, was ein verfolgter Esel niemals getan hätte. Ich verbarg mich am Wege in den hoch sich schlingenden Silberastern von Clitiphos Garten und kauerte dort unsichtbar zwischen den silbernen Blumen.

Es war ein Garten der Entzauberung. Ich entsann mich der Worte des Gärtners. Garten der Entzauberung! Sollte ich in der Tat, in der Tat von Silberastern entzaubert werden können? War Aristomenes, den Meroë von Hypata in ein Schwein verhext hatte, nicht durch rote Amaryllis entzaubert worden?

Gierig schlug ich mein Eselsmaul in die Silberastern, doch mit einem Empfinden, als triebe ich Tempelschändung. Ich fraß die Silberastern, ich brach sie ab mit meinen Eselszähnen, ich verschlang die heiligen Blumen. Es war außerordentlich seltsam. Aber während auf dem Wege in einer von letzter Sonnenglut durchglitzerten Staubwolke die Sklaven und Davus mit Knüppeln herbeigelaufen kamen, riß eine magische Kraft mich auf den Hinterhufen empor. Ich fühlte, wie ich zusammenschrumpfte, ein Fieber fuhr mir durch die Glieder, ich fühlte, wie mein Schwanz sich ringelte, wie meine Ohren kleiner wurden, und ich stand zwischen den Astern, während mein haariges Fell sich wieder in meine glatte Haut und mein graues Reisegewand verwandelte.

Ich kroch aus den Blumen hervor, und Davus und die Knechte sahen mich. Eine innere Stimme riet mir, über das zu schweigen, was mir widerfahren war.

»Was gibt es?« fragte ich.

»Herr!« sagte Davus. »Wir suchen einen wilden Esel, der die edle Nausistrata beinahe verschlungen hätte.«

»Ich habe«, sagte ich, »soeben einen Esel über den Weg traben sehen, aber ...« – ich log – »es war kein gewöhnlicher Esel. Es war ein Esel mit Flügeln. Er flog dort drüben zwischen den Olivenbäumen und den Hügeln in die Lüfte.«

»In die Lüfte, Herr?« riefen Davus und die Knechte entsetzt.

Ich versicherte es und schwur bei den Göttern. Mein Wort war eine Gotteslästerung inmitten der göttlichen Blumen, die mich gerettet hatten. Von den Männern umringt ging ich zurück. Vor der Herberge lag die schöne Nausistrata noch halb ohnmächtig in einem Lehnstuhl, und ihr Mann Demipho und der Posthalter und ihre beiden Sklavinnen waren eifrigst um sie bemüht. Davus rief schon von weitem: »Der Esel hat plötzlich Flügel ausgebreitet. Wir alle haben es gesehen. Er verschwand in den Lüften dort drüben zwischen den Olivenbäumen und den Hügeln.«

»Der Esel war kein Esel.«

»Nein!« riefen sämtliche Knechte und Sklaven. »Der Esel war ein böser Geist.«

»Oh!« rief Nausistrata und erhob sich wankend. »Ich will hinweg von diesem üblen Ort. Ein Esel, der kein Esel war, ein geflügelter Esel, der es auf mich abgesehen hatte, der vermutlich mich durch die Lüfte entführen wollte! Es geschehen doch fürchterliche Dinge in Thessalien. Wenn uns nicht in Lamia jene Erbschaft erwartete ... Demipho! Demipho! ich bliebe keine Stunde länger hier.«

Befehle wurden erteilt. Eine Stunde später machten sich Demipho und Nausistrata mit großem Gefolge in drei Reisewagen auf den Weg, obwohl die Nacht bereits hereinbrach. Aber Nausistrata hatte es vorgezogen, in der Nacht abzureisen, statt noch länger an dem Orte zu bleiben, wo ein geflügelter Esel vielleicht noch immer die verzauberten Lüfte durchschwebte. Ihre Sklaven und Sklavinnen, die eng zusammengepfercht in zwei Reisewagen saßen, hatten schrille kupferne Becken und Rasseln und Klappern in der Hand und vollführten damit einen entsetzlichen Lärm, einen schrill klingenden Klingklang, ein Tingelingeling von Glöckchen und ein Bumbumbum von Zimbeln, um die bösen Geister fernzuhalten. So verschwand der Zug der Reisenden in der Nacht unter ohrenbetäubendem Lärm.

Die Stille der Dunkelheit senkte sich über die einsame Poststelle an der verlassenen Landstraße. Ich stand allein vor der Türe und schaute hinaus. Vor mir dehnte sich weiß schimmernd, wie eine silberne Unermeßlichkeit, der Asterngarten. Mein Herz klopfte vor Angst. Ich war entzaubert, aber würde ich wirklich jedesmal, wenn ich mich verliebte, in einen Esel verwandelt werden? Würde der Fluch der Harpyie seine Macht beweisen jedesmal, wenn ich ...? Trostlose Aussicht! Ich war so jung und so verliebter Natur.

Eine große Traurigkeit überfiel mich. Drei Nächte schlief ich kaum, glaubte immerfort bei jedem Frauenschatten, der in meinem Traum oder in wacher Erinnerung vor mir auftauchte, daß ich mich in einen Esel verwandelte, und betastete mich selber ängstlich in meinem Bette. Am vierten Morgen reisten wir ab. Davus lenkte schweigend, und wir fuhren durch Thrachis voller Erinnerung an den großen Helden Herakles, der hier mit Deianira geweilt hatte. Gleich einem unsterblichen Gotte schwebte der Mythus in den Lüften. Links erhob sich der Oeta, auf dessen Gipfel Herakles in der Feuerglut seine Seele ausgehaucht hatte, die gen Himmel stieg. Purpurn leuchtete der Herbst um mich her mit der Pracht der Trauben des Dionysos, dessen Weingärten die Bergabhänge wie mit Gewinden umrankten, während der Horizont verschwand im dunstigen Morgennebel, in dem feuchte Perlen hingen. Trotzdem blieb ich düster und voller Argwohn. Wir näherten uns Hypata. Dort in nördlicher Ferne leuchteten bereits die Zinnen eines Stadttores. Unterwegs an einer Poststelle wechselten wir die Büffel. Gegen Mittag gelangten wir zur Stadt.

Gerade als wir einzogen, kam uns aus der Stadt ein Zug entgegen. Es entstand ein Wirrwarr. Um den Zug vorüber zu lassen, trieb Davus unser Viergespann zur Seite. Da waren nubische Vorläufer, die ihre Peitschen knallen und ihre Kehllaute erschallen ließen; da waren bewaffnete Wachen, da waren Sklaven, die zu Fuß trabten, da waren ansehnliche Jünglinge zu Pferde, da waren vier, fünf Sänften, die von kräftigen Trägern getragen wurden. Es war, wie ich hörte, ein steinreicher Grundbesitzer, der zum Kelterfest nach seinem Landgute zog. Ich war aus dem Wagen gesprungen und sah ihn. Er war ein vornehmer, fürstlicher Mann. Er saß zu Pferde und ritt zwischen seinen Blutsverwandten, und das mich umringende Volk, das schaute, nannte seinen Namen: Menedemus. Auch Davus, der auf seinem Bock geblieben war, sah zu. Plötzlich aber traf mein Blick eine kostbare Sänfte, in der ein junges Weib in halb liegender Stellung ruhte. Bei ihr waren zwei Dienerinnen. Ein Ruck fuhr mir durch Seele und Körper. Noch nie hatte ich so liebliche Schönheit geschaut. Die junge Frau, die da vor mir hergetragen wurde, erschien mir wie Psyche selber, wie die Geliebte des Liebesgottes. Obwohl ihr Antlitz zur Reise in dünne Schleier gehüllt war, auf denen ein spitzer Hut aus silberfarbenem Stroh saß, gewahrte ich trotzdem die feine Rundung ihres allerliebsten Antlitzes, das schön gezeichnet war mit so rührend zarten Umrissen, daß ich vor ihr hätte niederknien mögen. Einige wenige Löckchen kamen aus dem Schleier hervor. Ihre Augen schauten zu mir herüber, ohne mich zu sehen, und diese Augen waren groß und blau und so lieblich unschuldig und rein wie blauer Lotos. Sie lächelte gerade, und es war, als strahle ihr Lächeln einen Glanz aus, der sich über das ganze Antlitz breitete. Der blaue Mantel ließ die zarten Umrisse von Hals und Busen nur erraten, allein die Hand, die aus den Falten zum Vorschein kam und den Schilffächer hielt, war eine rührende Verheißung alles dessen, was verborgen blieb: so klein und edel, so fein und schlank und irgendwie an eine Lilie gemahnend. An Lotos und Lilien, an Sonnengold und Meeresblau ließ dieses liebliche Wesen mich denken in dem blitzartigen Augenblick, währenddessen ich es schaute. Ich folgte ihr. Es entstand ein Gedränge vor dem Stadttor, durch das sich der Zug bewegte. Ich folgte der Sänfte beinahe an ihrer Seite. Ich hätte ihre anbetungswürdige Hand berühren können, und eine selige Wärme durchströmte mein Herz, so daß ich hätte stammeln mögen: »Verweile einen Augenblick, o du, die du an mir vorüberziehst wie eine himmlische Erscheinung, auf daß ich vor dir niederknie und dich anbete!«

Im gleichen Augenblick, da ich dies dachte vor dem Stadttore, in dem dichten Gedränge, fühlte ich einen gewaltigen Ruck, der mich vornüber stieß, und schon stand ich auf Händen und Füßen. Ich stammelte nicht, sondern schrie laut: »Hiha!«

Die Jungfrau erschrak, legte die Hand an das Ohr und lächelte flüchtig, so sanft und lieblich, daß ich vor Seligkeit fast dahinschmolz. Doch ich war ein Esel. Ich stand vor dem Tore auf der Landstraße als Esel. Ich war in einen Esel verwandelt. Ich wurde mir meines Kopfes, meines Maules, meines Schwanzes, meiner Hufe und meines grauen Felles bewußt, und der Zug trabte und ließ mich vorüber.

Meine Verwandlung schien in dem Gedränge von Reitern, Karren, Wagen, Tragstühlen, Fußgängern nicht beachtet worden zu sein. Wer, der sie hätte beachten können, würde wohl seinen Augen getraut haben? Wer könnte es bemerkt haben in solchem Gedränge, daß ein Mensch verschwunden und daß in dem unteilbaren Augenblick der Verwandlung statt seiner ein Esel erschienen war? Sie stießen mich, traten mich, griffen sogar nach mir, weil ich, ein sicherlich entflohener, herrenloser Esel, schreiend über die Landstraße lief.

Die liebliche Jungfrau warf einen flüchtigen Blick aus dem Tragstuhl, schaute auf mich. Sie lächelte, ihre Lotosaugen begegneten meinen Eselsaugen, und, ich weiß nicht warum, aber in diesem schicksalsschweren Augenblick meiner wiederum unfaßbaren Verwandlung segnete ich den Zufall, der ihren jungfräulichen Blick meinem Eselsblick begegnen ließ, und es wollte mir scheinen, als ob ihre Gedanken einen Augenblick zu mir eilten. Unerklärlich war es, doch für mich voller Seligkeit. Möglich, daß sie nichts anderes dachte, als: Armer Esel, der da gestoßen und getreten wird in dem dichten Gedränge!

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