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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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4.

In diesem Augenblick entriß ich dem bewußtlosen Sklaven die Peitsche, die er noch mit der Hand umklammert hielt, und beschrieb mit der langen Geißel einen Kreis um meinen Kopf. Es war seltsam, aber ich glaubte noch immer nicht an Hexen. Ich glaubte an Sturm und an entsetzliche Sturmvögel und an Riesenfledermäuse, wie ich sie noch niemals gesehen. Aber ich glaubte nicht an Hexen. Mit meiner langen Peitsche versuchte ich mir die Ungeheuer vom Leibe zu halten, allein ich fühlte, daß ich dazu nicht lange imstande sein würde. Daher warf ich die Peitsche in den Wagen, und die abscheulichen Flügel und Fittiche schlugen mir um den Kopf und geißelten mich. Doch ein junger, starker Mann vermag viel im Augenblicke äußerster, fast unbegreiflicher Gefahr. Welch eine Kraft haben die Götter dem Menschen gegeben, eine Kraft, die verzehnfacht ihm scheint, wenn eine äußerste Anstrengung getan werden muß! Denn ich, ich hatte die Kraft, meinen ohnmächtigen Davus aufzuheben, ihn in meinen Mantel zu hüllen und in den Wagen zu werfen. Die Büffel, die gleichfalls von den Flügeln und Fittichen gepeitscht wurden, brüllten vor Schmerz und Verzweiflung. Aber ich faßte die vordersten an den Zügeln und führte sie links um den Dreiweg herum. Ich fühlte, daß ich über den Dreiweg und vorbei an dem Bildnisse, das, wie mir schien, sich bewegte, das grinste, das beseelt wurde, das sich in drei Wesen zerteilte, unmöglich Büffel und Wagen würde führen können. Aber um den Dreiweg herum, unmittelbar außerhalb des Zauberkreises, der dort gezogen zu sein schien, zerrte ich die Büffel vorwärts. Denn ich fühlte, daß ich vorwärts mußte und daß es mir nicht möglich sein würde, den Weg zurückzugehen. Wie bedauerte ich es, nicht in die Mysterien von Eleusis eingeweiht zu sein! Dann hätte ich ein einziges Wort der Beschwörung rufen, eine einzige Bewegung machen können, die ... Hexen? Nein. Keine Hexen, wohl aber abscheuliche Ungeheuer.

Plötzlich senkte sich aus der schreienden, heulenden Gruppe vor mir eine Harpyie herab. Ein entsetzliches Wesen: eine Vogelfrau war sie, ihr Antlitz war wie das eines von Leidenschaften verzehrten Weibes. Brandig rote, struppige Federn standen in Phosphorschein erglühend starr auf ihrem kahlen Schädel empor. Ihre gelben Augen versengten die Nacht gleich Feuer. Ihr weiter schwarzer Mund lachte abscheuerregend. Sie hatte Flügel und Vogelfüße. Rot-schwarz-gelb erschien ihr Gefieder, und aus dem Gefieder kam nackt ihre Frauenbrust zum Vorschein mit der Haut eines gerupften Huhnes. Sie hatte nicht nur Flügel, sondern auch Arme, die lang und hager waren und in scharfen Vogelklauen endeten. Sie stand vor mir und lachte.

»Geh weg!« schrie ich, riß die Büffel, die brüllten, mit der einen Hand an den Zügeln vorwärts und ließ mit der andern die Peitsche kreisen.

Heulend stieß sie einen Schrei aus und rief: »Komm mit! Komm mit! Komm mit!«

Sie streckte die Klauen aus. Phosphorglanz blieb immerfort um sie. Ich schlug sie mit der Peitsche, die sich um ihren Harpyienleib ringelte. Wie rasend tanzte sie in den Windungen meiner Peitsche und rief gleichzeitig den andern nachdrängenden Ungeheuern zu, sie sollten gehen, gehen, gehen; sie wolle mich für sich allein haben. Ich aber schwang die Peitsche und zerrte die Büffel rings um den Dreiweg. Die unglückseligen Tiere begriffen. Sie zogen mit aller Macht. Ich fühlte, wie die Klauen der Harpyie meine Wangen streiften und warf ihr schnell das Schnurende der Peitsche um den Hals, um sie zu erwürgen. Sie heulte auf vor Wut und Schmerz. Ich empfand, daß sie nicht allmächtig war, vermutlich weil sie beherrscht wurde von ihrer Leidenschaft zu mir und ihre Gedanken darauf gerichtet waren, wie sie mich in die Lüfte, in die Sturmwolke entführen könne. Die Büffel hatten jetzt den dritten Teil des Zauberkreises zurückgelegt, und wir hatten uns dem zweiten Arme des Dreiweges genähert. Ich riß das Gespann auf den Weg, der unbestimmt schimmerte in der Sturmnacht. Mit meiner Peitschenschlinge hielt ich noch immer den Hals der Harpyie umwürgt.

Sie versuchte, sich zu befreien. Allein es gelang ihr nicht, und sie lachte. Wie eine gefallsüchtige Frau rief sie: »Weil ich nicht will, weil ich nicht will! Du hast mich gefangen, weil ich mich wollte fangen lassen. Ich kann wohl, ich kann wohl, aber ich will nicht, ich will nicht. Schöner Knabe, ich habe dich lieb. Ich will dich, ich will dich. Komm mit, komm mit!«

Ich zerrte an den Büffeln, ließ sie los, lockte sie dann wieder vorwärts. Die braven Tiere trabten beinahe, während ich in der Peitschenschlinge die Harpyie immer mit mir zog. Hinter uns erschien der entsetzliche Dreiweg nur noch wie eine Kreuzung von Wegen in dunkler Gewitternacht voll wirbelnder Wolken und heulender Vögel, mehr aber nicht. »Eleusis, Eleusis!« betete ich. »Ceres und Hermes! Behütet mich!« Es schien, als verliehe dieser Gedanke an die Götter mir Macht und größere Kraft. Es regnete in Strömen, und die Harpyie kreischte, obwohl sie von meiner Peitsche halb erwürgt wurde, noch immer gefallsüchtig: »Ich kann mich wohl befreien, aber ich will nicht. Komm mit, schöner Knabe, komm mit!«

Da trat ich auf sie zu, packte sie bei ihren Klauen, entwirrte schleunigst die Schlinge meiner Peitsche, schwang drohend die Geißel und ließ sie los.

»Fort!« rief ich. »Fort!«

Sie wollte sich auf mich stürzen, aber ich peitschte sie. Ihre Klaue zerriß mir die lange Peitschenschnur, und sie lachte grausig. Ich aber peitschte sie unablässig und schlug sie mit dem Griff der Peitsche. Ihre Klauen spürte ich schon in meinem Rücken. Ich packte sie an der Gurgel. Jetzt würgte ich sie sogar. Ich fühlte es.

»Götter von Eleusis!« rief ich. »Steht mir bei!«

Jetzt stürzten wir in den Schlamm des Weges und rangen miteinander. Ich hatte sie bei einem Flügel gepackt und drehte ihr den Flügel um. Sie stieß einen rasenden Schrei aus und riß sich empor. Ich packte sie bei dem Vogelfuß und zerbrach ihn. Sie schrie hoch über mir in dem Sturm und stürzte dann zu Boden. Ich aber eilte zu dem Wagen, sprang auf den Bock.

»Hü! Hü!« rief ich den Büffeln zu. Die guten Tiere begriffen. Doch hinter mir durch den Schlamm schleppte sich die Harpie weiter.

»Ah! Ah! Ah!« kreischte sie voller Wut. »Meinen Flügel, meinen Flügel hast du mir ausgerissen und meinen Fuß, meinen Fuß hast du mir zerbrochen. Ich verfluche dich, ich verfluche dich, elender Knabe! Ein Esel bist du, daß du meine Liebe verschmähst, du, der nicht weiß, was meine Liebe bedeutet, du, der jede Herbergsmagd liebt. Ein Esel bist du und sollst wieder zum Esel werden jedesmal, wenn du dich verliebst!«

Ich schaute mich um. Die Harpyie hatte sich erhoben und schleppte sich hinter mir her mit ihrem lahmen Fuß und einem hochgestreckten und einem schlaff herabhängenden Flügel. Der Regen strömte.

»Esel, der du warst und wieder werden wirst jedesmal, wenn du dich verliebst in eine andere als mich, in eine andere als mich!« rief die Harpyie.

Dann brach sie zusammen am Wege und heulte zum Himmel empor.

Der Regen strömte, die Büffel keuchten.

»Hü! Hü!« rief ich.

Wohin ich ging in der Nacht, in der dunklen Unheilsnacht? »Götter von Eleusis!« rief ich. »Geleitet mich!«

 

Ich lenkte. Ich glaube, daß ich diese ganze Nacht hindurch ohne klares Bewußtsein lenkte. In dem Wagen lag Davus ohnmächtig. Ich aber kümmerte mich nicht um ihn und sorgte nur dafür, weiter und weiter zu kommen. Ich fühlte mich sterbensmüde. Meine Wangen bluteten, und ich fühlte, daß auch über meinen Rücken Blut rann. So stark hatte mir die Harpyie ihre verliebten Klauen in das Fleisch geschlagen. Aber am seltsamsten war es, daß meine rechte Hand, mit der ich sie bei der Gurgel gepackt hatte und in der jetzt die Zügel lagen, in der dunklen Nacht wie in fahlem Phosphorglanz unablässig leuchtete. Wie ich auch reiben mochte, der Phosphorglanz blieb. Währenddessen lenkte ich. Der Sturm schien vorüber zu sein, doch die Nacht blieb dunkel, und der Weg war nur noch eine endlose Ferne, die sich nach dem Horizont zu verlor. Endlich, als der erste Schein des neuen Morgens zu leuchten begann, entdeckte ich etwas wie ein Wirtshaus. Zum Glück war es die Poststelle bei dem fünfundzwanzigsten Meilenstein. Da war eine Herberge. Ich sah die Stallungen für die Postbüffel. Ich ließ meine zerbrochene Peitsche klatschen, und Sklaven blickten heraus. Der Wirt und Posthalter erschien auf der Schwelle. Ich näherte mich – endlich, endlich! – zu Tode ermattet. Eine Begrüßung fand statt. Ich zeigte meine Ausweise vor: »Charmides, Sohn des Lysias aus Epidaurus, Handelsreisender, der sich auf dem Wege nach Thessalien befindet und der vier Postbüffel gemietet hat, wird ermächtigt, bei der Haltestelle am fünfundzwanzigsten Meilenstein diese Büffel gegen vier andere Postbüffel einzutauschen.«

»Ihr seht abgehetzt aus, Herr Charmides,« sagte der Posthalter, während er sich die erschöpften Tiere ansah.

»Ich bin auch abgehetzt, Postmeister,« sagte ich, »und mein Knecht nicht weniger. Der liegt im Wagen wie ein Toter. Wir haben so viel unter dem Sturm zu leiden gehabt, daß ich glaubte, wir würden nie mehr ankommen.«

»Sturm?« fragte der Posthalter erstaunt. »Nun ja! Es hat ein leichter Wind geweht.«

»So? Mehr nicht?« fragte ich. Ich weiß selber nicht warum, aber ich sagte ihm kein Wort von der Harpyie und den Hexen, den Hexen, an die ich jetzt doch glaubte. »An dem letzten Dreiweg war das Wetter wirklich sehr stürmisch.«

»Am Dreiweg, Herr Charmides?« fragte der Posthalter und erblaßte. »War das Wetter dort wirklich sehr stürmisch?«

Er sah mich vielsagend an. Ich aber sagte nur: »Ja. Der Wind ging ziemlich stark, und es regnete. Davus!« rief ich. »Davus! Bist du wach?«

»Wo bin ich?« fragte Davus mit schwacher Stimme.

»Bei der Poststelle,« antwortete ich. »Komm, Davus! Erhebe dich!«

»Was ist geschehen?« fragte Davus, während er wankenden Schrittes aus dem Wagen kam.

»Du wurdest vom Schrecken übermannt«, sagte ich, »bei dem plötzlichen Sturm. Du bist in Ohnmacht gefallen, und ich selbst habe weitergelenkt.«

»Herr!« sagte Davus, der einem Gespenste glich. »War es nur Sturm oder waren es ...«

»Ei was, Davus!« sagte ich rauh. »Komm zu dir! Iß erst etwas und lege dich dann schlafen! Was nützt mir ein Sklave, der um Donner und Blitz in Ohnmacht fällt, so daß ich selber lenken muß?«

Der Posthalter ließ die Büffel ausspannen, stellte meinen Wagen unter, nahm mein Gepäck in Verwahrung. Er hatte einen einzigen Raum für mich und Davus. In meinem kleinen metallenen Reisespiegel sah ich, daß ich aussah wie Davus, einem Gespenste gleich.

»Postmeister!« sagte ich. »Wir sind müde. Ich möchte nicht gleich morgen wieder weiterfahren. Ich muß nach Hypata reisen, und der Weg ist lang. Ich wünsche ein paar Tage hier zu verweilen. Wäre das wohl möglich?«

»Sicherlich, Herr Charmides!« sagte der Posthalter. »Ihr dürft für Euch und Euren Knecht über dieses Gemach verfügen. Ich habe noch einige andere Räume und nur zwei Gäste, die die schönen Gemächer bewohnen. Das ist Demipho mit seiner Frau Nausistrata. Sie sind hier mit großem Gefolge von Sklavinnen und Sklaven abgestiegen und auf dem Wege nach Lamia, wo ihnen eine ansehnliche Erbschaft zufiel. Die Reisenden, die in diesen Tagen kommen und gehen werden, kann ich immerhin noch unterbringen, auch wenn Ihr länger verweilen solltet, als ein Reisender in der Regel zu verweilen pflegt.«

Ich dankte dem Posthalter. Ich aß. Davus verband meine Wunden. Ich schlief und begab mich darauf grübelnd auf den Weg. Es war ein Nachmittag voll silbernen Lichtes, das durch mattgraue Herbstwolken fiel, und es bebte eine unendlich wehmütige Zärtlichkeit durch die Lüfte, die über die Wege und Felder und Weiden wehten. Ich schritt den Weg hinan. Dankbar gedachte ich der Götter, die mich behütet hatten. In mir war etwas wie eine klare Ruhe, ein lindes zärtliches Gefühl voller Schönheit, so wie es mich trotz all meines Leichtsinns hin und wieder erfüllen konnte. Auf den Wegen war kein Mensch. Da war nur die Einsamkeit und Wehmut und Schönheit.

Ich weiß nicht, welche seltsame Ruhe mich umwob. Da gewahrte ich etwas wie einen silbernen See.

Neben diesem weißen, staubigen Postwege erblickte ich ein weites Feld, das mit sanft strahlenden Silberastern dicht bewachsen war. Die Tausende von Blumen, deren Blumenblätter waren wie kleine leuchtende Strahlen, verdrängten einander in ihrer Fülle und in üppigster Blüte. Es schien, als habe der ganze Himmel all seine Sterne an diesem Tage über die Erde herabgestreut. Das Feld schien mit Sternen übersät, die sanft und silbern leuchteten. Die Sterne standen auf den hohen Stengeln. Es waren mehr Blumen da als Blätter. Die silbernen Sterne wucherten. Wie schön waren die sanft glänzenden Blumen und ihrer so viele, daß es wie ein Märchen aus Sternen und Blumen schien! Ein alter Gärtner mit dem Spaten in der Hand sah mich kommen und grüßte.

»Was für herrliche Blumen!« sagte ich bewundernd. »Wer züchtet die, Herr?«

»Der Isispriester Clitipho,« antwortete er. »Der wohnt dort drüben weit, weit, in jenem einsamen Hause, wo er oft monatelang verweilt.«

»Warum züchtet er sie?« fragte ich.

»Es sind wohltuende Blumen,« sagte der alte Gärtner. »Die Silberastern sind wohltuende Blumen. So heilig wie die Lotos sind sie nicht, aber sie besitzen doch die seltsame Kraft ...«

»Welche?« fragte ich.

»Der Entzauberung,« sagte der Gärtner. »Dies ist das gesegnete Feld.«

Ich dachte an das Apotropäum, das mir Fotis gegeben, und tastete nach meinem Halse. Das Apotropäum war verschwunden. Vermutlich hatte die Harpyie es mir entrissen. Ich dachte auch an das Sieb der Demea, das ebenfalls zu entzaubern vermochte.

»Gibt es hier denn wirklich Hexen?«

»Herr!« sprach der Gärtner. »Ihr seid in Thessalien, Ihr nähert Euch Hypata, einer schönen, reichen Stadt, aber voll des Bösen. Obwohl Hekate an sich keine schlechte Göttin ist, sind viele, die sie anbeten, schlecht, Herr. Aus diesem Grunde züchtet mein Gebieter die Silberastern.«

Ich blickte über das strahlende Feld. Die blumige Wiese erstreckte sich bis an den Horizont. Blume stand an Blume, Silberaster an Silberaster, leuchtender Stern an leuchtendem Stern.

O Seligkeit, dachte ich, selig wie die elysischen Gefilde! Könnte ich euch allezeit auf meinen Wegen begegnen!

Der alte Gärtner lächelte mir zu. Es schien mir, als errate er meine Gedanken.

Ein leichter Wind erhob sich und fuhr durch die silbernen Blumen wie mit einer jähen Woge, die wieder aufschäumte und dann weißer erglänzte. Einen schöneren Garten hatte ich noch nie geschaut.

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