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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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2.

An drei Seiten des kleinen Platzes vor der Herberge waren nun die flammenden Fackeln aufgepflanzt, und ihr nach Harz duftender Qualm irrte gespenstisch durch die Nacht, die nun völlig hereingebrochen war. Links und rechts verschwammen ein paar kleine Straßen und Gassen im Dunkel. Aus ihnen kam nun das Volk zum Vorschein, das sich gleich dunklen Schatten auf dem kleinen Platz versammelte. An der vierten Seite, vor der Herberge, reckte sich ein Stück alter Mauer empor, das vermutlich noch von der Einfriedigung eines uralten Heiligtums übriggeblieben war. Delphi? Dies war Delphi? Ich mußte es mir selber in die Erinnerung zurückrufen. Ich war in Delphi, der heiligen Stadt des Apollo-Orakels, und dies war Delphi: eine kleine Herberge »Zur Pythia«, dieser schlammige Platz, diese zerbröckelte Mauer über uns, diese im Boden befestigten Fackeln und die Gaukler und der Bär, die umringt von dem schmutzigen Volke daherkamen, und dort drüben mein Reisewagen mit den Proben meiner kostbaren Waren, in dem ich schlafen sollte. Wenn mein Gepäck nur nicht gestohlen würde!

»Davus!« rief ich meinem Sklaven zu.

Er stand auf und trat näher.

»Davus!« sagte ich. »Setze dich mit dem Fuhrmann auf den Tritt oder Bock des Wagens und seht euch von dort die Gaukler an! Aber habt acht, daß das Volk nichts stiehlt!«

Davus und der Fuhrmann taten, wie ich befohlen.

Dies, dies also war Delphi? Dazu Fotis, die mir einen Krug Wein brachte und vier Becher, und der kranke Aristomenes, der gegen die Platane gelehnt dalag, und Crito und Chremes, meine beiden Collegae in Wolle und Käse, die behext wurden und nicht mehr wußten, wer von beiden eigentlich kurz und dick und wer lang und hager sei. Dies, dies alles war Delphi?

Da empfand ich vielleicht zum ersten Male, trotz meines Leichtsinns, trotz meiner allzeit verliebten Jugend, die Ehrfurcht vor den Göttern und dem Unaussprechbaren. Da empfand ich beinahe etwas wie Wehmut um Apollo, dessen heilige Stadt so verfallen war, dessen Orakel nicht mehr befragt wurde. Und mich durchzuckte, während meine Augen Fotis, in die ich verliebt war, bewunderten, wie sie uns mit gesunder, etwas bäuerischer, aber doch anziehender Jungfräulichkeit bediente, das seltsame Gefühl, daß es andere Dinge gebe, als in Käse und Wolle, ja sogar in Purpur, Perlen und Duftwerk zu reisen.

»Wollt ihr mir nicht eure Abenteuer berichten, beste Freunde,« fragte ich Crito und Chremes, »während uns die Gaukler da drüben ihre Kunststücke vorführen?«

Sie waren bereit, mir ihre Abenteuer zu berichten. Inzwischen führten die vier jugendlichen Knaben bereits die wunderlichsten akrobatischen Künste aus. Sie wanden sich je zwei und zwei umeinander, bis sie zwei Kerykeia, zwei Stäben des Hermes Merkurius, unseres, der Handelsreisenden, Gottes glichen, zwei Caducei, zwei Paar umeinandergeschlängelter Schlangen. So liefen sie, sich immerfort so weit wie möglich zurückbiegend, auf den Händen. Wenn der eine auf den Händen lief, hob der andere, der sich um ihn geschlängelt hatte, die seinen empor, bis sie sich wie zwei Reifen bogen und der andere seinerseits auf den Händen lief. Der eine Mann der Truppe schluckte Feuer, und der andere verschluckte ein Gladiatorenschwert.

»Ihr müßt wissen, Charmides,« begann Crito, »daß ich mit Chremes zusammen reiste, er in Wolle, ich in Käse, und daß wir schon seit langem gute Freunde sind. Nicht wahr, Chremes?«

»Sicherlich, Crito,« antwortete Chremes. »Ihr müßt wissen, Charmides, daß wir dicht bei Hypata an einen Dreiweg gelangten ...«

»Larissa ist eine schöne Stadt! Nicht wahr?« Ich unterbrach ihn. Vor uns tanzten die drei Mädchen einen Kordar in lüstern schiebenden Bewegungen zwischen den beiden Gruppen der vier umeinandergeschlängelten Knaben. Ein Bär mit einem Maulkorb saß wartend da.

»Es gibt dort viele schöne Frauen, nicht wahr? Auch die drei kleinen Tänzerinnen sind sehr schön.«

»Der Abend brach herein,« fuhr Crito fort, ohne sich viel um meine Fragen und Bemerkungen zu kümmern, »und plötzlich ...«

»Sahen wir vor uns ...«

»Ein dreiköpfiges Bildnis der Hekate, der in Thessalien angebeteten Göttin.«

»Nun?« sagte ich. »Ist das so seltsam? An Kreuzwegen oder Dreiwegen steht wohl häufig ein Bildnis der Zaubergöttin.«

»Ja. Aber, Charmides ...«

»Aber, Charmides ...« riefen beide links und rechts und dann gemeinsam.

»Als wir näher kamen, lösten sich die drei Köpfe vom Rumpfe, und drei entsetzliche Hexen umschwirrten uns.«

»Hütet Euch, hütet Euch, Charmides, vor Thessalien!« rief der kranke Aristomenes.

»Und taten uns Gewalt an,« riefen Crito und Chremes durcheinander.

»Und machten mich«, rief Crito, der lang und hager war, »kurz und dick.«

»Und mich«, rief Chremes, der kurz und dick war, »lang und hager.«

Ich lachte.

»Nun, nun!« sagte ich. »Ihr werdet geträumt haben. Ich glaube an solche Geschichten nicht. Ebenso wird es dem Aristomenes nur geträumt haben, er sei in ein Schwein verwandelt worden. Schaut euch lieber die drei anmutigen Tänzerinnen an! Bei meiner Göttin, die niemals Hekate werden, sondern allezeit Aphrodite bleiben wird! Ich glaube, daß ich mich noch in alle drei verlieben werde.«

Fotis hörte mich, lachte höhnisch und rief: »In drei Tanzmädchen von der Straße?«

Eine der Tänzerinnen trat näher. Sie breitete einen kleinen Teppich aus, streckte sich lächelnd vornüber darauf hin und kreuzte zierlich die Arme. Die Fackelflammen spiegelten sich in den Kupfermünzen, die ihre Stirn und ihre Brust bedeckten.

»Sie ist die schönste,« rief ich. »Wie ist sie schön und anmutig und geschmeidig!«

Ich verliebte mich heftig in das Mädchen, das auf dem kleinen Teppich lag. Ich wollte mich erheben.

Im Liegen bog sie sich wie ein Reifen. Der Mann, der Feuer geschluckt hatte, reichte ihr einen Bogen. Sie hob den einen Fuß und faßte den Bogen mit den Zehen, während sie mit den Zehen des andern Fußes einen Pfeil auf die Sehne legte. Anmutig neigte sie den Kopf ein wenig, um zu schauen. Sie lächelte unablässig. Der Mann, der das Schwert verschluckt hatte, hielt einen Apfel empor, und das Mädchen schoß, während es mit gekreuzten Armen noch immer rund wie ein Reifen auf dem Bauche lag, mit den Zehen den Pfeil ab und traf den Apfel.

Ein bewunderndes Jauchzen und lauter Beifall wurden hörbar, und ich, Charmides, Sohn des Lysias in Epidaurus, der in Purpur und Perlen reiste, warf einige kleine Geldstücke auf den Teppich.

»Ach, Charmides!« rief der kranke Aristomenes. »Mißachtet doch unsere Warnung nicht! Bedenkt doch, daß ich, ein Wanderer und Dichter, mich ebenfalls verliebte, so wie Ihr es so häufig tut. Ich verliebte mich in Meroë, die berühmte Hetäre von Hypata. Aber sie ist eine Dienerin der Hekate und schwebt in der Nacht durch die Lüfte mit den Schatten der Medea und Circe, den beiden fürstlichen Zauberinnen, Töchtern der Sonne. Gemeinsam mit ihnen beiden beschwört sie den Mond, die Sterne und den Sturm. Mich behexte sie, so daß ich zu einem Schwein ward, bis ich die rote Amaryllis aß und wieder Mensch wurde. Doch blieb ich gelähmt für mein ganzes Leben. Hütet Euch vor Thessalien, Charmides!«

Ich lachte. Glaubte ich? Ich wußte es nicht. Leichtsinnig und jung, wie ich war, hatte ich mich sehr verliebt in die reizende Bogenschützin, so unbändig verliebt, daß ich weder an göttliche noch an ungöttliche Dinge dachte. Ich stand auf und näherte mich der kleinen Gauklerin.

Hunde bellten inmitten der Menge. Sicherlich bellten sie den Bären an.

»Die Hunde bellen,« rief Aristomenes. »Sie fühlen, daß Hekate in den Lüften schwebt. Sie bellen, weil der Mond aufgeht. Crito und Chremes! Führt mich hinein! Ich bin müde, ich bin krank und – weh mir! – ich bin gelähmt. Ich will ruhen, ich will ruhen.«

Crito und Chremes halfen dem Kranken beim Aufstehen, stützten ihn und führten ihn hinein, in alle seine Tücher und Decken gehüllt.

»Wie heißest du?« fragte ich.

»Demea, Herr,« sagte das Mädchen.

»Deinen Pfeil,« sagte ich, »hast du in den Apfel geschossen, aber anderswohin hast du noch tiefer getroffen.«

»Wohin, Herr?«

»In mein Herz.«

»Herr! Ihr scherzt. Ich bin nur ein Kind der Straße, und Ihr seid ein Fürst.«

»Nein, ich bin kein Fürst. Ich reise in Purpur und in Perlen. Willst du, Demea, mich nicht in dieser Nacht besuchen in meinem Wagen, der hier vor der Türe neben diesem Hause wartet?«

»Herr! Jetzt muß ich tanzen.«

Sie tanzte mit den beiden anderen Mädchen. Die vier Knaben bogen und wanden sich noch immer wie Caducei des Merkur und rollten wie Reifen um und um. Die beiden Männer spielten mit dem Bären wie im Theater einen kleinen Mimus, in dem drei Personen auftraten. Dann befreiten sie den Bären von seinem Maulkorb. In der Menge machte sich ein erregter Schrecken bemerkbar. Die Männer kletterten auf die Mauer vor uns und hoben den Bären auf die Mauer. Auf der Mauer tanzte der Bär mit einem Stock in seinen Pfoten, und die Männer tanzten mit ihm.

Eine Luke in der Herberge wurde aufgestoßen, und Aristomenes rief mir zu: »Hütet Euch, Charmides, vor Thessalien!«

»Kennt ihr Thessalien?« fragte ich jetzt die drei Mädchen. Ich wußte beinahe nicht, in welche der drei ich verliebt war. Sie waren alle drei allerliebst. Dunkel waren ihre Haare, dunkel ihre Gesichtsfarbe, jung und kräftig ihre Glieder. So verrieten sie, die durch die Welt zogen, ihre ägyptische Herkunft.

»Ja,« antworteten alle drei und fügten abwechselnd hinzu: »Doch uns armen Gauklerinnen ...«

»Tun die Hexen ...«

»... nichts Böses an.«

»Charmides!« rief der Kranke aus seinem Fenster. »Hütet Euch! Die ägyptischen Gauklerinnen sind selber Hexen!«

Allein die Mädchen umtobten einander lachend.

»Seid ihr Hexen?« fragte ich.

»Wir verstehen nur Liebestränke zu brauen. Sonst sind wir aber keine Hexen, Herr!«

Sie lachten, und wir sprachen über die Liebe. Inzwischen wurden die Fackeln gelöscht. Die Menge zerstreute sich in der Nacht, die Gaukler verschwanden mit dem Bären, die Herberge wurde geschlossen. Ich befand mich allein auf dem Platze. Die zerbröckelte Mauer, auf der der Bär nicht mehr tanzte, zeichnete sich im Glanz des aufgehenden Mondes ab. Allein der Wind blies grausig, die Wolken trieben dahin, die Platanenblätter fielen raschelnd herab, und ich hörte etwas wie das Klagen kleiner Kinder, als ob Seelchen die Nacht durchschwirrten.

Ich näherte mich meinem Wagen. Davus und der Fuhrmann erhoben sich von dem Tritt.

»Herr!« sprach Davus. »Der Fuhrmann will nicht nach Thessalien.«

»Fürchtet er sich?« fragte ich.

»Ja, Herr,« sagte der Fuhrmann bleich. »Wir haben zuviel über Thessalien gehört allein schon an diesem einen Abend. Ich kehre morgen nach Argolis zurück.«

»Du bist der Sklave meines Vaters,« sagte ich. »Du bist mein Sklave. Ich werde dich geißeln lassen, wenn du dich weigerst, den Wagen zu lenken.«

»So lasset mich zu Tode geißeln!« sagte der Fuhrmann. »Aber ich lenke den Wagen nicht nach Thessalien.«

Ich zuckte die Achseln.

»Geh jetzt schlafen!« sagte ich. »Geht schlafen alle beide! Morgen bringt das Tagesgrauen neuen Rat!«

Sie sollten vorn im Wagen schlafen. Sie schliefen sogleich ein. Ich streckte mich in dem geräumigen Wagen auf Kissen zur Ruhe aus. Aber ich schlief nicht. Meine Schläfen hämmerten. Ich sah den Dreiweg und das Bildnis der Hekate, deren drei Köpfe vom Rumpfe sich lösten und zu drei Hexen wurden.

Im matten Mondenschein schlich ein Schatten am Wagen vorüber. Ich schaute hinaus.

»Herr!« flüsterte Fotis. »Eure beiden Sklaven schlafen. Darum komme ich, Euch zu sagen, daß Ihr, so Ihr nach Thessalien geht, wohl daran tut, ein Amulett um Euren Hals zu tragen.«

»Tritt ein!« sagte ich zu Fotis. »Komm in den Wagen und hilf mir auf bessere Weise!«

Um den Wagen rauschte geheimnisvoll der Wind, und die Platanenblätter fielen, und Davus und der Fuhrmann schnarchten. Vor der kleinen Herberge klapperte noch immer das Aushängeschild: »Zur Pythia.«

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