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Der verliebte Esel

Louis Couperus: Der verliebte Esel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDer verliebte Esel
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac51885f
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17.

Ein lautes Lachen erklang, und ich sah, wie Meroë herbeigetragen wurde. Sie rief: »Ich erkenne dich, ich erkenne dich, Charmides, Kaufmannssohn aus Epidaurus, Reisender in Purpur und Perlen, obgleich mein dienender Geist dich in einen Esel verwandelt hat jedesmal, wenn du dich verliebtest.«

Sie stieg herab von ihrem Blumenlager, das man niedersetzte, näherte sich Chersonesus und sprach: »Mein großer und mächtiger Freund, du, der mit mir herrschest in den Lüften über Thessalien! Ich bitte dich um eine Gunst, aber nicht um größere Gunst als die, welche eine verschmähte Frau erbitten würde. Gib mir den Esel, den ich hier vor mir sehe, auf daß ich mit ihm verfahre nach meinem Wohlgefallen! Denn an diesem Esel will ich mich rächen.«

»Werde ich nicht meinem Gaste, der edlen Charis, mißfallen,« antwortete Chersonesus mit einem falschen Lächeln der Höflichkeit, »so ich dir, Meroë, den Esel überlasse, der kein Esel ist, sondern ein Held, Charmides, der aus dem Kriege zurückgekehrt und der Charis Verlobter ist?«

»Charis wird sich«, sprach Meroë inmitten der Schar von Zauberern und Trabanten, die uns gleichfalls voller Spott umringten, »wegen Charmides zu trösten wissen, falls sie sich dem Chersonesus verlobt. Überlaß mir, Chersonesus, diesen Charmides!«

»Dir, Meroë, will ich ihn überlassen, so Charis dem Chersonesus angehören will.«

So redeten sie hin und her voll höllischen Spottes. Plötzlich erdröhnte ihr schallendes Gelächter, und rings um uns erdröhnte das schallende Gelächter aller so entsetzlich und tausendfältig, so gellend, daß der ganze Palast mitsamt seinen Säulen zu wanken schien, daß alles lachte, daß die Säulen lachten, daß die böse Nacht sich lachend regte und daß im Umkreise wohl Hunderte von Hunden lachend bellten zusammen mit den schwarzen, marmornen Hekatehunden auf den marmornen Säulen. In mir war ein fürchterliches Entsetzen. Zitternd stand ich auf meinen Beinen und fürchtete um Charis, die ich nicht zu retten vermochte aus dieser höllischen Umzauberung. Allein sie selber, die sich in ihrer Unschuld sicherlich nicht dessen bewußt war, was sie umringte und bedrohte, schien nur zu empfinden, daß Meroë ihr ihren Bräutigam rauben wolle. Gleich einer Furie stürzte sie vor mich hin, breitete die Arme aus und rief: »Nie wird Charis Chersonesus angehören und Charmides niemals diesem schlechten Weibe, das mir meinen Bräutigam rauben will. Wir haben einander lieb, und niemals wird einer von uns einen andern lieben, was sie sich zu ihrer Rache auch immer ausdenken mögen.«

Das höllische Gelächter war verstummt. In einer Totenstille erklangen die Worte der Jungfrau. Kein Hund bellte mehr, doch eine Drohung, die beinahe noch fürchterlicher war als das Lachen, durchschauerte die böse Umgebung, in der wir uns befanden. Der weiße Schein der Nacht war leichenfahl geworden, der goldene Glanz der Lampen wurde schwefelgelb, und bleiche, gespenstische Schatten tauchten sich windend gleich Larven rings um uns auf. In dem Gewirr dieser seltsamen Linien und verschlungenen Leiber blühte in dem Wasserbecken die schwarze Lotosblume auf einem sichtbar sich reckenden Schlangenstengel aus dem leise zischenden Wasser empor. Der Stengel schwankte, wuchs nach rechts und nach links, schlängelte sich immer länger über das Becken und erreichte endlich mit seiner übermäßig großen, schwarzglühenden Blume mein Maul. Meroë aber sprach mit heuchlerischem Lachen: »Liebliche Charis! Laßt mich Euch sagen, daß Charmides ein teuflischer Schurke ist, der zur Strafe in diese Eselsgestalt verwandelt ward! Ihr wähnt, er sei ein Held, der aus dem Kriege heimkehrte? Er ist ein Ungeheuer, ein fürchterliches Ungetüm, und so Ihr ihn zwingt, diese Lotosblume zu essen, werdet Ihr ihn in seiner wahren Gestalt vor Euch sehen.«

Wiederum blickte Charis von Meroë zu Chersonesus und zu mir. Rings um uns standen die Zauberer, und aller Augen starrten auf uns. Meroë lachte noch immer spöttisch, während sie ihren Stab ausgestreckt hielt, angetan mit der Circe Gewand und mit den Sonnenblumen aus Edelgestein und den Herzen aus Chrysolith und Blutstein auf ihren Schläfen und an ihrem Busen. Es war, als ob alles Charis dazu zwänge, die Blume zu pflücken. Sie streckte die Hand nach dem langen Stengel aus, der sich ihr entgegenwand. Sie pflückte die Blume. Es war, als ob die Blume schwarz erstrahle in ihrer weißen Kinderhand. Sie reichte mir die Blume, unfähig, der Verführung der Neugierde zu widerstehen.

Sie sah mich an mit ihren lieben Augen, die blauen Lotosblumen glichen, während sie mir die schwarze Lotosblume reichte. Es war mir beinahe unmöglich zu widerstehen nun, da die entsetzliche Versuchung mir von ihrer Hand kam. Göttinnen von Eleusis! Was würde geschehen, wenn ich sie äße? Aber sobald ich in meiner Verzweiflung der heiligen Göttinnen gedachte, fühlte ich sogleich, wie eine Eingebung mich wie mit einem Pfeil durchdrang: »Fass' die Blume an, doch iß sie nicht!«

Ich streckte mein Maul. Um mich hörte ich das heftige Erzittern der Bosheit, die lauerte. Mit meinen Zähnen packte ich den Stengel, und die Blume hing zwischen meinen Zähnen. Doch sogleich spie ich den verführerisch süß schmeckenden Stengel aus und zertrat die Blume mit meinen Hufen.

Plötzlich erloschen alle Lichter, und ein höllischer Sturm von Gekreisch erhob sich wie rasend in der Dunkelheit. Ich aber fühlte der Charis Arme um meinen Nacken, und inmitten der Schreie hörte ich das wütende Gebrüll der Zauberer und die Stimmen der Meroë und des Chersonesus, die gegeneinander schrien: »Wie ist es möglich, ohnmächtiger Chersonesus?«

»Wie ist es möglich, machtlose Meroë?«

»Daß ein Esel ...«

»Ein Handelsreisender ...«

»Immer und immer wieder ...«

»Deine Zaubermacht bricht?«

»Deine Zaubermacht bricht?«

Wütend schalten sie einander in der stockfinsteren Nacht.

»Göttinnen von Eleusis!« betete ich. »Ich weiß, warum ihre Zaubermacht zerbrach. Durch eure Beschirmung, ihr Göttinnen! Göttinnen von Eleusis! Beschirmt uns allezeit!«

Noch immer stand ich da, ein zitternder Esel, während ich Charis halb ohnmächtig um meinen Nacken fühlte. Die Nacht wurde heller. Es war wie ein fahler Morgen. Ich sah, wie der Zauberpalast sich bleich auf seinen Säulen erhob, ein grauer Schatten dessen, was er in der Nacht gewesen. Es hing etwas darin wie ein Nebel. Er schien unbewohnt zu sein in diesem Augenblick. Vielleicht würde er in der kommenden Nacht wiederum aufglühen durch die Kraft höllischer Mächte. Jetzt aber erhob er sich nur verlassen um uns, ungeheuer, leer und grau.

»Wo bin ich?« stammelte Charis, die erwachte. »Welch ein Traum Charmides! Charmides! Fliehen wir!«

Sie warf sich auf meinen Rücken.

Doch plötzlich hörte ich eine Stimme: »Mein Gebieter! Mein Herr! Charmides! Vergesset Ihr denn Euren Sklaven? Vergesset Ihr denn Euren treuen Davus? Seht Euch doch einmal nach ihm um, wiewohl Ihr nur ein Esel seid! Denn drei dicke Schweine verfolgen ihn und lassen ihn nicht los.«

Wahrlich! Während ich meinen rechten Vorderfuß schon erhoben hatte, um mit Charis zu entfliehen, schaute ich mich um und gewahrte Davus, der um das Wasserbecken herumlief, verfolgt von drei grunzenden Schweinen.

Er eilte auf mich zu, verbarg sich zwischen meinen Beinen und rief: »Schützt mich, Herr! Schützt mich, Herr!«

Allein die Schweine schienen ihm nichts Böses tun zu wollen. Sie grunzten nur lauter und schmerzlicher. Ich – welch Wunder! – verstand plötzlich, was sie grunzten. Denn ich hatte gelernt, daß die Sprache der Tiere derart ist, daß ihr Klang bei jedem Tiere anders lautet für den gleichen Begriff und daß jedes Tier mit entwickeltem Instinkt ein anderes Tier verstehen kann. So entstand denn zwischen den drei Schweinen und mir ein heftiges Iahen und Grunzen hüben und drüben. Sie flehten mich an: »Harr – mides! Harr – mides!«

»Was ist denn?«

»Erbarmt, erbarmt Euch unser!«

»Wer seid ihr!«

»Wir sind drei Senatoren, die in Thessalien reisten.«

»Was widerfuhr euch?« fragte ich.

»Wir wurden«, riefen sie, »alle drei in Hypata von Meroë behext, und wenn sie ihre Liebhaber behext hat, wirft sie sie geschlachtet in die Zauberkessel der Hexen auf den Bergwiesen unter dem Monde, den sie aus seiner Bahn reißen.«

»Einen Schweinezahn hier.«

»Einen Schweinefuß da.«

»Einen Schweineschwanz hier.«

»Und Schweineborsten da.«

»Ihr müßt Amaryllis fressen!« rief ich.

»Wo aber finden wir Amaryllis?« riefen die Schweine. Da war ein Iahen und ein Grunzen und ein Schreien, so daß Charis ausrief: »Charmides! Charmides! Entfliehe!«

Und Davus: »Herr! Herr! Charmides! Schützt mich!«

Ich begann zu traben, immerfort iahend, und es schien, daß sowohl die drei Schweine wie auch Davus mein Iahen begriffen. Denn während Charis meinen Nacken umklammert hielt und die drei Schweine neben mir und hinter mir her polterten, hatte Davus meinen Schwanz gepackt und ließ sich im Rennen und Traben auf diese Weise mitschleppen von seinem Herrn, der ein Esel war. Gerade dies war es, was ich meinem Sklaven wie auch den Schweinen entgegeniaht hatte, und plötzlich war alles so, wie ich es wünschte. Durch den fahlen Morgen trabte unser Zug durch Gärten, über Wege, über Felder, durch Flüsse. Wohin ich sie alle führte, war mir nicht bewußt. Ich fühlte nur, daß ich vorwärts eilen mußte, hinweg, hinaus aus den ausgedehnten Besitzungen, aus den Ländereien und dem Zauberbann des Chersonesus, um Charis zu retten, um mich und Davus zu retten, um die drei behexten Senatoren zu retten, um uns alle vor Chersonesus zu retten, der uns, sobald er sich von seiner Wut über seine vorübergehende Machtlosigkeit erholt, mit einer einzigen Bewegung seines Stabes davon würde zurückhalten können, in geheiligte Sicherheit zu entfliehen. Darum trabte ich weiter. Es schien, als wolle die Sonne nicht erstrahlen an diesem Tage. Es schien, als liefe ich von einer geheimen Kraft getrieben, als schwebte ich, indem mein Hufschlag kaum den Boden berührte. Über mir lag Charis und schlang ihre Arme um meinen Hals, und ich vermutete, sie sei ohnmächtig. An meinem Schwanz hing wie eine qualvolle Folter, die mich an einstige Foltern erinnerte, da ich schwere Baumstämme geschleppt und Mühlsteine gedreht hatte, Davus, der mich nicht frei gab. Ich schleppte ihn mit, während seine Füße mechanisch mitliefen. Grunzend und brummend, knurrend rannten neben und hinter mir die drei Schweine mit, die sich lieber ihre Senatorenseelen aus ihren dicken Leibern rennen als mich, ihren Retter, verlassen wollten. Nein! Es wurde nicht Tag während dieses entsetzlichen Rittes. Es regnete, und ich rannte durch den Regen, bis eine tiefe Schlucht sich vor meinen Blicken auftat und ein wilder Flächenblitz aufleuchtete und der Donner rollte.

Ich stand still, aufrecht auf meinen Beinen, streckte die Ohren, streckte den schmerzenden Schwanz, den Davus nicht freigegeben hatte. Die drei Schweine drehten sich verzweiflungsvoll um ihr eigenes, dickes Ich, gleich als wüßten sie nicht mehr, was tun. Nun, da ich einmal haltgemacht hatte, wußte ich, daß ich nicht weiter konnte, in tödlicher Ermattung nicht weiter konnte diese tiefe Schlucht hinab und drüben wieder hinauf in dem Sturzregen, der sich ergoß.

»Mein Herr! Mein Herr Charmides!« klagte Davus, der sich bereits an die Schweine gewöhnt zu haben schien und zwischen dem Herumkreisen der drei verzweiflungsvoll die Hände rang und die Arme emporwarf.

Ich iahte sehr laut, ich iahte in Eselssprache, daß Davus die Jungfrau, die auf meinem Rücken ohnmächtig ward, herunterheben und sie in eine Felsschlucht tragen solle, wo sie vor Sturmesgewalt sicher sei. Die drei Schweine begriffen mich sofort, und auch sie gaben es Davus zu verstehen durch Knurren und Grunzen und Brummen. Und – o Wunder! – es war, als verstünde Davus es durch menschliche Einfühlung, weil ein Mensch auch manchmal ein Tier begreift. Während ich ihm den Kopf zuwendete und iahte, iahte, wie niemals ein Esel iaht, während die Schweine grunzten, grunzten, wie niemals Schweine grunzen, löste er vorsichtig der Charis Umschlingung von meinem Nacken, hob sie auf und trug sie in die tiefe Schlucht, bettete ihren Kopf auf das Moos, deckte sie zu mit breiten Farnblättern, hockte dann zu ihren Füßen nieder und ward ohnmächtig. Dann brach ich vor der Schlucht zusammen. Mir war, als wolle meine Menschenseele durch mein qualvolles Eselskeuchen meinem Tierkörper entfliehen. Die Augen traten mir aus dem Kopfe. Ich hatte das Empfinden, als sei mein Schwanz aus meinem Rückgrat herausgerissen. Rings um mich lagen die drei dicken Schweine gleichfalls keuchend auf der Seite, und so verbrachten wir die Sturmnacht: eine Jungfrau, drei Senatoren, ein Handelsreisender und ein Sklave am Rande der Schlucht, die sich hinzog an der Landstraße, die zur Stadt Larissa führte.

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